von Benjamin von Wyl

MAZ im Wandel: Feiern im leeren Schwimmbecken

Die Diplomausbildung am MAZ ist weiterhin ein direkter Weg zu einer Festanstellung in einer Redaktion. Doch weniger Studierende melden sich an für den zweijährigen Kurs. Gleichzeitig nimmt der Anteil jener zu, die das Schulgeld selber zahlen müssen, weil sie kein Verlag unterstützt. Am 35. Geburtstag der Journalistenschule haben die Verantwortlichen auch an die öffentliche Hand appelliert.

«Haben wir Grund zu feiern?», fragt MAZ-Direktor Diego Yanez zu Beginn von der Bühne am tiefsten Punkt eines leeren Schwimmbeckens. Im «Neubad Luzern», einem zum Kulturzentrum umgenutzten Schwimmbad, hören ihm 350 geladene Gäste zu. Sie tragen Namensschildchen, auf denen etwa steht: «Redaktor Pfarrblatt Obwalden» oder «Mediensponsoring. Ferrari Owners’ Club». Das erleichtert die Kontaktaufnahme, denn Networking stand auf der Einladung zum Fest anlässlich von 35 Jahren MAZ explizit als Programmpunkt. Yanez’ Frage war natürlich rhetorisch gemeint: Jeder Geburtstag bietet Grund zum Feiern.

Einige Stunden davor im Direktorenbüro. MAZ-Direktor Diego Yanez nennt der MEDIENWOCHE Zahlen, die wenig Grund zum Feiern bieten: Im aktuellen Jahr starten 33 Studierende ihre zweijährige Diplomausbildung. Das sind knapp 20 Prozent weniger als im Schnitt der letzten zehn Jahre. Auch die gesamte Abteilung Journalismus, inklusive CAS und Tageskurse, erlebt einen Rückgang: Zählte das MAZ in diesem Bereich 2014 insgesamt 7081 Kurstage, waren es im vergangenen Jahr noch 6214. Das sind mehr als zehn Prozent weniger. Gewisse Kurse, die früher mehrmals pro Jahr durchgeführt worden sind, gebe es jetzt noch in einfacher Ausführung. Einzelne Angebote habe man gekippt.

Die Diplomausbildung am MAZ kostet bis zu 30’000 Franken. Immer mehr Studierende tragen die Kosten selber.

«Im Spiegel der Branche ist das keine Überraschung: Die Redaktionen müssen sparen», sagt Yanez. Ob der Jahrgang ein einmaliger Ausreisser nach unten bleibt? «Es kann durchaus sein, dass wir uns dort einpendeln.» Die 33 Studierenden besuchen das MAZ auch nicht mehr alle mit einem zweijährigen Volontariat auf einer Redaktion: Um die 20 Prozent der Studierenden absolvieren laut Yanez heute die Diplomausbildung ohne feste Ausbildungsstelle und hangeln sich von Praktikum zu Praktikum. Noch vor zehn Jahren sei das die absolute Ausnahme gewesen. Diese Studierenden müssen Kredite aufnehmen oder haben Eltern, die sie finanziell unterstützen können und wollen. «1500 Franken Praktikumslohn reichen nicht mal zur Deckung der Lebenshaltungskosten, geschweige denn um das Schulgeld zu zahlen», so Yanez.

Je nach Vertiefungsrichtung und Wohnkanton kostet die Diplomausbildung zwischen 18’500 und 30’000 Franken. Trägt man diese Kosten vollumfänglich selbst, kann der Diplomstudiengang am MAZ die teuerste Schweizer Journalismus-Ausbildung überhaupt sein. Der drei- bis sechsjährige Journalismus-Bachelor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW kostet 800 Franken im Semester. Bei maximaler Ausbildungsdauer macht das rund 10’000 Franken.

Das ist billiger, aber nicht zwingend lohnender, denn die MAZ-Diplomausbildung, die sich selbst als «Königsweg in den Beruf» bewirbt, scheint ein Garant für eine Festanstellung nach dem Abschluss zu bleiben. Seit einigen Jahren gebe es vermehrt Leute, die an ihr Journalismus-Studium an der ZHAW noch zwei Jahre MAZ anhängen. «Es ist ganz selten, dass jemand unsere Diplomausbildung ohne Stelle verlässt», erklärt Yanez. «Denn alle arbeiten während der Ausbildung auch in der Praxis.» Auch diejenigen, die das MAZ ohne Volontariat besuchen, finden nach Ausbildungsabschluss schnell eine Stelle. «Es ist klar: Wenn es weniger Stellen gibt, haben wir weniger Leute, aber wir bilden niemanden für die Arbeitslosigkeit aus.»

Rund 70 Prozent der MAZ-Studierenden verfügen mindestens über eine gymnasiale Matura, der Rest über Berufserfahrung.

Mit der Medienkonzentration ist der berufliche Quereinstieg alleine über Praktika schwierig bis unmöglich geworden. Solange es Volontariatsstellen gibt, leistet das MAZ wohl auch einen Beitrag zur sozialen Mobilität: Wer nicht gemacht ist für ein Hochschulstudium oder sich kein Dasein ohne Einkommen leisten kann, dem bietet das MAZ einen Notausgang aus einer potenziell ewigen Praktikumskette. Rund 70 Prozent der MAZ-Studierenden verfügen mindestens über eine gymnasiale Matura. Die anderen 30 Prozent kommen «sur dossier» und verfügen bereits über grosse Berufserfahrung.

