von Miriam Suter

«Medien müssen begreifen, dass sie noch nie ausgewogen waren.»

Die Soziologin Franziska Schutzbach hat sich für ihr neues Buch mit der «Rhetorik der Rechten» auseinandergesetzt. Von den Medien fordert sie ein intensiveres Nachdenken darüber, welchen Raum sie eindeutigen Provokationen von rechts geben wollen.

MEDIENWOCHE:

Franziska Schutzbach, woher kam die Idee für Ihr neues Buch?

Franziska Schutzbach:

Ich habe eine Zusammenstellung von rechtspopulistischen Diskursstrategien auf dem Blog einer Kollegin gesehen, der Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl. Die war aber nicht sehr ausführlich und ich dachte, wow, das ist genau das, was es mal bräuchte: Eine einfache, lesbare Zusammenstellung, die zeigt, wie diese Rhetorik funktioniert. Ich denke, das braucht es, um wiederum selber einen strategischen Umgang damit zu entwickeln. Ich stelle immer wieder fest, dass in der Öffentlichkeit die Haltung herrscht, das sei halt einfach eine Meinung und diese Rhetorik sei rein zufällig entstanden. Dabei gibt es verschiedene Strategiepapiere, die immer wieder zum Vorschein kommen, von ganz unterschiedlichen Rechtspopulist*innen in Europa. Uns muss klar sein: Es handelt sich teilweise um geplante diskursive Strategien und nicht einfach um zufällige Meinungen.

MEDIENWOCHE:

Was steht in diesen Papieren?

Franziska Schutzbach:

Zum Beispiel empfiehlt die AfD, bewusst Falschmeldungen in die Welt zu setzen, oder auf den Islam als Feindbild zu setzen. Andere empfehlen, man solle Menschenrechte als ideologisch brandmarken und sich gezielt über die Anliegen von Minderheiten als «überzogen» und «totalitär» beklagen. Natürlich ist nicht alles geplant, man sollte selber nicht in Verschwörungstheorien verfallen. Mit dem Buch will ich deutlich machen, dass wir als Gesellschaft eine Verantwortung haben, wie wir mit Rechtspopulismus und seinen Strategien umgehen. Auch über unsere eigene Verführbarkeit sollten wir nachdenken. In meinem Buch zeige ich nicht nur die zentralen Elemente der rechtspopulistischen Rhetorik, sondern gehe auch auf historische Hintergründe in der Schweiz ein sowie die Frage, wie man Rechtspopulismus überhaupt definieren muss. Wo sind beispielsweise die Unterschiede zum Rechtsextremismus, wo gibt es Überschneidungen? Mein Buch soll vor allem ein Denk- und Diskussionsanstoss sein und Menschen in unterschiedlichen Feldern wie Medien, Parteien, Schule und Sozialarbeit, in den Sozialen Medien oder im Privaten dazu anregen, nachzudenken, wie sie mit Rechtspopulismus umgehen, was sie ihm entgegensetzen können, und wo aber Diskussionen auch Grenzen haben. Wie verhalte ich mich bei rassistischen Äusserungen auf Social Media, wie rede ich mit meinem rassistischen Onkel, wie können Medien arbeiten, damit sie nicht rechtspopulistischem Framing aufsitzen?

MEDIENWOCHE:

Sie schreiben, viele Medien geben Rechtspopulismus eine Bühne. Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Franziska Schutzbach:

Ich denke, die Formulierung «eine Bühne geben» ist bereits etwas irreführend. Rechtspopulistische Agitation ist nicht nur ein Merkmal von Rechten, sondern ist längst in die Mitte der Gesellschaft eingesickert und ist unter anderem auch von liberalen Medien und politischen Akteur*innen übernommen worden. Beispielsweise, wenn der «Blick» das Thema Gewalt an Frauen sehr pauschal ans Migrationsthema knüpft – und nur noch dieses Framing zulässt.

