von Nick Lüthi

Gesicherter Start ins Ungewisse

Am nächsten Freitag geht es los: In sieben Schweizer Städten wird erstmals das Wochenmagazin Mag20 kostenlos verteilt. Dank einem Darlehen von BaZ-Investor Georges Bindschedler, ist die Startphase des Medienexperiments finanziell gesichert. Die Erstausgabe des Magazins liefert noch keinen Hinweis darauf, ob das Konzept mit einer aktiven Leser-Community anstelle einer Redaktion funktioniert.

Freitagabend, eine Bar im Zürcher Kreis 1, gut hundert junge Menschen, die meisten höchstens 30 und nach ihrem Äusseren zu beurteilen kreativ und kommunikativ tätig, feiern mit dem obligaten Apéro riche den Start eines neuen Medienprojekts. Das wäre nichts Nennenswertes, ja ganz Alltägliches, wenn hier ein digitales Irgendwas gelauncht worden wäre. Doch an diesem Abend traf man sich, um die erste Ausgabe eines gedruckten Magazins zu begiessen. Und zwar nicht eines für Life und Style, wofür ja selbst die sonst Papierabstinenten noch Geld auszugeben bereit sind.

Mag20 bietet Lesestoff entlang der klassischen Ressortstrukturen von Politik und Wirtschaft bis Kultur und Gesellschaft. Was das Heft von anderen unterscheidet: Es gibt keine Redaktion. Die Leser entscheiden, was ins Blatt kommt, indem sie die von Partnermedien und Einzelpersonen bereitgestellten Texte zum Druck vorschlagen. Die 20 Artikel mit den meisten Stimmen erscheinen als Mag20 (siehe auch Medienwoche vom 29. Juni). Das erste Heft, das am nächsten Freitag 50’000fach in sieben Deutschschweizer Städten verteilt wird, ist noch nicht nach diesem Prinzip zusammengestellt, da die Votingplattform erst am Sonntag für das Publikum geöffnet wurde. Wie sich das Experiment anlässt, werden erst die folgenden Ausgaben zeigen.

Medienexperimente scheitern oft deshalb, weil man ihnen zu wenig Zeit gibt. Damit es Mag20 nicht auch so ergeht, hat Georges Bindschedler das Portemonnaie geöffnet. Der Berner Jurist und frühere Verwaltungsratsvize von Espace Media (heute Tamedia) gehört zusammen mit Tito Tettamenti zu den Besitzern der Basler Zeitung. «Das Projekt von Herrn Bucheli sehe ich als ein spannendes Experiment für die Medienbranche, wie es sie leider viel zu wenig gibt», begründet Bindschedler seine Motivation, als Privatperson Mag20 zu unterstützen. Um welchen Betrag es sich handelt, ist nicht zu erfahren. Für Jungverleger Bucheli kommt der Geldsegen einigermassen überraschend. «In meinem ursprünglichen Businessplan hatte ich eine solche Finanzierung nicht vorgesehen gehabt», sagt Markus Bucheli im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. Der gelernte Wirtschaftsprüfer trat mit dem unternehmerischen Ehrgeiz an, sein Gratismagazin allein über Werbung zu finanzieren. Aber jetzt, da das Geld in Aussicht steht, sagt der Jungverleger natürlich nicht Nein, Unternehmerstolz hin oder her. «Ich hätte wohl einige schlaflose Nächte verbracht, wenn Mag20 nur aus dem Markt heraus hätte finanziert werden müssen», sagt Bucheli.

Der Kontakt zum Darlehensgeber kam über die Zeitschrift «Schweizer Monat» zustande. Das liberale Magazin, in dessen «Freundeskreis» sich Bindschedler engagiert, bietet Mag20 in der Startphase Texte zur Zweitverwertung an. Bindschedler hat sich einigermassen spontan entschieden, das Medienprojekt zu unterstützen: «Es war auch ein Bauchentscheid», gesteht er im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. «Ich habe mich schon ein bisschen von Buchelis Begeisterung anstecken lassen.» Er finde vor allem den Aspekt interessant, dass die Leser den Inhalt der Zeitschrift selbst zusammenstellen. «Bei Mag20 sieht man, was die Leute wirklich wollen», sagt Bindschedler. Gleichzeitig sei das natürlich auch der Knackpunkt. «Wenn die Community keine kritische Grösse erreicht, bestimmen ein paar wenige, was 50’000 Leute lesen sollen.» Dessen ist sich auch Bucheli bewusst. Deshalb wird es nun eine seiner vorrangigen Aufgaben sein, das Publikumsvoting bekanntzumachen und eine aktive Lesercommunity aufzubauen.

Was schon heute klar ist: Markus Bucheli hat mit seiner Idee den Nerv der Zeit getroffen. Eine «Versöhnung» von Print und Online, ein Medienprojekt, das Stärken beider Publikationsformen vereint, darauf scheint die oft ratlose Branche gewartet zu haben. Wohl auch deshalb machten Berichte über die bevorstehende Lancierung von Mag20 in ganz Europa die Runde und an den Medientagen München wird Jungverleger Bucheli neben deutscher Branchenprominenz über neue Medienmodelle diskutieren.

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Leserbeiträge

Mark 17. August 2012, 15:48

Mich würde interessieren, wieso jemand noch das Heft lesen sollte, wenn er doch die Top20 Artikel ohnehin schon online gelesen hat?

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Christina Burghagen 30. September 2012, 20:36

Wie gewonnen, so zerronnen. Eben habe ich mich noch über meinen Platz 1 gefreut, jetzt bin ich gefrustet, weil Mag20 eigestellt ist.
Die Kommentarfunktion auf der Site wurde lahmgelegt, ebenso die Pinwand von der FB-Seite.
Himmel, Bluff und Seifenblase…

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Mark 01. Oktober 2012, 09:36

Mag20 ist grandios gescheitert und dies nicht ohne Grund. Einerseits war die Basis der Leute, die einen Text empfohlen so klein, dass man mit ungefähr 10 Likes schon im Heft war. Damit wurden einfach jene gewählt, die ein paar Leute mobilisierten, völlig unabhängig von der Qualität der Texte – und die war teils wirklich schwach. Dazu kommt das katastrophale Layout der Titelseite. Da erwartete man eher eine Art 20Minuten Friday als ein Heft, das Anspruch auf guten Journalismus erhebt. Kurz geschrieben: Ein interessantes Projekt, schwach aufgelegt und schlecht umgesetzt.

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