von Nick Lüthi

Zwei sind besser als einer

Mit Jean-Michel Cina als Präsident und Gilles Marchand als Generaldirektor verfügt die SRG wieder über eine aktive Doppelspitze. Während der Amtszeit von Roger de Weck war das Präsidium auf seine interne Funktion geschrumpft. Als Spitzenfigur stand stets nur der Generaldirektor im Rampenlicht. Das war nicht optimal.

Stand in den letzten Monaten ein Top-Kader der SRG im Rampenlicht der Öffentlichkeit, so war das nicht selten Jean-Michel Cina. Seit Mai amtet der gewesene CVP-Politiker als Präsident der SRG. Zusammen mit dem nun ebenfalls ins Amt getretene Generaldirektor Gilles Marchand bildet Cina die Doppelspitze des Unternehmens. Das ist gemäss Struktur und Organigramm so vorgesehen. Sei es am Swiss Media Forum oder in zahlreichen grossen Interviews gibt sich Cina redlich bemüht, der SRG ein Gesicht, ja auch *sein* Gesicht zu geben. Das gelingt ihm bis jetzt ganz gut. Dabei profitiert er auch von der langen Übergangsfrist beim Wechsel der Generaldirektion. Der bisherige war noch nicht gegangen, der neue noch nicht im Amt – das schuf Raum für den Präsidenten, der seit 1. Mai an der Spitze der SRG steht, oder genauer: auf einer Seite der Doppelspitze.

Ein Abgang, den ausserhalb der SRG-Gremien niemand wirklich wahrgenommen hat.

In den letzten Jahren, während praktisch der gesamten Amtszeit von Generaldirektor Roger de Weck war das Präsidium – zumindest in der Öffentlichkeit – kaum präsent. Oder erinnert sich jemand an einen SRG-Präsidenten Raymond Loretan? Ausgerechnet als vor zwei Jahren der Abstimmungskampf um das revidierte Radio- und Fernsehegesetz in die heisse Phase ging, verabschiedete sich Loretan in einen aussichtslosen Ständeratswahlkampf für die CVP in Genf. Ein Abgang, den ausserhalb der SRG-Gremien niemand wirklich wahrgenommen hat.

Dabei steht der Präsident der SRG in einer besonderen Verantwortung: Zum einen präsidiert er den Verwaltungsrat, dem die Oberleitung der SRG zukommt. Zum anderen steht er an der Spitze der aus regionalen Genossenschaften und Vereinen gebildeten Trägerschaft mit ihren rund 22’000 Mitgliedern. Damit verkörpert der Präsident die Doppelstruktur der SRG, bestehend aus einem konzessionierten Sendeunternehmen und einer zivilgesellschaftlichen Organisation, deren Aufgabe es ist, «die SRG in der Gesellschaft zu verankern und die öffentliche Debatte über einen zeitgemässen Service public anzuregen».

Über weite Strecken seiner siebenjährigen Amtszeit als Generaldirektor verkörperte Roger de Weck nachgerade die SRG.

Wer einen solchen Posten bekleidet, sollte in der Öffentlichkeit präsent sein und mit einem gewinnenden, konzilianten Auftreten, der SRG ein Gesicht geben. Raymond Loretan hat das nicht getan. Und auch sein interimistischer Nachfolger nicht. Dieses Vakuum füllte Roger de Weck mit umso grösserer (Medien)präsenz. Über weite Strecken seiner siebenjährigen Amtszeit als Generaldirektor verkörperte er nachgerade die SRG. Sein Engagement war authentisch und intensiv – mit allen Vor- und auch Nachteilen, die eine starke Personalisierung mit sich bringt.

Den phasenweise gefühlten De-Weck-Overkill in der (Medien)öffentlichkeit hätte ein präsenter Präsident abfedern helfen können; die Doppelspitze existierte indes nur auf dem Organigram. Nur selten erschien daher die SRG als die breit abgestützte und gesellschaftlich gut verankerte Organisation, die sie auch ist. Der Blick liegt voll und ganz auf den Sendeunternehmen und ihren Programmen.

Die Doppelspitze scheint auch in der Praxis wieder zu funktionieren.

Mit der Neuaufstellung des Spitzenpersonals der SRG wurde dieses Defizit behoben. Generaldirektor Gilles Marchand findet in Jean-Michel Cina einen aktiven und präsenten Präsidenten. Die Doppelspitze scheint auch in der Praxis wieder zu funktionieren. Das zeigt sich auch auf dem Pressebild, wo Cina die neue Leitung des Medienunternehmens der SRG vorstellte; der Präsident gehört dazu und ist nicht ein unsichtbares Anhängsel.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Hans-Peter Scholl 17. Oktober 2017, 03:59

Merci! Interessanter Bericht.

Antworten...

pan. 17. Oktober 2017, 10:14

Lieber Nick,

dein beitrag ist gewiss wahr, aber ist er deshalb richtig? Baumeler, der interimistische nachfolger von Loretan, war so wenig wahrnehmbar, das sogar dir der name entfallen ist… Bloss: wird es wohl mit der doppelspitze wirklich besser? Eine doppelspitze ist meines erachtens nur besser als ein einzelkämpfer (ob letzterer nun generaldirektor oder präsident heisst), wenn diese doppelspitze die funktion eines widerhakens hat (um im bild zu bleiben). Ob das dem neuen duo gelingen wird, ist im moment noch alles andere als sicher. Ich hüte mich deshalb vor vorschusslorbeeren. Was die beiden neuen auszeichnet und ihnen den weg in ihre hohen ämter geebnet hat, war – wenn nicht alles täuscht – vor allem ihr parteibuch. Zufällig das gleiche wie dasjenige der zuständigen bundesrätin. Honni soit!

 

Antworten...