von Ronnie Grob

«Sternstunde Emotionen»

Aus unerfindlichen Gründen nennt sich eine Interviewsendung am Schweizer Fernsehen «Sternstunde Philosophie». Stephan Klapproth, einst kalauernder Moderator des Nachrichtenmagazins «10 vor 10», versucht im Gespräch mit Carla del Ponte vor allem Befindlichkeiten und Persönliches zu erspüren; von Philosophie keine Spur.

Als «die Frau, die lachend Mörder jagt», wurde sie von SRF angekündigt. Und sie stellte sich als die seit 2011 pensionierte ehemalige Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Carla Del Ponte, heraus.

In den ersten zwanzig Minuten des Gesprächs wollte Moderator Stephan Klapproth von ihr folgendes wissen:

  • Wie fühlt sich das an, wenn man den «Bösen» die Hand schüttelt?
  • Warum haben Sie als Kind Schlangen gejagt und gefangen?
  • War es interessant, Scheidungsanwältin zu sein?
  • Haben Sie von Anfang an gespürt, dass Falcone «ein Ausnahmemensch oder -jurist» ist?

Um Minute 22 geht es dann richtig in die Tiefe, Klapproth bohrt nach bezüglich der Beziehung zwischen Del Ponte und dem 1992 bei Palermo ermordeten italienischen Richter Giovanni Falcone. «Hat er Ihnen gefallen?» fragt Klapproth und behauptet in einem sprachlich nicht ganz nachvollziehbaren Satz, Del Ponte gebe in ihrer Biografie sogar zu, sie habe damals «ihr Pendant für südländische Macho-Typen entdeckt»:

Ob er einem Mann so eine Frage auch gestellt hätte? Doch Klapproth hat nicht genug erfahren. Er will noch mehr Gefühle, noch mehr Befindlichkeiten:

  • Hatten Sie keine Angst als junge Staatsanwältin?
  • Haben Sie gespürt: Das ist jetzt eine grosse, historische Mission, die wir machen?
  • Waren Sie vielleicht manchmal auch zu forsch?
  • Ich glaube, herauszuspüren, dass Sie durchaus bereit wären, sich wieder zu engagieren. Würden Sie wieder?
  • Wenn Sie zurückblicken beruflich gesehen: Wann waren Sie am Glücklichsten? Was war das Allerbefriedigendste für Sie?

Herausgekommen ist ein munteres, durchaus informatives Gespräch, das Klapproth einfach unter dem falschen Titel und auf dem falschen Sender geführt hat. Denn: Mit Philosophie hat diese Sendung nicht im Entferntesten etwas zu tun. Und richtig platziert wäre seine auf Gefühlsäusserungen zielende Interviewtechnik auf einem Privatsender wie RTL, und nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dass er jemals eine «Sternstunde Philosophie» leiten würde, hätte er sich tatsächlich nie erträumt, wie er in der SRF-Medienmitteilung zugibt: «Dass sich jetzt der Wunsch erfüllt, jenseits der Tagesaktualität dem Zeitgeschehen noch viel tiefer auf den Grund zu gehen, hätte ich mir nie erträumt damals, als ich an der Uni mit Leidenschaft in die Politische Philosophie eintauchte.»

Noch viel tiefer! Auf den Grund! Um ehrlich zu sein: Ausser den Verantwortlichen, die ihn in diesen Job gehievt haben, hat sich kaum jemand vorgestellt, dass der durch seine abendlichen Wortspiele bekannt gewordene Moderator mal die Aufgabe fasst, philosophische Fragen zu erörtern. Gerettet hat das Niveau des Gesprächs die eingeladene Person, wie auch Autorin und Regisseurin Güzin Kar auf Twitter feststellt:

