von Nick Lüthi

Redaktor schafft Transparenz: So unabhängig kann die NZZ über das eigene Filmfestival berichten

Seit vier Jahren besitzt die NZZ das Zurich Film Festival, seit vier Jahren gibt es Kritik an dieser Konstellation. Kann die Zeitung unabhängig über die hauseigene Veranstaltung berichten? Ja, findet ein Redaktor, der seit Anbeginn über das Festival berichtet. Über ein gelungenes Beispiel von Transparenz in eigener Sache.

Leider ist es kein alltäglicher Vorgang. Es kommt weiterhin nur selten vor, dass Medienschaffende offen und ausführlich mögliche Interessenkonflikte thematisieren, die ihre journalistische Arbeit tangieren könnten. Deshalb fällt Transparenz in eigener Sache positiv auf. Umso mehr, wenn der eigene Arbeitgeber Teil der Konfliktkonstellation ist.

Pünktlich zum Start des diesjährigen Zurich Film Festivals ZFF veröffentlichte die «Neue Zürcher Zeitung» im Feuilleton eine ganzseitige Reflexion zur Frage, welchen publizistischen Umgang eine Redaktion mit einem Filmfestival pflegen soll, das sich im Besitz des eigenen Medienunternehmens befindet. Als die NZZ-Mediengruppe vor vier Jahren die Aktienmehrheit am ZFF übernommen hatte, versprach der damalige CEO Veit Dengler, dass die journalistische Unabhängigkeit gewahrt bleibe. Die leicht dahergesagte Floskel liess indes mehr Fragen offen als sie klärte. NZZ-Lokalredaktor Urs Bühler, der seit der Gründung des Filmfestivals vor 16 Jahren über den Anlass berichtet, hat es nun nachgeholt zu erklären, vor welchen Herausforderungen er steht.

Er liefert kein pfannenfertiges Rezept, sondern reflektiert konkrete Situation und Szenarien, die sich für ihn als Berichterstatter aus der ungewöhnlichen Konstellation ergeben. Grundsätzlich, so hält er fest, habe er sich «weder vor noch nach der Übernahme von irgendeiner Abteilung dazu gedrängt oder gar gezwungen gefühlt, in dieser oder jener Richtung übers ZFF zu schreiben – etwa dafür zu werben, negative Aspekte zu unterdrücken oder die Kadenz der Artikel zu erhöhen.» Eine offensichtliche Nähe der Berichterstattung zum Festival wäre weder dem Ruf des Festivals noch jenem der Zeitung zuträglich, zeigt sich Bühler überzeugt.

Seine eigene Unabhängigkeit dokumentiert der NZZ-Redaktor mit einer Episode aus der Lokalpolitik: 2018 warb er in seiner Zeitung für ein Ja zur Volksinitiative für einen freien Sechseläutenplatz. «Eine Annahme hätte potenziell auch das ZFF tangieren können, das den Platz ebenfalls nutzt, und die damalige Festivalleitung hatte mich umzustimmen versucht», schreibt Bühler. Das Volk lehnte die Initiative dann allerdings ab und das Festival konnte den Platz weiter beanspruchen. Auch habe sich die Festivaldirektion bei der Chefredaktion über eine seiner Kolumnen beschwert, wo er sich über die öffentliche WC-Anlage des Festivals lustig machte. «Diese Beschwerde hatte – und so muss das sein – keinerlei interne Massregelung zur Folge.»

Die Einblicke, die Bühler in seine Abwägungen bei der Berichterstattung über das ZFF bietet, werden nicht verhindern können, dass die Verbandelung von Zeitung und Festival auch in Zukunft kritisiert wird. Aber er hat aufgezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit als Journalist zu wahren, auch wenn es einem die Strukturen nicht gerade leicht machen.

In einem Punkt könnte Bühler allerdings noch einen Schritt weitergehen. Im Sinne der Transparenz fände er es zwar sinnvoll, wenn unter den NZZ-Artikeln über das hauseigene Filmfestival ein Hinweis auf die Besitzverhältnisse stünde. «In der Praxis ist es aber zu umständlich.» Dabei wäre es ganz einfach. Mit seinem Artikel liefert Bühler die beste Transparenzdeklaration, die sich problemlos als weiterführende Lektüreempfehlung unter jedem Artikel zum ZFF placieren liesse.

Bild: Tim Hughes/Zurich Film Festival