von Adrian Lobe

«Verständlichkeit ist Grundvoraussetzung für politische Kommunikation in der Demokratie»

Immer mehr Medien bieten Informationen in Leichter Sprache an. Der Tübinger Medienwissenschaftler Jürg Häusermann sieht den Nutzen ambivalent.

Die Vereinten Nationen haben 2006 das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verabschiedet. Darin ist unter anderem der Grundsatz der Barrierefreiheit festgelegt. Blinde oder sehbehinderte Menschen haben das Recht darauf, dass Rechtsdokumente ihnen in einer Sprache erklärt werden, die sie verstehen.

Nach Behörden bieten nun auch immer mehr Medien wie der NDR, die Berliner «Tageszeitung» oder die österreichische Nachrichtenagentur APA Nachrichten in Leichter Sprache an. Das heisst: keine Schachtelsätze, kein Konjunktiv, kein Genetiv, keine sprachlichen Bilder oder Fremdwörter, stattdessen einfache und klare Sätze.

Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE erklärt Jürg Häusermann, emeritierter Medienprofessor in Tübingen und Spezialist für journalistische Sprache, wo das Konzept der Leichten Sprache seine Grenzen hat und warum Verständlichkeit in der journalistischen Sprache vor Attraktivität kommen sollte.

MEDIENWOCHE:

Herr Häusermann, worin liegt der Nutzen von Leichter Sprache?

Jürg Häusermann:

Prinzipiell ist jede Bemühung, Informationen leichter herüberzubringen, gut. Beim Thema Leichte Sprache ist das Ziel Barrierefreiheit, das heisst, es wird ein Teil des Publikums adressiert. Es wird nicht ein allgemeines Verständlichkeitsideal verfolgt, sondern man wendet sich an eine Zielgruppe, die Barrierefreiheit in der Kommunikation braucht. Das ist gut und sinnvoll, aber es zeigt sich auch, dass eine andere Frage in den Hintergrund tritt: Verstehen denn alle anderen Menschen die Texte, die nicht in Leichter Sprache sind?

MEDIENWOCHE:

Das Versprechen Leichter Sprache ist es, sprachliche Barrieren für diejenigen abzubauen, die Fachsprachen, etwa Amtsdeutsch oder Wissenschaftsjargon nicht oder nur schwer verstehen. Aber was bringt eine vereinfachte Sprache, wenn die Leute mit den Inhalten nichts anfangen können, ganz unabhängig von der Art der Formulierung?

Jürg Häusermann:

Natürlich geht es auch um inhaltliche Voraussetzungen. Und um Nachrichten zu verstehen, muss ich auch die Spielregeln des Nachrichtenjournalismus verstehen. Mit einer Nachricht über den G-20-Gipfel in Leichter Sprache kann ich nicht viel anfangen, solange ich nicht weiss, was das mit mir zu tun hat. Eine Nachricht über Menschen, die Flüchtlingen helfen, funktioniert viel besser, weil man sie als einfache Erzählung aufbauen und von bekannten Vorstellungen ausgehen kann.

MEDIENWOCHE:

Die «Augsburger Allgemeine» schreibt zum Beispiel in Leichter Sprache über die Walbrände in Portugal: «In dem Land Portugal ist etwas Schlimmes passiert. Portugal ist in Europa. Es brennt in den Wäldern von Portugal. Warum brennt es: In Portugal ist gerade Sommer. Überall ist sehr heiss. In den Wäldern von Portugal ist alles sehr trocken. Zum Beispiel die Bäume und Wiesen. Es gab ein Gewitter ohne Regen. Der Blitz hat eingeschlagen. So fing es in den Wäldern an zu brennen.» Der Duktus hat etwas von einer Kindergeschichte. Wenn man nicht mal voraussetzen kann, dass Portugal in Europa liegt, verkauft man den Leser dann nicht für dumm?