MEDIENWOCHE:

Sie sprechen die Diskussion an «Was hat die Gewalt an Frauen mit Migration zu tun», die der «Blick» anlässlich des Angriffs in Genf, bei dem mehrere Frauen spitalreif geprügelt wurden. Die SP-Nationalrätin Min Li Marti wollte nicht an dieser Diskussion vom «Blick» teilnehmen, woraufhin ihr die Redaktorin, die den Talk führte, in einem Artikel Unehrlichkeit und «moralische Überlegenheit» vorwarf.

Franziska Schutzbach:

Insgesamt fand ich diese Debatte gar nicht so schlecht. Dadurch wurde immerhin etwas möglich: Man konnte sich mit beiden Positionen, mit der von Min Li Marti sowie derjenigen der Journalistin auseinandersetzen, es gab immerhin die Möglichkeit, über das Problem zu reflektieren: das Problem einer tendenziösen Fragestellung. Und wie man, zum Beispiel als Politikerin, mit einem solche Framing umgeht. Aus meiner Sicht war die Reaktion von Min Li Marti richtig, aber das kann man natürlich diskutieren. Die Fragestellung des «Blick» zielte sehr stark in eine Richtung, sie lief darauf hinaus, den Grund der Gewalt auf eine einzige Ursache zu reduzieren: Gewalt hat etwas mit «Anderen» zu tun, nicht mit der Schweiz. Das ist einfach keine unschuldige oder «neutrale» Herangehensweise. Gerade in der momentanen fremdenfeindlichen Stimmung. Journalismus findet ja nicht ausserhalb von Konjunkturen statt. Wer beim Thema Gewalt fast einzig auf den Aspekt der Migration fokussiert, unterschlägt die komplexe Faktenlage zum Thema Gewalt und ist nicht neutral, sondern reproduziert eine bestimmte Konjunktur. Ich würde sagen: eine rechtspopulistische. Eine, die eine bestimmte Bevölkerungsgruppe pauschal für ein Problem verantwortlich zu machen sucht, und damit sich nicht zuletzt aus der Verantwortung zieht zu fragen, inwiefern die schweizerische Gesellschaft auch selber für die Gewalt an Frauen verantwortlich ist.

MEDIENWOCHE:

Warum thematisieren Schweizer Medien lieber so genannte muslimische Gewalt – vor allem an Frauen – die gerade so von Schweizer Männern ausgeht?

Franziska Schutzbach:

Das hat viele Gründe. Einer ist sicher, dass es einfacher ist, das Problem anderen unterzujubeln. Weiter sind in der Schweizer Medienlandschaft die entscheidenden Positionen mehrheitlich von Männern besetzt. Die meisten Männer sind als Nicht-Betroffene auf bestimmte Themen weniger sensibilisiert, das betrifft auch Themen wie Schwangerschaft, Geburt oder care work. Das ist nicht mal unbedingt böswillig! So wie ich etwa Rassismus oft nicht auf dem Schirm habe, weil ich das selber nicht erlebe. Das heisst, man muss sich immer wieder aktiv fragen: Was fehlt in meinem Blick aufgrund meiner gesellschaftlichen Position, meiner politischen, westlichen Sozialisierung? Und dazu kommt, dass das Thema Gewalt ein sehr intimes Thema ist. Anders als etwa Lohnungleichheit, da kann man mit Evaluationen in Unternehmen arbeiten und viel trockener diskutieren. Gewalt betrifft unseren Alltag sehr direkt, das passiert ja vor allem in sozial nahen Bereichen, in der Familie zum Beispiel. Es tut weh, sich dem Thema anzunehmen.

MEDIENWOCHE:

Warum?

