von Nick Lüthi

«Hauptstadt»: Das Fundament steht

Das Berner Medien-Start-up «Hauptstadt» sucht seit zwei Monaten einen Platz im lokalen Newsmarkt. Sein Newsletter kommt schon mal gut an. Doch das redaktionelle Profil lässt sich erst erahnen. Blick auf eine Baustelle.

Aller Anfang ist schwer. Diese Floskel behielt auch Anfang März ihre Gültigkeit, als in Bern die «Hauptstadt» ihre ersten Artikel veröffentlichte. Seit zehn Tagen dominierte damals mit dem Krieg gegen die Ukraine ein einziges Thema die Nachrichtenlage. Ein denkbar ungünstiger Moment, um mit neuen Lokalnews ein Publikum zu finden. Aber auch ohne Krieg hätte die «Hauptstadt» die Bühne nicht mit einem Paukenschlag betreten; die Redaktion kam auf leisen Sohlen daher und verzichtete auf Begleitmusik.

Auch wenn sich zwei Monate nach dem Start das redaktionelle Profil erst skizzenhaft erkennen lässt und manches noch unentschieden wirkt, so konnte die «Hauptstadt» einen ersten Akzent setzen. Ihr Newsletter («Hauptstadt»-Brief) entspricht offensichtlich den Erwartungen des Publikums. Er sei das mit Abstand am besten genutzte Angebot, sagt die Redaktion im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. Dreimal pro Woche finden morgens um sieben Uhr die 3700 zahlenden Abonnent:innen, wie auch die 200 nichtzahlenden Interessierten, den elektronischen Nachrichtenbrief in ihrer Mailbox.

Während die Redaktion mit dem Newsletter schon mal ein stabiles Fundament gebaut hat, nimmt sich das Artikelangebot noch als Baustelle aus.

Dass die «Hauptstadt» ausgerechnet damit punktet, überrascht nicht. Ohne Newsletter geht heute nichts und trotz des Überangebots kommt das Format beim Publikum gut an. Wie bei ähnlichen Projekten, etwa «Bajour» in Basel, dient auch der Newsletter des Berner Start-ups nicht in erster Linie der Promotion eigener Artikel. Den Kern machen drei bis fünf «Themen des Tages» aus. Dabei handelt es sich um von der Redaktion ausgewählte Kurznachrichten, wahlweise basierend auf eigenen Recherchen, Medienmitteilungen oder der Berichterstattung anderer Medien. Diese Zusammenfassung vermitteln das gute Gefühl der Zeitersparnis: Warum einen langen Zeitungsartikel lesen, wenn sich das Wesentliche auch in drei, vier Sätzen sagen lässt?

Eingeleitet wird der Newsletter von einer im persönlichen Ton gehaltenen Begrüssung, die oft eigene Artikel anpreist oder über den Projektstand informiert. Ein professionelles Pressebild mit einem Carte-Blanche-Motiv aus der Region sorgt für eine optische Auflockerung. Jeden Samstag erscheint zudem mit dem «Kopf der Woche» ein Kurzporträt einer lokalen Figur, die gerade für Schlagzeilen sorgt.

Was Tonalität und Machart angeht, könnte jeder «Hauptstadt»-Artikel genauso gut in «Bund»/«Berner Zeitung» erscheinen.

Während die Redaktion mit dem Newsletter schon mal ein stabiles Fundament gebaut hat, nimmt sich das Artikelangebot noch als Baustelle aus. Die Themenwahl wirkt oft etwas zufällig und folgt keiner erkennbaren Linie. In den ersten beiden Monaten nahm die Berichterstattung über lokale Kultur und Subkultur viel Platz ein, dafür las man wenig über institutionelle Politik. Um den Sport, der eigentlich nicht fürs redaktionelle Programm vorgesehen war, kam die Redaktion dann doch nicht herum; der anhaltende Höhenflug des FC Breitenrain lässt auch Sportmuffel nicht kalt. Darum widmete die «Hauptstadt» dem Fussballclub aus dem Berner Nordquartier bisher ein Vereinsporträt und ein Interview mit dem Geschäftsführer. Politische Kommentare sucht man dagegen vergeblich, obwohl es an Stoff nicht mangelt. Die diversen Kolumnen zu Pflanzen, Philosophie und Wildtieren wirken etwas verloren im übrigen Angebot.

Was Tonalität und Machart angeht, könnte jeder «Hauptstadt»-Artikel genauso gut in «Bund»/«Berner Zeitung» erscheinen. Das spricht zum einen für die Qualität der Texte und erklärt sich damit, dass die Mehrheit der Redaktionsmitglieder früher bei der «Berner Zeitung» gearbeitet hat. Zum anderen ist das ein Problem für jenen Teil des Publikums, der sich zuerst in den Tamedia-Zeitungen über das lokale Geschehen informiert. Warum noch mehr vom Selben lesen (und dafür noch zusätzlich bezahlen), wenn schon der Hauptlieferant eine breite und zeitlich kaum bewältigbare Artikelauswahl bereithält?