Eine Sendung «Sternstunde Philosophie» zu nennen, war schon immer grössenwahnsinnig. Aber mit Stephan Klapproth ist dieser Titel zum Witz geworden, denn er versucht nicht mal im Ansatz, ein Gespräch aus philosophischer Warte zu führen. Um das Problem der offensichtlichen Fehlbesetzung zu lösen, muss man entweder die Sendung umbenennen. Oder Klapproth mit einer Person ersetzen, die mehr kann als Klatschreporter-Fragen stellen, Sätzchen auswändig lernen, haufenweise blumige Adjektive einbauen und irgendwelche Dinge erspüren. Hätte sich das Schweizer Fernsehen nicht Stefan Zweifel gegenüber so unmöglich verhalten, könnte es zum Beispiel ihn anfragen. Immerhin kennt der den Unterschied zwischen «Gefühle besprechen» und «über Gefühle sprechen».

Die ganze Sendung hier:

Nach eigenen Angaben schlägt die «Sternstunde Philosophie» «den grossen Bogen von der gesellschaftspolitischen Aktualität zu den Grundfragen der Philosophie: Wer ist wofür verantwortlich, worin besteht die menschliche Freiheit, was bestimmt unseren Lebenssinn?». Jeweils Sonntags, 11 Uhr, auf SRF1.

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Leserbeiträge

Annabelle Huber 09. Februar 2015, 03:21

Da empfehle ich mal den letzten Kulturplatz anzuschauen, da wird der in Leutschenbach herrschende Geist in seinem ganzen Ausmass offenbar.

Ich war unfreiwillige Zeugin dieser Sendung “Sehnsuchtsort Südsee”.
Die Beiträge strozten nur so von Unkenntis über die behandelten Beiträge, Niveau Oberstufenschüler, welche ewas zusammengoogeln zu Themen, welche ihnen bis anhin unbekannt waren.

Und am Schluss kam dann noch der OberHammer.
Die Hauptmoderatorin, Frau Wannenmacher muss in die Sportferien,
und ihre Vertretung in den Schwangerschaftsurlaub…und darum muss eine weitere Vertretung her…
Bei einem halbwegs motivierten Team hätte es eigentlich möglich sein können, die beiden Sendungen im Voraus zu drehen, bei dem minimalen Aufwand, der betrieben wird und der marginaen Aktualität der Beiträge.
Die Vertretung wird Harald Schmidt sein.
Harald Schmidt lässt uns wissen, durch seine Vertretung sei garantiert, dass er keiner den Job wegnimmt…
Diese Angst ist gut begründet, leicht liesse sich Besseres finden.
Unkultiviert, unmotiviert und faul, der Kulturplatz des SRF.
Zuerst das Vergnügen und die Familie und dann nebenbei noch etwas Unprofessionelles absondern im Job beim Fernsehen

Trotz allem, was gegen Klapproth sprechen mag in Sternstunden Philosophie, er wirkt motiviert und interessiert, eine wohltuende Rarität in der Kulturredaktion des SRF.

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bugsierer 12. Februar 2015, 09:05

klapproth ist eine grandiose fehlbesetzung und das war schon vor seiner ersten sendung abzusehen. wie zum geier soll aus einem sprücheklopfenden moderator, der mehr für seine kalauer als für seine journalistische potenz bekannt geworden ist, von einem tag auf den anderen ein glaubwürdiger interviewer für ein philosophisches format werden?
ich halte diese personalie für eine unschöne anmassung an das kleine, aber feine sternstunde-publikum. man muss ja schon fast froh sein, dass sie nicht beni thurnheer auf diesen alterssitz gesetzt haben.

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Ihr Name* 29. März 2015, 09:36

Ohne diese Sendung gesehen zu haben, frage ich mich, wozu jemand Energie investiert, um solche lauen Artikel zu schreiben.

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Ronnie Grob 30. März 2015, 08:22

Man nennt es Medienjournalismus. Warum finden Sie den Artikel denn «lau», wenn ich fragen darf?

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Trudi Geser 17. Mai 2015, 11:36

Wie lange muss man Klapproth in dieser einst interessanten Sendung noch ertragen ???? Er ist völlig fehl am Platz

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