AUF DEM RADAR

Die SRG ist nicht allein, Navi statt Nachrichten, blutige Nase, düstere Szenarien

So geht es dem Service public in Europa

Das Auslandmagazin #SRFglobal wirft einen Blick ins europäische Ausland und spürt den dortigen Debatten um den medialen Service public nach. In Polen erfährt Reporter Florian Inhauser vom starken Druck der Regierung auf die öffentlich-rechtlichen Sender, In Hamburg triff der SRF-Reporter Kritiker und Befürworter des Systems um ARD und ZDF und in Holland findet Inhauser ein einzigartiges Rundfunksystem.

Ein alter Radio-Zopf: Verkehrsnachrichten

Sie gehören dazu wie die Nachrichten oder die Wetterprognosen: Die Radio-Verkehrsnachrichten zählen seit Jahrzehnten zum Dienstleistungsangebot öffentlich-rechtlicher Sender. Nur: Braucht es sie heute noch, wo satellitengestützte Navigationstechnologie und smarte Verkehrsleitsystem längst akkuratere Aussagen über die Staulage liefern als es das Radio je zu leisten imstande wäre. Noch bessere Informationen, findet Stephan Ebmeyer, liefern Systeme, die auf Nutzerdaten zurückgreifen und so ein aktuelles Bild der Lage liefern. Wie sich die Zeiten wandeln, zeigt Ebmayer mit einem Fundstück von 1922, als die Verkehrsnachrichten in der Zeitung abgedruckt wurden.

Mafioso bricht RAI-Reporter die Nase

Wild West in Ostia: Ein bekannter Vertreter einer lokalen Mafiafamilie bricht vor laufender Kamera einem Reporter des öffentlichen Senders RAI mit einem Kopfstoss die Nase und drischt danach mit einem Schlagstock auf den Journalisten und seinen Kameramann ein. Eigentlich wollten die beiden Roberto Spada befragen, ob seine Wahlempfehlung auf Facebook dafür gesorgt hatte, dass in Ostia eine neue neo-faschistische Partei aus dem Stand neun Prozent Wähleranteil erreichte.

Journalismus: düstere Szenarien für das Post-Smartphone-Zeitalter

Für die Zukunftsforscherin Amy Webb steht es nicht gut um die Zukunftstauglichkeit des digitalen Journalismus. An der Konferenz der Online News Association ONA stellte sie jüngst entsprechend düstere Szenarien vor, wie Alexander Drößler in seinem Blog dokumentiert. Die Branche sei auf dem besten Weg, so Webb, die aktuelle Zäsur, die das absehbare Ende des Smartphone-Zeitalters bedeute, mit fatalen Folgen zu verschlafen. Drößler beschreibt das Manko so: «Zu häufig versuchen wir, unsere bisherigen Produkte ein bisschen digitaler zu machen und zu verkaufen.» Eine Chance, den Journalismus auch für das Post-Smartphone-Zeitalter weiterzuentwickeln, bestehe nur dann, wenn Produkte komplett neu gedacht und man sich dabei «an den technologischen Entwicklungen, zukünftigen Trends und an den Bedürfnissen und Nutzungssituationen unserer bisherigen und potenziellen Nutzer» ausrichten würde.

Genf werbefrei, Journalismustag 2017, AfD-Dilemma, «Blick»-Storytelling

In Genf wird über ein Verbot der Aussenwerbung abgestimmt

In Genf ist die Volksinitiative «Genève zéro pub» mit 4600 gesammelten Unterschriften zustande gekommen. Damit werden die Stimmberechtigten der Rhônestadt über ein Verbot von Aussenwerbung im öffentlichem Raum abstimmen. Nicht betroffen wäre Werbung auf privatem Grund. Damit würde die Stadt auch nicht wirklich werbefrei. Auf die Idee zu einer solchen Initiative kam ein konsumkritisches Komitee, nachdem im letzten Januar aufgrund einer Panne bei der Ausschreibung für die öffentlichen Werbeflächen zwei Wochen lang in der Stadt keine Plakate hingen.

