AUF DEM RADAR

Farbfernsehen, Faktenprüfer, Wachhunde, Tschurnalisten

Farbfernsehen als Propagandafenster des Westens

Heute vor 50 Jahren läutete der damalige deutsche Vizekanzler Willy Brandt das Zeitalter des Farbfernsehens ein. Mit einem symbolischen Knopfdruck an der Internationalen Funkausstellung in Berlin schaltete Brandt das Bild von schwarz-weiss auf bunt. In der Schweiz erfolgte die Umstellung ein Jahr später. Im deutschen Kontext wird der Technologiesprung auch als Teil des Systemkonflikts zwischen Ost und West gesehen. Willi Winkler schreibt in der Süddeutschen Zeitung, das Farbfernsehen habe «mit Sicherheit» den Niedergang des Ostens beschleunigt, weil es «ein Schaufenster in den Westen» bot, «in dem alle eine grosse Wohnung, einen BMW und einen Hund besaßen, der so gut erzogen war, dass er morgens gar nicht rausmusste.»

Alibi-Übung im Kampf gegen Fake News

Facebook will im Kampf gegen Desinformation und Falschmeldungen handeln. Entsprechende Meldungen sollen mit einem Warnhinweis, respektive einer Richtigstellung ergänzt werden. In Deutschland hat diesen Job das Recherchebüro Correctiv übernommen – Facebook zahlt dafür nichts, nota bene. Wie Max Hoppenstedt von Motherboard/Vice nun zeigt, funktioniert dieses Warnsystem mehr schlecht als recht. Zum einen ist unklar, nach welchen Kriterien Facebook die potenziellen Falschmeldungen auswählt, die denn den Faktenprüfern vorgelegt werden. Zum anderen funktioniert dieses System nur mit Link-Posts. Bilder und Videos werden nicht erfasst, obwohl damit genauso gut Unwahrheiten in die Welt gesetzt werden können.

Die eminente Aufgabe der US-Medien

«Seufz. Wenn doch Präsident Trump ebenso leidenschaftlich und ernstgemeint Neo-Nazis verurteilen würde wie er Journalisten geisselt.» Der erste Satz der Kolumne von Nicholas Kristof bringt es auf den Punkt und zeigt, wie feindselig der US-Präsident den Medien weiterhin begegnet. Für den Autor der New York Times geht es jetzt um grundlegende Werte: Die institutionelle Kontrolle eines «megalomanischen Führers», der seine Kritiker anschreit, bedeute nichts weniger als die Verteidigung der Demokratie. Dafür sind die grossen US-Zeitungen zum Glück gut gewappnet. Die Trump-Präsidentschaft bringt ihnen weiterhin neue zahlende Kunden.

Tschurnalist oder Schurnalist?

In der Schweiz ist der Fall klar: ein Journalist ist ausgesprochen ein Schurnalist. In Deutschland dagegen hört es sich meist wie Tschurnalist an oder sogar Tschornalist mit o. Roland Heinemann erklärt nun im Deutschlandfunk, dass die Aussprache mit o nicht per se falsch sei, sondern dem Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprache geschuldet. Und da klingt es dann halt wie Tschornalist.

Weitere Beiträge

Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger plädiert für eine neue Medienförderungspolitik

Im Interview mit «Watson» nimmt Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger (SP), der als Uvek-Vorsteher 15 Jahre die Medienpolitik der Schweiz mitgeprägt hatte, ausführlich Stellung zur aktuellen Entwicklung der Medien in der Schweiz. Mit Blick auf die Zukunft sagt Leuenberger, er halte es für falsch, «Medien wie Bauernhöfe zu subventionieren.» Vielmehr sei es angezeigt, «den Medien eine Art Infrastruktur zur Verfügung zu stellen», so wie der Staat auch das Schienen- oder Strassennetz organisiere.

Personalisierte Leseempfehlungen der NZZ: wie geht das?

Heute hat die Neue Zürcher Zeitung ihr runderneuertes Digitalangebot vorgestellt. Neben einer optischen Auffrischung und einem neuen Abo-Modell bietet NZZ.ch und die dazugehörige App eine Rubrik «Meine NZZ». Dort finden Leserinnen und Leser personalisierte Empfehlungen, mit dem Ziel, dass sie «individuell, umfassend und mit Relevanz» informiert würden, schreibt René Pfitzer, der an der Entwicklung dieser neuen Funktion mitgearbeitet hat. Im Unterschied zu anderen personalisierten Angeboten stütze sich die NZZ nur auf das Lektüreverhalten und nicht auf Persönlichkeitsmerkmale. «Wir tun dies absichtlich nicht», schreibt Pfitzer, «da wir der Überzeugung sind, dass nicht Ihr Alter, Ihr Einkommen oder Ihre Herkunft relevant sind für Ihre Artikel-Präferenzen, sondern ausschliesslich Ihre tatsächlichen Interessen.» Neben dieser persönlichen Relevanz gibt es eine zweite Dimension nach der die Empfehlungen erfolgen, die sogenannte generelle oder redaktionelle Relevanz. Diese basiert auf den Empfehlungen der NZZ-Journalistinnen und -Journalisten.

