von Benjamin von Wyl

«Ich schreibe immer, was ich denke»: Christian Keller und seine Prime News

Mit seinem «Prime News» will Christian Keller als selbständiger Unternehmer jenen Lokaljournalismus fortführen, den er zuvor bei «Telebasel» und der «Basler Zeitung» gemacht hatte. Mit seinen ersten Artikeln sorgte er schon über die Stadtgrenzen hinaus für einige Aufregung. Wer ist Christian Keller, der sich sowohl aufs saubere Recherchieren, wie aufs Polemisieren versteht?

Im Journalismus gilt manchmal ein Zitat aus der berühmtesten Schweizer Talkshow überhaupt: «Jeder kann machen, was er will, weil jeder steht dazu, was er macht.»

Christian Keller, ehemaliger Leiter des Lokalressorts der Basler Zeitung, hat sich Mitte August mit dem Online-Portal «Prime News» selbständig gemacht. Der 35-Jährige hat sich mit Stationen bei der Basellandschaftlichen Zeitung, Telebasel und der Basler Zeitung einen Namen als Rechercheur gemacht. 2017 – 30 Jahre nach der Katastrophe – brachte er neue Beweise für die Ursachen des Chemiebrands in Schweizerhalle. Für die Hintergrundgeschichte erhielt er den Zürcher Journalistenpreis. Parallel zu dieser Identität als Reporter pflegt Keller bis heute auch seinen Ruf als Polemiker. Man fragt sich: Warum macht der das? Warum hat Keller, der seriösen Journalismus kann, das nötig?

Kellers neues Medium vereint soliden Lokaljournalismus, mit Nostalgietexten, wie man sie vom eben erst eingestellten Online-Portal barfi.ch kannte und polemischen Kommentaren. «Prime News» hat ein innovatives Geschäftsmodell, bezahlt seine freien Mitarbeitenden fair. Wer schreibt, geht raus und spricht mit den Leuten. Für das Projekt wünscht man Keller alles Gute. Ob es publizistisch und wirtschaftlich gut kommt oder nicht: «Prime News» sorgt definitiv für Diskussionen. Der Polemiker Keller schlug bereits mehrfach zu. Etwa im reportageartigen Kommentar zum «Solidaritätsmarsch» für zwei des Rassismus bezichtigte Basler Fasnachtscliquen. Statt zu verorten oder originell zu schreiben, setzt sich Keller auf die Wutbürger-Wut drauf – und schreibt auch freimütig «Ja, ich weiss, als Journalist sollte man Distanz wahren. In diesem Fall schaffe ich es nicht mehr.» Ist das ok, weil Keller es zugibt? Gilt hier das Talkshow-Zitat «Jeder kann machen, was er will, weil jeder steht dazu, was er macht.»? Man kann Keller auf alle Fälle nicht vorwerfen, dass er nicht zu seinen Positionen und Entscheidungen steht. Auch im Interview mit der MEDIENWOCHE hat er sich sehr offen geäussert.

MEDIENWOCHE:

Ihr heisst «Prime News», aber macht keine News. Wieso der Name?

Christian Keller:

Ich wollte mich nicht durch einen Lokalbezug einschränken lassen. «Prime News», das merkt man sich. Es bleibt im Kopf. Über die Bedeutung des Namens entscheiden die Leser nach ein, zwei Monaten selbst. Egal ob wir eine Abhandlung dazu schreiben oder nicht. Wir haben Hintergrundgeschichten und verfügen über ein dichtes Netzwerk, weil wir teilweise schon lange im Lokalen arbeiten.

MEDIENWOCHE:

Momentan kann man aber noch vieles auf «Prime News» projizieren. Darum nenne ich jetzt Schlagworte zu «Prime News» und Sie antworten mit einer Zahl von 1 bis 10, von überhaupt nicht zutreffend bis absolut zutreffend. Ok? Also los: Der Publizist Matthias Zehnder hat gesagt, «Prime News» könne «ein Stachel im rotgrünen Basel sein».

