von Nik Niethammer

Am Ende des Regenbogens

Sie scheren sich keinen Deut um professionelle Spielregeln und sind trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) erfolgreich; die deutschsprachige Regenbogenpresse blüht wie eh und je. Mit dem Watchblog topfvollgold.de haben die bunten Blättchen nun einen treuen Begleiter erhalten, der schonungslos aufzeigt und aufdeckt, wie der Klatsch- und Tratsch-«Journalismus» funktioniert.

Schlagersänger Hansi Hinterseer erzählte kürzlich in einem Interview, er trage beim Skifahren nie einen Helm. Das deutsche Regenbogenblatt «Woche der Frau» bastelte aus dieser Nachricht die folgende Schlagzeile: «Er spielt mit seinem Leben. Und seine Frau muss hilflos zusehen». Etwas zugespitzt, finden Sie? Ein Einzelfall?

Die frühere Tennisspielerin Steffi Graf fragte in ihrem Blog nach Tipps, «wie man das Leben einen Gang runterschalten könnte». Das Klatschblatt «Promi Welt» konstruierte daraus einen «verzweifelten Hilfeschrei» der Ex-Sportlerin und titelte: «Absturz in die Lebenskrise».

Rund 70 Wochen- und Monatstitel der Regenbogenpresse balgen im deutschsprachigen Raum um die Aufmerksamkeit der Leser. Das sind eine halbe Milliarde Hefte pro Jahr. Sie heissen «Frau mit Herz», «Echo der Frau», «Frau im Spiegel» oder «Die neue Frau». Trotz Printkrise verkaufen sich die modernen Märchenblätter beachtlich: Marktführer «Freizeit Revue» kann mit einer Auflage von rund 800‘000 Exemplaren problemlos mit «Spiegel» und «Stern» mithalten.

Der Inhalt der dünnen Heftchen ist so seicht wie austauschbar: Geschichten über Prominente und Adelige, verrührt mit Herzschmerz und ganz viel Betroffenheitsgeschwurbel. Gerüchte, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, bei Bedarf auch frei erfundene, knallig bunt aufgemacht, dazu Überschriften aus dem Stehsatz: «Schock», «Skandal», «Hurra» – fertig sind die bunten Blätter. Emotionen sind wichtiger als Fakten, lautet die Devise von Klatschjournalisten, deren Kontakte zu Stars sich meist auf Unterlassungsklagen beschränken.

Zwei junge Journalisten haben sich zum Ziel gesetzt, genauer hinzusehen, die «Schweinereien der Regenbogenpresse» in die Öffentlichkeit zu zerren. Mats Schönauer und Moritz Tschermak gründeten vor einem Jahr den Watchblog topfvollgold.de. Woche für Woche durchforsten sie rund 20 Titel auf der Suche nach erfundenen Geschichten und verdrehten Tatsachen. Ihre Enthüllungen über vermeintliche Enthüllungen posten sie täglich auf ihrem Blog.

Es gibt viel zu tun in diesen Tagen für die Yellow-Press-Kritiker. Während das «Journalistenrudel den Geschmack an seiner Beute verloren hat und weiterzieht, machen sich die Kollegen der Regenbogenpresse über den halb zerfledderten Kadaver her», sagt Topfvollgold-Gründer Moritz Tschermak. Und meint damit den verunfallten Rennfahrer Michael Schumacher.

Das liest sich dann so: «Neue Hoffnung. Wird jetzt alles gut?», titelt «Das goldene Blatt», nachdem die französische Sportzeitung «L’Equipe» unter Berufung auf «sehr sichere Quellen» berichtet hatte, Schumacher hätte geblinzelt. Während die «Woche der Frau» so tut, als sitze ihr Reporter an Schumis Krankenbett («Das erste Lächeln in der Klinik»), fragt sich die «Revue Exklusiv» besorgt: «Wie erträgt Corinna dieses Schicksal?». Für die «Revue der Woche» ist klar: «Schumacher forderte das Schicksal zu oft heraus». Und die «Freizeitwoche» gibt sich hellseherisch: «Corinnas Liebe holte ihn ins Leben zurück».

Ich selbst habe viele Jahre als People-Journalist gearbeitet, zuletzt bei der Schweizer Illustrierten. Dort hiess die Devise: wir sind die Guten. Keine Häme, kein Sarkasmus, keine Härte. Kalt geschriebene Geschichten kommen nicht ins Blatt. Prominenten begegnen wir mit Respekt, weil wir etwas von ihnen wollen. Im besten Fall lassen sie uns in ihre Seele blicken. Im zweitbesten Fall dürfen wir wiederkommen.

Menschen so zu behandeln, wie man gerne selbst behandelt werden möchte: Das ist für mich der Unterschied zwischen einer sorgfältig recherchierten People-Geschichte und einem hingerotzten Klatschstück.

Mich erstaunt immer wieder, wie viele Menschen den Stuss der Regenbogenpresse lesen. Und das, obwohl viele dieser Blätter täglich Persönlichkeitsrechte verletzen, jede journalistische Sorgfaltspflicht mit Füssen treten, verzerren, lügen. Vielleicht hat dies damit zu tun, dass sich die Akzeptanz der Klatschpresse eingebürgert hat. Jeder weiss, dass hier Schund produziert wird. Aber so richtig darüber aufregen mögen sich nur wenige.

Einer von ihnen ist Moderator Günther Jauch, selbst schon Opfer der Klatschpresse: «Topfvollgold ist die einzige ernst zu nehmende Seite im Netz, die sich die Mühe macht, den wöchentlichen Dreck der Yellow Press nicht nur durchzuarbeiten, sondern als solchen auch zu benennen.»

Die Macher selbst scheren sich kaum um das schlechte Image ihrer Branche. «Wir erzählen keine Märchen», argumentieren sie. «Wir erzählen Geschichten.» Und: «Man wird als Leser ja wohl noch träumen dürfen.»

Ich halte es gerne mit dem holländischen Philosophen Baruch de Spinoza, der einmal sagte: Das, was Paul über Peter sagt, sagt mehr über den Paul aus als über den Peter.

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Leserbeiträge

Bachmann ivo 01. April 2014, 06:09

Vielen Dank für diesen Bericht!
Ich klatsche und ziehe den Hut!
Beim Tratschen mit meiner Frau ist mir aufgefallen, dass es ein Grundbedürfnis
der Menschheit ist so richtig dick veräppelt zu
werden!

Und ist der Regenbogen erst mal gepresst!
Springt er nur noch selten aus seinet halbrunden Form!
Die farbigen Geschichten bleiben meist in den Köpfen der sensationssüchtigen Leset!

Denn Wahrheit ist was eine Mehrheit der Leser
wahrnimmt!

Übrigens habt ihr gewusst das Roger Federer
Riesenschildkröten als Vorbild nimmt?
Seit er die psychologie dieser Urtierw genauer
Betrachtet hat und ihre Lebensart verinnlicht,
Ist er wieder auf dem Weg an die Spitze!

Ich wünsche allen Prominenten einen Schild!
Der Sie vor den Journalistischen Kröten bewahrt!

Wer journalistische Riesenkröten kennt darf dies hier schildern!

Somewhere over the Rainbow!

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