von Nick Lüthi

«Radio muss zu einer aktiven Gewohnheit werden»

Wenn einer weiss, wohin sich das Radio in Zukunft bewegt, dann ist es Dominik Born. Der gelernte Elektriker und langjährige Radiomacher leitete zuletzt bei Schweizer Radio und Fernsehen die Innovationszelle «SRF beta». Für Aussenstehende einigermassen überraschend verliess Born das Unternehmen vor zwei Monaten. Seither arbeitet er als Innovationsmanager bei den Industriellen Werken Basel. Doch die Radiozukunft beschäftigt ihn weiterhin.

Wenn er auf der Bühne steht, dann ist ihm die Aufmerksamkeit des Publikums gewiss, egal ob ihm gestandene Medienmacher oder Volontäre zuhören. Dazu trägt seine ebenso unbescheidene, wie auch zutreffende Selbstcharakterisierung als ein «Berserker vor dem Herrn» bei; Dominik Born ist eine Rampensau. Mit seinen Überzeugungen und Einsichten hält er nicht hinter dem Berg. Als Praktiker, der nach Jahren vor und hinter dem Mikrofon selbst erfolgreich Plattformen und Prototypen mitentwickelt und aufgebaut hat, ist seine Glaubwürdigkeit umso grösser. Bis zu seinem Abgang Ende April profitierte das Schweizer Radio und Fernsehen SRF von seinem Know-How. Mit der MEDIENWOCHE sprach Dominik Born über das Radio der Zukunft und die Innovationskraft der SRG.

MEDIENWOCHE:

Warum hast du SRF ausgerechnet in dem Moment verlassen, als es so richtig spannend zu werden verspricht und die Herausforderungen für das Radio grösser sind als auch schon?

Dominik Born:

Es war vorher auch schon spannend, spätestens ab dem Moment, als das Internet so richtig angekommen ist. Das war so um 2005 und dann endgültig mit dem iPhone und der ganzen App-Kultur zwei Jahre später. Aber 2018 muss man nicht mehr das Gefühl haben, jetzt reissen wir das Steuer noch rum. Für mich war es eher so: Wieso erst jetzt? Wieso bist du nicht schon früher gegangen. So richtig spannend war es bis 2013. Danach konnte ich fast keine grossen Akzente mehr setzen.

MEDIENWOCHE:

Da stapelst du aber tief.

Dominik Born:

Klar wurde mir auf dem internationalen Parkett immer mal wieder auf die Schultern geklopft. Man fand, wow, ihr seid ja wahnsinnig weit vorn, wie ihr da gewisse Dinge durchzieht. Meine letzte Amtshandlung war eine Konferenz in Frankfurt, wo ich einen Vortrag halten durfte. Dort fanden zig Leute, wie crazy ist denn SRF drauf.

MEDIENWOCHE:

Das entspricht aber nicht deiner Selbstwahrnehmung.

Dominik Born:

Logischerweise nicht, sonst wäre ich ja immer noch bei SRF. Ich war immer ein Berserker vor dem Herrn. Mir hat nie gereicht, was bei SRF zu erreichen war. Ich wurde aber nicht böswillig behindert. Es ist vielmehr ein strukturelles Problem, das auch in anderen Branchen zu beobachten ist.

MEDIENWOCHE:

Was hat es mit SRF zu tun?

Dominik Born:

In 25 Jahren werden wir eine andere Medienlandschaft haben. Es wird viel mehr Nischenangebote geben, um alle Bedürfnisse befriedigen zu können. Grosse Medienhäuser werden es schwer haben. Man kann nicht von etwas Grossem einfach so wieder zurück in die Nische gehen. Wenn in den Medien etwas Neues entstehen soll, muss man wirklich klein anfangen und es dann wachsen lassen. Die «Republik» ist ein gutes Beispiel.

MEDIENWOCHE:

Radio galt lange Zeit als nicht besonders innovativ. Hat man sich da in falscher Sicherheit gewiegt?

Dominik Born:

Sagen wir es so: Lange Zeit hatte das Radio mit UKW ein Verbreitungsmonopol. Und die Gebühren geben halt schon eine gewisse Sicherheit. Bis jetzt gibt es auch nicht wirklich eine Konkurrenz. Podcasts sind immer noch ein Nischenangebot und die Nutzung ist nicht wirklich messbar.

MEDIENWOCHE:

Es geht ja nicht nur um die Quantität, sondern um die Qualität. Die SRG hat einen Service-public-Auftrag und muss sich nicht allein an der Quote orientieren.

Dominik Born:

Aber macht es dann trotzdem. SRF ist ja auch stolz darauf, dass 2,6 Millionen Menschen Radio SRF 1 und 3 hören. Das ist nun mal eine wichtige Währung. Was ich mich immer gefragt habe: Wie misst man eigentlich Service public? Eine solche Messgrösse war zum Beispiel die «No Billag»-Initiative. Da konnten die Leute ja oder nein sagen zum Service public. Aber im Alltag ist Service public nicht messbar. Das finde ich schon komisch warum es neben den Quoten keine Währung gibt für den Service Public. Und Radio ist leider zu einer Gewohnheit geworden. Die Gesellschaft spürt es erst, wenn man es abschaltet. Wollen wir wirklich darauf aufbauen, einfach nur ein Begleitmedium zu sein?

