von Gerhard Lob

Mit «Spam», «Flex» & «Wetube»: Wie die SRG im Tessin das junge Publikum erreicht

Das Publikum von Radio und Fernsehen wird auch in der italienischen Schweiz immer älter. Gleichzeitig schafft es RSI mit innovativen Konzepten den Draht zu den Jungen zu finden. Dazu gehört auch «Wetube»: RSI stellt jungen digitalen Kreativen eine professionelle Infrastruktur zur kostenlosen Nutzung zur Verfügung. Auch mit den redaktionellen Plattformen «Spam» und «Flex» erreicht RSI die Generation Instagram.

Die grosse Aufschrift «Wetube» ist nicht zu übersehen. Sie prangt auf einem Nebengebäude des RSI-Radiostudios in Lugano-Besso. Viele Anwohner, die hier tagtäglich vorbeikommen, wissen wohl kaum, was sich dahinter verbirgt. Dabei feiert «Wetube» in diesem Februar bereits seinen ersten Geburtstag. Und innerhalb der SRG gilt «Wetube» als vorbildlich bei der Bestrebung, mit der jungen Generation in direkten Kontakt zu kommen. «Ich hoffe, dass die anderen Unternehmenseinheiten auch in diese Richtung gehen», sagte SRG-Generaldirektor Gilles Marchand im vergangenen November in einem Interview mit der MEDIENWOCHE über «Wetube».

Doch was ist «Wetube»? Im Kern handelt es sich um eine Video- und Social-Media-Werkstatt mit professioneller Ausstattung, die von Jugendlichen für die Realisierung ihrer eigenen Ideen und Projekte nach einfacher Anmeldung kostenlos genutzt werden kann. Junge Youtuber können dort ihre Videos und Clips produzieren. Gelegentlich wird eine Masterclass oder ein Treffen mit professionellen Film- und Videoschaffenden angeboten.

Eine Treppe führt ins Untergeschoss zu den Studios. Auffällig sind die topmoderne Einrichtung und das nagelneue Equipment. Neben einem Coworking-Space gibt es ein vollständig eingerichtetes Greenscreen-Studio, einen Schneideplatz für die Postproduktion sowie weitere Räume für Sitzungen und Veranstaltungen. Ein komplettes Set mitsamt Kamera, Stativ und Scheinwerfer für Aussenaufnahmen und Reportagen steht bereit. Die Räumlichkeiten von «Wetube» sind rund um die Uhr und kostenlos zugänglich. Wer sich einmal angemeldet hat, erhält einen Badge.

«Diese Infrastruktur ist sehr gut angenommen worden», sagt Federico Fridel (28), Junior Product Manager bei RSI, als er uns durch die Räumlichkeiten führt. Inzwischen haben sich rund 250 Personen eingeschrieben, von der 12-Jährigen bis zum Universitätsprofessor. Das Durchschnittsalter liegt vielleicht bei 25 Jahren. Viele davon sind sogenannte Youtuber, die ihre Videos auf einem eigenen Youtube-Kanal veröffentlichen. Da es sich um unabhängige Produktionen handelt, besteht keine Verpflichtung, das Logo von RSI zu verwenden.

«Das Angebot ist eine erste konkrete Reaktion darauf, dass Medienproduktion kein exklusives Gut mehr ist, sondern alltäglicher Teil von unterschiedlichen Menschengruppen», schreibt Social-Media-Experte und Swissinfo-Redaktor Philipp Meier in einem Blogbeitrag zu «Wetube». Durch den niederschwelligen Zugang und die nicht vorhandene Kontrolle des Outputs schenke RSI den Produzentinnen grosses Vertrauen, so Meier weiter. Das gilt übrigens auch für das Material, das die Nutzer verwenden können. «Bisher haben wir gute Erfahrungen gemacht, alles ist nach Gebrauch in einem Top-Zustand», sagt Fridel.

Für RSI ist der «Spazio Wetube» auch ein Talentschuppen. Denn dort lassen sich begabte Youtuber und Videomaker entdecken. So hat der 18-jährige Gymnasiast Ivan Sokolov mit einem Video zum Thema «Sport und Wissenschaft» einen Wettbewerb gewonnen, der bei der Sportredaktion so viel Aufmerksamkeit erregte, dass Sokolov einen Auftrag für das offizielle RSI-Programm «La domenica sportiva» bekam. Durch dieses Video entstanden andere Formen der Zusammenarbeit, etwa mit der Redaktion von «Spam», für die er ein Video über die «Kontrolle von Träumen» realisierte.

«Spam» und «Flex» sind zwei RSI-Formate, die primär auf Social-Media-Plattformen sowie die über die offizielle RSI-Website abgerufen werden können. Die beiden Redaktionen sind im gleichen Gebäude angesiedelt, in unmittelbarer Nähe zu «Wetube». Dass auch hier digitale Kreativität gefragt ist, sieht man auf Anhieb, wenn man die bunte Redaktionsstube betritt.

«Spam» wurde vor gut drei Jahren gegründet, «Flex» vor zwei Jahren. Die beiden Redaktionen produzieren heute hauptsächlich Videos für Instagram. «Facebook ist bei den Jungen praktisch out, Instagram ist die am weitesten verbreitete Social-Media-Plattform», sagte Redaktionsleiter Pablo Creti bei einer öffentlichen Veranstaltung zu diesen Sendern im November vergangenen Jahres in Mendrisio.

