von Adrian Lobe

Facebook ist das neue Sportfernsehen

Für viel Geld hat Facebook Übertragungsrechte für europäischen Spitzenfussball gekauft. So zeigt die Social-Media-Plattform sämtliche Spiele der spanischen La Liga ihren 350 Millionen Nutzern in Indien und weiteren sieben Ländern der Region. Ebenso nutzen Sportsender Facebook als Streamingplattform für ausgewählte Spiele. Auch andere Technologie-Konzerne drängen ins Sportgeschäft.

Seit Jahren schwelt eine medienpolitische Debatte, ob das soziale Netzwerk Facebook ein Medienunternehmen ist. Gründer Mark Zuckerberg verwahrte sich bislang gegen eine solche Kategorisierung, die regulatorische (und finanzielle) Konsequenzen nach sich zöge. 2016 relativierte er in einem Livestream, Facebook sei zumindest kein «traditionelles» Medienunternehmen, was Spielraum für Interpretationen liess. Argumente dafür hat der Konzern nun selbst geliefert: Seit dieser Saison können Facebook-Nutzer in Grossbritannien und Irland jede Woche jeweils eine Partie der spanischen La Liga und der italienischen Serie A streamen – und das kostenlos. Der Netzwerkkonzern hat dazu eine Vereinbarung mit dem Rechteinhaber Eleven Sports getroffen,. Der Pay-TV-Sender zeigt die Spiele live auf seiner Facebook-Seite, die mittlerweile 1,2 Millionen Fans hat.

Dessen Gründer und Vorsitzender, der italienische Geschäftsmann Andrea Radrizzani, der zugleich die Mehrheit am englischen Zweitligisten Leeds United besitzt, hatte in diesem Jahr für kolportierte 18 Millionen Pfund pro Saison die TV-Rechte der spanischen Liga ersteigert und dabei die Konkurrenz von BT und Sky ausgestochen. Eleven Sports will sich vorbehalten, welche Spiele es kostenlos auf Facebook streamt. Ausgeschlossen sind der «Clásico» (Real Madrid gegen FC Barcelona) sowie das Mailänder Derby, die für die Abo-Kunden vorbehalten sind (das Abo kostet 5,99 Pfund im Monat oder 49,99 Pfund im Jahr). Den Auftakt markierte die sportlich eher unattraktive Begegnung Girona gegen Valladolid, gefolgt vom mit Spannung erwarteten Saisondebüt von Cristiano Ronaldo bei Juventus Turin. Für den Pay-TV-Sender sind die kostenlosen Live-Übertragungen auf Facebook ein Anfixangebot, um ein digitalaffines Publikum anzusprechen und als Kunden für ein Abonnement zu gewinnen.

Gerade erst hat Facebook seine Video-Plattform Watch weltweit auf den Markt gebracht, mit der es Konkurrent Youtube angreifen will.

Auch Facebook profitiert von der Medienpartnerschaft. Wenn Edelnutzer Cristiano Ronaldo, der 122 Millionen Facebook-Fans hat, bei einem Match live auf der Plattform zu sehen ist, erzeugt das mehr User Engagement. Mehr Likes und Klicks bedeuten für den Konzern: mehr Werbeumsatz. Gerade erst hat Facebook seine Video-Plattform Watch weltweit auf den Markt gebracht, mit der es Konkurrent Youtube angreifen will.

Grossbritannien ist nicht der einzige Markt, der Facebook interessiert. Seinen Nutzern in Südasien und auf dem indischen Subkontinent zeigt Facebook künftig alle 380 Spiele der spanischen Liga kostenlos. Die Spiele sind für Facebook-Nutzer in Ländern wie Indien, Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Nepal, Sri Lanka und Pakistan frei verfügbar. Der Tech-Konzern hat dazu die Übertragungsrechte vom spanischen Ligaverband erworben. Wie viel Facebook dafür bezahlte, legte der Konzern nicht offen. Ein tauglicher Vergleichswert dürften die 32 Millionen Dollar sein, die Sony Pictures Network bei der letzten Vergabe 2014 bis zu seinem Ausstieg 2018 bezahlte.

Für Facebook ist der Erwerb der Übertragungsrechte ein wichtiger Schritt, attraktiven Inhalt auf die eigene Plattform zu holen.

In den nächsten drei Jahren können 348 Millionen Nutzer in der Region, darunter allein 270 Millionen in Indien, kostenfrei Lionel Messis Ballkünste bei Barça bestaunen. Für den spanischen Ligaverband, der den diesjährigen Supercup zwischen dem FC Barcelona und FC Sevilla – zum Ärger der Fans – im marokkanischen Tanger ausrichtete und in den kommenden 15 Jahren jeweils ein Spiel in den USA austragen will, stellt dies ein weiterer Schritt in der Auslandsvermarktung dar. Für Facebook ist der Erwerb der Übertragungsrechte ein wichtiger Schritt, attraktiven Inhalt auf die eigene Plattform zu holen. Fussball eignet sich dazu perfekt: Kaum eine andere Sportart erzielt so hohe Quoten und Werbemargen. Wenn Facebook sein soziales Netzwerk zur globalen Fussball-Arena ausbaut, könnte der Konzern noch mehr Geld mit Werbung verdienen.