Das war der Journalismustag 2017

Der Journalismustag ist der wohl wichtigste Branchenanlass für Medienschaffende in der deutschsprachigen Schweiz. Er dient als Stelldichein der Branche und als Seismograf für Themen, welche die Redaktionen beschäftigen. Zum diesjährigen Anlass, der gestern in Winterthur stattgefunden hat, haben Journalismus-Studierende der ZHAW die zahlreichen Veranstaltungen besucht und in einem Blog in Text und Bild darüber berichtet. Von No Billag über Native Advertising bis zu Wahrheit und Unabhängigkeit ist alles dabei.

Deutsche Medien im AfD-Dilemma

Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag tobt unter deutschen Journalisten eine Kontroverse: Haben die Medien mitgeholfen, die Partei groß zu machen? Wurden Gauland und Weidel zu häufig in Talkshows eingeladen? Anstelle von Schuldzuweisungen sollten Journalisten deutlicher aufzeigen, wer die AfD ist, was sie will und welche Folgen das hat. Dazu müssen sie genauer analysieren, intelligenter kritisieren, furchtloser sein. Und sich wieder trauen, wichtige Themen selbst zu setzen, fordert Michael Kraske im deutschen Branchenmagazin «Journalist».

Storytelling: Blick.ch mit Longform-Serie zu «vergessenen» Kriegen

«Blick» ist nicht nur Boulevard: In einer sechsteiligen Serie rückt die Redaktion Kriege und Konflikte in Erinnerung, die nicht (mehr) täglich in den Schlagzeilen stehen. Sei es der ungelöste Konflikt in der West-Sahara oder auch der Ukraine-Krieg, der nur noch punktuell am Medienhorizont aufscheint. Mit langen Textformaten, die mit interaktiven Grafiken angereichert sind, leistet die Redaktion wertvolle Aufklärungsarbeit. Ob die beim Boulevard-gewohnten Stammpublikum verfängt, steht indes auf einem anderen Blatt.

Qualität honorieren, Kommentare verbessern, Pressefreiheit verteidigen, Netzsperren kritisieren

Mehr Werbegeld für gute Inhalte

Heute interessiert es Werbetreibende kaum, ob ihre Reklame neben aufwändig produzierten journalistischen Inhalten angezeigt wird oder im Umfeld von schnell hergestelltem Content. Frederic Filloux will das ändern. Mit dem sogenannten News Quality Scoring Project will der Digitalstratege Artikel nach qualitativen Merkmalen erfassen. Der so errechnete Wert soll es ermöglichen, dass Premium-Werbung automatisch zu Premium-Inhalten findet.

Kommentar(un)kultur: alte Klage, neue Rezepte

Die Politologin Adrienne Fichter ruft in Erinnerung, dass in den Kommentarbereichen unter dem redaktionellen Angebot vieler Medien ein brachliegendes Potenzial stecke. Fichter sieht das Manko vor allem hausgemacht. Wenn Redaktionen den Publikumsdialog als integralen Bestandteil der journalistischen Arbeit definierten, würde sich auch die Kommentarkultur verbessern. Dazu könnte man auch mit finanziellen Anreizen nachhelfen: «Es wäre somit auch mal an der Zeit, über variable Lohnbestandteile zu reden und Boni an dialogfreudigen Journalistinnen zu vergeben.» Als ein mögliches Vorbild nennt Fichter ausgerechnet Facebook: «Je mehr Administratoren von Facebook-Seiten auf die Kommentare ihrer Anhänger eingehen, desto länger ist die Halbwertszeit eines jeweiligen Beitrags.»

Fundstück: Wie Rudolf Augstein freundlich, aber bestimmt die Pressefreiheit verteidigte

Auf Instagram hat «Spiegel»-Chefredaktor Klaus Brinkbäumer ein historisches Schreiben von «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein an den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker veröffentlicht. Darin verteidigte Augstein den Reporter Cordt Schnibben, der mit seiner Berichterstattung offensichtlich den Unmut des Bundespräsidenten auf sich gezogen hatte. Augstein schrieb am 12. August 1991, dass er «so befähigten Redakteuren keinerlei Zensur auferlegen» könne. «Wir bekämen sonst in der Zukunft niemals junge und befähigte Journalisten».

