von Robert Ruoff

SRG und Politik: Nach der Zerreissprobe der Annäherungsversuch

SRF-Direktorin Nathalie Wappler weckt mit einer Audiostrategie Hoffnungen für das bedrohte Radiostudio Bern: Die Eckpunkte des Projekts zeigen in Richtung eines Gleichgewichts zwischen der Bundesstadt und Zürich. Ein paar Puzzleteile, die noch fehlen, lassen sich leicht finden.

Der Tag, an dem SRF-Direktorin Nathalie Wappler das Projekt einer neuen Audiostrategie bekanntgab, wurde so ein bisschen der Tag der Fake-News im Medienjournalismus. Der «Klein-Report» titelte: «Radiostudio Bern: SRF-Direktorin Wappler bläst Umzug ab» (und merkte später, dass sich die Sache nicht so klar präsentiert), NZZ-Inlandchef Michael Schoenenberger hielt fest: «Die Politik bestimmt bei SRF jetzt mit», und «20 Minuten» meldete noch Stunden nach der Klarstellung durch die SRF-Direktorin: «Radio-Chefin stoppt Radio-Umzug von Bern teilweise».

Dabei hatte sich Wappler in ihrer Telefonkonferenz für die Medienschaffenden schon am Nachmittag des 27. Mai um 16.30 zuerst ein bisschen amüsiert gezeigt ob der schnellen Schlagzeilen und dann zur Audiostrategie und zur Zukunft des Radiostudio Bern unmissverständlich klargestellt: «Alles, was ich Ihnen jetzt aufzeige, ist ein Projekt. Entscheide sind noch keine gefallen. Das heisst: Der Umzug von Bern nach Zürich ist weder abgeblasen noch gestoppt.» Und sie fuhr fort: «Ich habe jetzt grade den Kommentar gelesen: Für die SRG habe nun ‹der Abschied vom freien Unternehmertum› begonnen und sie werde ab jetzt ein ‹Staatssender› sein.» So schrieb es der Branchendienst persoenlich.com, der sich dann zügig korrigierte. Die «Berner Zeitung» blieb auch am Tag danach schwarz auf weiss dabei: «Die SRG knickt vor der Politik ein.»

Die neue SRF-Direktorin hat ihr Amt angetreten mit der erklärten Absicht, eine übergreifende Strategie für das gesamte Audioangenbot von SRF zu entwickeln.

Vielleicht ist es ja nicht ganz so fake. Man konnte die Medienmitteilung von SRF zur Audiostrategie leicht so verstehen, als ob die SRG sich nun dem Nationalrat beugen wolle. Der Rat hatte am 18. Juni mit einer Zweidrittel-Mehrheit den Initiativen zugestimmt, welche die SRG dazu verpflichten wollen, Radio weiterhin schwergewichtig in Bern, beziehungsweise in Lausanne, zu produzieren und Fernsehen in Zürich und Genf. Das heisst: Aktuell wollte die Politik die Verlagerung des Grossteils der Radioredaktion von Bern nach Zürich verhindern. Nathalie Wappler bestreitet diesen Zusammenhang.

Wahr ist, dass die neue SRF-Direktorin ihr Amt schon angetreten hat mit der erklärten Absicht, eine übergreifende Strategie für das gesamte Audioangenbot von SRF zu entwickeln, also für das lineare Radio und für On-Demand-Angebote wie etwa Podcasts. Das hat sie in Interviews und vor der Belegschaft deutlich gemacht.

Die «Eckwerte» der Strategie entsprechen etwa zur Hälfte den Forderungen der Umzugsgegner. Man nennt das ein klassisches Kompromissangebot.