Der wohl spannendste Ausbildungsplatz in Schweizer Medien

Die «Republik» will bekanntlich nichts weniger als den Journalismus neu erfinden oder ihn zumindest retten. Dafür braucht es fähiges Personal. Darum bietet die «Republik» ab kommendem Jahr vier Ausbildungsplätze für «unternehmerischen Journalismus» an. Gesucht werden «Leute, die anders sind. Die viel können und noch viel mehr vorhaben». Geboten wird eine 12 Monate dauernde, modular aufgebaute Ausbildung mit viel Raum für Eigeninitiative. Zum Abschluss gilt es die Gründung eines journalistischen Start-ups vorzubereiten, nach dem Motto: schafft ein, zwei, viele «Republiken».

Fiktion als Selbstschutz: Mafia-Spezialistin schreibt nur noch Romane

Die freie Journalistin Petra Reski recherchiert seit Jahren im Umfeld von Mafia und organisierter Kriminalität in Deutschland und Italien. Zu ihrer Arbeit gehört auch, dass sie regelmässig vor Gericht steht. Das kann mitunter richtig ins Geld gehen. Aktuell sieht sie sich einer Schadenersatzforderung von 25’000 Euro gegenüber. Um den juristischen Risiken und Unwägbarkeiten auszuweichen, die der Beruf als Investigativjournalistin nun mal mit sich bringt, hat sich Reski entschieden, künftig über die Mafia nur noch in Romanform zu schreiben. «Das ist schade, weil es eine Niederlage für die Meinungs- und Pressefreiheit bedeutet und Reskis Hartnäckigkeit in diesem journalistischen Feld fehlen wird», schreibt Christof Siemens in der «Zeit».

Gegen die digitale Naturgewalt, 150 Brotz-Interviews, Faktencheck vs. Zeitungskommentar, entspannte Technologiekritik

#Digitalday: eine demokratische Digitalisierung ist möglich

Heute ist der erste Schweizer Digitaltag und alle finden das toll. Das Medienhaus Ringier, dessen Chef Marc Walder mit der Gründung der Initiative «Digital Switzerland» den Anstoss zu diesem eintägigen Event gab, propagiert den Anlass auf allen Kanälen. An vorderster Front mit dabei ist auch die SRG, die ebenfalls ein vielfältiges Programm für den heutigen Tag auf die Beine gestellt hat. Doch für welche Digitalisierung steht dieser #Digitalday? Gabriel Brönnimann von der Tageswoche kritisiert das Bild der Digitalisierung als «Naturgewalt», der sich niemand – schon gar nicht die Politik – in den Weg stellen dürfe, wie es die Promotoren der heutigen Veranstaltung zeichneten. Doch, so Brönnimann, «die Digitalisierung ist voll und ganz gestaltbar. Auch wenn es der heutigen Schweizer Regierung komplett am nötigen Gestaltungswillen fehlt, auch wenn sie alles den Vorstellungen der Banken, Versicherern, Mega-Dienstleistern und der PR-Maschinerie überlässt: Demokratische Digitalisierung ist möglich.»

So arbeitet «Rundschau»-Moderator Sandro Brotz

Für die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF hat Moderator Sandro Brotz 150 Interviews geführt in den letzten fünf Jahren. An einem Anlass der Zürcher Hochschule Winterthur bot der langjährige Journalist einen Einblick in Technik und Taktik seiner Gesprächsführung. A und O sind eine gute, sprich: intensive Vorbereitung. Dafür brauche er mindestens zwei Tage und zwei Nächte. In dieser Zeit macht er sich Gedanken zum Charakter des Interviews, ackert sich durch alles verfügbare Material zum Gesprächspartner, holt Informationen ein von Drittpersonen und trifft sich schliesslich mit dem Interviewpartner zu einem Vorgespräch. Doch auch die seriöseste Vorbereitung schützt Brotz nicht vor teils harscher Kritik, sei es von den Gästen selbst oder dann vom Publikum. «Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das antue», sagt Brotz dazu.