Franziska Schutzbach:

Weil es grundlegende, auch sehr persönliche Fragen aufwirft: Die Auseinandersetzung mit Gewalt stellt die eingeübten Hierarchien und Machtstrukturen infrage, je nach dem stellt sie das Konzept Ehe infrage, Familienideale und vieles mehr. Lebensweisen, auch Privilegien, die wir für selbstverständlich halten, erweisen sich als Gewalt fördernd. Und natürlich bestehen innerhalb dieser Ideale auch tradierte Geschlechterkonzepte des überlegenen Mannes fort, die Vorstellung etwa, dass Männer ein Recht auf Sex haben und sich Frauen ‚nehmen’ sollen, während Frauen als passiv gedacht werden. All das müsste man ja dann auch hinterfragen. Und vor allem auch müsste man ökonomische Ungleichheit hinterfragen und verändern. Denn viele Gewalttaten haben unmittelbar mit ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen zu tun. Eine solch grundlegende Auseinandersetzung ist schmerzhaft.

MEDIENWOCHE:

Und darum sollen Medien Gewalt von Migranten, zumal solche gegen Frauen, nicht thematisieren?

Franziska Schutzbach:

Ich sage nicht, dass man nicht auch über Migrationsfragen im Zusammenhang mit Gewalt an Frauen diskutieren sollte. Aber das Framing vom «Blick» im erwähnten Genfer Fall ist viel zu einseitig, klar tendenziös und zudem auch faktisch falsch: Gewalt ist eben nicht ausschliesslich ein Migrationsthema, sondern etwas, was uns als gesamte Gesellschaft betrifft. Man könnte hier von Journalismus mehr Sorgfalt und Verantwortung erwarten.

MEDIENWOCHE:

Fällt Ihnen noch ein anderes Beispiel ein?

Franziska Schutzbach:

Den «Cervelat-Gate» finde ich dafür sehr anschaulich. (Anm. d. Red.: SVP-Nationalrat Glarner postete im Juli 2018 auf Facebook, eine enttäuschten Mutter hätte ihn angerufen und ihm mitgeteilt, dass ihre Kinder keine Cervelats ans Abschlussfest einer Jugendorganisation mitbringen sollten. Der Grund: Die Würste dürften wegen des Schweinefleisches auf dem Grill nicht neben den Grilladen der muslimischen Kinder liegen. Diese würden sonst der Feier fernbleiben. Die Mutter könne aber einen eigenen Grill mitbringen. Ob sich das Telefonat tatsächlich so zugetragen hat, wurde bis heute nicht bestätigt.) Dass ein Politiker auf Facebook einen Post macht und dann wird das derart aufgegriffen. Muss man so etwas medial aufgreifen? Es war von der gesamten inhaltlichen Ausrichtung her klar, dass Glarner eine Konfliktlogik von «wir gegen die anderen» verfolgt: Muslime sind, so die Botschaft, generell nicht integriert, sie wollen uns Dinge vorschreiben, sie wollen uns das Fleischessen und damit die Cervelat verbieten. Diese Botschaft ist, vor allem in dieser Pauschalisierung, sachlich falsch. Trotzdem wurde Glarners Provokation fast 1:1 von diversen Medien aufgegriffen, etwa von «20 Minuten». Auch hier haben Medien eine Verantwortung zu überlegen: Welche Aussagen reproduzieren wir? Ist es richtig, Lügen und Vorurteile zu verbreiten? Was dabei heraus kommt, sieht man in den User-Kommentaren, dort wird deutlich, wie vorurteilsbeladene Rhetorik wirkt. Nämlich leider oft stärker als rationale Argumente. Viele Menschen fühlen sich in ihren Vorurteilen bestätigt. Ist das, was Journalismus will? Weiter ging das Ganze dann noch, als der SP-Nationalrat Cédric Wermuth sich mit Glarner in eine TV-Sendung setzte und über den «Cervelat-Gate» diskutierte. Natürlich hatte Wermuth gute Argumente und konnte Glarner grösstenteils argumentativ entkräften.

MEDIENWOCHE:

…aber Glarner erhält eine Plattform.

