von Ronnie Grob

Spitzengruppe schlägt Schnäppchen

Während sich ARD und ZDF von der Live-Berichterstattung über die Tour de France zurückgezogen haben, bleibt das Schweizer Öffentlich-rechtliche mit SF2 dabei. Die bessere Alternative ist aber Eurosport: ein Dreierteam mit dem von SF abgezogenen Experten Jean-Claude Leclercq bietet eine ansprechende Kommentatorenleistung.

Die neuen Tour-Begleiter beim Schweizer Fernsehen haben das schwere Erbe der legendären Stimme von Hans Jucker angetreten. Er begleitete 25 Ausgaben der Tour de France, viele davon mit Jean-Claude Leclercq. Auf 20min.ch ist die letzte von den beiden moderierte Etappe 2010 zu sehen sowie einige der besten Szenen mit dem wenige Wochen nach seinem letzten Arbeitstag verstorbenen Jucker.

Bis zur 9. Etappe kommentierte Claude Jaggi, seit der 10. Etappe ist es Florian Zutt. Ein ziemlicher Bruch zu ihren deutsch gesprochenen Kommentaren sind die leider etwas undeutlich artikulierten Analysen in Dialekt von Ex-Radprofi Sven Montgomery, der zwar viel beizusteuern weiss, aber auch manchmal den Faden verliert. Der erst 34-jährige Zutt macht sich ganz gut, selbst wenn ihm auch mal Stilblüten wie «damit schlägt er der Spitzengruppe ein Schnäppchen» unterlaufen. Unter facebook.com/sfsport und #sftdf werden die Zuschauer dazu animiert, Fragen zu stellen. Die Fragen wirken unbeantwortet recht verloren, doch die eine oder andere wird während der Reportage beantwortet.

Details wie Informationen über die Tweets der Frauen von Bradley Wiggins (@bradwiggins, @Cathwiggins1981) und Chris Froome (@chrisfroome, @michellecound) sind als Hintergrundinformationen informativ, noch besser wäre aber, wenn solche Details auch eingeblendet würden. Bemühungen solcher Art sind im Schweizer Fernsehen nicht zu sehen, der Live-Übertragung vorgeschaltet ist lediglich eine langweilige Anmoderation, man zeigt einfach die von der internationalen Produktion gesendeten Bilder. Zeitweise geht das Moderationsteam so wenig auf die gezeigten Bilder ein, dass das Gefühl einer Radioreportage aufkommt.

Wer den einlullenden Redestrom verlässt und auf Eurosport umschaltet, erwacht gleich etwas. Die Kommentare dort sind klarer, deutlicher, dynamischer, eindringlicher. Der Verzicht von ARD und ZDF auf die Live-Übertragung hat der Eurosport-Berichterstattung gut getan. Als hätte man nun selbst einen Bildungsauftrag, wurde das aus früheren Jahren bekannte wilde Durcheinanderreden, die Emotionen ohne Faktengrundlage und der manchmal ins Absurde abgleitende Klamauk heruntergefahren zugunsten von Hintergründen auch kultureller Art. Dieses Jahr kommentieren Karsten Migels, Ron Ringguth und der zuvor während fast zwei Jahrzehnten im Dienste von SRF stehende Jean-Claude Leclercq. Nach den Etappen wird die Berichterstattung von weiteren Mitarbeitern übernommen, Andreas Schulz bloggt, der Facebook-Kanal wird schon seit Jahren genutzt.

Sind drei Kommentatoren nicht zu viel? Nicht wenn sie sich die Aufgaben gut aufteilen: Migels ist für die aktuellen Entwicklungen im Rennen zuständig, liefert Zwischenstände und redet dazwischen, wenn Aussergewöhnliches passiert. Ringguth wirft, manchmal angekündigt von einer Fahrradklingel, Hintergründe zu regionalen und kulturellen Höhepunkten an der Strecke ein und erzählt auch mal, was sich die Sport- und Boulevardzeitungen ausgedacht haben, um das Rennen spannender zu machen, als es eigentlich ist. Und Leclercq macht Feuilleton: Aus der Warte seines unfassbaren Detailwissens breitet er Hintergründe aus, denkt er über Entwicklungen im Einzelnen nach und erzählt Anekdoten. Ein absoluter Gewinn für Eurosport, auch wenn er sich bisweilen so ins Feuer redet, dass es besser wäre, er würde mal wieder für ein paar Minuten Ruhe geben.

Ein weiterer Anbieter auf dem Markt ist übrigens der Veranstalter selbst. Für 9.99 Euro (Tour Pass) oder 2.39 Euro (Stage Pass) kann man sich die Tour mit englischem Kommentar im Netz oder auf dem Handy ansehen.

Was die Zuschauerzahlen betrifft, kann sich die Tour auf SF2 vergleichsweise gut behaupten. Die Etappe zwischen Limoux und Foix am Sonntagnachmittag um 15 Uhr hatte mit 110.000 Zuschauern nur 2000 Zuschauer weniger als der Saisonstart in der Superleague mit dem Live-Fussballspiel zwischen St. Gallen und Bern (und einen höheren Marktanteil, 17,4 vs. 14,6 Prozent). Nicht ganz so gut sieht es aus, wenn man einen Vergleich mit einem Sonntagnachmittag von 2003 anstellt. Die 8. Etappe von Sallanches auf die Alpe d´Huez zog damals noch 326.000 Zuschauer an (Marktanteil: 47,5 Prozent).

Die sinkende Aufmerksamkeit hat aber auch mit dem nach wie vor ungelösten Dopingproblem im Radsport zu tun. Die 99. Tour wird bisher vom Team Sky ProCycling überlegen dominiert. Hauptsponsor dort ist British Sky Broadcasting (kurz BSkyB), mit über 10 Millionen Kunden der grösste Anbieter von Pay-TV in Grossbritannien und Irland. Und jetzt raten Sie mal, wer die Tour dort überträgt. Nein, nicht BSkyB. Eurosport und ITV4 sind gezwungen, jeden Tag ausführlich die Konkurrenz zu erwähnen.

Am Mittwoch und am Donnerstag finden bei der Tour de France die beiden letzten grossen Bergetappen statt. Eurosport berichtet live ab 11 und 12.45 Uhr, SF2 jeweils ab 13.35 Uhr.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.