«Faktenchecks sind genauso Interpretationen wie ein Zeitungskommentar»

Der Satiriker und Psychologe Peter Schneider warnt vor einem naiven Wahrheitsbegriff als Reaktion auf Fake News. Als Beispiel nennt Schneider, der für verschiedene Schweizer Medien als Kolumnist arbeitet, den «March of Science», wo Wissenschaft als Heilmittel gegen Fake News propagiert wurde: «Dort zeigte sich nämlich ein eher einfältiges Verständnis von Wissenschaften: Die produzieren ja nicht jenseits der Interpretation von Daten unmittelbar Wahrheit.» Das gleiche gelte auch für die allenthalben grassierenden Faktenchecks, die letztlich genau so Fakten interpretierten wie ein Zeitungskommentar. Weiter warnt Schneider im Gespräch mit dem Online-Magazin «Direct Point» (Die Post) vor der Fake-News-Keule: «Man muss aufpassen, dass man die berechtigte Sorge um Fake News nicht als Ausrede nimmt, alles, was einem nicht passt, von vornherein abzulehnen.»

Technologiwandel und Zukunftsangst: alles schon mal dagewesen

Ganz so erstmalig und einzigartig wie der heutige Technologiewandel im Zuge der Digitalisierung bisweilen beschrieben wird, ist er gar nicht. Andreas Rödder von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz blickt im Gespräch mit Samuel Wyss auf das 19. und frühe 20. Jahrhundet zurück, als die Einführung der Eisenbahn und der Elektrizität vergleichbare gesellschaftliche (Abwehr)reaktionen zeitigte.

Online-Blase in den USA, Umbau in Frankreich, Heiner Gautschy aus New York, Pörksen im Gespräch

Wann platzt die Online-Medien-Blase?

Alles laufe auf einen grossen Crash hinaus, nur wolle das noch niemand sagen – ausser Josh Marshall. Der Herausgeber des linken Online-Magazins «Talking Points Memo» sieht drei Entwicklungen, die kumuliert zu einem Absturz der werbefinanzierten Online-Medien in den USA führen: Erstens gibt es zu viele Publikationen, gemessen am Finanzierungspotenzial aus dem Werbemarkt. Zweitens saugen die Plattform-Monopole Google und Facebook ein beträchtliches Volumen der Online-Werbung ab. Diese beiden Entwicklungen führen schliesslich zum dritten Problem, das sich im US-Markt zeigt: Risikokapitalgeber erkennen, dass sie in eine Fata Morgana investiert haben und sind ohne Aussicht auf Erfolg irgendwann nicht mehr bereit, weiter Geld in ein aussichtsloses Geschäft zu stecken. All das zusammen führe unausweichlich zu einem Crash, folgert Josh Marshall.

Radikale Umbaupläne für Frankreichs Service public

Das französische Kulturministerium plant offenbar die verschiedenen öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanbieter des Landes unter ein gemeinsames Holdingdach zu stellen. Ziel sei es, den audio-visuellen Sektor effizienter zu gestalten. Ein Arbeitspapier mit entsprechenden Plänen ist in den letzten Tagen an die Medien durchgesickert. Gewerkschaften kritisieren die bisherige Geheimhaltung des Vorhabens, das schon im kommenden Jahr umgesetzt werden soll. Eine Diskussion über die Zukunft von Radio und Fernsehen dürfe nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen.

TV-Geschichte: Heiner Gautschys erster TV-Bericht aus New York

«Verehrte Fernsehfreunde, ich bin Heiner Gautschy. (…) Dies ist gleichsam mein erster regulärer Bericht, wenn sie wollen. Seit Kurzen stehen mir nämlich die nötigen Aufnahmeapparaturen zur Verfügung, eine Tonkamera, ein Bandgerät, ein Phasenumformer, ein Akkumulator und was es sonst noch alles braucht – erheblich mehr als beim Radio und ich hoffe, dass ich von nun an mit einer gewissen Regelmässigkeit berichten kann aus New York.» So beginnt der erste Amerika-Korrespondent des Schweizer Fernsehens seine Première vor der Kamera. Ausgestrahlt wurde der Beitrag allerdings nie. Anlässlich des 100. Geburtstags von Gautschy (verstorben 2009) hat die SRF Musikwelle das historische Dokument aus dem Archiv geholt und zugänglich gemacht.

«Das postfaktische Zeitalter ist noch nicht unsere Gegenwart.»

