von Harry Rosenbaum

Flieger und Fotograf

Man kennt Walter Mittelholzer (1894-1937) als Luftfahrtpionier. Eine Ausstellung zeigt jetzt aber den Mitgründer der Swissair als Medienpionier und gewieften Geschäftsmann, der mit seinen populären Fotoreportagen und Reisebüchern die Vorstellung vom kolonialen Afrika mit seinen «nackten Wilden» mitprägte.

Der Bäckerssohn aus St. Gallen flog 1927 als Erster nach Südafrika und 1930 über den 6000 Meter hohen Kilimandscharo. Gegen den Willen seines Vaters hatte er Fotograf gelernt und wurde gewissermassen wegen seiner Profession vom Virus der Fliegerei befallen. Die damals noch junge Luftfahrt eröffnete den faszinierenden Blick von oben. Dieses «Neue Sehen» wurde zur Konkurrenz für die sentimentale Kunstfotografie. In den 1920er Jahren übten Luftbilder einen starken Einfluss auf die künstlerische Ästhetik aus.

Rettungseinsatz für Amundsen
Mittelholzer absolvierte unter Oskar Bider die Militärpilotenschule und erwarb 1917 das zivile Fliegerbrevet. 1923 beteiligte er sich als Pilot an der Rettungsaktion für den Polarforscher Roald Amundsen auf Spitzbergen. 1924 erschien über die Hilfsexpedition ein Fotobuch. Im gleichen Jahr veröffentlichte Mittelholzer einen Bildband «Die Schweiz aus der Vogelschau». Weitere Bildbände und Fotoreportagen in Illustrierten folgten.

Mittelholzer war Mitgründer der Praesens Film AG und veröffentlichte zehn Reisebücher, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden und bis heute eine Auflage von 196.000 Exemplaren erreichten. Daneben erschienen zahlreiche Sammelpublikationen mit Beiträgen aus seiner Feder. Zudem war er mit seinen Fotografien an über einem Dutzend Gruppenausstellungen vertreten.

Selbstvermarkter und Medienheld
Die Ausstellung «Modell Mittelholzer – Die Afrikaflüge als Anlass» im St. Galler Kulturraum am Klosterplatz führt den Flugpionier als «Selbstvermarkter und Medienhelden» ein. Die Ausstellungsmacher wollen anhand von Mittelholzers Bildproduktion modellhaft die Verbindung von Fotografie, Film und Fliegerei aufzeigen. Dabei machen sie auch deutlich, wie sich die Interessen der Schweizer Wirtschaft innerhalb eines kolonialen Herrschaftsraumes durchsetzten. Die Ausstellungsmacher möchten für die Dringlichkeit postkolonialer Fragestellungen sensibilisieren.

Die Ausstellung ist multimedial mit Filmen, Fotos, persönlichen Briefen und zahlreichen originalen Buch- und Illustriertenreportagen sowie mit Kameras und Flugzeugteilen, die in Mittelholzers Dienst standen, konzipiert. Für Übersichtlichkeit sorgt die Platzierung der Exponate auf eigens konstruierten Holzgestellen, die ein bisschen an ein Gerippe eines Flugzeugs aus den Pioniertagen erinnern. Nüchtern formulierte Texttafeln sind an den einzelnen Abteilungen angebracht.

In die Ordnung der Kolonialmächte eingebunden
Zum kolonialen Afrikabild meinen die Ausstellugsmacher: «Auf ihren Flügen nach Afrika sind Mittelholzer und seine Mitreisenden in die Ordnung der Kolonialmächte eingebunden. In seinen Fotografien inszeniert Mittelholzer die technologische Überlegenheit der Europäer über so genannte Naturvölker. Mittelholzer und seine Begleiter sind daran interessiert, die Kolonialisierten in einem vermeintlich ursprünglichen Zustand darzustellen, weshalb sie häufig Tanzszenen aufzeichnen. Dass die Aufnahmen arrangiert sind, zeigen Vergleiche zwischen den verschiedenen Medien Film, Foto und Text. Weitere Hierarchien werden entlang der Geschlechter oder sozialen Klassen gezogen. Können die Männer beispielsweise aktiv als Jagdgehilfen erscheinen, bleiben die Frauen meist nackte, sprachlose Objekte des Begehrens. Eine Begegnung auf Augenhöhe findet teilweise im Zusammenhang mit dem Flug nach Abessinien statt, einem Land, das sich der Kolonialisierung weitgehend widersetzen konnte.»

