von Nick Lüthi

«Unsere Autoren müssen schon ein bisschen mehr investieren»

Nach gut zwei Jahren und 15 Ausgaben hat sich das Magazin «Reportagen» als eine der ersten Adressen für langen und aufwändigen Journalismus im deutschsprachigen Raum etabliert. Daniel Puntas Bernet (48), Gründer und Chefredaktor des jungen Magazins, spricht im MEDIENWOCHE-Interview über seinen Umgang mit Autoren und Texten, sowie die Schwierigkeit, das Magazin kommerziell zum Erfolg zu bringen.

MEDIENWOCHE: Woher kommt deine Leidenschaft für die Reportage?
Daniel Puntas Bernet: Das ist schwierig zu sagen. Ich war bis fast 30 ein ausgesprochener Nichtleser. Als Devisenhändler, aber auch später im Marketing, bewegte ich mich in einer Scheinwelt, trug immer schön Krawatte, nickte brav und führte aus, was mir aufgetragen wurde. Irgendwann wurde mir das alles zu viel und ich begann zu lesen. Zuvor las ich höchstens mal den «Sport» oder den Sportteil der NZZ. Doch dann ging es von null auf hundert. Bald studierte ich Deutsche und Spanische Literatur und entdeckte die Reportage als literarische Gattung. Ich fand diese Texte schlicht genial: Belletristik, narrative Techniken, Unterhaltung, doppelter Boden – und zu allem hin erst noch wahr. Sensationell. Das war eine Entdeckung. Als nächstes warf ich meinen zwischenzeitlich gefassten Berufswunsch Lehrer über Bord: Ich wollte Journalist werden und selber Reportagen schreiben.

«Ich wollte Journalist werden und selber Reportagen schreiben.»

Du entscheidest also eines Tages: Jetzt werde ich Journalist und dann legst du gleich mit einer Reportage los?
Genau. Ich entdeckte eine starke Geschichte, die vor mir niemand aufgegriffen hatte; und sie spielte erst noch praktisch vor der Haustüre, im bernischen Oberaargau. Dort wurden für die SBB-Neubaustrecke der Bahn 2000 durch den Önzberg gleich drei Tunnelröhren gegraben. Ein italienischer Vorarbeiter, Nino Colasacco, und sein Team arbeiteten mit einer traditionellen Tunnelbaumaschine im «Wolfacher Nord». Eines morgens beim Betreten der Tunnelröhre unterhielt er sich mit «ihr», dem Berg (la Montagna) wie üblich, und da sagte sie ihm, dass sie müde sei. Er sprach auf sie ein, sagte ihr, dass nur noch ein kurzes Stück für den Durchstich fehle. Aber sie erwiderte, dass sie einfach nicht mehr möge. Darauf lief Colasacco zu seinem Team und forderte alle auf, den Tunnel zu verlassen. Und während sie also rausgingen, rief Colasacco der Bauleitung an und sagte, wenn sie mit eigenen Augen sehen wollten, wie ein Tunnel zusammenbricht, dann müssten sie nun zum Eingang kommen. Die dachten, der spinnt. Aber weil Colasacco ein angesehener Polier war, fuhren sie das ganze Alarmdispositiv hoch, inklusive Feuerwehr, Sanität und Polizei. Als die Tunnelarbeiter und Colasacco schliesslich draussen vor dem Tunnel standen, brach sie zusammen, la Montagna.