Trügerische Freiheit im Internet

In ihrem aktuellen Bericht «Weltweite Trends in freier Meinungsäusserung und Medienentwicklung» warnt die Unesco vor den schädlichen Auswirkungen von Netzsperren, aber auch von Plattformen wie Facebook und Twitter, auf die Meinungs- und Medienfreiheit. «Ein sogenannter ‘polarisierter Pluralismus’ mache sich breit, in dem jede segmentierte Gruppe nur einen kleinen Ausschnitt der theoretisch zur Verfügung stehenden Informationen zu Gesicht bekommen würde», hält dazu Tomas Rudi auf Netzpolitik.org fest.

Täter ohne Herkunft, Krimi-Kritik mit Penis, «Pravda» ohne Sowjetunion, Blogs mit Zukunft

Medien wollen Nationalität von Kriminellen kennen, Stadtpolizei Zürich nennt sie nicht mehr

In Zukunft wird die Stadtpolizei Zürich darauf verzichten, die Herkunft von Tatverdächtigen und Tätern zu nennen. Indem man die Nationalität nenne, werde suggeriert, damit lasse sich die Tat ein Stück weit erklären – was aber nicht der Fall sei, wie der linke Polizeivorsteher Richard Wolff findet. Um seinen Entscheid zu fundieren, befragte Wolff auch Praktiker. Von den sechs Chefredaktoren von NZZ, Tages-Anzeiger, «20 Minuten», SRF, «Watson» und «Blick»-Gruppe sprachen sich drei für und drei gegen eine Herkunftsnennung aus. Die ebenfalls befragten Wissenschaftler und Medienethiker waren hingegen unisono dagegen.

Alternative Krimi-Kritik: «Wilder» in Bildern

Vor lauter No-Billag-Debatte könnte man glatt vergessen, dass das Schweizer Fernsehen nicht nur seiner möglichen Abschaffung entgegen bibbert, sondern weiterhin auch fleissig arbeitet. Jüngstes Produkt: die neue Krimi-Serie «Wilder». Auf «Watson» erklärt Filmkritikerin Simone Meier die Vorzüge der Serie und zwar ganz dem Medium angemessen in einem Video. Und weil «Watson» viel von alternativem Storytelling hält, kommt auch dieses Video etwas anders daher. Meier nennt es ein «Aufklärungsvideo» und lässt Bilder sprechen; ein Penis kommt auch vor. Herzstück der Kritik ist aber eine Grafik, wo die Qualität von «Wilder» im Vergleich mit anderen Krimiproduktionen verglichen wird. Fazit: Die einzelnen Folgen der neuen SRF-Serie sind nie schlechter als die vielgelobten skandinavischen Krimis und erreichen vereinzelt sogar HBO/Netflix-Niveau. (Wer es lieber konventionell mag, liest die Kritik in der NZZ.)

Über den Niedergang der einst mächtigen «Pravda»

Eine Auflage von 10 Millionen Exemplaren verbreitete einst die mächtige «Pravda» als sowjetische Staatszeitung. Heute gibt es das Blatt zwar immer noch, aber es ist nur noch ein Schatten vergangener Tage. SRF-Russland-Korrespondent David Nauer hat die Redaktion in Moskau besucht. «Wir sind immer noch die Zeitung der Kommunistischen Partei und sind stolz darauf», sagt Chefredaktor Boris Komotsky. Die Zeitung wird auch weiterhin von der Partei finanziert. Heute erscheint das Blatt noch dreimal pro Woche und verbreitet eine Auflage von 100’000 Exemplaren und erreicht vor allem die Wählerschaft der Kommunistischen Partei, die das System Putin nicht infrage stellt und als linkes Ventil dient.

