von Nick Lüthi

«Watson»: In der Normalität angekommen

Nach dem Abgang von Hansi Voigt als Geschäftsführer und Chefredaktor von «Watson» müssen Verlag und Redaktion beweisen, dass es auch ohne den charismatischen Gründer geht. Keine einfache Aufgabe. Aber ein Ansporn alleweil.

Bis gestern galt die Gleichung: «Watson» ist Hansi Voigt und Hansi Voigt ist «Watson». Er war Gründer, Geschäftsführer und Chefredaktor. Es war sein ehrgeiziges Ziel, gegen den Marktführer 20min.ch anzutreten, wo er zuvor als Chefredaktor gewirkt hatte. Ohne ihn gäbe es das News- und Unterhaltungsportal gar nicht. Es war seine Idee und er weibelte im Vorfeld lange bei Verlagen, bis er in AZ-Verleger Peter Wanner einen Investor gefunden hatte, der ihm vertraute und das Risiko einer Neugründung in einem gesättigten Markt auf sich nehmen wollte. Er trat gegen aussen als erster Botschafter von «Watson» auf, erklärte auf unzähligen Branchenveranstaltungen, warum der Journalismus im Netz nach neuen Regeln spielen müsse.

Er war es auch, der immer wieder publizistisch Akzente setzte, nicht unbedingt dort, wo man es sonst von einem Chefredaktor erwarten würde, sondern in den Kommentarspalten, wo er mit seinen Lesern diskutierte und so praktizierte was er predigte. Aber er war es auch, der mit dem Investor über das Budget verhandeln und im letzten Herbst Personal entlassen musste. Nun ist auch er weg.

Der Verwaltungsrat wollte die Führungsverantwortung bei «Watson» breiter abstützen und dazu Geschäftsführung und Chefredaktion trennen. Hansi Voigt hingegen wollte an der Personalunion festhalten in der er «Watson» allein führte. In dieser Situation zog es Voigt vor zu gehen. Damit wiederholt sich die Geschichte. Auch «20 Minuten» verliess er, weil er sich nicht vorstellen konnte, als Co-Chefredaktor zu arbeiten, nachdem er zuvor allein die Redaktion von 20min.ch geleitet hatte.

Bei «Watson» zeichnet fortan Michael Wanner verantwortlich für den geschäftlichen Teil. Der Sohn von Investor und AZ-Verleger Peter Wanner kümmerte sich bereits bisher als Delegierter des Verwaltungsrats um «Watson», er kennt also das Unternehmen. Als Bekenntnis zum Unternehmen und Vertrauensbeweis des Investors kündigte Wanner Junior in seinem ersten Interview nach dem Personalwechsel an, weitere zehn Millionen in «Watson» zu investieren in der Hoffnung, so die Gewinnzone zu erreichen. Einen neuen Chefredaktor hat man noch nicht gefunden. Eine interne Lösung stehe zur Diskussion.

Mit dem nun erfolgten Wechsel an der Spitze ist die Gründungsphase offiziell beendet. Für die Redaktion ändert sich damit nichts Grundlegendes, das Team wirkt eingespielt, der Output konstant, wenn auch nicht mehr so überraschend wie in den Anfängen. Eine gewisse Routine und Berechenbarkeit ist spürbar, im Guten wie im Schlechten. «Watson» macht weniger von sich Reden, auch deshalb, weil das Augenmerk der Konkurrenz nicht mehr so stark auf den neuen Mitbewerber gerichtet ist.

Wenn sich die ganze Branche permanent neu erfinden muss, dann gilt das für «Watson» umso mehr, um nicht das Schicksal so manchen Pioniers zu erfahren, der die Früchte seiner Erfindungen nicht selbst ernten konnte – erst recht in kommerziellen Belangen. «Watson» setzte bei der Werbung von Anbeginn offensiv auf Native Advertising und verteidigte die neue Werbeform gegen Vorwürfe der Intransparenz und Publikumstäuschung. Inzwischen ist Native Advertising Mainstream. Der neue Normalbetrieb wird daher eher anspruchsvoller als bisher. Aber das kann auch ein Ansporn sein, zu beweisen, dass der Erfolg von «Watson» erstens möglich ist und zweitens nicht von einer einzelnen Person abhängt.

Sein frühzeitiger Abgang ist für Hansi Voigt auch ein Glücksfall. Sollte «Watson» nämlich scheitern, was Voigt selbst für ein nicht unrealistisches Szenario hält, würde der Makel des Misserfolgs nicht an ihm haften. So bleibt er mit «Watson» verbunden als der Gründer, der es in unruhigen Zeiten des Medienwandels gewagt und geschafft hat, ein neues Portal zumindest publizistisch zum Erfolg zu bringen und neue Akzente in der sonst eher gleichförmigen Online-Landschaft zu setzen.

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