von Antonio Fumagalli

Dem Berufsalltag entfliehen?

Frei von Verpflichtungen, aber dennoch bei der Sache: Ferien als Journalist ist auch Arbeit. Aber angenehme. Zum Beispiel Kolumnenschreiben.

Letzte Woche hatte ich Ferien. Zeit, um Dinge zu tun, die man sonst nicht tut. Zeit, Gedanken zu ordnen. Zeit, um die Seele baumeln zu lassen. Gesellschaftlich fühlt man sich dabei beinahe unter Druck gesetzt, die arbeitsfreien Tage zu «nutzen», um die weite Welt oder zumindest die europäischen Länder zu bereisen. Kaum eine Destination ist in Zeiten von Easyjet und Kaufkraftunterschied zu abgelegen, um nicht erkundet zu werden.

Als (ungewolltes) Kind der Generation Y bin ich hierbei keine Ausnahme. Diesmal jedoch hielt ich es mit Goethe und blieb ganz bewusst in der Schweiz: «Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah», schrieb der Dichter anno 1827. Warum nach Vietnam reisen, wenn man noch nie auf der Engstligenalp war? Also erklommen wir in den vergangenen Tagen Alpenpässe, fuhren Seen entlang, überquerten Hügellandschaften – alles auf dem Rennvelosattel, alles atemberaubend schön.

Was damit allerdings einhergeht: Dem Berufsalltag ist viel weniger einfach zu entfliehen. Das gilt nicht nur, aber besonders für Journalisten. Einen Blick in die Schweizer Zeitungen zu werfen, gehört für mich zum allmorgendlichen Ritual, genauso wie das abendliche (Nach-)Hören des Echo der Zeit. Wie soll man in den Ferien handhaben? Den Briefkasten überquellen, die Podcasts ungeladen lassen?

Ich habe einige Redaktionskollegen, die genau dies tun und es als wunderbar entspannend empfinden. Ich jedoch schaffs nicht. Zwar habe ich die Kadenz meines Medienkonsums etwas zurückgefahren, ganz abschalten kann ich ihn jedoch nicht. Schlimmer noch: Ich habe ungefähr jeden zweiten Tag meine Geschäftsmails gecheckt. Ja, drei davon habe ich beantwortet. Nein, eine Abwesenheitsmeldung hatte ich nicht installiert.

Muss ich mir also Sorgen machen? Bin ich auf dem Weg zum Burn-out, da ich nicht mehr vom Berufsalltag abschalten kann? Nun, diesen Eindruck habe ich nicht im Geringsten (wobei kaum jemand, der es je erlebt hat, in einem Frühstadium die Gefahr deutlich genug wahrnahm). Die Zeitung zu durchblättern gehört praktisch seit ich lesen kann zu meinem Alltag. Es ist Genuss, Erkenntnis, Bildung. Warum sollte ich dies an freien Tagen nicht tun wollen? Dass man sich als Journalist dabei automatisch auch überlegt, welches Thema man vielleicht auch mal aufgreifen oder nachziehen könnte und somit in einer Art Arbeitsmodus bleibt, ist zwar unweigerlich der Fall. Aber ist es auch besorgniserregend?

Arbeitspsychologen bemängeln in regelmässigen Abständen, dass sich Arbeitswelt und Freizeit, ja sogar Ferien, immer mehr vermischen. Internet und Smartphones haben es möglich gemacht. Kein Wunder stand Timothy Ferriss’ Buch «The 4-Hour Workweek» mehr als vier Jahre lang in den amerikanischen Bestsellerlisten. Grundtenor: Die Arbeitszeit kann massiv entschlackt werden, wenn man sich auf die wirklich wesentlichen Schritte (und Kunden) beschränkt. Folglich bleibt mehr Freizeit – einfach zum Preis, dass man mehr oder weniger ständig erreichbar ist.

Keine unangenehme Vorstellung. Und zumindest aufgrund der technischen Umstände wäre das Ferriss-Modell durchaus auch für Journalisten von Interesse, wir sind ja – im Gegensatz zu einem Fabrikarbeiter oder einer Modeverkäuferin – geographisch nicht ständig gebunden. Dennoch taugt es im Redaktionsalltag nicht wirklich, zumal dieser gerade bei einer Tageszeitung viel zu schnelllebig ist (und entsprechend eben doch eine gewisse technische Infrastruktur voraussetzt).

Solange man nicht unter Druck gesetzt wird oder sich verpflichtet fühlt, während der freien Tage in irgendeiner Weise für den Arbeitgeber tätig sein zu müssen, halte ich das Bewahren eines Stücks Alltag für halb so schlimm. Wenn ich ab und an Geschäftsmails lese, bin ich selber Schuld. Ich tue es aus Neugier – und weil sich darunter auch mal eine Information finden könnte, die nicht warten kann und die mit zwei Klicks an arbeitende Kollegen weitergeleitet ist. Ernsthafte Sorgen mache ich mir deswegen nicht. Der beste Beweis hierfür ist diese Kolumne: Ich habe sie, Sie ahnen es, in den Ferien geschrieben.

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