MEDIENWOCHE:

Was wäre die Alternative?

Dominik Born:

Dass die Leute aktiv einschalten und sagen, sie haben Bock auf etwas Bestimmtes und bewusst ein Programm wählen. Wenn ich am Abend nach Hause komme, sage ich meinem Smartspeaker: Alexa, spiel mir das «Echo der Zeit» und dann weiss ich, dass ich die Infos kriege, die ich brauche. Aber ich muss nicht genau dann einschalten, wenn die Sendung beginnt. Ausserdem kann ich skippen und muss nicht die ganzen 45 Minuten durchhören. Mit dem Smartspeaker kann ich während dem Abwasch das «Echo der Zeit» hören und nebendran machen die Kinder die Hausaufgaben. Wenn sie eine Frage haben, kann ich die Sendung anhalten, ohne dass ich das Handy hervorkramen oder den Laptop aufklappen muss. In diese Richtung muss es gehen: Dass die Leute sagen, jetzt habe ich Bock, das «Echo der Zeit» zu hören, so wie sie einen Netflix-Abend machen. Nicht eine passive, sondern eine aktive Gewohnheit.

MEDIENWOCHE:

Aber die passive Gewohnheit ist doch auch Ausdruck eines «Heimatgefühls», welches das Radio vermittelt.

Dominik Born:

Das stimmt so nicht mehr. Meine Playlist auf Spotify gibt mir auch eine Heimat, weil ich weiss, dass ich diese Songs gehört habe, als ich mit meiner Familie durch die Toscana bretterte.

MEDIENWOCHE:

Aber bei Spotify fehlen die Moderatorinnen und Moderatoren, die für jene Vertrautheit sorgen, die nur das Radio bieten kann.

Dominik Born:

Aber man hat doch jahrelang, ob bei Privaten oder SRF, die Moderatoren zu Boden geschliffen, damit sie nicht stören und man das Programm plätschern lassen kann. Die wirklichen Crazy Guys, die durchgedreht sind auf dem Sender, die haben wir schon lange nicht mehr, vielleicht noch Nick Hartmann oder ein Reeto von Gunten. Aber auch bei ihnen habe ich nicht das Gefühl, oh fuck, jetzt packen sie gleich die Motorsäge aus.

MEDIENWOCHE:

Warum ist das so?

Dominik Born:

Radio muss für alle da sein. Damit kommt man aber in die Zwickmühle. Wie viel Geld soll man in Nischenprojekte investieren? Und wo ist der grösste gemeinsame Nenner? Radioprogramme sind immer ein Kompromiss und das passt nicht in eine Zeit kompromisslose Mediennutzung.

MEDIENWOCHE:

Lässt sich dieses Dilemma lösen?

Dominik Born:

Im linearen Programm bleibt eigentlich nur die Nacht für Experimente. Aber dann hören halt nur Taxifahrer und Krankenschwestern zu. Die Primetime verträgt keine Experimente.

MEDIENWOCHE:

Ein aktuelles Experiment bei Radio SRF ist der Podcast «Einfach Politik».

Dominik Born:

Das ist aber keine Innovation, sondern einfach eine Radiosendung. Es ist ja das normalste Radiohandwerk, was die machen. Aber eine Stunde Gespräch und Geplauder, so wie wir hier miteinander reden, das bringst du auf keinen grossen Sender mehr, weil du eben an zu viele Vorlieben denken musst.

MEDIENWOCHE:

Aber das Podcast-Angebot von Radio SRF ist schon länger erfolgreich unterwegs. Das «Echo der Zeit» ist bei iTunes einer der am meisten heruntergeladenen Podcasts.

Dominik Born:

Die Frage ist doch, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, dass etwas Neues kommt? Ich komme schon wieder mit Spotify, die haben die Musikindustrie umgekrempelt. Im Radiobereich kann man es sich schon schönreden, dass alles läuft wie eh und je. Aber all die Leute, die mit Kopfhörern rumlaufen, die hören nicht alle Radio. Jetzt ist der Augenblick, wo man auf den Zug aufspringen muss. Wer es jetzt nicht packt, kann es gleich sein lassen. Die SRG hatte mit DIY.fm den Hintern schon mal auf der richtigen Herdplatte. Daraus hat man sehr viel gelernt, das man jetzt nutzen sollte.

MEDIENWOCHE:

Wenn ich mich recht erinnere, konnte man auf der Plattform DIY.fm die Radioprogramme der SRG nach individuellen Vorlieben rekombinieren. Also zum Beispiel das Programm von Couleur 3 hören mit den Nachrichten von SRF 1. Warum ist es denn nur bei dem Prototyp geblieben?