Jürg Häusermann:

Ich glaube, dass es vielen Leuten egal ist, wo sich Portugal befindet. Aber dass es das Land ist, in dem mein Freund gerade Urlaub gemacht hat, das geht mich etwas an. Wer einen Text schreibt, braucht eine klare Vorstellung von seinem Zielpublikum und dessen Interessen. Das Beispiel ist aber auch sprachlich problematisch: eine Reduktion auf kurze Hauptsätze und kurze Worterklärungen. In dieser Primitivität erinnert es mich an den Begriff des Xenolekts, der Sprache, die man verwendet, wenn man mit Fremdsprachigen nur in Infinitiven spricht. Da ist immer auch ein Bild vom Adressaten drin, das man überprüfen sollte. Das führt mich zu einem weiteren Punkt: Wenn Sie diesen Text vorlesen, merkt man, dass es nicht nur ein Problem der Verständlichkeit ist, sondern auch ein Problem der medienvermittelten Kommunikation. Wenn Sie einem Menschen gegenüberstehen und ihm erzählen, dass in Portugal die Wälder brennen, dann wird es sofort dialogisch. Es kommen Rückfragen, Kommentare. Es wird gleich klar, ob es ihn auch betrifft. Optimale Kommunikation ist dialogisch. Der Versuch, Menschen etwas nahezubringen ohne Dialog, ist zum Scheitern verurteilt.

MEDIENWOCHE:

Jenseits des Stils ist doch auch problematisch, dass die Gleichungskette: Sommer gleich Hitze gleich Gewitter gleich Waldbrand grob verkürzt, ja sogar fahrlässig ist. Dass die Eukalyptus-Monokultur die Hauptursache für die Brände ist, kommt in der Meldung gar nicht vor. Durch die Dekonstruktion werden schlicht Fakten unterschlagen.

Jürg Häusermann:

Journalismus ist nicht möglich, ohne Fakten zu unterschlagen. Selektion gehört zum Beruf des Journalisten. Zur Aufgabe des Publikums gehört, sich aus mehreren Quellen zu informieren. Wenn man aber davon ausgeht, dass das Zielpublikum gerade diese Kompetenz nicht hat, dann muss das monologische Medium durch den Dialog ersetzt oder ergänzt werden. Die Gefahr besteht, dass zum Motto von Leichter Sprache wird: Ich will es mir möglichst leicht machen. Ich will Leute, die eigentlich den Kontakt mit mir brauchen, die eine dialogische Kommunikation benötigen, möglichst einfach abfertigen.

MEDIENWOCHE:

Gäbe eine Redaktion wie die «Zeit» oder «FAZ», die gerade im Feuilleton eine elitäre Sprache mit stilistisch elaborierten Essays pflegt, einen Teil ihrer Markenidentität preis, wenn diese nun Artikel in Leichter Sprache publizierten? Der Essayist und Kulturpublizist Konrad Paul Liessman schreibt, Leichte Sprache sei seichte Sprache.

Jürg Häusermann:

Das ist wieder eine Frage, wie man sein Zielpublikum definiert. Leichte Sprache für FAZ-Leser ist etwas anderes als Leichte Sprache für Menschen mit Leseschwäche. Wenn man aber den Informationsjournalismus generell im Auge hat, ist Verständlichkeit ein wichtiges Gebot. Nehmen Sie die Schweiz, wo die Stimmbürger alle paar Wochen zur Urne gehen und alle, die ein Stimmrecht haben, informiert sein und mitreden müssen. Die wichtigen Sachen passieren ja nicht bei der Abstimmung, sondern im Vorfeld, wo Diskussionen in Gang kommen. Irgendwann wird aufgrund dieser Diskussion abgestimmt. Wenn da nicht alle im Boot sind, wenn nicht alle informiert sind, dann wird ein Teil der Leute ihr Ja oder Nein aufgrund von nichtrationalen Argumenten einlegen, zum Beispiel indem sie irgendeiner Autorität nachlaufen.

MEDIENWOCHE:

Leichte Sprache als Bollwerk gegen Ratenfänger und Populisten?

Jürg Häusermann:

Verständlichkeit ist Grundvoraussetzung für politische Kommunikation in der Demokratie. Wir bemühen uns im Journalismus seit Jahrzehnten, verständlich zu schreiben. Bemerkenswert ist, dass in der Journalismus-internen Diskussion dieses Thema an den Rand gedrängt wurde. Heute geht es vielmehr um Attraktivität. Wenn ich heute zu einem Vortrag eingeladen werden, dann nicht mehr zum Thema: «Wie schreiben wir verständliche Nachrichten?», sondern: «Wie bekommen wir möglichst attraktives Storytelling hin?» Verständlichkeit für alle muss aber Thema bleiben.