Wie bist du auf diese Geschichte gestossen?
«Schweiz aktuell» brachte einen kurzen Beitrag über den Einsturz, den meine Grossmutter gesehen hatte, die gleich nebenan wohnte. Sie hat mich darauf hingewiesen, weil ich sie fragte, ob sie ein Thema wüsste für meine erste Reportage. Dann habe ich den Fernsehbeitrag angeschaut und dachte, was für eine Geschichte, aber in den nächsten Wochen werden alle Medien darüber ausführlich berichtet haben. Doch nichts passierte. Das war mein Glück. Darum konnte ich mir so viel Zeit nehmen, wie ich wollte. Zu Nino Colasacco entwickelte ich eine enge Beziehung. Ich habe sogar Aussagen von ihm auf Bündnerdeutsch transkribiert, um ihn im Text authentischer wiederzugeben. Mit der Tunnelbauleitung der Bahn 2000 führte ich unzählige Gespräche und konnte so das Technische mit dem Emotionalen verbinden. Mir gefiel das Resultat, aber der Text wurde zuerst von zehn Redaktionen abgelehnt.

Weshalb?
Es kamen die Standard-Feedbacks. Passt thematisch nicht, zu lang, längst vorbei, was auch immer, ich weiss es nicht mehr genau. Da sagte ich mir: Bevor ich den Berufswunsch Journalist begrabe, kann ich es noch bei der NZZ versuchen, das traute ich mich zuerst nämlich gar nicht. Und das war ein Glücksfall. Die haben den Text genommen und machten daraus gleich ein «Zeitbilder». Der Fotograf Meinrad Schade hat die Reportage bebildert und mit ihm zusammen konnte ich in der Folge zahlreiche «Zeitbilder» realisieren.

Zwölf Jahre später bist du auf der anderen Seite und kannst als Chefredaktor die besten Texte auswählen, die dir angeboten werden. Quillt dein Postfach über vor Angeboten?
Wir erhalten wirklich viel. Und da ist alles dabei: Von der Idee über das Exposé bis zum fertigen Text. Die allermeisten Angebote kommen von Journalisten oder auch Schriftstellern, die diese Gattung nebenher pflegen. Von diesen unaufgefordert eingereichten Angeboten kommen pro Ausgabe etwa einer bis zwei Texte ins Heft. Die anderen Beiträge initiieren wir selber und entwickeln sie gemeinsam im Gespräch mit den Autoren.

«Und genau diese Intimität und Nähe wollen wir in einer Reportage.»

Wie läuft das genau?
Wir haben mit der aktuellen 15. Ausgabe bisher fast hundert Reportagen realisiert – und jede ist ziemlich anders entstanden. Nehmen wir die Reportage «Der Mörder als Pfleger», die letztes Jahr aus über tausend Einsendungen den deutschen Reporterpreis gewonnen hat. Der Autor Claas Relotius, ein Journalist aus Hamburg, hat mich angerufen und gesagt, er habe da eine Idee. Er wolle in ein Gefängnis in den USA, in dem nur Schwerverbrecher sitzen, die lebenslänglich bleiben. Dort gibt es auch Alzheimer-Patienten unter den Insassen. Dem Gefängnis fehlte das Personal, um die an Alzheimer erkrankten Häftlinge zu betreuen. Die innovative Gefängnisdirektorin hat daraufhin gesunde Insassen die kranken pflegen lassen. Häftlinge wurden zu Pflegern ausgebildet, von daher rührt auch der Titel des Textes. Relotius wollte aus dem Stoff eine Reportage machen. Ich habe ihm gesagt, diese Reportage wäre wohl kaum zu realisieren, bestenfalls bekomme er in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis ein Interview mit der Direktorin. Relotius wollte das aber unbedingt und insistierte beim US-Gefängnis fast ein halbes Jahr lang, bis er es geschafft hatte, mit einem solchen Pfleger und einem Alzheimerkranken zehn Tage im Gefängnis zu verbringen. Relotius trug sogar Häftlingskleider, begleitete die beiden überall hin. Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium heisst ja, dass man diese Menschen bei den intimsten Handlungen betreuen muss. Und genau diese Intimität und Nähe wollen wir in einer Reportage. Nachdem ich ihm also abgeraten hatte zu gehen, kam dann irgendwann mal der fertige Text.