Christian Keller:

Das ist unsere Aufgabe. 10. Aber wenn Basel eine bürgerliche Regierung hätte, wären wir der Stachel der bürgerlichen Regierung. Es geht nicht um das Prinzip «gegen links» zu sein. Unsere Aufgabe ist es, den Staat kritisch zu hinterfragen. Ich sage nicht, der Staat mache alles schlecht, aber der Staat hat das Gewaltmonopol und kann verfügen. Als Bürger hast du gegen seine unbegrenzten Mittel keine Chance.

MEDIENWOCHE:

Ok, machen wir weiter: «Prime News» ist «die TagesWoche von rechts».

Christian Keller:

Das ist Blödsinn. 1.

MEDIENWOCHE:

«Prime News» ist das alte Telebasel, bei dem Sie das Hintergrund-Format «Report» geleitet haben.

Christian Keller:

Mit sehr wenig viel rausholen, genau. 10. Aber wir funktionieren natürlich anders als ein Fernsehsender.

MEDIENWOCHE:

Der nächste Begriff wird Sie nerven, aber die Gerüchte über eine angebliche Nähe zu Freikirchen sind bereits auf Social Media gestreut, darum: «Prime News» ist eigentlich Fischli-News.

Christian Keller:

Eine 0. Das ist eine fiese Unterstellung. Ich weiss nicht, woher das kommt. Das Gerücht, dass ich bei einer Freikirche sei, ging bereits während meiner Zeit bei der BaZ rum. Das stimmt überhaupt nicht. Ich habe nichts gegen Freikirchen, aber die Leute, die das Gerücht verbreiten, wollen mir damit schaden.

MEDIENWOCHE:

Fair enough. «Prime News» ist Barfi.ch plus Politik.

Christian Keller:

1

MEDIENWOCHE:

«Prime News» ist die Selbstverwirklichungsplattform des Journalisten Christian Keller.

Christian Keller:

1

MEDIENWOCHE:

«Prime News» ist der legitime Erbe der Somm’schen Basler Zeitung.

Christian Keller:

0

MEDIENWOCHE:

Markus Somm hat im Interview mit der Tageswoche gesagt, man werde die mediale Streitkultur, die die Basler Zeitung ausgelöst hat, vermissen. Die Basler Zeitung, Ihr ehemaliger Arbeitgeber, hat einen ähnlich staatskritischen Anspruch, wie Sie ihn eben formuliert haben. Sie wollen da aber keine Bresche füllen?

Christian Keller:

Die staatskritische Haltung ist mein Grundverständnis als Journalist. Das hat nichts mit der BAZ zu tun, wenn du als Journalist den Staat toll findest, kannst du eigentlich aufhören und Mediensprecher werden.

MEDIENWOCHE:

Der Zeitpunkt Ihrer Selbständigkeit hat nichts mit dem Verkauf der BaZ an Tamedia zu tun?

Christian Keller:

In so kurzer Zeit hätte ich das ganze Projekt gar nicht auf die Beine stellen können.

MEDIENWOCHE:

Wie lange sind Sie denn schon an «Prime News» dran?

Christian Keller:

Im Kopf seit zwei… nein, seit 20 Jahren. Ich wollte schon immer selbständig sein. Vor einem Jahr habe ich es mal verworfen, weil meine Rechnungen nicht aufgegangen sind: Das Geschäft mit konventioneller Onlinewerbung ist chancenlos. Das sah man jetzt bei Barfi.ch. Ungewünschte Werbebanner oder -videos nerven die Leser. Es funktioniert nicht. Als ich dann das Konzept der Smart-Wall kennengelernt hatte, sagte ich mir: Das ist es.

MEDIENWOCHE:

Sie sind optimistisch, dass dieses Modell «Prime News» finanzieren wird?