Wahr ist aber auch, dass die neue SRF-Direktorin gerade mal knapp zehn Tage nach der Entscheidung des Nationalrats gegen die Umzugspläne das Projekt ihrer Audiostrategie vom SRG-Verwaltungsrat und von der Generaldirektion hat absegnen lassen. Es gibt dafür zwei Vorgaben: Die Audiostrategie wird standortunabhängig entwickelt, aber die digitale Entwicklung erfolgt konzentriert in Zürich. Die «Eckwerte» der Strategie entsprechen etwa zur Hälfte den Forderungen der Umzugsgegner. Man nennt das ein klassisches Kompromissangebot.

So sollen die Hintergrundsendungen «Echo der Zeit», «Tagesgespräch» und «Rendez-vous» in Bern bleiben, ebenso die Inland- und die Ausland-Redaktion. Die Wirtschaftsredaktion ist jetzt bereits zur Hälfte in Zürich und zur anderen Hälfte in Bern angesiedelt. Ob das so bleibt, wird auch geprüft. Die Radiochefredaktion würde ebenfalls halbe-halbe «teils in Bern, teils in Zürich arbeiten». Aus Bern abgezogen werden sollen dagegen der Nonstop-Nachrichtensender «SRF 4 News» sowie die Nachrichtenredaktion. Personalpolitisch dürfte das heissen, dass etwa 80 Stellen von Bern nach Zürich verlagert würden. Beim ursprünglich angedachten grösseren Umzug hätte SRF 170 Stellen nach Zürich verlegen wollen.

Für heute gilt, so SRG-Generaldirektor Marchand: Die Aktualität geht nach Zürich und die Radio-Sendungen mit Hintergrund- und Magazin-Charakter bleiben in Bern.

Die Medienmitteilung von SRF strotzt von «würde», «sollte», «soll geprüft werden», und sie vermeidet jeden politischen Zusammenhang. Anders SRG-Generaldirektor Gilles Marchand im kritischen Interview der RTS-Sendung «Forum». Auf die Frage, ob es sich bei diesem Projekt nicht um «Salamitaktik» handle, erklärt der Generaldirektor, die SRG habe versucht, in einem «Zielkonflikt eine intelligente Lösung» zu finden. Es sei der Zielkonflikt zwischen den politischen Verfechtern des Föderalismus und den unternehmerischen Erfordernissen des Medienunternehmens. Wie «die SRG-Organisation in 15 Jahren» aussehe, könne heute niemand sagen. Für heute gilt, so Marchand: Die Aktualität geht nach Zürich und die Radio-Sendungen mit Hintergrund- und Magazin-Charakter bleiben in Bern. Über die Organisationsentwicklung in der Westschweiz seien noch keine Entscheidungen getroffen worden.

Für die Audiostrategie von SRF-Direktorin Nathalie Wappler heisst das im Einzelnen: «Radio SRF 4 News» soll in Zürich zu einem Newsroom-Radio weiterentwickelt werden, das zwar weiterhin ein lineares Programm ausstrahlt, aber stärker auf On-Demand-Formate setzt. Die News-Inhalte für die Morgensendung von «Radio SRF1» könnten allenfalls in Zürich produziert werden. Auch eine Verschiebung von Aufgaben der Redaktion Nachrichten/Teletext von Bern nach Zürich soll geprüft werden.

Die Bündelung der Aktualität aus allen Medien – Radio, Fernsehen, Multimedia/Online – in Zürich hat ihre innere Logik, die auch manche Umzugsgegner im Radiostudio Bern nachvollziehen können. Umstritten bleiben dürfte die Konzentration der «Arbeiten zur Audiostrategie für das lineare Radio und das On-Demand-Angebot» in Zürich. Es umfasst unter anderem die «Entwicklung von Podcasts und anderen digitalen Projekten», aber auch Komponenten des Marketing und der formalen Gestaltung. Dies und die «Ausarbeitung einer Audiostrategie» brauche «die Nähe zum Entwicklungszentrum», sagt Wappler. Das stösst bei den Radioleuten in Bern zumindest teilweise auf Kritik, denn Podcasts und Angebote für Smart Speakers wurden auch hier entwickelt – einfach in flexiblen, dezentralen Strukturen und mit knappen Mitteln; Innovation von Radio und Audio hatten bei Wapplers Vorgänger Ruedi Matter keine Priorität.