Franziska Schutzbach:

Das ist genau das Problem: Glarner konnte seine Botschaft wiederholen: Muslime sind «die Anderen» und wollen uns etwas wegnehmen. Wenn man sich mit ihm hinsetzt, selbst wenn man es kritisch tut, ist das ja auch wieder eine Anerkennung von Glarners Thesen, man zeigt, dass man seine Meinung rational diskutieren kann. Dabei basieren sie auf faktisch derart verzerrten Annahmen, dass man damit eigentlich Lügen verbreitet. Aus der Sozialpsychologie wissen wir, dass bei vielen Menschen rationale Argumente einfach nicht wirken, sondern sie durch das Wiederholen ihrer Vorurteile im Fernsehen erst recht darin bestätigt werden. Jedem Argument zum Trotz. Das muss man einfach wissen, wenn man solche «Debatten» führt. Bei anderen wiederum helfen Argumente tatsächlich. Es gibt also nicht einfach die Faustregel, sich nicht auf Diskussionen einzulassen. Das wäre verkürzt. Es kann sich schon lohnen. Beim konkreten Fall Glarner und Cervelat wäre aber meine Diagnose: Das war unnötig, Glarner konnte die Öffentlichkeit in seinem Sinne instrumentalisieren und Fremdenfeindlichkeit erneut normalisieren, für eine offene tolerante Gesellschaft hingegen wurde kaum etwas gewonnen.

MEDIENWOCHE:

Mal reden, mal nicht reden: Wo sind die Grenzen und wie sollen Medien das entscheiden?

Franziska Schutzbach:

Ich habe wie gesagt kein pauschales Rezept, das muss man von Fall zu Fall neu überlegen. Aber man muss es sich überlegen. Man sollte sich nicht treiben lassen von irgendwelchen Konjunkturen, weil sie Klicks und Aufmerksamkeit bringen und dann behaupten, das sei objektiver Journalismus, nur weil angeblich alle Seiten vorkommen. Beim Cervelat-Gate kamen letztlich nur bestimmte Stimmen vor. Wir sollten also besser darüber nachdenken, mit welchen Menschen wir über welche Themen sprechen, wer zu Wort kommt. Nicht nur in Bezug auf Rechtspopulismus, sondern ganz allgemein. Es kommen oft die immer die gleichen Stimmen zu Wort: Diejenigen, die laut und polemisch sind. Aber wie ist es mit Stimmen von Menschen, die nicht weiss sind? Stimmen aus der LGBTQI-Community oder von Migrant*innen? Was ist mit dem Frauenanteil? Die gehören ja alle auch zu unserer Gesellschaft und sollten repräsentiert sein. Als Journalist*in sollte man sich schon fragen, inwiefern man selber Teil von gesellschaftlichen Ungleichverhältnissen ist und die teilweise unabsichtlich mit reproduziert.

MEDIENWOCHE:

Wie geschieht das?

Franziska Schutzbach:

Man sollte sich fragen, inwiefern man bereits mit der Formulierung der Fragen einem rechtspopulistischen Framing aufsitzt. Wenn man fragt: «Dürfen wir jetzt noch Schweinefleisch essen»? Lässt man damit im Prinzip nur polemisch-empörte Antworten zu und tangiert damit überhaupt nicht das eigentliche Thema, nämlich: Was passiert, wenn verschiedene kulturelle Hintergründe aufeinander stossen? Wie geht die Gesellschaft mit den Anliegen von Minderheiten um? Da geht es um viel differenziertere Fragen und nicht um eine Verbotspolitik, wie Rechtspopulisten oft unterstellen. Wenn man die Frage anders stellt, kommt man automatisch zur Erkenntnis, dass man da andere Stimmen zu Wort kommen lassen sollte als Rechtspopulisten. Dass man ausgewogenere Stimmen fragen könnte und vor allem solche, die nicht maximale Provokationen und Falschaussagen in den Raum stellen, an denen sich dann alle anderen Stunden lang abarbeiten müssen, und gar nicht dazu kommen, ihre eigenen Perspektiven und Anliegen zu formulieren.