Der Reporter in Häftlingskleider – das möchte man sehen. Aber «Reportagen» verzichtet auf Fotografien und illustriert die Texte, wenn überhaupt, nur mit Zeichnungen und Grafiken. Wieso keine Fotografie, nicht einmal auf der Titelseite?
Das ist in mehrfacher Hinsicht ein strategischer Entscheid. Der erste Grund: Es gibt an grösseren Bahnhofskiosks rund 3000 Titel. Das Cover von wahrscheinlich 2995 Magazinen ziert ein tolles Bild. Wenn «Reportagen» nun auch ein Bild auf dem Cover zeigt, gehen wir mit unserem Format völlig unter. Der zweite Grund: GEO und National Geographic bringen seit Jahren klassische Reportage mit einem Fokus auf der Fotografie. Wenn wir das gleich machen würden, wären wir für den Kunden am Verkaufspunkt kaum noch unterscheidbar. «Reportagen» wäre dann in der Wahrnehmung einfach ein kleines GEO aus der Schweiz.

«Reportagen» liegt an vielen Kiosken prominent aus. Zahlt ihr für diese Präsenz?
Am Anfang haben wir bei Valora für eine gute Kiosk-Platzierung Promotionen gebucht, damit man uns als Markt-Neuling überhaupt sieht. Das kostete sehr viel Geld, darum konnten wir das nicht weiterführen. Jetzt haben wir zeitweise das Glück, dass unser Titel nicht klar einem Genre zugeordnet werden kann, weshalb oft das Verkaufspersonal entscheidet, wo «Reportagen» platziert wird.

Neben dem Verkauf lebt «Reportagen» massgeblich von der Werbung. Eine Inserateseite kostet knapp 10’000 Franken. Wird das bezahlt?
Klar, wir haben ja ein paar Seiten Werbung in jeder Ausgabe. Dahinter stehen allerdings intensive Verkaufsbemühungen, denn von der Grösse her sind wir für viele Werbeleiter und Auftraggeber noch zu wenig interessant. Dass trotzdem bei uns gebucht wird, hat viel mit Sympathie zu tun. Aber auch mit der Hoffnung, dass sich «Reportagen» langfristig etabliert. Es gibt Werbekunden, die sagen sich, wenn es das Magazin noch lange gibt, dann war ich einer der ersten und erreiche dadurch eine höhere Glaubwürdigkeit bei einer interessanten Zielgruppe. Das ist ein Kalkül. Dann gibt es noch die Kunden, die über 90 Prozent ihres Budgets für die grossen, klassischen Titel aufwenden und 10 Prozent für Versuche einsetzen können oder nach Sympathie entscheiden. Ich habe mal dem Marketingleiter einer bekannten Konsumgütermarke eine Ausgabe von «Reportagen» geschickt, welche zufälligerweise einen Text von Michael Paterniti enthielt. Die wenigsten Schweizer Journalisten kennen diesen Autoren, für den Marketingleiter war Paterniti aber ein kleiner Gott. Als er unser Heft erhalten hatte, war es ihm weniger wichtig, wie hoch der Anzeigepreis ist, wie der Titel heisst, wer ich bin und was wir machen. Die Tatsache, dass wir Michael Paterniti publizieren, reichte ihm vollumfänglich, um bei uns eine Anzeige zu buchen.

«Die Zeit als Wirtschaftsredaktor weckte den Unternehmergeist in mir.»

