von Stephanie Rebonati

Phänomenal banal

Jetzt ist sie da, die deutsche Ausgabe von Andy Warhols legendärem Magazin «Interview». Das 270-Seiten-Ding protzt mit voluptuösen Close-Ups, Neon-Schriftzügen und phänomenal banalen Interviews. Das Ergötzen beginnt mit dem Cover: Pop-Sternchen Lana Del Rey mit viel Khol auf den Lidern und einer Hummel auf dem Schmollmund. Sie ist Sex, Lolita und Glamour. So ist auch «Interview».

Irgendwann im vergangenen Sommer erreichten uns Gerüchte aus Berlin: Andy Warhols «Interview Magazine» werde bald auf Deutsch erscheinen. Oh mein Gott, flüsterten die Vollblut-Fans, die samstags an Flohmärkten nach alten Ausgaben des amerikanischen Originals suchen. Luki ist einer davon. Er ist Hundesitter, Model, DJ und nach eigenen Angaben immer pleite und gaga. Bis zu fünfzig Franken bezahlt er für eine Vintage-Ausgabe von Andy Warhols «Interview Magazine». Warum? «Den gaga Interviews wegen, was denkst du denn?», sagt der 28-jährige Zürcher. Er meint Interviews wie dieses, am 22. November 1978 um 11.30 Uhr im New Yorker Restaurant La Petite Marmite geführt:

Andy Warhol: Hat er noch einen Schwanz?
Truman Capote: Nein, hat er nicht. Sie haben ihn ja abgeschnitten.
Warhol: In wen warst du damals verliebt?
Capote: In keinen. Ich habe dir schon gesagt, dass ich da erst 17 war.
Warhol: Ich fand’s toll an diesem Nachmittag, als der Taxifahrer sagte: «Danke, Mr. Caput». Truman, was war bislang die beste Version deines Namens?
Capote: Cup-a-tea.
Warhol: Das ist gut.
Capote: Ich hatte einen sehr sarkastischen Lehrer, der immer sagte: «Und wie geht’s Mr. Cup-a-tea aujourd’hui?»

Phänomenal banale Fragen, con forza und glamourös. Das war Andy Warhols Vision, als er 1969 «Interview» gründete, das grossformatige, farbige Gedruckte, das zum Magazin aller Magazine mutieren würde. Interview, weil sich darin Akteure aus der Kreativszene gegenseitig befragen. In der deutschen Ausgabe fragt Arianna Huffington (Gründerin der «Huffington Post») ob Scarlett Johansson ein Lieblingstier hat (ja, hat sie, einen Kapuzineraffen namens Crystal) oder Clint Eastwood sagt Angelina Jolie, dass er ihr schönes Gesicht vermisst und fragt «gibt es viele Filme über den Krieg in Bosnien?» (ja, einige, aber Jolies Regiedebüt «In the Land of Blood and Honey» wird der erste Bosnien-Krieg-Film sein, der in Hollywood Beachtung findet). Wer sich für einmal Mal nicht im Kontext Krieg präsentiert, ist der beispiellose Kriegsfotograf James Nachtwey. Auf zehn Seiten zeigt er seine Wahlheimat Bangkok und erzählt von seinen Erfahrungen, Assoziationen, seinem Rollenselbstverständnis.

Sie darf noch frecher werden, avantgardistischer, die kleine Schwester des amerikanischen «Interview Magazine». Und das wird sie bestimmt mit dem 36-jährigen Berliner Chefredaktor Jörg Koch, der auch Verleger und Chefredaktor des englischsprachigen Kulturmagazins «o32c» ist, das 2007 von der «New York Times» zum «Best Magazine of The World» gekürt wurde. Mit an Bord sind auch Adriano Sack, ehemaliger Ressortleiters des Kulturteils der «Welt am Sonntag» und Jörg Harlan Rohleder, der früher für «Vanity Fair» und «Focus» geschrieben hat.

Die Fleur von «Interview» ist dessen Haptik. Es ist ein Erlebnis, dieses Heft in den Händen zu halten. Es ist gross, schwer, 270 Seiten dick, eine volle Wucht. Man fühlt sich wie eine Mutter, die ihr Neugeborenes stolz in die Luft stemmt oder wie eine emsige Hausfrau, die eine hausgemachte Schwarzwäldertorte zu den Gästen an den Tisch trägt. Beide Szenen haben etwas gemein: Loslassen darf und kann man nicht. Dafür hat das Kölner Kreativbüro Meiré und Meiré, das auch das Layout der «Neuen Zürcher Zeitung» und von «NZZ Folio» konzipiert hat, gesorgt. Hoch ästhetisierte Fotoshootings, voluptuöse Close-Ups, ein harmonisches Wirrwarr an verschiedenen Schriften, Glyphen und Seitenumrahmungen mit Sternen in den vier Ecken. Die deutsche «Interview» protzt mit ihrer Optik. Die dünnen Hochglanzseiten kann man gut als Geschenkpapier verwenden. Das sei als Lob gemeint.

Was dem Berliner «Interview-Magazine» fehlt, ist ein konsequenterer Bezug zur deutschsprachigen Kreativszene. Nur zwei Interviews wurden auf Deutsch geführt und wiedergegeben. Bei denen fegt es, hat es Tempo, Sturm und Drang. Bei Übersetzungen gehen authentische Elemente, die unübersetzbaren, gerne verloren. Jetzt schon wird das neue «Interview Magazine» in der deutschen Presse hoch geadelt. «Welt Online» nannte das Heft «eine Art amüsant intellektuelle Vogue».

Was hätte Andy Warhol zu alledem gesagt? Aliona Doletskaya, Chefredaktorin der russischen «Interview» und Bob Colacello, ehemaliger Chefredaktor der amerikanischen «Interview» unterhalten sich in der deutschen Ausgabe darüber:

Aliona Doletskaya: Wie hätte Andy Warhol die Idee gefunden, in Russland und Deutschland «Interviews» zu machen?
Bob Colacello: Ich glaube, er hätte das gut gefunden. Er hat nie eine Gelegenheit ausgelassen, Geld zu verdienen.
Doletskaya: Ich glaube, er würde heute wie wahnsinnig twittern.
Colacello: Na klar, wenn er der geblieben wäre, der er in den 70ern war, würde er mit Paris Hilton und Lindsay Lohan abhängen. Er hätte 20 Millionen Follower auf Twitter und würde mit Ashton Kutcher ein Start-up gründen.
Doletskaya: Was ist Ihre liebste Erinnerung an Andy Warhol?
Colacello: Ach, es gibt so viele. Die gemeinsamen Taxifahrten nach der Party.

Die deutsche und amerikanische Ausgabe von «Interview Magazine» ist an gut sortierten Kiosken für 9 bzw. 14 Franken erhältlich. Abonnieren können Schweizer nur das amerikanische «Interview Magazine», der Verlag in Deutschland arbeitet noch daran.

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