Es besteht noch Hoffnung: Laut dem Medienforscher Bernhard Pörksen gibt es zwar eine «neue Macht der Desinformation», aber der traditionelle Wahrheitsbegriff habe sich deshalb nicht aufgelöst. Der Professor der Uni Tübingen war Gast in «NZZ Standpunkte», wo er sich mit den medialen Verwerfungen der Gegenwart auseinandersetzte, insbesondere nach dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA. Zu leiden hätten insbesondere traditionelle Medien und mit ihnen der Journalismus. Was tun? Auf begründete Kritik von Lesern und Hörern eingehen, war aber nicht heisse, dem Publikum nach dem Mund zu reden.

Rechter Pas-de-deux, Werbetolerante Podcast-Hörer, der Weg des modernen Journalismus, gegen die Propaganda des sauberen Krieges

Weltwoche und BaZ im Pas-de-deux gegen Gender-Forscherin

Zuerst legte die Weltwoche vor, dann zog die «Basler Zeitung» nach: die Attacken-Kaskade der beiden rechts-liberalen Blätter sollte die Basler Sozialwissenschaftlerin Franziska Schutzbach treffen, die sich in ihrem Blog und auf der Plattform «Geschichte der Gegenwart» immer wieder pointiert gegen rechts positioniert. So sinnierte sie einmal öffentlich darüber, was es hiesse, den «reaktionären Kräften sämtliche Legitimität abzusprechen, im Sinne eines Aktes zivilen Ungehorsams». Dazu gehörte etwa auch, die Weltwoche zu boykottieren. Solche Forderungungen, schrieb nun die Weltwoche, erinnerten «an den Nazi-Slogan ‹Kauft nicht bei Juden›» – die Faschismus-Keule von rechts. Gabriel Brönnimann analysiert in der Tageswoche den Vorgang. Sein Schluss: Die Autoren der «Schmutzkampagne» entlarvten sich selbst, weil sie beim Schreiben einige der Tatbestände selbst erfüllten, die sie von ihrem Opfer behaupten.

Studie: Podcast-Hörer sind für Werbung empfänglich

Mit zunehmender Beliebtheit beim Publikum werden Podcast auch attraktiver als Werbeträger. Das geht aus einer aktuellen Studie des deutschen Radiovermarktes AS&S hervor. 3000 Podcast-Hörerinnen und -Hörer der beiden Audio-Pattformen detector.fm und Viertausendhertz haben sich zu ihrem Nutzungsverhaltne geäussert. Dabei zeigte sich eine erstaunlich hohe Akzeptanz für Werbung in Podcasts. Über 87 Prozent der Hörer stören sich nicht an Werbung. Als erträglichste Werbeform gilt demnach das Sponsoring, gefolgt von Audio-Spots. Native Advertising, wie etwa Infomercials, landeten dagegen nur auf Platz drei.

«Guardian»-Chefin Viner: «Wir werden bei all unserer Arbeit sinnstiftend sein»

In einem langen Essay leitet die Chefredaktorin der britischen Zeitungen «Guardian» die Legitimation und die Aufgaben für den Journalismus im 21. Jahrhundert her. Was das für den redaktionellen Alltag bedeutet, fasst Katherine Viner so zusammen: «Wir werden Ideen entwickeln, die helfen, die Welt zu verbessern, nicht nur kritisieren; wir werden mit den Lesern und anderen zusammenarbeiten, um grössere Wirkung zu erzielen; wir werden diversifizieren, um eine reichhaltigere Berichterstattung aus einem repräsentativen Newsroom zu bieten; wir werden bei all unserer Arbeit sinnstiftend sein; und wir werden, um das alles zu untermauern, fair über Menschen und Macht berichten und Sachen herausfinden.»

Herausragende Recherche: Zivile Opfer im US-Drohnenkrieg

Der Drohnenkrieg gilt als sauber und effizient: mich chirurgischer Präzision werden Terroristen ausgeschaltet. Diese Bild zeichnet insbesondere die US-Regierung – es entspricht aber nicht der Wahrheit. In einer aufwändigen Recherche an 150 Orten im Nordirak, die von der US-geführten Koalition bombardiert wurden, suchten die Journalistin Azmat Khan und der Journalist Anand Gopal für das New York Times Magazin nach Hinweisen auf zivile Tote. Als Hauptergebnis ihrer Recherche steht fest: Jeder fünfte Drohnenangriff traf auch Zivilpersonen, das sind 2800 Fälle von insgesamt 14’000 ausgeführten Attacken. Die Koalition selbst dokumentiert nur 89 Attacken mit «Kollateralschäden».