MEDIENWOCHE:

Abgesehen von der Sache mit dem Framing und der Aufmerksamkeit für Rechtspopulist*innen: Was sollten Medienschaffende sonst noch bedenken?

Franziska Schutzbach:

Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit ruft dazu auf, dass wir endlich das Märchen der «ausgewogenen Berichterstattung» hinter uns lassen sollten. Und Medien begreifen müssen, dass sie eben noch nie ausgewogen waren. Erstens schliessen sie eben viele Stimmen aus, zweitens sind sie, zumindest die bürgerlichen etablierten Medien, als so genannte «vierte Gewalt», ja klaren Werten verpflichtet. Zu diesen sollten sie wieder klarer stehen und sich dazu bekennen, dass die demokratisch normativen Prämissen verpflichtet sind, zum Beispiel wahren Fakten, Grundgesetzen oder Menschenrechten. Und unter diesen Prämissen kann man durchaus objektiv sagen, wie Theweleit formuliert, dass es vernünftiger ist, wenn gewisse menschenverachtende Positionen wie eben Rassismus oder Lügen über Migration, nicht zum normalen Diskurs werden. Weil sie eben liberaldemokratische Werte wie Pluralismus in der Konsequenz unterwandern und zerstören. Die ARD-Journalistin Anja Reschke hat das kürzlich sehr pointiert formuliert: «Ich denke also, Journalist*innen sollten sich sehr wohl mit etwas gemein machen: Mit Menschenrechten, Menschenwürde, mit der Demokratie und ihren Grundregeln. Und damit, dass ein sinnvoller Diskurs auf Fakten basiert und nicht auf Lügen». Wenn man sich diesen Prämissen verschreibt, ist man noch lange nicht gegen Meinungsfreiheit, im Gegenteil, man schützt sie.

MEDIENWOCHE:

Sie schreiben, die massenmediale Öffentlichkeit sei eine der wesentlichen Voraussetzungen für Rechtspopulist*innen, um sich dauerhaft als Akteur*innen im politischen Feld zu etablieren.

Franziska Schutzbach:

Rechtspopulist*innen geht es darum, mit Provokation und dem Beschwören von Konfliktstrukturen innere oder äussere Feinde zu konstruieren. Zum Beispiel «die Ausländer», «die Feministinnen», «die Homolobby» und so weiter. Und dafür brauchen sie natürlich eine Aufmerksamkeit, mit der sie Anhänger*innen generieren können. Dafür haben sie mittlerweile auch ihre eigenen Medien, oder bestimmte Social Media-Strategien. Sie brauchen die klassischen, etablierten Medien gar nicht mehr unbedingt. Das ist aber nochmal ein anderes Thema, die Etablierung rechter und rechtsradikale Newskanäle auf Youtube, die manipulative Nutzung sozialer Medien und all das. Gleichwohl spielen die etablierten Medien nach wie vor eine zentrale Rolle. Ihnen muss deshalb klar sein: Rechtspopulisten wollen Empörung generieren. Das bedeutet, dass ihnen auch eine kritisch-empörte Auseinandersetzung mit ihnen hilft, sich als Repräsentant*innen der kleinen Leute zu stilisieren, über die sich das Establishment lustig macht. Die permanente Belustigung über Donald Trump und seine Unfähigkeit hat ihm geholfen, nicht geschadet. Er konnte sich dadurch erst recht als authentischer Vertreter der einfachen Leute inszenieren. Gleiches gilt für Erich Hess zum Beispiel. Seine Tollpatschigkeit vorzuführen, wird ihm eher helfen als schaden. Es geht um Aufmerksamkeit, darum, überhaupt medial vorzukommen, denn politisch haben Rechtspopulist*innen oft nicht viel im Angebot. Man positioniert sich für die kleinen Leute, auch wenn man in Wahrheit wenig realpolitische Lösungen für sie im Angebot hat. Vor allem Newcomer wie die AfD haben kaum Lösungsvorschläge für Rentenprobleme oder Wohnungsnot. Es geht ihnen darum, sichtbar zu sein, gewählt zu werden und Machtpositionen zu erreichen. Das schaffen sie nur, wie verschiedene politikwissenschaftliche Analysen zeigen, mit massenmedialer Aufmerksamkeit.