Der Vergleich mit dem Platzhirsch Tamedia spielt keine wesentliche Rolle für die «Hauptstadt».

Nur: Die «Hauptstadt» will nicht in erster Linie Newsjunkies ansprechen, sondern ein Publikum gewinnen, das bisher kaum lokale Medienangebote genutzt hat. Und nach Auskunft der Redaktion gelingt das auch. Der Vergleich mit dem Platzhirsch Tamedia spielt deshalb keine wesentliche Rolle. Man verstehe sich eh nicht als Anti-Tamedia-Projekt, betonten die Macher:innen in der Vergangenheit wiederholt, obwohl der Entstehungskontext in diese Richtung weist. Die «Hauptstadt» entstand in der Zeit, als Tamedia sich daran machte, seine beiden bisher unabhängigen Berner Lokalredaktionen von «Bund» und «Berner Zeitung» zusammenzulegen.

Die Berner Medienvielfalt exisitiert

Eigentlich wiederholt sich die Geschichte. Im Herbst 2012 legte in Bern mit dem «Journal B» eine lokale News-Plattform los, die in mancherlei Hinsicht der heutigen «Hauptstadt» glich. Das Online-Magazin wollte lokale Medienvielfalt und eine Alternative zu den schon damals unter Spardruck geschrumpften Tamedia-Titeln «Bund» und «Berner Zeitung» bieten. Auch die Redaktion war mit plus/minus fünf Arbeitsstellen gleich stark dotiert wie jetzt die «Hauptstadt».

Doch schnell wurde klar, dass das «Journal B» seinen hohen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Auch blieb der angestrebte Erfolg bei einem zahlungsbereiten Publikum aus. Nach einem halben Jahr hatten gerade Mal 300 Personen einen Betrag von 250 respektive 500 Franken gezahlt. Zum Vergleich: Die «Hauptstadt» brachte 3000 Leute dazu, je 120 Franken zu zahlen – ohne einen einzigen Artikel geschrieben zu haben. Vor zehn Jahren war die Zeit offenbar noch nicht reif für eine Alternative zu den beiden Tageszeitungen.

Gezwungenermassen buchstabierte «Journal B» aufgrund der fehlenden Mittel zurück und setzte stark auf Freiwilligenarbeit und Kooperationen. Nur so gelang es, den Betrieb aufrechtzuerhalten – dafür bis heute. Nach bald zehn Jahren bewegt sich das «Journal B» stabil in seiner Nische. Die mit Teilzeitanstellung arbeitende Redaktion besteht aus Nachwuchsleuten, bei vielen der ehrenamtlich Schreibenden handelt es sich um pensionierte Berufsleute.

Auch wenn der Slogan «Sagt, was Bern bewegt» längst nicht auf jeden Artikel zutrifft, so passt er – wortwörtlich – perfekt zu einer neuen Sport-Serie. Rand- und Nischensportarten wie Hallenfussball oder Einradfahren erhalten eine journalistische Plattform, die sie sonst nirgends (mehr) kriegen. Der thematische Fokus ist breit und reicht von nationaler Politik über lokale Kunst- und Kulturkritik bis zu gesellschaftspolitischen Hintergründen, oft aus einer linken Perspektive beleuchtet. Schliesslich war das «Journal B» vor zehn Jahren angetreten, eine linke Alternative zu bieten zu den beiden bürgerlichen Tageszeitungen.

Die Klagen waren laut und schrill, als sich der Zürcher Tamedia-Verlag daran machte, die Redaktionen seiner Berner Tageszeitungen zusammenzulegen. Wer es nicht besser wusste, musste den Eindruck gewinnen, dass der Medienplatz Bern zur Informationswüste verkommt. Solcher Alarmismus übertüncht die real existierende Medienvielfalt. In jüngster Zeit fielen in Bern insbesondere drei Publikationen mit verstärktem Engagement für den Lokaljournalismus auf, die es zwar schon seit Jahrzehnten gibt, die aber lange unter dem Radar segelten.

• Seit 1987 erscheint im besetzten Kulturzentrum Reitschule monatlich die Hauszeitung «Megafon». Die Abozahl pendelte immer irgendwo zwischen 500 und 1500. Neben Veranstaltungsinformationen veröffentlichte das Blatt immer auch journalistische Beiträge. Lokaljournalismus im engeren Sinn war das zwar nicht, aber Bezüge zu Bern lassen sich auch implizit herstellen in einer globalisierten Welt, gemäss dem Selbstverständnis der «Megafon»-Macher:innen. Für Aufmerksamkeit über die Stadtgrenzen hinaus sorgten in den vergangenen Jahren die auf Twitter veröffentlichen Recherchen, insbesondere zu Hintergründen der coronakritischen Bewegung, die man in anderen Medien nicht fand. Diese Aktivitäten trugen wohl wesentlich dazu bei, dass das linke Polit-Blatt zur «Redaktion des Jahres» kürte. Dank der Zusammenarbeit mit dem ehemaligen «Bund»-Blog «KulturStattBern», das sich als «KSB Kulturmagazin» selbständig gemacht hat, wird das «Megafon» nicht nur den Blattumfang erhöhen, sondern die lokale (Kultur)-Berichterstattung stärken.