Hat dir deine berufliche Vergangenheit in der Finanzwelt etwas gebracht, um den Schritt vom Journalisten zum Verleger zu wagen?
Meine Vergangenheit hat mir schon etwas gebracht. Aber sicher nicht jene als Devisenhändler. Die verlief eher durchzogen. Ich habe das nur drei Jahre lang gemacht und war damals, als ich in New York mit Millionen jonglierte, sehr jung. Boni wie heute wurden dazumal noch nicht ausgeschüttet, es ist also nicht so, dass ich mit irgendwelchen Reserven von damals den Aufbau von «Reportagen» hätte finanzieren können. Was mir sicher etwas gebracht hat, ist die Zeit als Wirtschaftsredaktor bei der «NZZ am Sonntag». Dort hatte ich während fünf Jahren oft mit Unternehmen zu tun. Als schreibender Journalist empfand ich immer Bewunderung für den Unternehmertypus. Manchmal war ich fast ein wenig eifersüchtig. Da spreche ich mit einem Unternehmer für ein Porträt oder ein Interview und werde mir bewusst, dass ich eigentlich nur das Sprachrohr bin, von jemandem der wirklich etwas leistet und Verantwortung trägt. Daraus ist der Wunsch entstanden, selbst etwas zu schaffen. Die Zeit als Wirtschaftsredaktor weckte den Unternehmergeist in mir.

Also der bei Journalisten verbreitete Wunsch, mal selbst Verantwortung zu übernehmen und etwas Nachhaltiges zu produzieren.
Das schon auch. Aber im Zentrum stand klar die Leidenschaft für die Gattung der Reportage. Und das Wissen, oder zumindest die Hoffnung, dass solche Texte auch etwas bewirken können. Kombiniert mit unternehmerischen Impulsen ergab das dann das konkrete Projekt.

Wie viele Abonnenten zählt «Reportagen» heute?
Aktuell sind es knapp 4500. Und etwas weniger setzen wir bei jeder Ausgabe zusätzlich im Einzelhandel ab. Das reicht aber noch nicht aus. Um über die Runden zu kommen, müssen wir den Abo-Stamm etwa verdoppeln.

Ist das realistisch?
Das ist die entscheidende Frage. Eine Zahl gibt zu Hoffnung Anlass: 85 Prozent der Abonnenten stammen aus der Schweiz. In Deutschland und Österreich konnten wir bisher weniger verkaufen, als ursprünglich erwartet. Dort liegt noch ein grosses Potential.

Und das trotz regelmässiger Präsenz mit Lesungen und Medienauftritten in Deutschland und Österreich?
In journalistischen Kreisen und oder im Verlagswesen bringt das zwar Bekanntheit, aber nicht unbedingt zusätzliche Käufer. Hauptsächlich aus zwei Gründen. In der Schweiz ist man schnell bereit, 20 Franken für ein Magazin in unserer Machart zu bezahlen. Aber 15 Euro sind für den deutschen Konsumenten sehr viel mehr Geld. Zum anderen ist die deutsche Presselandschaft reichhaltiger, es gibt auch einige Titel, die regelmässig Reportagen abdrucken. Kürzlich habe ich mit Cordt Schnibben, dem Leiter des «Spiegel»-Gesellschaftsressorts, gesprochen. Ich habe ihn gefragt, was wir machen müssen, damit wir in Deutschland besser in die Gänge kommen und mehr absetzen können. Da meinte er nur: Ihr müsst besser werden, relevanter, einzigartiger. Und ich teile seine Meinung.

«Entscheidend für eine gute Reportage ist der Antrieb, etwas zu Ende zu recherchieren.»

Was unternimmst du jetzt?
Wir versuchen, noch innovativer an unsere Geschichten heranzugehen. Im Zentrum unseres Magazins stehen Autorinnen und Autoren. Wir bieten lediglich die Plattform und initiieren Dinge. Was ich feststelle: Es gibt beseelte Reporter, die wollen einfach, selbst wenn sie nicht schreiben können. Entscheidend für eine gute Reportage ist der Antrieb, etwas zu Ende zu recherchieren und in die Tiefe zu gehen. Wenn das stimmt, kann man das schreiberische Manko unter Umständen korrigieren. Umgekehrt funktioniert es nicht. Wer super schreibt, aber nichts zu sagen hat, liefert nur dünne Texte. Oft stelle ich fest, dass sich freie Journalisten sehr schnell zufriedengeben. Vielleicht auch, weil sie es gewohnt sind, maximal zwei, drei Tage an einer Geschichte dran zu sein. Es kam schon vor, dass Journalisten uns sagten, sie wollen sich für ein Thema eine Woche Zeit nehmen. Wir finden aber: Nein, entweder länger oder gar nicht. Zuerst sind die meisten erstaunt, gleichzeitig fordert es sie heraus. Dort trennt sich der Spreu vom Weizen.