Der Medienunternehmer
Die Ausstellung zeigt die Flüge von Mittelholzer als massenmediale Unternehmung. Die Bilder der Reisen nach Spitzbergen, Persien und Afrika sind in Büchern, Illustrierten, über Filme und Vorträge verarbeitet worden. So hat Mittelholzer seine Unternehmungen finanzieren können. Er nutzte gekonnt die verschiedenen Medien gleichzeitig. So belieferte er auf dem «Afrikaflug» von 1926/27 die Neue Zürcher Zeitung mit exklusiven Nachrichten, und noch während des Fluges sind in der Schweizer Illustrierten seine und die Fotografien des mitreisenden Geologen Arnold Heim erschienen. Der Flug fand auch in der übrigen Presse breite Beachtung. Sogar die Satirezeitschrift Nebelspalter ist mit einer Serie Karikaturen über den Afrikaflug eingestiegen. Die koloniale Stereotype, die die Bilder zum Ausdruck bringen, sind in den Medien oft überzeichnet worden.

Mittelholzer produzierte als Fotograf rund 30.000 Bilder. Der Verkauf erwies sich als einträglich. Grossaufnahmen wurden an Firmen, Gemeinden und Private vertrieben. Luftaufnahmen sind aber auch als Postkarten verkauft worden. Ein grosser Teil von Mittelholzers fotografischem Werk ist im ETH-Bildarchiv digitalisiert und online einsehbar.

Mittelholzer arbeitete schon fast so gespeedet wie Medienleute heute. Auf seinem Afrikaflug führte er zwei Hauptkameras und mehrere Handkameras mit, und in der Flugzeugtoilette hatte er eine Dunkelkammer eingerichtet. Der fliegende Bäckerssohn war stets auf einen Kopiloten angewiesen, um selbst fotografieren zu können.

Er galt auch als packender Referent. Seine Vorträge bildeten eine wichtige Einnahmequelle, nicht zuletzt weil er die Erträge für sich selbst beanspruchte. Heim beschwerte sich, dass ihm nur diejenigen Termine geblieben wären, die Mittelholzer selbst nicht hätte wahrnehmen können, schreiben die Ausstellungsmacher.

Mittelholzers Business lebt fort – aber anders
Das Business des Medienpioniers, der in die Luft ging, lebt fort. Heute tourt neben anderen die Event-Veranstalterin Explora durch die Schweiz mit audiovisuell und thematisch hochstehenden Multimedia-Reportagen über entlegene und naturbelassene Regionen dieser Erde, über bedrohte Tiere und aussterbende Völker, aber auch über aussergewöhnliche Menschen, die fernab der Zivilisation ihre Grenzen ausreizen, und füllt die Säle. Unter den Geschichtenerzähler vor den Grossleinwänden sind Günter Wamser, der seit 20 Jahren mit seinen Pferden von Feuerland nach Alaska zieht, Survival-Experte und Menschenrechtsaktivist Rüdiger Nehberg oder der «Bärenmann» Reno Sommerhalder.

Explora-Gründer Andreas Hutter ortet die anhaltende Faszination des multimedialen Storytellings im Live-Erlebnis. «Die Leute wollen den Referenten mit eigenen Augen sehen, ihn erzählen hören ihm Fragen stellen können. Das erzeugt eine ganz eigene Dynamik», sagt Hutter. «Die Referenten, die ich engagiere, sind fachlich hochqualifiziert, erzählerisch versiert und haben ein besonderes Charisma. Anders wäre es nicht möglich, so viele Leute zu begeistern.» An einem Abend kommen zwischen 300 und 400 Besucher und Besucherinnen an die Events. Explora lanciert pro Jahr etwa zehn Themen aus den Bereichen Natur, Outdoorsport (Bergsteigen,Tauchen etc.), Ethnologie und Menschenrechte. Mit den einzelnen Veranstaltungen geht Explora auf Tournee und deckt ein bis zwei Dutzend Städte und Orte ab.

Im Gegensatz zu Mittelholzer fehlt den modernen Abenteuerreisenden die koloniale Sichtweise und das Überlegenheitsdenken der weissen Zivilisation. Sie engagieren sich stattdessen für Naturparadiese, seltene Tiere und bedrohte Völker. Natürlich steckt aber auch die Verwirklichung von persönlichen Freiheitsträumen dahinter. Das wiederum verbindet die modernen Abenteuerreisenden mit Mittelholzer.

Die Ausstellung:
«Modell Mittelholzer – Die Afrikaflüge als Anlass»
27. Februar – 3. Mai 2015
Kulturraum am Klosterplatz, St. Gallen

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