von Stephanie Rebonati

«C’est la vie»: Ein Bilderparcours

Am 5. Mai 1947 flog die Swissair zum ersten Mal von Genf nach New York. Und am 6. Juni 2003 gewann Roger Federer erstmals Wimbledon. Er hatte noch Babyspeck im Gesicht. Die Ausstellung «C’est la vie» im Zürcher Landesmuseum erzählt Schweizer Geschichte anhand der Pressefotografie.

Eine junge Frau bleibt vor einem Bild stehen und lächelt. Sie beugt ihren Kopf nach vorne, um die Details in der schwarzweissen Fotografie zu begutachten. Sie ruft ihre Freundin herbei: «Schau mal, das Tischtuch, die Essensreste!», «voll plump, einfach super», entgegnet die zweite, die ihren Kopf nun auch ins Bild steckt. Die Aufnahme stammt vom 3. März 1951. Darauf sind das damalige Kader der SRG mit Gästen abgebildet, die sich in Lausanne zusammengefunden hatten.

Doch es geht weder um das karierte Tischtuch auf dem Fernsehmöbel, noch um den kleinen Teller mit der Gabel und den Resten drauf. Die Pressefotografie vom 3. März 1951 zeigt die erste Fernsehübertragung in der Schweiz. Doch die Details sind versteckte Protagonisten und machen die Aufnahme aus. Auf einem gestellten Bild wären diese Alltagsgegenstände entfernt worden, Authentizität quasi eingebüsst. Und so geht es durch den ganzen Bilderparcours: In der Bildlegende erfährt man, worum es geht und im Bild sucht man nach der Geschichte.

Der Bilderparcours ist chronologisch aufgebaut. Er beginnt 1940 mit einer Fotografie zur sogenannten zweiten Generalmobilmachung vom 10. Mai. Es geht weiter mit der Eröffnung des Hallenbad City in Zürich, mit Elisabeth Kopp, mit einem Bombenattentat im Zürcher Hauptbahnhof, mit einem jungen Köbi Kuhn und einer noch jüngeren Denise Biellmann. Auch Ursula Andress fehlt nicht.

Durch die Pressefotos erinnert man sich (26. Dezember 1999: Orkan Lothar bringt Schweizer Bäume zu Boden), man staunt, lernt dazu (5. Oktober 1994: Anhänger der Sonnentempler-Sekte begehen Massenselbstmord in Cheiry, Fribourg), man lacht (6. Juni 2003: Roger Federer gewinnt zum ersten Mal Wimbledon – jungfräulich rockig mit Dreitagebart, Pferdeschwanz und Babyspeck) und man erschaudert (22. Januar 2009: Daniel Albrecht stürzt in Kitzbühel, seine Lunge ist gequetscht und er erleidet ein Hirn-Schädel-Trauma). Und man stutzt: Nirgends eine Miss Schweiz. Hier kommt der französische Designer und Konstrukteur Jean Prouvé ins Spiel.

In drei von Jean Prouvés sogenannten «maisons démontables», simplen Holzhauskonstruktionen, wird gut die Hälfte aller Bilder gezeigt. Und in einem dieser charmanten Hütten hausen die Missen. In einem anderen werden mehrseitige Fotoreportagen und in einem weiteren Portraits von Schweizerinnen und Schweizern gezeigt. Es ist eine vielseitige Ausstellung, dieser Bilderparcours, zusammengestellt aus den Archiven der ehemaligen Pressebildagenturen Presse Diffussion Lausanne und Actualité Suisse Lausanne.

«C’est la vie» endet nostalgisch, und in einer Dunkelkammer. Nur so viel: In Glasvitrinen liegen sechzig Jahre alte Kontaktbögen, Belichtungsmesser und Entwicklerschalen und auf einem Bildschirm kann man den Live-Ticker der Schweizer Bildagentur Keystone beobachten – im Sekundentakt rieseln die Bilder rein, aus aller Welt, für die Redaktionen bereit. Die Ausstellung «C’est la vie» ist kontrastreich und darum ein Besuch wert.

Ausstellung:
«C’est la vie. Pressebilder seit 1940», Landesmuseum Zürich
11. Januar bis 22. April 2012

Publikation:
«C’est la vie. Schweizer Pressebilder seit 1940», Limmat Verlag Zürich
92 Seiten, 146 Abbildungen, ISBN: 978-3-905875-32.4
Erhältlich im Museumsshop, im Buchhandel oder auf Bestellung für 38 Franken

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