Was zahlt ihr an Honorar?
Wir zahlen im Branchenvergleich überdurchschnittlich. Wenn jemand einen Monat an einer Reportage arbeitet, dann gibt das zwischen 3000 und 6000 Franken. Je nach Autor, Konstellation und Spesenaufwand. Es gibt keine fixen Tarife.

Für «Reportagen» schreiben regelmässig grosse Namen, wie Margrit Sprecher oder Erwin Koch. Welches Verhältnis zwischen Prominenz und unbekannten Talenten pflegst du?
Bei den grossen Namen geht es mir nicht ums Marketing. Ursprünglich wollten wir mit «Reportagen» den Spagat zwischen Literatur und Journalismus versuchen und positionierten uns sowohl am Kiosk wie in den Buchhandlungen. Tatsache ist aber, dass wir in den Buchhandlungen viel weniger verkaufen. Also wird das Magazin weniger als literarisches Produkt wahrgenommen, sondern vielmehr als journalistisches. Und bei einem journalistischen Produkt zählt der Inhalt und nicht zwingend der Autoren-Name. Erwin Koch und Margrit Sprecher kennen praktisch alles Journalisten hierzulande. Aber den allermeisten Konsumenten am Kiosk sagen diese Namen nichts. Am Anfang haben wir ganz bewusst Autoren wie Roger Willemsen und Sibylle Berg schreiben lassen. Wir hätten aber nicht gemerkt, dass dies auf den Absatz einen positiven Einfluss gehabt hätte. Für mich ist der gute Text entscheidend. Ich habe mit meinem Team auch schon «Blind-Degustationen» gemacht, indem ich mehrere Texte ohne Namen vorgelegt habe. Dabei hat sich die Spreu vom Weizen schnell getrennt; und meistens haben die grossen Namen obenaus geschwungen.

Ein wichtiger Teil deiner Arbeit macht das Redigieren der Texte aus. Wie gehst du dabei vor?
Rein intuitiv, basierend auf der Lektüre unzähliger Reportagen und der Erfahrung, selber einige Texte verfasst zu haben. Die Erfahrung als Redaktor bei der «NZZ am Sonntag» hilft mir dabei. Für mich sind Rhythmus und Flow eines Textes entscheidend. Ein klassischer Fehler, den viele machen: Beginn mit dem szenischen Einstieg worauf ein Abschnitt mit Wikipedia-Fakten und dem Grund folgt, warum man den Text lesen sollte; anschliessend werden die Experten oder Hauptfiguren der Reihe nach zitiert und zum Schluss wird der szenische Einstieg aufgenommen und abgerundet. Ein Text nach diesem Strickmuster langweilt den Leser, weshalb wir versuchen, solches bei «Reportagen» zu vermeiden.

Auch wenn das Thema stimmt?
Auch dann. Denn es zeigt oft, dass sich der Journalist nicht allzu viel überlegt hat, respektive nach Schulbuch und Raster XY etwas runtergeschrieben hat. Das kann es ja nicht sein. Wir erscheinen nur alle zwei Monate und müssen umso mehr als andere versuchen, mit sorgfältig elaborierteren Texten ein Magazin zu machen, das man idealerweise ein Jahr später immer noch mit Gewinn lesen kann. Deshalb müssen Autoren bei uns schon ein bisschen mehr investieren. Aber mein Vorgehen beim Redigieren ist absolut subjektiv. Ich redigiere die Texte so, dass ich sie am Schluss gerne lese. Da masse ich mir an zu sagen, dass es so sein muss. Damit gehe ich dann zum Autor und zeige ihm meine Fassung. Ein gutes Beispiel: Wir erhielten einen Text zugeschickt über thailändische Bauern, die am Polarkreis Beeren pflücken. Die Reportage lag auf meinem Nachttisch und ich hatte dreimal begonnen, sie zu lesen – und bin jedes Mal darüber eingeschlafen.

