von Nik Niethammer

Cool, entspannt, bescheiden

In der Medienwelt ist soviel Aufgeregtheit. Schalten wir einen Gang zurück. Wie man unter grossem Druck verantwortungsvoll und kundenorientiert arbeiten kann, zeigen eindrücklich Ärztinnen und Ärzte. Unser Kolumnist hat das am eigenen Leib erfahren.

Neulich war ich im Spital. Die Bandscheibe. Letzter Akt eines langen Leidensprozesses. Dauerschmerzen, taubes Bein, schlaflose Nächte. Nicht schön. Als es zum ersten Mal im Rücken zwickte, dachte ich: «Das geht vorbei.» Danach: «Hergott nochmal, warum gerade ich?» Später: «Ich will mein altes Leben zurück». Schliesslich, nach fünf Monaten: «Gebt mir Morphium!»

Dazwischen: jede Menge gut gemeinter Ratschläge. Mitfühlende Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion. Böse Blicke einer Mutter, weil ich keine Anstalten mache, ihr mit dem Kinderwagen aus dem Tram zu helfen. Was ich nicht wusste: ungefähr alle haben «Rücken». Jeder kennt eine Geschichte. Und fast alle wollen helfen. «Bei der zweiten Frau meines Bruders wirkten Wärmewickel Wunder», erzählt einer. Bei mir bleibt das Wunder aus. «Kennst Du die Schmerztherapie LNB», fragt ein früherer Arbeitskollege. «Der Schmerz wird mit Schmerzen behandelt. Hilft garantiert.» Nachdem der muskelbepackte Therapeut seine Daumen eine Stunde lang in mein wundes Kreuz bohrt, weiss ich: Auch das ist es nicht.

Wer «Rücken» hat, legt sich nicht gleich unters Messer. Also: Ab ins Internet, Weiterbildung in Rückenkunde. Der Suchbegriff «Rückenschmerzen» ergibt 5’600’000 Treffer. Immerhin, ich bin nicht allein. «Das Kreuz mit dem Kreuz», textet der «Focus», «Krank im Kreuz», der «Stern». Der netdoktor rät zu Akupunktur (bei mir hats nur weh getan). «Rückenprobleme sind Ausdruck einer persönlichen Krise», weiss die Apotheken-Umschau. (Kann damit grad nicht dienen, mir geht es blendend. Abgesehen vom Rücken). «Handauflegen, Inflitration, Aqua-Training, Osteopathie, Physiotherapie, Neuraltherapie, Homöopathie. So retten Sie Ihren Rücken, besiegen Ihre Schmerzen», versprechen Duzende Gesundheitsportale. Es gibt mehr als 150 verschiedene alternative Heilverfahren gegen Rückenprobleme, weiss der «Spiegel». Beruhigend zu wissen. Irgend etwas wird schon helfen. Denke ich. Falsch gedacht.

Als nichts mehr geht, gehe ich zum Arzt. Das ist wie bei uns Journalisten: Nicht alle sind richtig gut. Mit Glück trifft man auf einen mit Humor. Mit viel Glück auf den Besten seines Fachs. «Wenn es nach mir geht, müssen Sie sich nicht operieren lassen. Ich verdiene mehr, wenn ich Sie weiter behandle», sagt der erste. Aha. Das ist zwar nicht exakt das, was ich hören will. Ist aber wenigstens ehrlich. «Ich hatte kürzlich einen Patienten, der war so verzweifelt, der hätte sich von der Putzfrau operieren lassen», erzählt der zweite. Guter Ärztewitz. Wir lachen, mein Kreuz sticht und zwickt, der Arzt schaut mitfühlend. Der dritte Arzt will eine Menge wissen, hört aufmerksam zu, fragt schliesslich: «Wie lange, sagten Sie, haben Sie diese Schmerzen schon? Fünf Monate? Das ist doch kein Leben. Lassen Sie mich das in Ordnung bringen. Danach haben Sie Ruhe». Sehr cool, der Mann.

Ein guter Arzt ist ein netter Arzt. Woran man ihn erkennt? Ich verrate es Ihnen. Fester Händedruck, Blickkontakt. Er spricht den Patienten mit Namen an, kennt seine Krankenakte. Ein guter Arzt hat eine angenehme Stimme. Er spricht so, dass man ihn versteht. Er weist den Patienten auf das Risiko eines Eingriffs hin. Und zwar so, dass der sich später trotzdem beschwingt in den OP schieben lässt. Weil er seinem Arzt vertraut. Ein guter Arzt ist freundlich. Er nimmt sich Zeit, antwortet auf alle Fragen und sind sie noch so dämlich. Er sagt Sätze wie «Müsste ich mich am Rücken operieren lassen, wünschte ich mir genau Ihre Operation» (das erinnert mich an den Verkäufer im Sportgeschäft, der mir einen Ski empfahl, weil «ich ihn seit Jahren selber fahre».) Er sagt auch diesen Satz: «Auf einer Skala von eins bis zehn ist Ihre Operation die risikoärmste». Und schliesslich: «Es ist ein Routineeingriff.» – Ich: «Aber sie geben sich trotzdem Mühe, versprochen?» – Er: «Versprochen. Ich geh früh zu Bett und trink vorher keinen Alkohol».

Der Rest ist schnell erzählt. Die Operation ist gut verlaufen. Die Schmerzen sind wie ausgeknipst, das Leben macht wieder Freude. Der Arzt, der mich operierte, kam erst nach 21 Uhr zur Visite. Ja, es war ein langer Tag, sagte er beinahe entschuldigend für die späte Störung, «Sie waren heute die Nummer 2 von 4.»

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich ein bisschen Zeit hatte, darüber nachzudenken, was wir Journalisten von Top-Ärzten lernen können.

Was mich am meisten beeindruckt, ist die Coolness, die Entspanntheit, ja, die Bescheidenheit, mit der mein Arzt seinen Job erledigte. Kein Jammern über lange Arbeitstage, keine Selbstdarstellung. In der Medienwelt ist soviel Aufgeregtheit. Schalten wir einen Gang zurück. Natürlich ist unsere Arbeit wichtig, keine Frage. Aber wir operieren nicht am Rücken oder offenen Herzen. Der unglücklich formulierte Tweet einer Bundesrätin bedeutet nicht den Untergang des Abendlandes. Der verunglückte Talk eines Medienpioniers ist vor allem ein Stück echte Fernsehgeschichte. Und die Nationalratskandidatur eines Chefredaktors ist weder eine Überraschung noch eine Enttäuschung. Nur wer sich vorher hat täuschen lassen, ist hinterher enttäuscht.

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