von Nick Lüthi

Nur wer etwas riskiert, kann scheitern

Nach weniger als zwei Jahren stellt die «Obwalden und Nidwalden Zeitung» ONZ samt ihrer Online-Plattform den Betrieb ein. Damit ist auch der Versuch gescheitert, das Modell der Mikrozeitung aus dem Berner Oberland in die Innerschweiz zu exportieren.

Heute ist die letzte Ausgabe der «Obwalden und Nidwalden Zeitung» ONZ erschienen und demnächst werden auch die Online-Kanäle der Innerschweizer Lokalzeitung abgeschaltet. Der Verlag begründet die Betriebseinstellung mit der unbefriedigenden kommerziellen Entwicklung. Werbeeinnahmen und Einnahmen aus dem Abonnementverkauf seien deutlich unter den angestrebten Werten geblieben, als dass man ein Weitermachen hätte verantworten können. Nun wird das Unternehmen «geordnet liquidiert».

Mit dem Ende der ONZ ist auch der Versuch gescheitert, die Mikrozeitung aus dem Berner Oberland in die Innerschweiz zu exportieren. Die ONZ basierte auf dem Konzept, das der Brienzer Verleger Urs Gossweiler für lokale Medienräume entworfen und mit seiner «Jungfrau Zeitung» bereits vor Jahre erfolgreich in die Praxis umgesetzt hat.

Doch Gossweiler wollte immer mehr sein als nur ein Kleinverleger im Berner Oberland. Die Mikrozeitung, so schwebt ihm seit Anbeginn vor, lasse sich auf beliebige lokale Medienräume anwenden – egal ob Stadt oder Land, Schweiz oder Ausland. Dafür weibelt Gossweiler seit Jahren und ist ein gern gesehener Referent auf Fachveranstaltungen rund um den Globus.

Das Modell der Mikrozeitung hat in der Tat etwas bestechend Einfaches: Konzentration aufs Wesentliche, Fokussierung auf den (lokalen) Inhalt, ein crossmedialer Verbund mit einer tagesaktuellen Online-Plattform und der gedruckten Zeitung als Print-Out der Web-Inhalte. Für das ganze Paket, bestehend aus Konzept und technischer Plattform für die Produktion der Mikrozeitung sucht Gossweiler seit Jahren Lizenznehmer im In- und Ausland. Bisher erfolglos – abgesehen von zwei gescheiterten Experimenten, beide in der Innerschweiz.

Der erste Exportversuch bei der «Zuger Presse» sei daran gescheitert, dass sich der Verlag nicht an die Konzeptvorgaben gehalten hätten. «Die ‘Zuger Presse’ war nicht annähernd eine Mikrozeitung. Nie!», kommentierte Gossweiler 2005 den Übungsabbruch in Zug. Der zweite Versuch ist nun dieser Tage in Obwalden und Nidwalden gescheitert. Diesmal lag es nicht an konzeptionellen Mängeln, sondern an zu optimistischen kommerziellen Prognosen.

Doch Gossweiler glaubt weiterhin an seine Mikrozeitung, wenn auch mit weniger Optimismus als bisher. Er wolle sich nun auf die «Jungfrau Zeitung» konzentrieren. Die Idee, noch in diesem Jahr in der Stadt Zürich zwölf Mikrozeitungen auf den Markt zu bringen, dürfte damit – zumindest vorläufig – vom Tisch sein.

Es wäre nun ein Leichtes, Gossweiler mit Häme zu überschütten und ihn als Versager zu brandmarken, der seit Jahren erfolglos mit einer unrealistischen Idee hausiert. Doch Scheitern kann  nur, wer etwas riskiert. Gerade im Fall der «Obwalden und Nidwalden Zeitung», die Gossweiler als Projektleiter mit aufzubauen half, ging der Brienzer Verleger ein grosses Risiko ein; ein zu grosses, wie sich nun herausgestellt hat.

Ganz erfolglos war das knapp zweijährige Unterfangen nicht. Publizistisch habe die ONZ ihre Ziele erreicht, heisst es zur Einstellung der Zeitung. Das stimmt nicht nur, was die kurzfristig geschaffene Medienvielfalt angeht, sondern auch in Bezug auf die Reaktion der Konkurrenz. So haben die beiden lokalen Kopfblätter der «Neuen Luzerner Zeitung» NLZ die Berichterstattung für Ob- und Nidwalden ausgebaut. Ob es die NLZ mit ihrem ausgebauten Engagement für die beiden Halbkantone ernst meint, wird sich erst dann zeigen, wenn sie auch nach dem Verschwinden der Konkurrenz ihre Berichterstattung auf dem bisherigen Niveau beibehält.

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Leserbeiträge

bugsierer 02. März 2012, 18:29

ich halte sehr viel von der jungfrauzeitung und im berner oberland ist sie ja auch erfolgreich und beliebt.

das problem ist wohl, dass das konzept allein noch nicht genügt, um es anderswo auch erfolgreich zu machen. gossweilers sind im berner oberland erfolgreich, weil sie eine alteingesessene verlegerfamilie sind, die viel vertrauen geniesst. so viel, dass sie es schon vor vielen jahren hingekriegt hat, ein ländliches mainstreampublikum auf die website zu bringen.

vermutlich ist dieser aspekt einfach wichtiger als das konzept an sich. und vielleicht war/ist gossweiler schlicht zu früh. das sieht man ja auch daran, dass projekte im lokaljournalismus ganz generell noch sehr dünn gesät sind. ich bin aber überzeugt, dass das noch kommen wird.

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christoph j. walther 02. März 2012, 23:41

„Doch Scheitern kann nur, wer etwas riskiert.“ Gescheitert ist Gosssweilers Mikrozeitungskonzept, doch das Risiko haben andere auf sich genommen: Die Aktionäre aus dem Kanton Obwalden rund um den Bauunternehmer Thomas Gasser. Der seinerzeitige Businessplan hat für den Einsatz des Mikrozeitungskonzepts wohl marktübliche Entschädigungen an Gossweiler vorgesehen, woran auch nichts auszusetzen ist. Drum: Die Ehre, die Initiative für ein Medienprojekt ergriffen zu haben, gehört nicht nach Brienz, sondern Gasser und seinen Mitstreitern.

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