MEDIENWOCHE:

Sollte SRF Christoph Blocher weniger oft in die «Arena» einladen?

Franziska Schutzbach:

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Das ist der Job der betreffenden Journalist*innen, sich zu überlegen: Um welches Thema geht es, wie ist es geframed? Könnte man die Dinge so formulieren, sodass eher andere Stimmen relevant sind? Auch in der SVP sind ja nicht alle gleich, es gibt gemässigtere Stimmen. Je nachdem kann es tatsächlich sinnvoll sein, Christoph Blocher einzuladen. Es kommt darauf an. Ausserdem: In der Schweiz sind Rechtspopulisten wählerstärkste Partei. Es gibt hier also gute Gründe, dass man sie einbezieht . Sie sind ja Regierungspartei und Opposition zugleich. Das macht die Situation in der Schweiz zu einer spezifischen, und auch journalistisch besonders komplex. Gleichwohl entbindet diese Situation Medien nicht von der Aufgabe, auch andere Stimmen einzubeziehen. Die SVP ist Vorbild für Rechtspopulisten in ganz Europa. Sie gilt als Avantgarde, als Erfolgsmodell für andere rechtspopulistische Parteien. Wenn man erst mal so weit ist wie hier in der Schweiz, ist auch eine Distanzierung und Infragestellung wirklich enorm schwer. Ich schreibe in meinem Buch ein Kapitel zur schweizerischen Situation, dazu, wie es dem Rechtspopulismus hier in besonderem Masse und durch unser besonderes politisches System gelungen ist, sich unangreifbar zu machen und auf seine permanente Einbindung zu pochen. Die Schweiz ist auch ein Beispiel dafür, wie innerhalb formaldemokratischer Regeln Demokratie gleichzeitig unterminiert werden kann. Indem Rechtsstaatlichkeit infrage gestellt wird, oder Minderheitenrechte. Es ist wirklich kein Zufall, dass andere europäische Rechtspopulisten bewundernd in die Schweiz schauen.

MEDIENWOCHE:

Wenn doch rechtspopulistische Parteien von der Medienpräsenz profitieren, warum stellen sie die Medien dann als Teil des verpönten Establishments, der Eliten dar, quasi als Gegenpart des «Volkes»?

Franziska Schutzbach:

Das ist eine wichtige Diskursfigur, um das Narrativ «des Volkes», der einfachen Menschen und der «Elite» zu bedienen. Der bösen Mächte, die den «einfachen Menschen» etwas wegnehmen wollen. Dass man Opfer ist des Staates und eben der Lügenpresse. Wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse kompliziert sind, und das sind sie ja heute, dann ist es einfach ein sehr gutes und einfaches Angebot, irgendwelche «Schuldigen» klar benennen zu können: Die Ausländer, die Feministinnen, oder eben die Medien. Alle, ausser ich selber. Das funktioniert einfach wahnsinnig gut.

MEDIENWOCHE:

Ausblick: Wir können es uns nicht leisten, pessimistisch zu sein, zitieren Sie Wolf Biermann in Ihrem Buch. Mir als Journalistin fällt es zeitweise schwer. Was ist die Gefahr am Pessimismus?

