von Antonio Fumagalli

In Zukunft fehlt das Zückerli

Seit bald vier Jahren betreibt «20 Minuten» die Nachtschicht von Hongkong aus. Nun schliesst Tamedia die Aussenstelle. Ein Fehler, findet unser Kolumnist, der selbst in Hongkong gearbeitet hat.

Über Abgründe zu schreiben, kann etwas Betörendes haben. Am Abgrund zu schreiben ebenfalls – auch wenn es nur ein physischer ist. Nirgends erlebt man das eindrücklicher als im Büro Hongkong von «20 Minuten». Als wäre es eine Auflage des Verlages gewesen, liegt es ausgerechnet im 20. Stock eines Hochhauses an exquisiter Lage. Die Fensterfront des vielleicht 30 Quadratmeter grossen Büros, das gleichzeitig als Wohnung dient, ist verglast. Wer nicht schwindelfrei ist, braucht eine Weile, bis er sich an den Anblick der Hollywood-Road aus luftiger Höhe gewöhnt hat. Sechs Wochen dauert das Leben am Abgrund, bevor der nächste Redaktor aus Zürich anreist und die Nachtschicht übernimmt.

Es sind sechs Wochen, auf die sich alle freuen wie ein Kind. Nicht, weil die Arbeit besonders abwechslungsreich wäre – es sind klassische Newsdesk-Aufgaben: Agenturen im Auge behalten, Meldungen schreiben, die Website managen, aus anderen Zeitungen und Newsportalen die besten Geschichten aufbereiten und übernehmen, Kommentare freischalten. Alles Dinge, die man auch in der «20 Minuten»-Redaktion in Zürich erledigen könnte. Der Witz an der Sache ist, dass das alles dann stattfindet, wenn die Schweiz schläft. Also zwischen Mitternacht und sieben Uhr. In Hongkong ist das 6 und 13 Uhr.

Welche Verantwortung man auf den Schultern trägt, wird einem erst bewusst, wenn es einmal richtig brennt. In meine Hongkonger Zeit – ich war damals Reporter bei 20min.ch – fiel das Busunglück in Sierre mit 28 Toten im März 2012. Die Meldung der Walliser Kantonspolizei traf morgens um 5 Uhr MEZ ein, bei mir mitten am Arbeitstag um 11 Uhr. Ich wusste: Die Push-Nachricht, die ich jetzt verfasse, lesen über eine Million Leute. Den dahinter liegenden Artikel immer noch Hunderttausende. Fehler in der Berichterstattung verträgt es keine, wenn man nicht die Glaubwürdigkeit des Portals aufs Spiel setzen will. Genau in solchen Momenten zeigte sich der Nutzen der Aussenstelle, die der damals stellvertretende Chefredaktor Franz Ermel ersonnen hatte: Wenn der Rest der Medienschweiz erst langsam aufwacht, hat «20 Minuten» schon mehrere Storys online. Klar geht der User dorthin, wo er die meisten und aktuellsten Informationen vorfindet.

Die Aussenstelle Hongkong hat aber noch einen ganz anderen Vorteil, den man in meinen Augen nicht hoch genug einschätzen kann: Sie ist ein Zückerchen für die Redaktoren. Fast jeder will mal dort hingehen. Verständlich: Wann hat man sonst schon solch eine preiswerte Möglichkeit, während einer Zeit, die genug lang ist, um sich mehr als nur akklimatisieren zu können, aber genug kurz, um das Zuhause nicht allzu fest zu vermissen, eine pulsierende Grossstadt kennenzulernen?

Das ist in erster Linie eine grossartige Erfahrung für den einzelnen Mitarbeiter, es ist aber auch ein Mehrwert für das Unternehmen. Mitarbeitende, die wissen, dass sie mit einem Extra-Effort ihre Chancen auf einen Spitzenplatz auf der Warteliste für Hongkong erhöhen können, sind eher bereit, diesen auch zu leisten. Wer eine neue berufliche Herausforderung sucht, wartet damit vielleicht zu, bis auch er oder sie an der Reihe war. Oder wer in einer Bewerbungsphase zwischen zwei Angeboten auswählen kann, lässt sich sicherlich auch von der Aussicht auf den fernöstlichen Aufenthalt beeinflussen; das klassische Anreizsystem. Es sind dies Mehrwerte für den Verlag, die nicht wie die Miete des Apartments oder der Langstreckenflug in Franken und Rappen ausgewiesen werden können.

Gut möglich, dass genau dies der Fluch des Projekts ist. Auf den Sommer hin wird es, nach rund vier Jahren Betrieb, eingestellt. Offiziell heisst es bei Tamedia, dass die durch das Rotationsprinzip bedingten häufigen Wechsel zu Problemen geführt hätten. Klar ist es nicht ideal, wenn der eigene Ressortleiter sechs Wochen lang genau dann Dienst hat, wenn man schläft und er danach noch drei Wochen Ferien anhängt. Arbeitet er die Zeit davor (und danach) doppelt so motiviert, wiegt sich das aber alleweil auf.

Weil Tamedia die Newsredaktionen von «20 Minuten» und tagesanzeiger.ch/Newsnet zusammengelegt hat, wird neu der bisherige Nachtschichtler des Newsnet, der fix in Bangkok stationiert ist, die Aufgabe gleich für alle Titel übernehmen. Kurzfristig ist das mit Sicherheit kostengünstiger. Ob es sich auch langfristig auszahlt, steht auf einem anderen Blatt.

Bild: Flickr/islandjoe (CC BY 2.0)

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

23. März 2015, 10:21

Journis, die noch auf Zückerli stehen, dürfen gerne im BLICK-Newsroom anheuern und für 6 Wochen nach L.A. verreisen.

Antworten...

Chuck 23. März 2015, 02:49

Von Zückerli kann wohl keine Rede sein. Hab gehört, dass das Büro in L.A. ein Rattenloch ist und in den Pampas übernachtet werden muss.

Antworten...

Lea Hartmann 25. März 2015, 02:11

Lieber Chuck,
Ein Rattenloch am Hollywood Boulevard und ein Bungalow in der Pampa von Hollywood – es gibt Schlimmeres! Du kannst beruhigt sein, zumindest mir gings beim LA-Einsatz Anfang Jahr ausgezeichnet. Du glaubst mir nicht recht? Schicke dir gerne Beweisfotos! Unzensiert und ungephotoshopped.

Mit liebem Gruss,
Lea

Antworten...