Christian Keller:

Das gab es bisher nicht. Für mich ist das Geschäftsmodell das Entscheidende bei «Prime News». Die Frage: Wie finanzierst du im Internet journalistische Inhalte? Wir arbeiten mit dem Smart-Wall-Modell der Firma Swisspay, ohne Registrierungsaufwand. Wer keine Werbung schauen will, tippt zwei Mal, bezahlt per Handy und der Artikel ist freigeschaltet. Wenn du die Werbung schaust, machst du es bewusst. Für den Werbekunden ist das ebenfalls super, weil er weiss, dass er willkommen und nicht störend ist. Wir können deshalb höhere Tarife verrechnen und kommen so auf eine Einkommensbasis, um Journalismus zu finanzieren.

MEDIENWOCHE:

Eure Werbevideos erzählen eine andere Geschichte als es unerwünscht aufploppende Werbevideos tun. Die Leser sparen 1.50 Franken pro Artikel – dank Ihren Werbekunden.

Christian Keller:

Wir drehen es um. Und im Unterschied zu denen, die die Werbevideos automatisch abspielen, riskieren wir, dass der Benutzer den Artikel nicht liest oder das Video vorher abbricht. Der Werbekunde zahlt nur, wenn die 15 Sekunden fertig laufen. Das nehmen wir in Kauf.

MEDIENWOCHE:

Annahme: Ihr habt 120’000 Unique User pro Monat, aber keinen einzigen Abonnenten. Wärt ihr mit dem Smart-Wall-Modell dann tragfähig?

Christian Keller:

Wenn wir Kunden haben, die von unserem System überzeugt sind, dann schon. Bis jetzt ist die Resonanz gut. Es ist im Werbemarkt immer sehr hart, wenn man neu ist.Wir haben aber beispielsweise eine Media-Agentur getroffen, die uns das Feedback gab, es sei das erste Mal, dass sie Internet-Werbung überzeugt. Die Firma Swisspay liefert das Modell bereits schon länger an die französische Zeitung Journal du Dimanche. Die machen damit sehr gute Erfahrungen. Das stimmt mich optimistisch, aber wir müssen die Entwicklung abwarten.

MEDIENWOCHE:

Ihr Ziel sind 2000 bis 3000 Abos nach einem Jahr. Wo stehen Sie da momentan?

Christian Keller:

Publizistisch bin ich nach der ersten Woche sehr zufrieden, aber es ist natürlich klar: Wir haben nicht wie die «Republik» bereits 20’000 Abonnenten beim Start. Der Stand ist sehr bescheiden. Auf dem Lesermarkt nimmt es laufend zu, das sehen wir auch an den Facebook-Likes. Für eine Einschätzung ist es einfach noch zu früh. Mein Ziel ist es, bis Ende Jahr eine Stammleserschaft zu kreieren, die die Seite jeden Tag besucht. Das muss uns gelingen. Wenn wir das schaffen, können wir Ende Jahr eine gute Bilanz ziehen.

MEDIENWOCHE:

Ergänzend zu diesem Smart-Wall-Modell schalten Sie gesponserte Beiträge, bei denen die werbende Firma als Autor firmiert. Das behalten Sie so bei oder sind Native Ads für Sie auch eine Option?

Christian Keller:

Es kann sein, dass wir eine Themenwoche machen, die von einem Sponsor über die Woche hinweg getragen wird.

MEDIENWOCHE:

Eine solche Themenwoche würde die Definition von Native-Ads erfüllen.

Christian Keller:

Das ist dann journalistisch unabhängig von diesem Werbekunden. Dass wir als Redaktion für einen Werbekunden Beiträge schreiben, wird nicht passieren. Die meisten Firmen haben ohnehin einen Pressesprecher. Man bekommt diese gesponserten Beiträge schon fixfertig.

MEDIENWOCHE:

Ausser Ihnen gelten all Ihre Redaktionsmitarbeitenden offiziell als «Freelancer», auch Ihr stellvertretender Chefredaktor. Es hiess, Sie entlöhnen diese freien Mitarbeiter marktüblich. Was heisst marktüblich?

