AUF DEM RADAR

Ab nach Berlin, Justizfarce am Bosporus, «Tatort»-Experiment, Sponsored Ghostwriter

Zürich und Wien expandieren nach Berlin

Zufällig zeitgleich kündigten die Neue Zürcher Zeitung und der Wiener «Standard» ihre Expansion mit neuen Produkten in den deutschen Markt an. Die NZZ bietet unter der Marke NZZ Perspektive neu für zehn Euro ein E-Paper an, das die Auslandberichterstattung, das Feuilleton, sowie Kommentare und Analysen zur deutschen Politik umfasst. Der «Standard» wiederum betrachtet seine neue Website derstandard.de als Labor, von dem auch die Produkte im Heimmarkt profitieren sollen. Damit unternimmt die Zeitung aus Wien den gleichen Schritt, den die NZZ mit ihrem Österreich-Ableger NZZ.at unternommen und im April mangels kommerziellen Erfolgs abgebrochen hatte – mit dem Unterschied, dass der Markt in Deutschland um einiges grösser ist als in Österreich.

Schwarzer «Tag der Pressefreiheit» in der Türkei

Ausgerechnet am «Tag der Pressefreiheit» standen in der Türkei 19 Mitarbeitende der Zeitung Cumhuriyet vor Gericht. Das ist kein Zufall. Denn das Erdoğan-Regime setzt mit diesem Prozess zum finalen Schlag gegen eben jene Pressefreiheit an, die schon jetzt nur noch in Fragmenten existiert. Die Anklageschrift bleibt nebulös. «Konkrete, nachvollziehbare Straftatbestände enthält sie nicht», schreibt die FAZ in ihrem Bericht zum ersten Prozesstag.

Das nächste «Tatort»-Experiment kommt aus der Schweiz

Nachdem die Schweizer Medien bereits vor zwei Wochen darüber berichteten, ist die Neuigkeit jetzt auch in Deutschland angekommen: Der nächste Schweizer «Tatort» (Flückiger/Ritschartd) wurde eben abgedreht – und das gleich viermal. Der Aufwand war erforderlich, weil Regisseur Dani Levy den Film mit einer einzigen Kameraeinstellung aufgenommen hat. Nach der improvisierten Folge aus Ludwigshafen wagt man beim beliebten Sonntagabend-Krimi binnen Jahresfrist bereits das nächste Experiment; der One-Take-Tatort soll im Frühjahr 2018 gezeigt werden.

Blogger lässt Sponsored Post von Ghostwriter verfassen – und kassiert dafür

Ein lustiges Experiment: Blogger Felix Schwenzel verfasst ab und zu gesponserte Beiträge in seinem Blog. Themenvorschläge und das Geld dazu erhält er von einer Agentur. Als diese nun als Kunden eine Ghostwriting-Agentur präsentierte, die über sich schreiben lassen wollte, griff Schwenzel zu – aber nicht wie man das nun erwarten würde, dass er die Vorzüge der Geisterschreiber vorstellen würde. Nein, der gewiefte Blogger erteilte der Agentur den Auftrag, über sich selbst zu schreiben – ist ja schliesslich ihr Geschäft. Dabei achtete Schwenzel darauf, dass der Preis für den fremdgeschriebenen Text unter dem Honorar lag, das er von der Auftragsvermittlung für den gesponserten Beitrag erhielt. Das Experiment und die Rechnung gingen auf.

Blind auf Reisen, Geraune vom Bürgerkrieg, der Experte soll zahlen, Sandwich vs. Hot-Dog

Rechte Radios am Rande des Bürgerkriegs

Trump-freundliche Radioprogramme raunen von einem Bürgerkrieg, an dessen Grenzen sich die USA bereits befänden. Schuld daran trügen die Demokraten, die das Land ins Chaos stürzen wollten. Das Magazin Newsweek weist im Zusammenhang mit der Kriegsrhetorik auf die Rolle der Radios bei der Entfachung des mörderischen Bürgerkriegs in Ruanda hin. Alex Jones, eine der zentralen Figuren dieser Radiorechten, will seine Aussagen nur ironisch verstanden wissen.

