von Sylvia Egli von Matt

Jury soll nachrecherchieren

Soll die Jury eines Journalistenpreises die eingereichten Beiträge auf Herz und Nieren prüfen, also auch mal nachrecherchieren, um ihre Preiswürdigkeit einwandfrei feststellen zu können? Sylvia Egli von Matt, Direktorin der Journalistenschule MAZ und Jurypräsidentin des Schweizer Meidenpreises für Lokaljournalismus, findet klar: ja, eine Jury muss diesen Aufwand leisten. Den aktuellen Fall der Aberkennung des Henri-Nannen-Preises für die beste Reportage hält Egli von Matt aber nicht geeignet für eine generelle Kritik an der Arbeit von Jurys.

So einfach die Frage, so komplex die Antwort. Juryarbeit ist spannend, lehrreich und komplex. Sie baut auf Vertrauen in die Qualitätsmedien und soll doch sehr kritisch sein. Als Jurorin aber wiederum erhofft man sich, viele Eingaben, viele gute Eingaben, damit im intensiven Diskurs eine herausragende Arbeit gekürt werden kann. Dies ist eine weitere Schwierigkeit, denn Lektüre braucht dann entsprechend viel Zeit. Dabei kommen in der Tat immer wieder Fragen, Zweifel auf. Stimmt das? Sind die Quellen sicher? In Jurys, in denen ich war, haben wir auch immer wieder Rechercheanrufe über Artikel möglicher Preisträger gemacht, haben also nachgeprüft. Das soll jede Jury leisten. Und ich weiss, viele tun das auch.

Der aktuelle Fall aber scheint mir – für uns Schweizer Medienschaffende – nicht unbedingt geeignet für eine generelle Kritik an Jurys. Die Aberkennung des Preises finde ich falsch. Doch sie stellt eine wichtige Frage, und die hat mit journalistischem Handwerk zu tun. Nicht mit dem Reglement des Henri-Nannen-Preises, dieses kann durchaus Kriterien der Kategorie definieren, hier eben die Reportage. Reportage kommt von «reporter», französich für zurücktragen, im Sinn von berichten, aufschreiben. Ist berichten denn tatsächlich ausschliesslich Augenzeugenschaft? Kriege ich als Journalistin nicht mindestens so viel mit, wenn ich erzählen lasse, gut zuhöre, überprüfe und dann anschaulich beschreibe. Gibt die Ohrenzeugenschaft nicht möglicherweise ebenso treffende oder gar differenziertere, weil distanzierte Bilder? Wenn die Definition so eng wird, wie die Jury nun entschieden hat, fallen viele gute Geschichten künftig aus Rang und Traktanden. Es hätten wohl auch viele Reportagen von Egon Erwin Kisch – dem ursprünglichen Namensgeber des Preises – diesem Anspruch nicht genügt. Möglicherweise wirkt aber in diesem konkreten Fall auch noch der Fall Guttenberg nach.

PS: Ich war an der Preisverleihung. Der Preisträger erzählte, dass ihn Horst Seehofer auch nach diesem Artikel sehr respektiere.

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Leserbeiträge

Fred David 12. Mai 2011, 16:23

Natürlich ist da viel Spitzfindigkeit mit dabei, aber es lohnt sich schon in unserem Gewerbe, solche Dinge mal ein bisschen hin und her zu wälzen. Tun wir nämlich zu selten. Kritische Selbstreflexion ist eben keine überragende Stärke von Journalisten.

Zum Beispiel hier

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