von Nick Lüthi

«Wer gerade führt? Das weiss niemand»

Das Schweizer Fernsehen steht vor einer kniffligen, aber nicht unlösbaren Aufgabe: Wie bringt man Orientierungslauf attraktiv auf den Bildschirm? Eine Sportart, die zumeist im Wald und ohne vorgegebene Rennstrecke abläuft. Selbst die neuste Technik hilft hier nur beschränkt. Am nächsten Samstag gilt es für SF ernst bei den Weltmeisterschaften in Lausanne.

Orientierungslauf ist wenig zuschauerfreundlich. Das weiss auch der norwegische Komiker Bård Tufte Johansen. In seiner Nummer als OL-Enthusiast gibt er als Antwort auf die Frage, welcher Läufer denn gerade an der Spitze liege: «Vielleicht ist es Nummer 14. Aber das ist unmöglich zu sagen. Das weiss niemand. Und das ist, was ich an dieser Sportart so liebe, dass niemand etwas weiss.» Natürlich übertreibt Johansen. Aber nicht masslos. Dem OL fehlt tatsächlich so manches, was beim sportinteressierten Publikum gemeinhin für Spannung, Übersicht und Nachvollziehbarkeit sorgt. Das mag daher rühren, dass es weder einen standardisierten Rennablauf gibt, noch eine überschaubare Wettkampfanlage und auch nur wenig offensichtliche Dramatik.

Für das Schweizer Fernsehen sind das alles keine Hindernisse. Ab dem kommenden Wochenende will SF zeigen, dass OL sehr wohl als Live-Sport taugt. Von den Weltmeisterschaften in Lausanne überträgt der Sender zwei Wettkämpfe direkt: den Sprint am Samstagnachmittag und eine Woche später die Staffel. Bereits 2003 war SF bei den internationalen Titelkämpfen in Rapperswil live dabei. Doch aufgrund des technischen Wandels lassen sich die beiden Übertragungen nicht miteinander vergleichen. «Da liegen Welten dazwischen», sagt Nicolas Russi, Medienverantwortlicher des schweizerischen OL-Verbands. «Vor neun Jahren fand man es schon lässig, Leute am TV ‘rumseckeln’ zu sehen und zu wissen, welcher Läufer in Führung liegt.» Heute reicht das nicht mehr – und inzwischen ist auch technisch mehr möglich. Das weiss Russi aus eigener Erfahrung. In den letzten fünf Jahren hat der Inhaber einer Kommunikationsagentur für das Schweizer Sportfernsehen SSF zahlreiche Live-Übertragungen internationaler OL-Wettkämpfe mitproduziert. Sein Fachwissen kommt nun auch dem Schweizer Fernsehen zugute, das bei der Planung eng mit Russi und den Organisatoren der WM zusammenarbeitet.

Als Massstab für die TV-Übertragung der WM in Lausanne dienen die letztjährigen Titelkämpfe in Savoyen. Das Schweizer Fernsehen begnügte sich damals mit täglichen Zusammenfassungen, Live-Berichterstattung gab es dagegen bei SSF. Beide Sender konnten auf Bildmaterial zugreifen, das die SRG-Tochter TPC vor Ort mit einem rekordverdächtigen Aufwand produziert hatte: 40 Kamerapositionen, 25 Kilometer Kabel, wovon ein Drittel in mühsamer Handarbeit in schwer zugänglichem Gelände verlegt werden musste. Auch die Wälder um Lausanne werden in ähnlichem Ausmass verkabelt.

Gegenüber den bisher live gezeigten OL-Wettkämpfen gibt es bei dieser WM eine technische Neuerung: Das Schweizer Fernsehen produziert Luftbilder mit einer Drohne. Seit einem Jahr experimentiert SF bei Sportübertragungen mit den ferngesteuerten Flugkameras. «An der OL-WM soll die Drohne in erster Linie Bilder liefern, die dem Zuschauer einen Gesamtüberblick verschaffen», erklärt Beat Zumstein, für das Schweizer Fernsehen als Produzent verantwortlich für die Übertragung der OL-WM. Zum Einsatz kommt die fliegende Kamera allerdings nur im Start- und Zielbereich der Wettkämpfe. «Würde wir sie im Wettkampfgelände einsetzen», erklärt Zumstein, «könnten die Läufer Hinweise erhalten, wo sich die Posten befinden.»