Experten sollen für Medienpräsenz bezahlen

Rechtsanwalt Martin Steiger beschreibt, wie er für teures Geld hätte als Experte auftreten können in einer sogenannten Themenbeilage einer Schweizer Zeitung. Er hat es nicht gemacht, weil: «Viele Leserinnen und Leser erkennen eine solche ‹Themenzeitung› vermutlich nicht ohne weiteres als Werbebeilage (…).»

Kleinliches Korrigendum

Eine Lokalzeitung in Kentucky (USA) entschuldigt sich für die seit über hundert Jahren fälschlicherweise verwendete Bezeichnung von Hot-Dogs als Sandwiches. Doch es gibt Kritik an der Selbstkritik. Ein Kolumnist im eigenen Blatt weist darauf hin, dass im «Merriam-Webster»-Wörterbuch Hot-Dogs als Sandwiches bezeichnet werden.

Diagnose Mainstream, 14 Jahre Public Editor, Lohntransparenz, Instagram-Krösusse

Mehr Volkserzieher als kritische Beobachter

Eine aktuelle Studie geht hart ins Gericht mit den politischen Tageszeitungen Deutschlands und ihrer Berichterstattung zur Flüchtlingssituation der letzten Jahre. Angela Merkels Politik sei nicht hinterfragt, sondern unkritisch nachgebetet worden. Der Journalismus von FAZ, Süddeutsche Zeitung, Welt und anderen habe so zur Spaltung des Landes beigetragen. «Die Studie liest sich bisweilen so, als hätten die Wissenschaftler dem Wunsch hinterhergeforscht, die Branche am Kragen zu packen und einmal kräftig durchzuschütteln», schreibt «Zeit»-Autor Jochen Bittner. Das ist allerdings so nur möglich, weil die Studie die durchaus vorhandene kritische Berichterstattung grosszügig ignoriert.

Vermittler zwischen Redaktion und Publikum

14 Jahre lange beschäftigte die New York Times einen sogenannten Public Editor. Insgesamt sechs Redaktorinnen und Redaktoren dienten in dieser Zeit als Schnittstelle zwischen Redaktion und Publikum. Nun wurde der Posten abgeschafft, der nach dem Plagiatsskandal um Jayson Blair 2003 eingeführt wurde um das Vertrauen der Leser zurückzugewinnen. Das Fachmagazin Columbia Journalism Review hat sich mit allen Stelleninhaberinnen und -inhabern unterhalten und Funktion und Selbstverständnis des Public Editor umfassend ausgeleuchtet.

Lohntransparenz von Fall zu Fall

Die britische BBC veröffentlichte erstmals die Gehälter ihrer Aushängeschilder. Spitzenverdiener sind der Radiomoderator Chris Evans und Gary Lineker, der frühere Fussballer und heutige Moderator. Sie beziehen im Jahr 2,2, respektive 1,75 Mio. Pfund. Zu dieser Transparenz wurde die BBC von der britischen Regierung gezwungen. In der Schweiz bleiben die Top-Saläre von Radio- und Fernsehmoderatoren weiterhin ein Geheimnis. Die SRG veröffentlicht keine konkreten Zahlen dazu. Nur von einzelnen Moderatoren, wie etwa Reto Lipp (Eco) oder Franz Fischlin (Tageschau) sind mehr oder weniger genaue Geldbeträge bekannt, die sie selbst preisgegeben haben.

Wie die Instagram-Influencer gross abkassieren

Hier fliessen also die Werbemillionen hin, die den Medien fehlen: Weltbekannte Figuren, die oft nur dafür bekannt sind, dass sie bekannt sind, sollen für ein einzelnes Bild auf Instagram bis zu einer halben Million Dollar kriegen, wenn sie Produkt X in die Kamera halten. Alles, was hier zählt, ist Reichweite. Und genau darüber verfügen Influencer mit ihren hunderttausenden von Fans und Followern.

#Netzwende, Medien-Markenpflege, Facebook-Paywall, Google-Newsfeed

Ausweg aus der Medienkrise, ein Vorschlag

Der Thinktank Vocer fordert analog zur Energiewende eine «Netzwende» als Ausweg aus der Medienkrise und hat sich vier Lektionen abgeschaut: Mehr Nachhaltigkeit im Journalismus, marktferne Finanzierungsmodelle, das Google/Facebook-Oligopol aufbrechen, Mut zur Utopie. Vorerst bleibt das ein Appell – nicht der erste und nicht der letzte, aber trotzdem wichtig.

