von Antonio Fumagalli

Nachrichtenflaute muss nicht sein

Wenn der Betrieb im Bundeshaus ruht, reagieren auch die Redaktionen: Im Juli und August fahren sie die Politikberichterstattung herunter, das Sommerloch klafft. Es ginge auch anders: Nie haben Journalisten so viele freie Kapazitäten und hetzen nicht von Termin zu Termin. Die Politik könnte sich das zunutze machen und Themen setzen. Begriffen hat das bisher nur die SVP.

Der Montagmorgen ist heilig. Kompensationstage sollten wenn möglich nicht dann eingelöst werden und die zahlreichen anwesenden Journalistinnen und Journalisten haben sich im Vorfeld ein paar Gedanken gemacht. Am Montagmorgen ist Wochensitzung. Es werden Themenseiten geplant, Interviewpartner gesucht, Jubiläen diskutiert, Thesen verworfen. Unser Inlandbüro in Bern ist per Freisprech-Telefon mit der Zentralredaktion in Aarau verbunden.



Neben der individuellen, im Idealfall dossiergetriebenen Planung gibt es vor allem zwei Instrumente, die uns helfen, die Wochensitzung vorzubereiten: Das jeweils am Sonntagabend verschickte Programm der SDA und der laufend aktualisierte Veranstaltungskalender des Bundes. Als ich Anfangs Juli aus den Ferien zurückkehrte und voller Elan die bevorstehende Wochensitzung vorbereiten wollte, liess mich der Blick auf den Veranstaltungskalender leer schlucken: Die nächste Pressekonferenz eines Bundesbetriebs war auf den 22. Juli angesetzt und versprach nicht einmal sonderlich spannend zu werden; die Zollverwaltung präsentierte neue Exportzahlen. Danach wieder gähnende Kalenderleere bis im August.



Ich wusste: Da war es jetzt also, das vielzitierte Sommerloch – geschmälert nur dadurch, dass es dieses Jahr ja eigentlich gar kein Sommer war. Nicht, dass es mein erster journalistischer Sommer gewesen wäre, aber der erste als Inlandredaktor in Bern. Und da ist die Nachrichtenflaute wohl stärker als in jedem anderen Ressort zu spüren. Keine Bundesratssitzung, bei der die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Keine Kommissionssitzungen, die parlamentarische Entscheide vorspuren. Kein Bundesamt, das eine Studie präsentiert. Kaum Veranstaltungen von Interessensgruppierungen, die sich ein Stück des Berner Politkuchens abschneiden möchten. Im Medienzentrum hörte man jedes Blatt Papier auf den Boden fallen, so ruhig war es.



Die Redaktion der «Nordwestschweiz» versuchte, die nachrichtenarme Zeit mit einem reduzierten Umfang der Inlandseiten und einer Sommerserie zum Fachkräftemangel zu überbrücken. Und wir Redaktoren fanden uns manchmal in einer völlig neuen Rolle wieder – so ging ich zum Leserwandern und berichtete darüber in der Manier eines Klassensprechers. Oder wir schrieben Artikel, die auch einen Monat später hätten erscheinen können.



Wenn überhaupt, ruft im Sommerloch am ehesten mal noch eine Partei zu einer Pressekonferenz. Am aktivsten macht dies – wen wunderts – die SVP. Nachdem sie die Initiative «Landes- vor Völkerrecht» bereits vor einem Jahr angekündigt hatte und man zwischenzeitlich vermuten musste, dass Blocher und Co. den Mund zu voll genommen und ihr Initiativprojekt heimlich begraben hatten, doppelte sie diesen Sommer bekanntlich nach. Der Widerhall in den Medien war der Partei gewiss. Angesichts der Tragweite des Begehrens war eine prominente Berichterstattung zweifellos berechtigt. Der ansonsten erst langsam aus dem Sommerschlaf erwachende Politbetrieb erleichterte den Blattmachern die Entscheidung aber zusätzlich.



Es ist dieses Sendebewusstsein, das ich von den Parteien während der Sommermonate vermisse. Und was ist mit den Kampagnenleitern der Abstimmungen, die wenige Wochen später stattfinden? Nie ist es einfacher, seine Botschaft in den Medien zu platzieren als zwischen Mitte Juli und Mitte August. Die Zeitungen sind zwar etwas weniger umfangreich als üblicherweise, veröffentlicht werden sie gleichwohl. Natürlich räkeln sich viele Abonnenten an einem fernen Strand und beschränken ihren Medienkonsum auf politikfreie People-Magazine, aber nicht wenige arbeiten. Oder aber sie verbringen ihre Ferien auf Balkonien und haben erst recht Zeit für ausgiebige Zeitungslektüre. Warum nicht diese Leute mit einer neuen Idee, einem Positionspapier, einem Initiativprojekt oder einer Studie abholen? Einmal mehr könnten sich punkto Strategie viele Parteien ein Stück vom SVP-Kuchen abschneiden.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt ein Blick nach Schweden. Das Wort Sommerloch existiert dort vermutlich gar nicht. Denn Mitten im Sommer treffen sich alle wichtigen Player der nationalen Politik – dieses Jahr waren über 25’000 Teilnehmer gemeldet – auf der Insel Gotland zur sogenannten Almedalsveckan. Die Parteien präsentieren sich, Reden werden gehalten und Koalitionen geschmiedet – ein veritables Mini-WEF der Politszene. Und genügend Stoff für eine Berichterstattung, die das Sommerloch mit harten News füllt.

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