Für seine millionenschwere Sport-Offensive verpflichtete Facebook den erfahrenen Eurosport-Chef Peter Hutton, der den neu geschaffenen Posten des «Director of Global Live Sports» einnimmt. Hutton nannte den Deal mit der spanischen Liga gegenüber Reuters ein «Experiment». Weitere Optionen würden geprüft, es gehe aber nicht darum, grosse Mengen an Inhalten einzukaufen, so Hutton. Mit der Personalie wollte Facebook seine Niederlage im Bieterverfahren für die Streaming-Rechte der indischen Cricket-Liga (IPL) wettmachen – den Zuschlag erhielt dort das zu Rupert Murdochs Medienimperium gehörende Sendernetzwerk Star India (mit einem deutlich höheren Angebot von 2,6 Milliarden Dollar). Laut Medienberichten war Facebook auch in Verhandlungen mit der englischen Premier League, um ausgewählte Matches in Asien zu übertragen. Der nun geschlossene Deal mit der spanischen Liga markiert einen Trend: Tech-Konzerne steigen in die Live-Übertragung von Sportereignissen ein.

Die kapitalstarken Technologie-Player können bei den Bieterverfahren Summen aufbieten, wo bei den Pay-TV-Sendern die Schmerzgrenze beginnt.

Konkurrent Amazon zeigt ab August 2019 pro Saison jeweils 20 Spiele der englischen Premier League. Der Internet-Händler erhielt den Zuschlag für das erstmals ausgeschriebene Livestreaming-Paket, mit dessen Vergabe der umtriebige Ligaboss Richard Scudamore finanzstarke Technologie-Player an Bord holen wollte. Der Online-Händler hatte sich zuvor für Grossbritannien die Exklusivrechte für die US Open (30 Millionen Pfund) und die ATP World Tour im Tennis (50 Millionen Pfund) gesichert. Im vergangenen Jahr erwarb Amazon für 50 Millionen Dollar die Übertragungsrechte für die Donnerstagsspiele der NFL und überbot dabei die Konkurrenz von Netflix, Youtube und Twitter. Mit den Streamingrechten für die Premier League stockt Amazon sein Sport-Portfolio für seine 100 Millionen Prime-Kunden weiter auf. Das Duopol von Sky und BT Sport, die bisher die Übertragungsrechte der Premier League hielten, wackelt bedenklich. Die kapitalstarken Technologie-Player können bei den Bieterverfahren Summen aufbieten, wo bei den Pay-TV-Sendern die Schmerzgrenze beginnt. Sony, Sky, Sport1 – sie alle zogen gegenüber Amazon und Facebook den Kürzeren.

Auch Google liefert genuinen Sport-Content: Wer in der Suche nach einem Verein, beispielsweise den FC Basel, googelt, erhält neben Informationen zu anstehenden Spielen und Tabelle auch relevante Nachrichten (aus Google News) sowie eine Spielerübersicht. Es ist eigentlich eine in der Suche integrierte Fussball-App. Solche Features lohnen sich: Fussball-relevante Themen gehören laut Google Trends zu den meistgesuchten Begriffen. Die Sportart ist ein attraktives Werbeumfeld. Die Google-Tochter Youtube ist seit diesem Jahr offizieller Trikotsponsor der MLS-Fussballmannschaft Los Angeles FC. Für den Dreijahresvertrag soll der Klub laut «Los Angeles Times» 18 Millionen Dollar kassieren. Im Gegenzug sicherte sich Youtube die Übertragungsrechte an den Spielen. Youtube streamt Sportereignisse wie die Fussball-WM, Fussball-Klubs zeigen auf der Videoplattform kostenfreie Livestreams ihrer Testspiele. Für den kostenpflichtigen Fernsehdienst Youtube TV hat die Videoplattform Sportkanäle wie NBA TV, Golf Channel und ESPN ins Boot geholt. Das exklusive Sportangebot ist mit ein Grund, weshalb Youtube TV seine Abopreise im März von 35 auf 40 Dollar im Monat erhöht hat.

Gut möglich, dass Ligaverbände ihr attraktives Angebot weiter filetieren und Top-Spiele wie den «Clásico», den weltweit 700 Millionen Zuschauer anschauen, meistbietend an Streaming-Plattformen versteigern werden.

Ob das Streaming-Angebot angenommen wird, bleibt abzuwarten. Facebooks Auftakt in Indien verlief eher enttäuschend. Zuschauer störten sich vor allem an den Emojis, die in den Livestream einflogen und das Spielgeschehen infantilisierten. Die Zugriffszahlen auf Videos auf der Facebook-Seite von Eleven Sports bewegen sich im Bereich 6000 bis 7000 Views. Viel ist das nicht. Und ob das eine gesunde Entwicklung für den Sport ist, ist ebenso fraglich. Doch Geld regiert im Fussball bekanntlich schon länger. Gut möglich, dass Ligaverbände ihr attraktives Angebot weiter filetieren und Top-Spiele wie den «Clásico», den weltweit 700 Millionen Zuschauer anschauen, meistbietend an Streaming-Plattformen versteigern werden. Der milliardenschwere TV-Rechte-Deal, den die Premier League 2016 abschloss und der mit irren Transfersummen den Fussball-Markt bereits nachhaltig verändert hat, könnte nur der Beginn einer noch stärkeren Kommerzialisierung des Fussballs sein. Wer nicht Kunde von Facebook oder Amazon ist, könnte bei der Fussballübertragung künftig in die Röhre schauen.

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