Wieso hast du ihn dann nicht einfach weggelegt?
Das Thema hat mich schon gereizt. Dann traf ein Notfall ein. Bei der Planung von Ausgabe Nummer sechs fiel ein Text aus und wir hatten auf einmal einen zu wenig. In der Not kam mir diese Reportage wieder in den Sinn. Erst dann habe ich mich gezwungen, den Text zu Ende zu lesen. Und er war tatsächlich gut! Zuvor hatte mich einfach dieser gekünstelte, arrogante und dandyhafte Einstieg davon abgehalten, weiterzulesen. Ich fragte den Autor, ob er über den eigenen Schatten springen und den Einstieg streichen könnte. Kein Problem, meinte er, und mit ein paar weiteren Anpassungen war der Text bald druckreif.

Wie stark greifst du in einen Text ein beim Redigieren?
In der Regel sind meine Eingriffe nicht so drastisch und radikal. Ich würde auch nie ganze Abschnitte selber schreiben. Es sind viel mehr kompositorische Eingriffe. Ich drucke die Texte immer aus. Oft zerschneide ich sie mit der Schere und setze sie neu zusammen. In der Regel sage ich den Autoren dann: Hier fehlt noch etwas, da müsste man noch leicht ausbauen. Normalerweise hören sie von Redaktionen das Gegenteil.

«Ich konnte nicht anders, als zu heulen.»

Gibt es einen Text, an den du dich besonders gerne erinnerst?
Darf ich zehn nennen? OK, zwei. Erwin Koch schreibt seit dreissig Jahren Reportagen. Alle kennen seine Texte. Die Kritik an ihn lautet ja, dass er etwas manieriert schreibt. Einen Koch erkennt man sofort. Wir haben für die erste Ausgabe mit ihm eine Geschichte abgemacht. Kurz bevor wir damals mit der Produktion loslegten, schickte er mir einen anderen Text und fragte mich mit seinem typischen Understatement, ob das eventuell etwas wäre für uns. Ich las diesen Text von über 40’000 Zeichen auf meinen Smartphone auf der Zugfahrt von Zürich nach Bern und konnte nicht anders, als zu heulen. «Sarah» ist die Geschichte eines 17-jährigen Mädchens aus dem Luzernischen, das an Leukämie erkrankt und stirbt. Für mich einer der besten Texte, die Koch je geschrieben hat. Ein Glücksfall, dass er ihn uns angeboten hat. Ich kenne niemanden, den dieser Text nicht emotional berührt hätte. In der zweiten Nummer publizierten wir einen Text von Sabine Riedel, einer Autorin in der zweiten Lebenshälfte, die in Russland verliebt ist und nach St. Petersburg reist, um Russisch zu lernen. Wenn mir das jemand als Exposé schicken würde – ich geh’ dann mal nach St. Petersburg und lerne ein bisschen Russisch, dürfte ich was für Sie schreiben – dann würde ich wohl ablehnen. Aber sie hat das nicht so gemacht. Riedel ging nach St. Petersburg und lernte dort einen Künstler kennen, zu dem sie eine sehr enge Beziehung hatte. Zurück in Deutschland erfuhr sie wenige Zeit später vom Tod des Künstlers. Das hat sie emotional dermassen durchgerüttelt, dass sie sich eines abends hinsetzte und zwölf Stunden später einen Text von 50’000 Zeichen fertiggestellt hatte. Aus einem Guss. Es ist das beste, das ich je über St. Petersburg gelesen habe. Selbst wenn ich nie nach St. Petersburg reisen sollte, würde das keine Rolle spielen, denn ich war dank ihr schon dort.