• Ein paar Jahre älter als das «Megafon» (und so ziemlich das Gegenteil davon) ist der «Bärner Bär». Die Gratiswochenzeitung versteht sich als wirtschaftsnah und politisch legt sie nach rechts aus. Markenzeichen waren lange Jahre die umfangreichen Bildergalerien von People- und Promi-Anlässen sowie eine anonyme Klatschkolumne. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Zwar trägt der «Bär» immer noch einen Boulevard-Anstrich, legte aber journalistisch einen Zacken zu. In jeder Ausgabe gibt es nun Porträts, Reportagen und Interviews, die das Zeug haben, den öffentlichen Diskurs zum politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu bereichern.

• Die «Jungfrau Zeitung» hat ihren Ursprung in Brienz im Berner Oberland, also weit weg von der Stadt Bern. Doch über die Jahre bewegte sich die Tageszeitung, die inzwischen ohne gedruckte Ausgabe auskommt, immer mehr zur Bundesstadt. Während der Verlagssitz zuerst nach Interlaken, dann nach Thun rückte, tauchten in den vergangenen Jahren vermehrt Stadtberner Themen im Blatt auf. Inzwischen finden sich regelmässig, wenn auch nur punktuell, Berichte zum Geschehen fernab des Berner Oberlands in der «Jungfrau Zeitung» – das ist durchaus ein Gewinn des Berner Publikum. Das rührt auch daher, dass Autoren für die «Jungfrau Zeitung» schreiben, die in der Stadt verankert sind.

Eine erste Kostprobe, was den Kern des neuen Berner Journalismus ausmachen könnte, den sich die «Hauptstadt» auf die Fahne geschrieben hat, lieferte die Redaktion vergangene Woche, als sie ihren Sitz temporär nach Ostermundigen verlegte. Die Agglomerationsgemeinde steht gegenwärtig im Gerede, weil sie schon bald mit der Stadt Bern fusionieren könnte. Und der kürzlich fertiggestellte «Bäretower», der höchste Wohnturm der Schweiz, sorgte schweizweit für Schlagzeilen.

Die Fokuswoche in Ostermundigen zeigte das Potenzial, das eine kleine Redaktion mobilisieren kann.

Während einer Woche residierte die Redaktion im Schatten des Hochhauses im ehemaligen Bahnhofsgebäude. Der Ausflug in die Agglo bescherte dem Publikum eine geballte Ladung Ostermundigen-Texte. Aber wen interessiert das ausserhalb der Gemeinde? Die Frage wäre berechtigt, handelte es sich um eine reine Nabelschau. Doch die «Hauptstadt» suchte nach Themen, die zwar etwas über den Zustand und die Befindlichkeit Ostermundigens aussagen, aber auch für Entwicklungen stehen, die genauso anderswo stattfinden; sei dies Siedlungsentwicklung, Sozialpolitik oder das lokale Vereinsleben.

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Die Fokuswoche zeigte neben dem Potenzial, das eine kleine Redaktion mobilisieren kann, auch die Grenzen des Machbaren auf. Ein solcher Sondereffort beansprucht Ressourcen und lässt sich nicht beliebig wiederholen. Ausserdem beschränkte sich die Berichterstattung aus Ostermundigen auf Text und Bild (wobei die Bilder allesamt von professionellen Fotograf:innen stammen). Immerhin kam es zu einem überraschenden Wiederhören mit dem «Hauptstadt»-Podcast, der während der Geldsuche im letzten Herbst als Informationsmedium diente. Was hingegen komplett fehlte, waren Videos und Grafiken. Für die Illustration eines Artikels zu einer Velofahrt entlang der Gemeindegrenze wäre eine Karte ein zwingendes Element gewesen für das vollständige Verständnis.

Beim Publikum scheint die «Hauptstadt» gut anzukommen. Jeden Tag kommen im Schnitt vier neue Abos dazu.

Zwei Monate nach dem Start lässt sich schemenhaft erkennen, wohin die Reise gehen könnte. Wenn heute die Summe der einzelnen Artikel der «Hauptstadt» noch kein klares publizistisches Gesamtbild ergibt, dann liegt das auch daran, dass die Redaktion in der Startphase nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum verfährt; mal ausprobieren, was funktioniert.

Beim Publikum scheint das Angebot anzukommen. Jeden Tag kommen im Schnitt vier neue Abos dazu. Stand heute: 3700. Die Stunde der Wahrheit schlägt indes gegen Ende Jahr, wenn all jene, die allein aufgrund der Ankündigung eines neuen Lokalmediums das Portemonnaie geöffnet hatten, entscheiden müssen, ob sie nun das erhalten, was sie sich erhofft haben, und auch weiterhin dafür zahlen wollen.