MEDIENWOCHE:

Teilen Sie den Kulturpessimismus, dass unsere Sprache immer mehr verflacht, etwa weil Leute in infantiler Zeichensprache wie Emojis kommunizieren?

Jürg Häusermann:

Nein. Primär würde ich die Emojis sogar als Bereicherung sehen. Dass Leute in der Lage sind, per SMS oder Twitter in kürzester Form etwas Relevantes zu sagen, halte ich für eine bemerkenswerte Erweiterung der Sprache. Problematisch wird es, wenn es die einzige Form ist in der man sich äussert. Wer nur twittert, verzichtet auf sorgfältige Argumentation. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die sich mit Emojis oder über WhatsApp in rudimentärem Deutsch unterhalten, und dennoch keine Probleme haben, sich in anderen Kontexten differenzierter auszudrücken. Sorgen bereiten muss es, wenn Schüler grosse Mühe mit langen Texten haben, wie von verschiedenen Seiten geklagt wird. Wenn diese Beobachtung wahr ist, muss man in den Schulen den Digitalisierungshype ersetzen durch klassische Übungen in Sprache und Rhetorik.

MEDIENWOCHE:

Haben wir es also mit einem Bildungsproblem zu tun?

Jürg Häusermann:

Ich würde immer sagen: Schreibt so viel in Leichter Sprache, wie möglich! Auch wenn das Ergebnis fürs Zielpublikum nicht geeignet ist, tut es wenigstens euch selbst gut, eure komplexen Gedanken zu reflektieren. Aber globaler gesehen ist es eine andere Frage: Greift das eventuell um sich, dass Leute mit Sprache nicht mehr so leicht umgehen können wie früher? Und wie schlimm ist das? Wenn ich an meine Primarschulzeit zurückdenke, dann konnten meine Mitschüler vielleicht besser Aufsätze schreiben als unsere Kinder heute. Aber sie konnten nicht visualisieren, sie konnten nicht mit einer Kamera herumlaufen und ein aussagekräftiges, kurzes Video machen. Wenn ich eine kommunikative Kompetenz in einem Bereich vernachlässige, profitiert möglicherweise eine kommunikative Kompetenz in einem anderen Bereich.

MEDIENWOCHE:

Die BBC hat anlässlich des Welt-Emoji-Tages eine einminütige Sendung produziert, in der Nachrichten in Symbolen erzählt wurden. Zum Beispiel eine britische Flagge, Krone, Familie, polnische Flagge, ein Tempel, polnische Flagge, welche den Besuch der royalen Familie in Polen repräsentieren. Wäre ein solches Format ein tragfähiges Modell für die Zukunft – gewissermassen als nächste Vereinfachungsstufe nach der Leichten Sprache?

Jürg Häusermann:

Nein. Ich halte das für einen Gag. Eine aktuelle journalistische Nachricht ist stark sprachlich vorcodiert, da stecken so viele Vorannahmen drin, bevor ich zum Griffel greife. Da kann ich nicht einfach sagen, ich ersetze das durch Emojis. Die Stärke von Emojis ist, dass sie eine sprachliche Aussage mit völlig anderen modalen Symbolen ergänzen und kommentieren können. Die Stärke von Nachrichten ist, dass sie präzise sagen, was heute anders ist als gestern.

MEDIENWOCHE:

Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Alfred Dorfer nannte den «Leicht-Lesen-Service» des ORF-Teletexts in seiner «Zeit»-Kolumne eine «Dienstleistung für intellektuell Behinderte». Das empfanden viele als diffamierend.

Jürg Häusermann:

Ja, vor allem in einem Kontext, wo das Wort «behindert» im Alltag längst als Schimpfwort verwendet wird. Die Bemühung um Verständlichkeit ist immer ein Ersatz für dialogisches Vorgehen in Medien, die keinen Dialog zulassen. Aber jede Bemühung, sich verständlich zu machen, ist verdankenswert.

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