Dominik Born:

Mein damaliger Chef hat DIY.fm mal dem On-Board-Chef von BMW gezeigt, der die ganzen Multimediasysteme verantwortet. Er fand. wow krass, wie crazy seid ihr denn drauf, dass ihr als Medienunternehmen so etwas zulässt, weil es dein Grundmodell verheizt, weil man damit die Linearität vom Radio aufbricht. Darum wollte es auch niemand weiterziehen. Ich bin niemandem böse deswegen. Am Anfang hat es mich logischerweise schon auch frustriert. Da gewinnst du internationale Preise, tingelst durch die Welt und daheim kommst du nicht an damit. Logisch findest du dann irgendwann, was mache ich falsch? Auf der anderen Seite musst du auch sagen, vielleicht war es zu schräg für diese Zeit.

MEDIENWOCHE:

Wer ist denn mutiger als die SRG?

Dominik Born:

Etwa die extrem innovative BBC, die haut immer wieder krasses Zeug raus. Da stehen auch immer die Redaktionen dahinter und nicht nur die technischen Abteilungen. Bei der BBC steht in der Konzession, dass sie Innovation leisten müssen. Das würde wohl auch der SRG helfen, die Handbremse zu lösen.

MEDIENWOCHE:

Ein gesetzlicher Zwang zur Innovation?

Dominik Born:

Genau. Die SRG schläft schon nicht. Aber ein richtiger Zwang zur Innovation hilft der ganzen Branche, wenn einer vorangeht. Solche Innovation muss nicht einmal zwingend innerhalb der SRG selbst entstehen, aber sie müsste die Hausaufgaben so machen, dass Innovationen möglich werden.

MEDIENWOCHE:

Ein gelungenes Beispiel für SRG-Innovation sind die von dir mitinitiierten «Hackdays». Was fliesst davon zurück in den Alltag?

Dominik Born:

Aus einem Projekt der ersten Hackdays ist zum Beispiel eine verbesserte Verschlagwortung des Archivs entstanden. Es gibt immer wieder Sachen, die auf den ersten Blick völlig crazy aussehen und irgendwann muss man den Leuten zeigen, welche Probleme sie damit lösen können. Das war auch meine Aufgabe. Das braucht Zeit und einen langen Atem und von den Vorgesetzten eine schützende Hand. Ich hatte diesen Freiraum und konnte machen, was ich für richtig befand. Ein Unternehmen, das mit dem Tagesgeschäft ausgelastet ist, findet natürlich nicht, hurra wir legen gleich mit einem neuen Projekt los und stellen dafür ein Dutzend Leute ab. Die SRG ist dermassen stark durchgetaktet, das geht natürlich nicht so einfach. Zuerst muss man überhaupt mal Ressourcen freischaufeln. Darum braucht es immer eine gewisse Anlaufzeit bis etwas losgeht.

MEDIENWOCHE:

Bei der Übertragungstechnologie soll in ein paar Jahren DAB+ zum neuen Standard werden und UKW ablösen. Ein sinnvoller Schritt?

Dominik Born:

DAB+ ist nur eine Übergangstechnologie. In einer näheren oder ferneren Zukunft wird alles über IP-basierte Netze laufen. Mit 5G wird es auch genügend Kapazitäten geben, damit kein Provider mehr die Übertragungsraten drosseln wird, wenn jemand zu viel Daten nutzt, erst recht nicht für Audio, das viel weniger Traffic verursacht als Video.

MEDIENWOCHE:

Aber im Unterschied zu DAB+ muss man für den IP-basierten Radioempfang zusätzlich noch ein Abo mit einem Telekom-Anbieter abschliessen. Das widerspricht dem Free-to-air-Prinzip des öffentlichen Rundfunks.

Dominik Born:

Ein DAB+-Radio braucht auch Strom, den man separat bezahlen muss. Es würde aber deshalb niemand behaupten, damit werde Free-to-air verletzt. Es eine absurde Denkweise. IP ist inzwischen dermassen verbreitet, mit dem Argument kann man nicht mehr kommen. Die Leute lösen ja kein Abo, nur um mit dem Handy Radio zu hören, sondern Radio kann ein Teil davon sein. Auch die Kosten für die Veranstalter werden sinken und billiger werden als mit der DAB-Verbreitung. Je nach Berechnungsmethode ist das sogar schon heute der Fall.

MEDIENWOCHE:

Kommen wir noch zu den Plänen, das Radiostudio Bern in seiner heutigen Form aufzulösen und die Radioinformation zum Fernsehen nach Zürich zu verlegen. Ein innovatives Projekt?

Dominik Born:

Ich persönlich verstehe den Plan nicht. Innovation fördert man nicht, indem man Standorte zusammenlegt. Bei internationalen Konzernen kann man ja schauen, wie das über Kontinente hinweg gut funktioniert. Ob Innovation oder Content-Aufbereitung oder welche Arbeitsprozesse auch immer, das geht heute alles auch dezentral. Zu meiner Zeit bei SRF habe ich regelmässig mit Leuten aus Genf zusammengearbeitet und wir sahen uns einmal im Jahr. Ich habe mit zig Leuten via Chat Ideen und Projekte entwickelt, ich war in Basel, die anderen in Bern oder wo auch immer. Das funktioniert. Der Wille zur Innovation ist wichtiger als ein gemeinsamer Standort.

Bild: zVg/Lucius Müller

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