von Nick Lüthi

Swissinfo: Die Russen kommen!

Das russischsprachige Angebot von Swissinfo verzeichnet im Zuge der diplomatischen Krise zwischen Russland und dem Westen sprunghaft angestiegene Zugriffszahlen. Trotz des absehbar anhaltenden Interesses kann und will Swissinfo die Berichterstattung aber nicht ausbauen.

Ende März registrierte Christian Burger ungewöhnliche Bewegungen auf der Website von Swissinfo. Der Marketingchef der mehrsprachigen SRG-Plattform, der von Berufes wegen die Nutzungszahlen im Auge behält, beobachtete einen starken Anstieg der Zugriffe auf das russischsprachige Angebot. Der Grund dafür war schnell gefunden. Vor allem ein Artikel stiess in Russland auf grosses Interesse: In einer Presseschau dokumentierte Swissinfo die Reaktionen der Schweizer Medien auf die politische Krise zwischen Russland und dem Westen mit der gegenseitigen Ausweisung von Diplomaten nach dem Giftanschlag auf einen Ex-Agenten im englischen Salisbury. Allein dieser Text wurde bisher rund 73’000 mal abgerufen. Insgesamt schnellten die Zahlen auf das Vierfache des Normalbetriebs hoch. So zählte man in einer Woche 360’000 Zugriffe auf swissinfo.ch/rus und erzielte damit den doppelten Wert des sonst führenden englischsprachigen Swissinfo-Angebots.

Für den Anstieg sorgten insbesondere Verweise der russischen Suchmaschine Yandex. «Offenbar hat uns die Plattform als vertrauenswürdige Quelle eingestuft», sagt Igor Petrov, Leiter der russischsprachigen Swissinfo-Redaktion. Was heisst: Wer auf Yandex nach Informationen zur diplomatischen Krise zwischen Ost und West sucht, erhält prominent Artikel von Swissinfo präsentiert. «Wir haben das nicht beeinflusst, etwa mit bezahlter Werbung», erklärt Petrov. Social Media habe in dem Fall als Traffic-Bringer keine wesentliche Rolle gespielt, wie man vermuten könnte, zumal das in Russland populäre Netzwerk VKontakte stärker auf den persönlichen Dialog ausgelegt sei und weniger auf externe Seiten verweise als etwa Facebook.

Trotz des gestiegenen Interesses verfällt die Redaktion nicht in Aktivismus, sondern berichtet so, wie sie das auch dann tut, wenn gerade keine Krise ins Haus steht. Für Swissinfo-Chefredaktorin Larissa Bieler herrscht denn auch «Business as usual». Für sie sei es derzeit kein Thema, die russischsprachige Redaktion auszubauen. Sie muss auch weiterhin mit 300 Stellenprozent auskommen. Spielraum existiert höchstens beim Freelancer-Budget. Kommt dazu, dass Swissinfo von Bundes-Sparmassnahmen betroffen ist und die Zeichen wenn schon auf Ab- und sicher nicht auf Ausbau stehen.

Umso wichtiger sei es, mit den bestehenden Ressourcen den Auftrag zu erfüllen und Swissinfo als glaubwürdige und neutrale Stimme aus der Schweiz zu positionieren. Larissa Bieler sieht dies im Fall der Russlandberichterstattung erfüllt. «Wir zeigen die Schweizer Sicht auf markante international Ereignisse, liefern Analysen und Einschätzungen in Krisenzeiten.», sagt Bieler. «Unsere Einordnung soll auch dazu beitragen, dass wir in Regionen, wo die Pressefreiheit wenig gilt, unsere politischen und kulturellen Werte vermitteln können.» Im aktuellen Fall habe dies die russischsprachige Redaktion sehr gut gelöst. Ein Lob von der Chefin das Redaktionsleiter Igor Petrov sicher gerne hört: «Wir können relevante Meinungen aus der Schweiz präsentieren, ohne dass wir unsere Rolle als unabhängige Plattform aufgeben.»

Die meisten russischsprachigen Artikel handeln von der Schweiz und einen Russlandbezug gibt es oft nur indirekt. Wenn Swissinfo das System der Mülltrennung in der Schweiz thematisiert, dann wird nicht explizit auf die Situation in Russland hingewiesen. Diesen Link können – oder müssen – die Leser schon selbst machen. Solche Berichterstattung ist politisch denn auch nicht besonders heikel. Schwieriger wird es, wenn (aussen)politische Vorgänge Russlands zum Thema werden. Neben dem Kniff mit der Presseschau, bietet Swissinfo auch anerkannten Experten eine Plattform. So übersetzte Swissinfo jüngst ein Interview von Radio SRF mit dem früheren Schweizer Botschafter Paul Widmer. Der Diplomatie-Experte erklärt dabei den Vorgang der gegenseitigen Ausweisungen, ohne aber zum Giftanschlag und einer möglichen Täterschaft Stellung zu nehmen, ausser das Verbrechen an sich zu verurteilen. Neben Beiträgen aus anderen SRG-Redaktionen, wie das Widmer-Interview, veröffentlicht Swissinfo auch Artikel von Schweizer Zeitungen, die sie je nach Thema in andere Sprachen übersetzt. So erscheinen Beiträge aus Tages-Anzeiger, NZZ oder Schweiz am Wochenende auch auf Russisch.

Mit diesem Vorgehen kann Swissinfo seinem Informationsauftrag nachkommen, ohne in den Ruch zu geraten, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Seit der Gründung der russischsprachigen Redaktion 2012 habe er noch keine Beschwerde erhalten von russischen Behörden zu seiner Arbeit, sagt Petrov. In einer vom russischen Aussenministerium zusammengetragenen Liste «tendenziöser» Publikationen ausländischer Medien zu den Präsidentschaftswahlen standen keine Beiträge von Swissinfo, anders als etwa die Deutsche Welle, die dort aufgeführt war.

Was aber nicht heisst, dass Swissinfo von Troll-Attacken mutmasslich russischer Herkunft verschont bleibt. «Die Trolle sind sehr aktiv in der letzten Zeit geworden», sagt Petrov. Etwa 30 Prozent aller Leserkommentare fallen in diese Kategorie. «Wir sind ihnen klar ein Dorn im Auge als ein Medium, das zwar unabhängig und ausgewogen berichtet, aber dennoch klar Schweizer Werte wie Demokratie und Menschenrechte verteidigt und erklärt.»

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