von Nick Lüthi

SRG trennt sich von Adoptivkind

Das englischsprachige World Radio Switzerland WRS ist ein Fremdkörper in der SRG. Folgerichtig will man sich vom Genfer Sender trennen, der heute mehrheitlich BBC-Konserven ausstrahlt.


Der Generaldirektor persönlich überbrachte die Botschaft. Bei einem Besuch jüngst in Genf beschied Roger de Weck der Belegschaft von World Radio Switzerland, dass er dem Verwaltungsrat der SRG empfehle, sich vom Sender zu trennen. Das meldete gestern die Tribune de Genève.

2007 hatte die SRG den Privatsender World Radio Geneva übernommen, der seit 1996 in Genf über UKW zu empfangen war. Für die nationale Verbreitung via Digitalradio erweiterte der Bundesrat die Konzession und erlaubte der SRG fortan den Betrieb eines englischsprachigen Programms.

WRS als gebührenfinanzierter Sender hatte von Anbeginn in der Kritik gestanden, zumal die Übernahme in eine Zeit fiel, als die SRG vor allem durch rote Zahlen auffiel und Sparprpakete schnüren musste. Deshalb prüfte die SRG bereits 2009 eine Trennung vom Genfer Sender. Drei Jahre später ist es nun so weit. In der offiziellen Sprachregelung heisst es, mehrer Optionen würden geprüft. Was heisst: Einstellen oder Reprivatisieren.

Auch wenn WRS mit einem interessanten Versprechen angetreten war, nämlich die wachsende englischsprachige Gemeinde in der Schweiz mit einem Service-public-Radio zu informieren, konnte der Sender die Erwartungen nicht erfüllen. So befand eine SRG-interne Qualitätsstudie das Angebot für ungenügend und «nicht dem SRG-Standard entsprechend», wie sich eine mit der Materie vertraute Person ausdrückt.

Ein Blick auf das Programmraster zeigt zudem, dass die Mehrheit der Sendungen inzwischen mit Konserven von BBC und zu kleineren Teilen von NPR und PRI bestritten wird. Der Bundesrat ging von etwas anderem aus, als er 2007 die SRG-Konzession um das englischsprachige Angebot erweiterte. Er rechnete mit einem eigenständigen Programm, «welches BBC-Beiträge nur als Ergänzung übernimmt». Das aktuelle Programm erfüllt diese Erwartung nicht mehr.

Auch anderweitig bemühte sich WRS offenbar nicht, sich Legitimität als Teil der SRG zu verschaffen. Eine – naheliegende – Kooperation mit dem englischsprachigen Dienst von swissinfo hätte das Online-Angebot von WRS aufzuwerten und den Aufwand zu reduzieren geholfen. Über eine Zusammenarbeit wurde zwar laut nachgedacht, aber sie kam nie zustande. Offenbar aus nichtigen Gründen. Stattdessen verwendet WRS auf seiner Webseite den Nachrichtenticker der britischen BBC.

Mit der absehbaren Trennung von WRS unternimmt die SRG einen richtigen Schritt. Auch wenn die Trennung vom Adoptivkind mit seinem Jahresbudget von rund 3 Millionen Franken finanziell nicht ins Gewicht fällt, ist es das Signal, das zählt: Der Mut, auch einen Sender einzustellen, wenn er sich ausserhalb des Kerngeschäfts befindet.

Als Präjudiz für weitere vergleichbare Schritte, beispielsweise mit den Nonstop-Musiksendern Swiss-Pop, -Classic, und -Jazz, darf das Schicksal von WRS nicht gelesen werden. Zu speziell und spezifisch war das knapp fünfjährige Engagement der SRG in Genf.

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Leserbeiträge

Richi Schranz 05. April 2012, 22:42

Dem Jahresbudget von 3 Mio. Franken stand gem. Publica Data im 2. Semester 2011 eine Nettoreichweite von 51’400 Hörern in der Deutschschweiz und 18’700 in der Romandie gegenüber; also rund 70’000 HörerInnen, welche pro Jahr CHF 169.15 an Radiogebühren an die Billag entrichten, was annähernd der Summe von 12 Mio. Franken entspricht.

Zu befürchten bleibt, dass noch andere Programme auf den Prüfstand kommen. Würde mich nicht wundern, wenn die selbe Debatte eben doch eines Tages auch um Virus oder Swiss Jazz geführt wird.

Bis dato war ich ja stets ein Verfechter eines starken öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Kommt es nun aber tatsächlich zu diesem Leistungsabbau, muss ich mir ernsthaft überlegen, die Gebührenmonster Petition ebenfalls zu unterschreiben! Gewisse Entscheidungen der letzten Wochen (wie z.B. die Namensänderung SRF, Absetzung publikumswirksamer TV-Sendungen und nun dieser Leistungsabbau) spielen der Petition zuweilen regelrecht in die Hände.

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Beat Schellenberg 06. April 2012, 12:41

Dieser Kommentar ist sehr kurz gegriffen. Der Sender World Radio Switzerland fällt auf durch gute, prägnant formulierte Kommentare zum Geschehen in der Schweiz auf. Ausserdem finde ich, dass es der einzige Sender ist, der wohl in allen (verschiedensprachigen) Landesteilen gehört wird. Ich habe zum Beispiel schon viel über Aktualitäten in der Westschweiz so vernommen. Dass “Konserven der BBC” ausgestrahlt werden, hängt wohl eher mit mangelnden Mitteln zusammen. Die SRG gibt für andere Dinge Geld aus, die völlig überflüssig sind. 1 englischsprachiger Sender mit einem Budget von lediglich 4 Mio. CHF sollte wirklich noch “drinliegen”. Deshalb: WRS muss als SRG Sender erhalten werden und darf nicht privatisiert werden !

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Nick Lüthi 07. April 2012, 16:31

Ich hielt es bereits für einen Fehlentscheid, 2007 WRS unter das Dach der SRG zu nehmen. Dort hat dieser Sender meiner Meinung nach nichts verloren. Wenn schon hätte er sich um eine Konzession mit Gebührenanteil als Komplementärradio bemühen können. WRS steht für die Expansionsstrategie unter SRG-Generaldirektor Armin Walpen. Eine Reprivatisierung von WRS wäre überhaupt keine Katastrophe zumal der Sender zehn Jahre lang auf privater Basis funktioniert hat. Und selbst eine Einstellung wäre nicht weiter tragisch, da seit einem halben Jahr mit Radio Frontier ein weiterer englischsprachiger Sender on air ist und die Bedürfnisse der anglophonen Community befriedigt.

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