«Spam» hat als Zielgruppe 17- bis 27-Jährige, «Flex» die 14- bis 17-Jährigen. Es handelt sich um «Infotainment», bei dem auch anspruchsvollere Themen in einer jugendlichen und «coolen» Sprache, so Creti, behandelt werden. Die Themenpalette ist breit: Sie reicht vom Katalonien-Konflikt bis zur Frage, ob man sich im Gesicht tätowieren lassen soll. Dabei sei Interaktion ganz wichtig. So erreicht «Spam» im Schnitt 800 Interaktionen pro Instagram-Beitrag und ist damit das erfolgreichste RSI-Profil überhaupt auf diesem sozialen Netzwerk. «Flex» liegt mit rund 200 Interaktionen deutlich dahinter.

Die Redaktorinnen und Redaktoren von «Spam» und «Flex» gehen viel raus – an Schulen, zu Veranstaltungen oder zu Partys. «Ungefiltert» soll die Information sein. Und dadurch erhofft man sich eine Nähe zum Zielpublikum. «Für viele Junge ist RSI ein Sender irgendwo weit weg. Wir geben diesem Sender ein Gesicht», sagt Creti. Bei «Spam» dauerten die Videos anfänglich maximal eine Minute, inzwischen sind sie etwas länger geworden, bis maximal zwei Minuten.

Für RSI-Direktor Maurizio Canetta sind «Spam» und «Flex» hervorragende Beispiele, wie sich der Sender an die junge Generation wenden muss. «Wenn es diese Kanäle in fünf Jahren noch gibt, haben wir etwas falsch gemacht», sagt Canetta. Was auch heisst: Der Sender darf nicht stehen bleiben und muss sich ständig erneuern; anders als Rete 3. Tatsächlich war das dritte italienischsprachige Radioprogramm 1988 als Jugendsender gegründet worden. Heute ist die Zuhörerschaft im Schnitt weit über 40 Jahre alt und der Sender ist mit seinem Publikum gealtert. «Diesen Fehler dürfen wir nicht nochmal machen», so Canetta.

Radiostudio von Lugano-Besso steht zum Verkauf

Das Radiostudio von Besso, wo heute «Wetube» und die Redaktionen von «Spam» und «Flex» angesiedelt sind, ist im Tessin eine Institution. Bekannt ist vor allem der akustisch exzellente Saal «Auditorio Stelio Molo», den das Orchester der italienischen Schweiz (OSI) für Proben und Konzerte sowie für Aufnahmen nutzt. Entworfen haben den am 31. März 1962 eingeweihten Gebäudekomplex die Architekten Alberto Camenzind, Rino Tami und Augusto Jaeggli. Das Radiostudio gilt als eines der wichtigsten Objekte der sogenannten organischen Architektur in der Schweiz.

Im Rahmen der Fusion von Radio RSI und Fernsehen TSI zur konvergenten RSI ist ein Teil der Radioredaktionen bereits nach Comano zum Fernsehen gezogen. In Besso befinden sich heute nur noch die Redaktionen des zweiten und dritten Radioprogramms, dazu das Orchester, das für die Nutzung eine Miete von rund 250’000 Franken im Jahr bezahlen muss. Die Redaktionen von «Spam» und «Flex» sowie von «Wetube» arbeiten in einem Nebengebäude.

Eigentümerin der Immobilie ist die SRG. Seit Jahren versucht sie, diese abzustossen, weil die gesamten Aktivitäten in Comano gebündelt werden sollen. Gegen die Verkaufsabsichten war eine Petition lanciert worden, da das Radiostudio im Tessin einen emotionalen Faktor darstellt. Nach jüngsten Plänen soll nun im Radiostudio ein «Haus der Musik» entstehen, das neben dem Orchester auch das Konservatorium der italienischen Schweiz, die Nationalphonothek sowie die Urhebergesellschaft Suisa beherbergt.

Nach Jahren von Gesprächen sowie einer angeforderten Machbarkeitsstudie hat der Kanton Tessin im Juli 2019 die Verhandlungen über einen allfälligen Kauf allerdings abgebrochen. Auslöser war gemäss Manuele Bertoli, Direktor des kantonalen Bildungsdepartements, die Haltung des Konservatoriums, das als künftiger Mieter ständig neue Ansprüche gestellt habe. Konservatoriums-Direktor Christoph Brenner bestreitet dies, räumt aber ein, dass ein Um- und Anbau des Radiostudios nötig wäre, um es überhaupt als Konservatorium nutzen zu können.

Inzwischen hat sich die Stadt Lugano eingeschaltet, um das Radiostudio zu erwerben. Die Verhandlungen gehen also mit einem neuen Player weiter. RSI-Direktor Maurizio Canetta hofft, in den nächsten Monaten zu einem Abschluss zu kommen, betont aber gleichzeitig, dass die Zeit nicht drängt. Erst 2024 soll die Zusammenführung der Redaktionen in Comano beendet sein. Der Erlös aus dem Verkauf des Studios in Besso soll in den Ausbau in Comano investiert werden.

Über den Verkaufspreis gehen die Angaben auseinander. Sie liegen je nach Kalkulation zwischen 17 und 30 Millionen Franken. Der Preis liegt damit weit unter den marktüblichen Ansätzen für die Lage und die Grösse der Immobilie, weil eine kommerzielle Nutzung ausgeschlossen ist. Einst stellte die Stadt der SRG das Land zur Verfügung, um dort das Radiostudio bauen zu können. Das heisst bis heute und auch für die Zukunft: Im Gebäude in Lugano-Besso ist nur eine kulturelle Nutzung möglich.