Christian Keller:

Für 5000 Zeichen bezahlen wir ungefähr 400 Franken. Aber die Leute, die jetzt mit dabei sind, machen ihre Arbeit nicht wegen des Geldes. Wir sind ein Start-up – und einige engagieren sich über die bezahlte Arbeit hinaus. Ich will gute Löhne zahlen und niemanden dumpen. Ich weiss aber, dass 400 Franken schon wieder zu wenig sind, wenn jemand zwei Tage dran ist. Da bin ich realistisch. Mein Hauptproblem ist, dass wir flexibel bleiben müssen. Wenn ich merke, dass wir in einen Liquiditätsengpass kommen, weil es Monate dauert bis die Werbekunden zahlen, muss ich einen Auftrag weniger rausgeben.

MEDIENWOCHE:

Sich selbst bezahlen Sie aber bereits jetzt einen Lohn?

Christian Keller:

Nein, nein. Das ist viel zu früh.

MEDIENWOCHE:

Wie sähe denn Ihre Wunschredaktion aus?

Christian Keller:

Mein Traum wären fünf Festangestellte und ein Pool von Freischaffenden. Der Spirit des Kleinen bliebe, das fand ich auch bei der BaZ immer lässig. Ein gutes Team, in dem sich alle verstehen und versuchen das Maximum rauszuholen.

MEDIENWOCHE:

Auf Facebook findet sich bereits ein Foto der «Prime News»-Redaktionssitzung. Diese Redaktionskonferenzen berufen Sie einmal pro Woche ein?

Christian Keller:

Alle zwei Wochen. Wir sind zusätzlich über einen WhatsApp-Chat konstant in Kontakt.

MEDIENWOCHE:

Sie sind Gründer und Chefredaktor. Wer schaut denn Ihnen redaktionell auf die Finger?

Christian Keller:

Mein Stellvertreter Oliver Sterchi und die freie Mitarbeiterin Katrin Hauser. Meine Frau drückt bei mir auch immer auf die Bremse. Das ist sehr wichtig.

MEDIENWOCHE:

Also haben auch Sie bereits eigene Artikelvorschläge aufgrund der Rückmeldungen dieser Leute nicht realisiert?

Christian Keller:

Ja klar. Auch Passagen innerhalb von Artikeln habe ich deshalb komplett neu geschrieben. Am liebsten gebe ich Texte Leuten zum Gegenlesen, die nicht im Thema drin sind. Damit sie mir einfach spontan ihren Impuls mitteilen. Kritikfähigkeit ist das oberste Prinzip.

MEDIENWOCHE:

Sprechen wir über Ihr journalistisches Profil, das – zumindest momentan – das Profil von «Prime News» prägt. Einerseits sind Sie ein für Ihre Recherchen preisgekrönter Journalist, andererseits schreiben Sie immer wieder Polemiken. Bei der BaZ, aber auch bereits in der ersten Woche von «Prime News». Da schrieben Sie auch, sie können die journalistische Distanz nicht mehr wahren. Man fragt sich: Warum macht der das? Für die Wutbürger auf Facebook?

Christian Keller:

Meine Artikel haben oft dazu geführt, dass sich das Establishment wahnsinnig aufgeregt hat. Wenn ich diese Einstellung hätte…

MEDIENWOCHE:

Welche Einstellung?

Christian Keller:

Ich bin mit der Bedingung zur BaZ gekommen, dass ich über alles schreiben darf. Mein erster Artikel hat den Rücktritt der SVP-Landratspräsidentin bewirkt. Das hat Leute in der BaZ-Leserschaft zum Durchdrehen gebracht. Damit möchte ich einfach sagen: Wenn das, was Sie jetzt sagen, zutrifft, hätte ich die Geschichte damals nicht gebracht.

MEDIENWOCHE:

Ihr Kommentar «Aufstand gegen die Gesinnungspolizisten» verortet nicht, sondern macht die Hässigen noch hässiger.

Christian Keller:

Das kann sein. Ich schreibe immer, was ich denke. Danach geh ich immer. Ich habe diesen Eindruck vom Solidaritätsmarsch gewonnen und dann fand ja mein Stellvertreter, er müsse eine Replik schreiben. Das fand ich grossartig. Aber dahinter stehen keine strategischen Überlegungen auf Social Media. Die brächten auch nichts.