Und es besteht die Befürchtung, dass «Bern» mit der angekündigten Audiostrategie eben doch auf die Dauer ausgehungert werden könnte.

Es könnte sein, dass das für das Radiostudio Bern auch in Zukunft gilt. Die Konzentration der digitalen Entwicklung in Zürich löst bei der Belegschaft in Bern «Ernüchterung», «Unsicherheit» und «Perspektivlosigkeit» aus. Das sind die Stichworte, wenn man nach der Stimmungslage fragt. Und es taucht der Wunsch auf, Online-Journalistinnen und -Journalisten in die Berner Informationsredaktionen zu integrieren, um grade bei grösseren Beiträgen enger zusammenzuarbeiten und die Qualität zu sichern. Die föderalistische, regionale Nähe und die multimediale Arbeitsweise sollen miteinander verbunden werden. Und es besteht die Befürchtung, dass «Bern» mit der angekündigten Audiostrategie eben doch auf die Dauer ausgehungert werden könnte. Umso mehr, weil der Sparauftrag, der die SRG vor einem Jahr auf die Umzug-Idee brachte, weiterhin auf der Radioinformation lastet.

Die Chefredaktion Radio hat weiterhin den Auftrag, am Standort Bern Einsparungsmöglichkeiten in Höhe von drei Millionen Franken aufzuzeigen. Das kann den Abbau von 20 bis 25 Stellen bedeuten. In einer Übergangsphase mit erheblichen Umbau- und Innovationskosten auf der einen Seite, massivem Rückgang der Werbeerträge auf der anderen, muss man entschieden die Frage stellen, ob nicht auch der Service public ein Anrecht auf Übergangs- und Innovationsförderung hat.

Das Grundproblem der Audiostrategie liegt darin, dass sie jetzt zur Lösung eines durchaus legitimen politischen Problems benutzt wird: Zur Erhaltung der föderalistisch-demokratischen Funktion des Service public. Aber sie müsste im Zusammenhang mit der Digitalisierung auch konsequent multimedial gedacht werden. Offenbar will Nathalie Wappler das angehen. Neben der Audiostrategie will sie für SRF eine umfassende Angebotsstrategie für SRF entwickeln.

Umgekehrt wäre es auch sinnvoll, die Magazin- und Hintergrundformate von SRF, insbesondere im Kernbereich von Politik und Wirtschaft, in Bern zu bündeln.

Unter den Bedingungen der konvergenten und digitalen Medienproduktion ist es durchaus sinnvoll, die schnelle und aktuelle Berichterstattung an einem Ort organisatorisch zu bündeln, also die bisher getrennten Redaktionen miteinander zu verknüpfen und «Radio SRF 4 News» von Bern nach Zürich zu verschieben.

Umgekehrt wäre es dann wohl auch sinnvoll, die Magazin- und Hintergrundformate von SRF, insbesondere im Kernbereich von Politik und Wirtschaft, in Bern zu bündeln. Es wäre keine Revolution, etwa die «Arena» oder Magazine wie die «Rundschau» auch multimedial in der Bundesstadt zu produzieren. Das Schweizer Fernsehen ist mit seiner Bundeshausredaktion ja bereits in Bern präsent.

Es liegen bei der Organisation der SRG in der Region Bern ohnehin noch ein paar lose Teile herum. Bei näherem Hinsehen gilt das schon für den Teil der Chefredaktion, der im Entwurf zur Audiostrategie für die Leitung der verbleibenden Radio-Hintergrundsendungen in Bern bleiben soll: als halbierte Einheit einer eigentlich funktionierenden Abteilung, an deren Zukunftsfähigkeit manche zweifeln, wenn sie von der Digitalentwicklung abgeschnitten wird.