Du hast selbst noch nie einen Text im eigenen Heft veröffentlicht. Wieso nicht?
Es gibt zwei Gründe. Erstens hätte ich gar keine Zeit dafür. Bevor wir nicht ökonomisch auf stabilen Beinen stehen, ist das kein Thema. Zuerst wollen wir den Break-even schaffen. Zweitens schreibe ich zwar wahnsinnig gerne Reportagen und bin ein leidenschaftlicher Recherchierer. Wenn ich dran bin, dann beschäftige ich mich 24 Stunden nur mit meinem Thema und sauge alles auf. Aber ich würde mich selbst nur als durchschnittlichen Schreiber bezeichnen. Solange es bessere Autoren gibt – tant mieux.

Spürst du keinen Publikationsdruck wie ihn viele Journalisten kennen?
Wenn mir etwas fehlt, dann ist es nicht das Schreiben, sondern das Recherchieren und Rausgehen. Das ist das beste im Leben eines Journalisten. The licence to ask. Bei der «NZZ am Sonntag» spürte ich nach einigen Jahren auch die negative Seite des Berufs eines Redaktors. Ich hatte allmählich das Gefühl, zum Beamten zu werden. Jede Woche musste Stoff her, egal ob Milchpreis oder Hedgefunds. Ich kam am Dienstag auf die Redaktion, habe ein Thema gefasst und ein bisschen recherchiert. Eine solche Routine möchte ich vermeiden. Deshalb mache ich nun lieber lange nichts als Reporter und wenn, dann etwas Richtiges.

Wenn du schon nicht schreibst und recherchierst, kannst du dann wenigstens inhaltliche Inputs und Anregungen zur Recherche geben?
Das kommt oft vor. Ich habe einmal in Wilderswil im Bahnhofsrestaurant einen Kaffee getrunken und wurde dort von einer Koreanerin bedient. Der Hintergrund: Im «Bahnhöfli» steigen hauptsächlich südkoreanische Touristengruppen ab. Ich fand das spannend. «London in – Rome out», oder umgekehrt, nennt sich deren zehntägige Route durch Europa. Die Gäste in Wilderswil haben beispielsweise in Mailand nachtgegessen und kommen um ein Uhr nachts im Berner Oberland an. Um fünf Uhr werden sie geweckt und kriegen einen Doggy-Bag um aufs Jungfraujoch «hochzuseckeln». Dann kommen sie wieder runter. Am Mittag essen sie in Wilderswil, koreanisch, um sich endlich einmal kulinarisch von der europäischen Küche zu erholen. Anschliessend sitzen sie in den Bus und am Abend dinieren sie bereits in Paris. Toller Stoff für eine Reportage, ein Journalist müsste die Gruppe einfach zehn Tage lang begleiten. Ich habe gleich vor Ort vereinbart, dass wir jemanden beauftragen würden. Eine Übersetzerin hatte ich schnell organisiert. Aber einen Journalisten konnte ich keinen finden. Die wenigen, die Interesse zeigten, wollten nicht die ganzen zehn Tage mit auf die Reise, allenfalls zwei bis drei Tage, allerhöchstens. Das wiederum wollte ich nicht. Am Ende hat die Übersetzerin die Reportage gleich selber geschrieben.

Ist es generell schwierig, Autoren zu finden?
Es kommt oft vor, dass Journalisten aus irgendeinem Grund irgendwo hingehen und mir dann noch eine Geschichte verkaufen wollen. Die sagen sich, ich bin eh zwei Wochen dort, dann kann ich nebenbei gleich noch etwas machen. Aus Sicht von freien Journalisten, die ja auch ökonomisch agieren müssen, ist das mitunter verständlich. Als ich kürzlich wieder ein solches Angebot erhielt, sagte ich der Autorin: Tolle Idee, nun müssen Sie nur nochmals hinfahren und länger bleiben. Sie war dann ziemlich irritiert, als die das hörte.