MEDIENWOCHE:

Ein weiteres fragwürdiges Vorgehen ist die Ankündigung eines Primeurs über die Basler Verkehrsbetriebe via Facebook, in dem Sie einen ehemaligen Mitarbeiter nennen. Man liest den Post, nimmt an, dass diese Person eine Rolle spielt, aber weiss nicht, ob eine positive oder negative. Wieso haben Sie das getan?

Christian Keller:

Das war eine gute Geschichte. Ich habe aber erfahren, dass mindestens ein Medium das Thema am Folgetag gross bringt. Also haben wir uns gesagt, dass wir das jetzt so publizieren. Ich bin an einer BVB-Geschichte dran, aber ich will sie gut und nicht halbpatzig bringen. Die kommt dann schon.

MEDIENWOCHE:

Sie verfügen als Journalist bisher über keine Erfahrung in Online- und Social Media-basierten Medien.

Christian Keller:

Bis jetzt war ich Printjournalist. Bis vor einer Woche wusste ich nicht mal, wie man Werbung auf Facebook schaltet.

MEDIENWOCHE:

Und jetzt bringen Sie sich den Umgang mit Social Media bei?

Christian Keller:

Genau, das ist ein Lernprozess. Als Journalist sollte man sich immer von seinen Überzeugungen leiten lassen. Man sollte nicht kalkulieren und muss unberechenbar bleiben. Heute haben wir ja ein Interview mit dem Präsidenten der Baselbieter Grünen. Deshalb schreibt mir einer, er mache deswegen kein Abo. Seine Hoffnung, dass wir die BaZ fortführen, habe sich als falsch erwiesen. Das ist mir egal. Ich mache, was mich interessiert und was ich für relevant halte.

MEDIENWOCHE:

Apropos Relevanz. Ich verstehe Ihre staatskritische Haltung und ich verstehe auch, dass Parteiämter öffentliche Ämter sind. Aber bei Ihrem zweiten Artikel über den Saubanner-Zug in Basel zeigen Sie die 18-jährige Präsidentin der Juso Stadt Luzern mit vollem Namen und Bild, weil Sie sich nicht von Sachbeschädigungen distanziert. Auf diese junge Frau sind Sie gekommen, weil ein Juso-Mitglied aus Luzern unter den Angeklagten ist. War es verhältnismässig, diese junge Frau so zu outen?

Christian Keller:

Ich kann Ihnen gerne die schriftliche Autorisierung der Zitate zeigen. Wenn eine 18-jährige – eine Volljährige – Frau mir am Telefon sagt, sie könne eingeschlagene Scheiben und kriminelle Handlungen nicht verurteilen und ich frage fünf Mal nach, ob sie das wirklich so sagen will und sie sagt: Jaja, das ist gut so…

MEDIENWOCHE:

Fünf Mal haben Sie nachgefragt?

Christian Keller:

Ich habe x Mal gefragt. Am Ende bin ich nicht Ihr Erziehungsverantwortlicher. Wenn es die SVP gewesen wäre, hätten wir es genau gleich gemacht. Sie ist Juso-Präsidentin und diese Leute kommen aus ihren Kreisen – auch wenn ich ihre Haltung nicht der ganzen Juso unterstellen will. Wenn sie 16 gewesen wäre, hätte ich es gut sein lassen. Entschuldigung, aber für die Frau war das auch ein Lehrstück. Ich hoffe, sie hat die Dimension des von ihr Gesagten jetzt verstanden. Wir haben nicht hinterhergehauen und keine triumphierende Meldung abgesetzt, als sie ihre Aussagen zurücknehmen musste.

MEDIENWOCHE:

Ein weiteres kontroverses Thema der ersten Woche von «Prime News» ist Ihr medienpolitisches Manifest «Subventionen sind Gift für eine innovative Medienwelt». Wieso wollten Sie sich beim Start direkt so exponieren?