Daneben entsteht die neue digitale Plattform, die als Mediathek Sendungen der vier Sprachregionen für alle SRG-Nutzerinnen und Nutzer on Demand und personalisiert bereithalten soll. Nach Gilles Marchands Vorstellungen soll das eine digitale Schweiz werden, die die Landesteile verbindet.

Diese neuartige Redaktion würde nicht einfach mit «grossen Kisten» betraut, sondern auch mit Themen, die uns im Alltag über die Sprachgrenzen hinweg beschäftigen.

Ein weiteres Teil ist die am Standort Bern geplante interregionale, «multilinguale» Redaktion, die der Konferenz der Chefredaktoren aller Unternehmenseinheiten in den Sprachregionen unterstellt werden soll. Ihr Auftrag ist noch nicht ganz klar. Aber als Projekt scheint sie einigermassen gefestigt. Das hat auch Gilles Marchand vor Kurzem wieder bekräftigt. Auch eine Leitungsperson sei bereits gefunden. Zehn bis fünfzehn Redaktorinnen und Redaktoren sollen aus den Sprachregionen delegiert werden. Sie sollen zunächst in eine Projektphase von drei bis fünf Jahren starten. Diese neuartige Redaktion würde nicht einfach mit «grossen Kisten» betraut, wie etwa «Digitalland» oder «Klimawandel» oder der «Fête des Vignerons», sondern auch mit Themen, die uns im Alltag über die Sprachgrenzen hinweg beschäftigen, nach dem Motto: «Wie machen es die anderen?»

Solche grossen Alltagsthemen gibt es ja genug: Das Gesundheitswesen, Steuer- und Wirtschaftspolitik, unsere Beziehungen zu den europäischen Nachbarn, die Digitalisierung im Alltag, in Beruf und Privatleben, und der Klimawandel sowieso. Die Klima-Wissenschaftler beklagen sich zu Recht, dass sie seit dreissig Jahren predigen und dass in der Politik nichts geschehen ist. Und diese Untätigkeit der Politik hat auch mit den Medien zu tun. Der Service public muss nicht nur als moralisch und staatspolitischer Verständigungshelfer fungieren, sondern ebenso sehr als Seismograph für unterirdische Erschütterungen, die vielleicht grössere gesellschaftliche Beben ankündigen.

Diese Struktur sollte für die Wiederherstellung der guten Beziehungen nach der ganzen Disruption mit einem entsprechenden Beitrag aller Beteiligten wieder gefunden werden.

Die SRG muss sich nicht nur mit der Politik versöhnen. Sie muss sich wieder stärker in der Gesellschaft verankern. Sie muss die lokalen und regionalen Ressourcen erschliessen, nicht nur bei den Eidgenössischen Technischen Hochschulen, sondern auch bei den Universitäten und Verbänden und bei den kompetenten und artikulationsfähigen Einwohnern, den Eingewanderten und den Eingeborenen. Bis hin zum User-Generated-Content und anderen Formen der Einbindung der Bevölkerung in eine interaktive Mediennutzung, wie sie ja auch die Eidgenössische Medienkommission EMEK postuliert.

Der Blick auf dieses Ganze ist anregend: Multimediale Angebote und eine mehrsprachige, interregionale Redaktion als lebendige Verbindung in die Regionen der Schweiz erscheinen für die digitale Medienzukunft ein sinnvolles Ensemble. Stadt, Kanton und die SRG-Genossenschaft Bern, Freiburg, Wallis sind aus ihrer ganzen Geschichte heraus zweifellos eine geeignete Trägerschaft für eine entsprechende institutionelle SRG-Struktur. Diese Struktur sollte für die Wiederherstellung der guten Beziehungen nach der ganzen Disruption mit einem entsprechenden Beitrag aller Beteiligten wieder gefunden werden.

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