Überrascht dich dieses Verhalten?
Ich mache den freien Journalisten keinen Vorwurf. Ich habe selbst als freier Journalist gearbeitet und kenne die Zwänge. Um als Freier über die Runden zu kommen, noch dazu mit einer Familie, hat man es nicht leicht. Deshalb machen auch die meisten Freien nebenher noch PR. Gut werden diejenigen, die einen Brotjob haben, aber sich ein, zwei Mal im Jahr wirklich Zeit nehmen, um für eine Geschichte alles zu investieren. Wenn ein Journalist den unbändigen Drang verspürt, eine Geschichte erzählen zu wollen, dann kommt es gut in der Regel auch gut. Für den Schriftsteller Urs Mannhart ist es zum Beispiel normal, dass er für eine Reportage in einer abgelegenen Weltgegend wochenlang unterwegs ist. Bei seiner Sibirien-Reportage waren es sechs Wochen. Er will das so und für den Text ist es ein Glück.

Wo entdeckst du neue Autoren?
Überall, ich lese alles, was mir in die Hände kommt. Einschlägige Magazine, die in die gleiche Richtung gehen, wie «Reportagen», viele aus dem Ausland. Dann lese ich die üblichen Titel, das «Zeit»-Dossier, «Das Magazin» und schaue, ob es Autoren gibt mit einem neuen Zugang zu Themen. Dabei achte ich weniger aufs Schönschreiben. Mir geht es um die Haltung, die sich hinter einem Text verbirgt. Im letzten Oktober habe ich im «Zeit»-Dossier eine Text gelesen über einen homosexuellen Boxer aus Puerto Rico. Der Text hat mich berührt. Dann habe ich die Autorin kontaktiert, eine junge Journalistin, die sich versucht einen Namen zu machen. Nun sind wir im Gespräch, einfach weil ich finde, die hatte den richtigen Zugang zu diesem Boxer.

Einen Autor hat man mit einer gewissen Überraschung zur Kenntnis genommen: Tom Kummer. Wieso schreibt der für «Reportagen»?
Es ist nicht etwa so, dass er auf uns zugekommen war. Ich habe ihn kontaktiert, weil ich ihn einen hervorragenden Autor finde. Das sind Texte, die mich reinziehen und die auf mich eine regelrechte Sogwirkung ausüben.

Egal ob erfunden oder real?
Ich spreche nur von dem, was er heute schreibt, nicht von seinen früheren Interviews.

Hast du die auch toll gefunden?
Die waren super. Aber ich bin genau so hinters Licht geführt worden, wie alle anderen Leser auch. Dann folgte die ganze Debatte. Ich habe das Gefühl, sein Talent, Geschichten zu erzählen, ist ein Valeur, ein Mehrwert, den ich will. Von ihm verlange ich nun umso mehr Ehrlichkeit gegenüber dem Leser. Denn das Leservertrauen ist unser wichtigstes Gut, das man nicht zerstören darf. Wenn man so tut, als wäre etwas richtig, obwohl es nachweislich falsch ist, dann ist das ein absolutes No-Go. Es gibt aber viele gute Reportagen, die in Richtung Essay gehen und dadurch die Gedanken des Autors vermehrt ins Zentrum des Textes rücken. Das sind zwar reale Gedanken, aber kontrastiert mit der erlebten Realität, können schon Mal Passagen entstehen, welche ins Fiktive abdriften. Letztlich ist es wichtig, dass der Leser deutlich zu erkennen vermag, was gedankliche Spielereien sind und was die Fakten. Wir haben wegen des Kummer-Textes tatsächlich drei böse Mails inklusive Abo-Kündigung erhalten. Alle drei waren Journalisten. Demgegenüber stehen rund zwei Dutzend Mails von Lesern, die den Text toll fanden. Wir Journalisten haben die Tendenz, mit unserer Branchen-Brille die Dinge oft allzu kritisch zu sehen.

Das Interview ist eine redigierte Abschrift des «Journitalk» vom 10. Februar im Berner Käfigturm.

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