Christian Keller:

Nochmals: Ich kalkuliere nicht, wenn ich mich zu einem Thema äussere. Mich regt das Gejammer in dieser Branche auf. Das führt doch zu nichts. Als Journalist in der heutigen Zeit kann man mit wenigen Mitteln arbeiten, das ist genial und das ist der Punkt. Der Staat ist nicht die richtige Ansprechsperson zur Finanzierung. Er ist nicht innovativ.

MEDIENWOCHE:

Bei Radio und Fernsehen sind Mediensubventionen Realität.

Christian Keller:

Das ist vom Volk bewilligt, das will das Volk. Aber nicht im Onlinebereich.

MEDIENWOCHE:

Würde sich Ihre Position ändern, wenn es einen Volksentscheid gäbe, dass Online-Medien gleich behandelt würden wie Radio und Fernsehen?

Christian Keller:

Dann würd ich sagen: Ich find’s falsch, aber das Volk wollte es so. Und dann respektiere ich das.

MEDIENWOCHE:

Aber Sie würden diese Unterstützungsgelder dann nicht beantragen?

Christian Keller:

Wenn es alle machen schon! Die BaZ verzichtet auch nicht auf die Subventionen beim Zeitungsverteilen. Das wäre dumm. Aber ich sage, es ist falsch. Und ich glaube auch nicht, dass Subventionen im Online-Bereich kommen.

Nachtrag:
Das Interview fand am 20. August in den Räumen von «Prime News» statt. Am Tag nach dem Gespräch wies Daniel Ryser in der «Republik» nach, dass eine der Beschuldigten im sogenannten Saubanner-Zug gar nicht vor Ort gewesen sein konnte und dass Keller deren Anwältin namentlich genannt hat, ohne sie zu kontaktieren. Folgend Christian Kellers Antworten auf die schriftlichen Rückfragen:

MEDIENWOCHE:

Daniel Ryser wirft Ihnen die Vorverurteilung der Beschuldigten vor. Sie nehmen für sich eine staatskritische Position und die Anwaltschaft der Bürger gegen den Staat in Anspruch. Wieso hat diese Einstellung bei den Angeklagten des Saubannerzug nicht gegolten?

Christian Keller:

Im Artikel steht ausdrücklich, dass für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung gilt. Zudem ist es als akkreditierter Gerichtsjournalist untersagt, Verfahrensbeteiligte zu kontaktieren – ansonsten droht Dir der Verlust der Gerichtsakkreditierung. Ich habe zudem einen Medienanwalt den Text gegenlesen lassen, um sicherzustellen, dass keine Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

MEDIENWOCHE:

Im «Republik»-Artikel erklären Sie, weshalb Sie die Anwältin nicht zitiert haben. Aber haben Sie sie vorgängig kontaktiert? Wenn nein: weshalb nicht?

Christian Keller:

Sie ist die Anwältin einer Angeklagten, das habe ich geschrieben – mehr nicht. Warum muss ich sie deshalb kontaktieren? Das ist doch absurd.

MEDIENWOCHE:

Werden Sie nach Daniel Rysers Artikel ein Korrigendum o.ä. publizieren?

Christian Keller:

Ich habe den Artikel noch nicht gelesen. Sollte ich doch noch Aspekte sehen, die mir nicht aufgefallen wären, würde ich mich bis 08:00 Uhr nochmals melden. Derzeit sehe ich überhaupt keinen Grund für irgendein Korrigendum.

Keller hat sich nicht mehr gemeldet.

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Leserbeiträge

Julian 24. August 2018, 11:08

“Wenn du die Werbung schaust, machst du es bewusst. Für den Werbekunden ist das ebenfalls super, weil er weiss, dass er willkommen und nicht störend ist.”

Und genau hier ist die Fehleinschätzung. 99% werden die Werbung klicken, um Kosten zu sparen, nicht wegen Interesse an Firma oder Produkt. In  der Zeit hole ich mir einen Kaffee, schreibe eine Mail. o.ä. Etwas anderes anzunehmen, ist m.M. naiv.

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