Die Plattform ist die stärkere Marke als der Verlag

Überraschung: Wer News auf Social Media liest, mag sich in der Regel später nicht mehr an den ursprünglichen Publikationsort der Nachricht erinnern. Zu diesem Befund kommt das Reuters Institute in einer Studie für den britischen Markt. Gerade schwächere Medienmarken müssten sich überlegen, was ihnen die Präsenz auf Facebook & Co. überhaupt bringt, schliessen die Studienautoren.

Facebook hat die Absicht, eine Paywall zu errichten:

Verlage sollen die Möglichkeit erhalten, ihre Artikel auf Facebook auch kostenpflichtig anzubieten. Im Oktober startet dazu ein Testbetrieb. Facebook plant die Einführung einer sogenannten metered Paywall, welche die Nutzer erst nach einer bestimmten Anzahl freier Zugriffe zur Kasse bittet. Das System soll als Erweiterung der Instant Articles funktionieren, wo Medien bereits heute ihre Inhalte direkt auf der Facebook-Plattform publizieren – allerdings kostenfrei zugänglich. Mit der Paywall will Facebook den Verlagen entgegenkommen, deren Kritik am gefrässigen Geschäftsgebaren des Medien- und Technologieikonzern in letzter Zeit immer lauter wurde.

Suchen war gestern, jetzt bringt Google die News unaufgefordert

Neu auch mit Newsfeed: Google rüstet seine Apps für Iphone und Android-Telefone mit einem personalisierten Newsfeed aus. Darin werden aktuelle Nachrichten angezeigt basierend auf dem Suchverhalten des Nutzers und seinem aktuellen Standort. In Zukunft soll der Newsfeed auch auf den Desktop kommen. Google versteht das als eine Erweiterung seines Kerngeschäfts: Auch wenn du selbst gerade nichts suchst, so sucht Google für dich.

Auf den Punkt, vor Gericht, unter Druck, totaler Fake

Kurz und bündig statt lang und fädig

Die News-Site Axios setzt auf «kluge Kürze». Ihren Ansatz versteht sie auch als Kritik an anderen Nachrichtenseiten: Das grösste Problem der Medien liege darin, dass viele Artikel seien schlicht zu lang seien und Journalisten vor allem für Journalisten schrieben statt für den Leser. Als «klug» versteht Axios seine selbst deklarierte Unvoreingenommenheit gegenüber US-Präsident Donald Trump. Kritiker sind sich nicht sicher, ob Axios seien Ansprüchen gerecht wird.

Journalisten müssen sich nicht alles gefallen lassen

Ein Reporter verklagt mit Erfolg einen Blogger, der ihn «Nachrichtenfälscher» und «Fake-News-Produzent» genannt hatte. Laut Gericht darf er das nicht behaupten, weil damit dem Journalisten ein Vorsatz unterstellt wird, der sich nicht belegen lasse. Konkret ging es um die Berichterstattung von stern.de über ein twitterndens Mädchen aus Syrien. Der Blogger hielt das für eine «offensichtliche Lügengeschichte».

Noch ist Polen nicht verloren

Polen galt in Mittel- und Osteuropa als eines der besten Beispiele für eine gelungene Transformation vom Sozialismus zur Demokratie. Mit der Medienfreiheit wollte es aber nie so richtig klappen. Jede Regierung stand im Verdacht, die öffentlich-rechtlichen Medien zu ihren Gunsten zu instrumentalisieren. Doch so stark wie die aktuelle Regierung der PiS-Partei hatte noch niemand Radio und TV beeinflusst. Doch die private Konkurrenz hält dem tapfer entgegen.

Wollt ihr die totale Manipulation?

Die Wissenschaft hat die Grundlagen für Fake News 2.0 geschaffen: Algorithmen können aus einer Audiodatei plausible Lippenbewegungen formen und sie über die eigentlichen Gesichtsausdrücke einer Videoaufnahme legen. Mitarbeiter der University of Washington demonstrierten die neue Manipulationsmöglichkeit am Beispiel eines Videos von Barack Obama.