Wie geht es eigentlich den Blogs? Oder: Totgesagte leben länger

Vor 15 Jahren, ja noch vor zehn Jahren, galten Blogs als der letzte Schrei in der digitalen Kommunikationswelt. Aber was ist aus den «Internet-Tagebüchern» geworden? Haben Blogs angesichts von Social Media, Podcasts und Video-Content überhaupt noch eine Bedeutung? Die PR-Fachbloggerin Stephanie Kowalski hat eine Bestandesaufnahme gemacht und kommt zum Schluss, dass Blogs gegenüber andern Web-Publikationen weiterhin Vorteile geniessen, etwa der persönliche Ton und die bessere Sichtbarkeit der Autoren. Auch wenn der Artikel aus der PR-Perspektive geschrieben ist, bietet er wichtige Gedankenanstösse für die journalistische Arbeit.

Das nächste Gross-Leak, Netzsperren in der Grauzone, «Loop» lebt, Zukunft kompakt

Wie die «Paradise Papers» ans Licht der Medienöffentlichkeit fanden

Es ist wieder so weit: Das internationale Journalistenkonsortium, das in der Vergangenheit bereits mehrfach geleakte Daten zu zweifelhaften bis rechtswidrigen Praktiken auf internationalen Finanzmärkten ausgewertet hatte, publiziert jetzt seine Erkenntnisse aus den sogenannten «Paradise Papers». Dabei handelt es sich um 13 Millionen Dokumente von zwei Offshore-Dienstleistern. Die «Süddeutsche Zeitung», welche den Datensatz erhalten und an der Auswertung federführend beteiligt war, erklärt mit einem umfassenden Fragenkatalog, wie die Recherche ablief. Daraus wird unter anderem ersichtlich, dass auch Namen von Geldgebern des Konsortiums in den «Paradise Papers» auftauchen, so etwa George Soros. Der Financier und Philantrop unterhalte «ein Netz von Offshore-Firmen, etwa auf den Britischen Jungferninseln oder auf den Bermudas». Aber, so versichern die Journalisten: «Das Konstrukt erweckt nicht den Anschein der Illegalität.»

Netzsperren ohne klare rechtliche Grundlage in der Schweiz

Wenn Internet-Provider heute beispielsweise den Zugang zu kinderpornografischen Angeboten im Netz blockiert, dann tun sie das aus Gründen der Firmenethik. «Eine explizite gesetzliche Grundlage gibt es nicht», schreibt Lukas Mäder in der NZZ. Mit dem neuen Fernmeldegesetz, das sich derzeit in der parlamentarischen Beratung befindet, soll die rechtliche Lücke geschlossen werden. Schon heute werden Seiten auf richterliche Anordnung hin gesperrt, was aber nur selten der Fall ist. Grossflächiger zu Netzsperren kommen wird es aufgrund des neuen Geldspielgesetzs, das auch eine Zugangsblockade ausländischer Seiten vorsieht.

Musikzeitung «Loop»: eine Institution in der Nische

Seit 20 Jahren bietet «Loop» unabhängigen Musikjournalismus und blickt immer wieder in Nischen der Popkultur, die den anderen Medien verborgen bleiben. Wer die Musikzeitung kennt, ist ein Fan; wer «Loop» nicht kennt, kennt «Loop» nicht. Musikjournalist Benedikt Sartorius, einer der beiden «Loop»-Redaktoren, beschreibt sein Erweckungserlebnis mit dem Blatt: «Wahrscheinlich wäre ich ohne das Loop, dessen Logo mir einst im Vorraum des Café Mokka grün entgegenleuchtete, gar nicht auf die Idee gekommen, je über Musik zu schreiben.»

Fünf Schlagworte für die Zukunft des Journalismus

An den Medientagen München wurde nach den «ultimativen Antworten auf alle Fragen zur Zukunft des Journalismus» gesucht. Und natürlich nicht gefunden, wie die an dieser Grundsatzdebatte beteiligte Journalistin und Digitalberaterin Franziska Bluhm schreibt. Aber immerhin hat man gemeinsam gesucht… Ihren Beitrag schlüsselt Bluhm nach fünf englischen Schlagworte auf: listen, communicate, lead, (show) courage und diversity. Etwas ausführlicher und auf Deutsch: das Gegenüber ernst nehmen, miteinander reden, transparent führen, für den Wandel Opfer bringen und Vielfalt in die Redaktionen tragen.