Franziska Schutzbach:

Für mich beinhaltet Pessimismus auch die Gefahr des Aufgebens, der Gleichgültigkeit und vor allem der Kollaboration mit dem sogenannten Bösen oder Schlechten. Wenn man sich dazu hinreissen lässt, zu denken, dass alles egal und die Welt eh am Arsch ist, dann besteht die Gefahr, dass man etwa mit Nazis oder Rechtspopulist*innen anfängt zu kollaborieren. Wenn eh alles schlecht ist, dann kann man sich gerade so gut mit dem Schlechten gemein machen und noch ein bisschen von ihm profitieren, davon profitieren, dass man nicht aufbegehrt, sich nicht einmischt oder politisch engagiert. Ich beziehe mich in meinem Buch diesbezüglich auf Sebastian Haffner, der die «Geschichte eines Deutschen» geschrieben hat, genau in einer Zeit, in der reaktionäre Kräfte in Deutschland immer stärker wurden – vor der Machtergreifung der Nazis. Er beobachtet in seinem Umfeld eine «wagnerianische Todes- und Untergangsgeilheit» und kritisiert, dass viele Menschen sich in ihrer pessimistischen Verzweiflung behaglich eingerichtet haben, in einer Art schwelgerischen Ausmalung der Furchtbarkeiten. Wenn alles egal ist, dann ist es auch egal, wie man sich politisch noch verhält. Dann muss man nichts mehr machen, auch nicht mehr wählen gehen.

MEDIENWOCHE:

Wie sehen Sie es persönlich?

Franziska Schutzbach:

Natürlich bin ich selber auch immer wieder pessimistisch und nicht unbedingt der best gelaunteste Mensch, ich kenne die Fixierung auf alle möglichen Furchtbarkeiten sehr gut. Aber gleichwohl ist mein Appell: Dass wir uns nicht davon auffressen und entmächtigen lassen, und dass wir uns unsere Handlungsfähigkeit nicht nehmen lassen sollten, sondern sie ausschöpfen. Denn es gibt sie. Sei es im ganz Kleinen oder im Grossen. Wir sind nicht einfach machtlos. Natürlich sind politische Positionierung und Aktivismus zehrend. Aber zumindest wählen sollten alle. Ein wichtiges Element, Rechtspopulismus aufzuhalten oder wie in der Schweiz, die Kräfte wieder in eine progressive Richtung zu verschieben, ist, andere Parteien zu wählen. Auch wenn man vielleicht nicht zu hundert Prozent zufrieden ist mit den Kandidat*innen, man muss einfach wählen. Es ist trotz allem eher möglich, innerhalb eines ausbeuterischen Systems für emanzipatorische und gerechtere Verhältnisse zu kämpfen, wenn beispielsweise eine Hilary Clinton an der Macht ist, als wenn eben ein Donald Trump, Erdogan, oder ein Orban autoritäre Strukturen etablieren.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Ueli Custer 14. Dezember 2018, 12:39

Was sind “AkteurSternInnen”? Das ist eine Verhunzung der deutschen Sprache bei der sich sämtlich deutschsprachigen Schriftsteller im Grab umdrehen würden. Ein Text muss nicht nur gelesen werden können. Man muss ihn auch sprechen können. Spricht man das dann als “AkteurSternInnen” aus? Warum nicht beide Formen oder dann abwechslungsweise die weibliche und männliche Form nehmen? Aber bitte nicht die deutsche Sprache derart verunstalten.

 

Antworten...

Martin Stauber 14. Dezember 2018, 22:46

Ich lese “Akteurinnen” und schliesse in Gedanken beide Geschlechter ein – und verstehe nicht, warum man wegen eines Zeichens ein solches Drama machen kann.

Antworten...

Gré Stocker-Boon 15. Dezember 2018, 06:56

Ja,die Handlungsfähigkeit ausschöpfen ist auch meine Devise und Motto.Seit eh und jeh bin ich damit beschäftigt und am ausschöpfen,auch mit dem wenigen Dingen,dafür effektiv,die ich habe.Momentan wohne ich in ein Alterszentrumzimmer,und auch hier schöpfe ich mit dieser Umstand und Leben,Innen-und Aussen,täglich die und diese Möglichkeiten aus.Die Begabung zu Gestalten und Mitgestalten was schon ewig mein Motto ist,verschwindet nicht mit der Altersfrage.Es lässt sich auch hier vielerlei bewirken,was bei anderen noch in die Kinderschuhen steht oder auf dem Schreibtisch liegt.

Antworten...