Die Einschränkung beim Drohneneinsatz veranschaulicht das Dilemma, in dem das Fernsehen bei der Übertragung von OL-Wettkämpfen steckt: Da es für die Läufer zur wettkampfentscheidenden Aufgabe gehört, einzig mithilfe von Karte und Kompass den schnellsten Weg von Posten zu Posten zu finden, sollte es keinerlei Hinweise von Dritten auf die Standorte der Kontrollpunkte im Gelände geben. Gut sichtbare Kameras bei einzelnen Posten würden das Wettkampfgeschehen beeinflussen. «Wir konnten nicht alle Kameras dort platzieren, wo sie aus der TV-Logik sinnvoll gewesen wären», sagt SF-Mann Zumstein. Im Gegenzug haben sich die Veranstalter bereit erklärt, einzelne Posten so zu platzieren, dass sie den Bedürfnissen der Fernsehübertragung besser gerecht werden.

Trotz maximal möglicher Kameraabdeckung lassen sich von einem Orientierungslauf immer nur Ausschnitte aus dem Wettkampfgeschehen zeigen. Die Bilder an sich sagen über den eigentlichen Rennverlauf wenig aus. Bei einem Sprint-Wettkampf sieht man Läuferinnen und Läufer, die meist vornübergebeugt beim Kartenlesen durch Altstadtgassen hetzen, Kontrollposten quittieren und keuchend um die nächste Hausecke verschwinden. Bei der Staffel lässt sich das Wettkampfgeschehen für den Laien zwar etwas besser nachvollziehen. Dank dem Massenstart ist leichter erkennbar, welches Team in Führung liegt. Erschwerend kommt aber hinzu, dass diese Disziplin im Gegensatz zum Sprint im Wald stattfindet und so die Kameraabdeckung der Wettkampfanlage viel geringer ist. Mit der Folge, dass bis zu zehn Minuten lang nichts sichtbare geschieht und das Feld der Läufer fernab der medialen Beobachtung sich seinen Weg durch das Gehölz sucht.

Damit sich der Fernsehzuschauer auch in diesen Momenten ein Bild der Wettkampfsituation machen kann, zeigt das Fernsehen eine Grafik mit der OL-Karte und der eingezeichneten Laufstrecke. Als farbige Punkte bewegen sich darauf die Läufer, deren Standort dank GPS-Sendern, die sie auf sich tragen, permanent verfolgt werden kann. «Bei der WM vor neun Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen», weiss Beat Zumstein. Der Fernsehmann und Sportproduzent koordiniert die Übertragung der OL-WM für das Schweizer Fernsehen. Eine Grafik mit bewegenden Elementen hätte beim damaligen Stand der Technologie nicht auf den Fernsehbildschirmen angezeigt werden können.

Das entscheidende Element für eine erfolgreiche OL-Übertragung sind indes weniger die technischen Spielereien, als ein kompetenter Kommentator, meist begleitet von einem Experten. «Die grösste Schwierigkeit ist es, bei OL-Übertragungen die Spannung aufrecht zu erhalten», weiss TV-Moderator Gabriel Oldham. Seit drei Jahren kommentiert er für das Schweizer Sportfernsehen OL-Wettkämpfe. Für den Spannungsaufbau ein wichtiger Anknüpfungspunkt seien die Schweizer Läuferinnen und Läufer. «Da sind wir in einer komfortablen Lage dank den vielen einheimischen Top-Athletinnen und -Athleten, allen voran Simone Niggli-Luder aber auch Daniel Hubmann.» Auch beim OL gilt die einfache Regel: grosse Namen ziehen. Grundvoraussetzung für den kompetenten Kommentar ist natürlich – wie bei allen anderen Sportarten auch – die Kenntnis der Regeln, der Sportlerbiografien sowie Hintergrundwissen. «Die Kunst des Kommentierens liegt darin, sowohl die Experten zufriedenzustellen als auch gleichzeitig neue Zuschauer für die Sportart zu begeistern.»

Diesen Spagat braucht das Schweizer Fernsehen nicht zu machen, weil es nicht für ein Fachpublikum sendet, sondern für die breite, sportinteressierte Öffentlichkeit. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, zumal das Unternehmen OL-WM mit eine Kaltstart beginnt: Der erste Wettkampf ist gleich die Live-Übertragung des Sprint-Finale in Lausanne. Doch einem routinierten TV-Produzenten, wie Beat Zumstein einer ist, bereitet das keine schlaflosen Nächte. Vielmehr freut er sich auf ein Ereignis, das keine standardisierten Abläufe kennt, wie etwa eine Fussball- oder Eishockeyübertragungen. «Bei Sportarten, die nicht oft am TV kommen, haben wir eine gewisse Narrenfreiheit und können auch mal neue Ideen ausprobieren», sagt Zumstein. Ob das Schweizer Fernsehen damit das Publikum erreicht, werden die Zuschauerzahlen schonungslos offenlegen.

Bild: SRF

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