«Wir hatten schon Coiffeusen, Krankenpfleger oder Mediamatiker. Darunter sind überdurchschnittlich viele leidenschaftliche Leute, die richtig gute Journalisten werden», sagt Studienleiter Dominique Strebel, Co-Leiter der Diplomausbildung, im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. Was sagt Strebel zum Rückgang bei den Anmeldungen? «Stellenabbau und Medienwandel dauern ja schon länger an. Wir waren überrascht, dass sich die Folgen nicht früher auf das MAZ ausgewirkt haben.» Dass es nicht früher zu einem Anmeldungsrückgang gekommen ist, könne daran liegen, dass Journalist*innen im Verlauf ihrer Laufbahn früher den Beruf wechseln als noch vor einigen Jahren. Damit sei die Nachfrage nach neuen Journalist*innen vorübergehend gestiegen.

Momentan überprüft eine Arbeitsgruppe, wie sich die Diplomausbildung neu aufstellen kann. Studienleiter Strebel erklärt, man müsse Vorgänge und Aufbau einer solchen Ausbildung immer wieder im Grundsatz hinterfragen. Gleichzeitig gelte es, auf die Bedürfnisse von Redaktionen in der gegenwärtigen Situation einzugehen. Soll die Diplomausbildung künftig mit einem mehrwöchigen Einführungskurs starten, so dass die Volontär*innen den Redaktionen danach mit einem bereits gut gefüllten Rucksack länger ohne Unterbruch zur Verfügung stehen? Oder sollte man beispielsweise zwei fixe Schultage pro Woche festlegen? Eine erste Sichtung der Ergebnisse erfolge laut Yanez im April.

«Manche Chefredaktoren wären wohl nicht unglücklich, wenn wir die Medienethik streichen würden.»
Diego Yanez, Direktor MAZ

Das Ausbildungsmodell des MAZ ist heute darauf ausgerichtet, dass Redaktionen Volontär*innen entsenden. Es ist also logisch, dass Meinungen und Bedürfnisse von Redaktionen entscheidend sind für die Ausrichtung des Diplomstudiengangs. Aber dass man auf die Bedürfnisse der Medienbetriebe eingehe, bedeute nicht, dass man die Kernbereiche antaste, betont MAZ-Direktor Yanez. «Wir haben neue Inhalte im Digital- und Multimediabereich, aber das geht nie zulasten der Grundfertigkeiten. Obwohl ich sicher bin, dass manche Chefredaktoren nicht unglücklich wären, wenn wir die Medienethik streichen würden», sagt Yanez, der selbst Medienethik unterrichtet. Schreibhandwerk, Recherche, Medienrecht, und -ethik bleiben das unhinterfragte Fundament, bekräftigt auch Studienleiter Strebel.

Anders als etwa an der ZHAW sind die Ausbildungsangebote für Journalismus und Kommunikation am MAZ strikt getrennt. Strebel, der als Journalist unter anderem Gerichtskolumnen für die «Republik» schreibt, sagt: «Wir sind eine handwerklich orientierte Schule. Wenn man an einer Fachhochschule oder Uni nur abstrakt über Inhalte spricht, kann man allenfalls PR- und Journalismus-Studierende zusammen unterrichten. Sobald es aber um Handwerk und Praxis geht, ist das Ziel des Journalisten ein anderes als jenes des Kommunikationsmenschen. Eine strikte Trennung ist unabdingbar.» Die Kurse für Kommunikation und Journalismus finden im selben Gebäude auf verschiedenen Etagen statt. Zudem sind – anders als etwa an der ZHAW – die meisten Kurse alleine entweder Journalist*innen oder Kommunikationsfachleuten vorbehalten.

Das MAZ ist immer weniger eine Journalistenschule. Das Geld bringen vor allem die Angebote für PR und Kommunikation.

Die Anzahl Kurstage im Vergleich belegen: Das MAZ, die «Schweizer Journalistenschule», bildet noch immer intensiver Journalist*innen aus als deren natürlicher Gegenpart. Aber die Abteilung für PR und Kommunikation wächst. Als Diego Yanez vor fünf Jahren als MAZ-Direktor anfing, betrug das Verhältnis zwischen Kommunikation und Journalismus, in Kurstagen gemessen, ungefähr 33 zu 66. Im letzten Jahr waren es schon 40 zu 60. «Wir haben eine starke Kommunikationsabteilung. Dazu stehe ich. Sie gibt uns Sicherheit. Sie gibt uns Atem, Kurse und Konzepte zu entwickeln», macht Yanez klar. Ausbildungen und Kurse in Kommunikation und PR verschaffen dem MAZ deshalb einen längeren Atem, weil die PR-Kurse schon immer die Cash Cow des Ausbildungszentrums gewesen sind. «Die Kommunikationsabteilung sorgte 2018 für 55 Prozent unseres Umsatzes. Die Journalismusabteilung ist in der Regel defizitär; die Kommunikationsabteilung erzielt einen Gewinn», führt Yanez aus.

Die PR-Kurse sind teurer als diejenigen für Journalist*innen. Ein zweitägiger Storytelling-Kurs für Kommunikationsfachleute kostet 1550 Franken. Für das gleiche Geld bekommt man als Journalist*in beispielsweise eine Masterclass im Magazinjournalismus, dazu den eintägigen Kurs «Bildlegenden schreiben – Grundlagen» und hätte erst noch Sackgeld für den Lunch übrig (1100 Franken plus 420 Franken plus 30 Franken für Pizza).

Das MAZ finanziert sich zu 80 Prozent aus Kursgeldern, dazu kommen Beiträge der SRG, des Verlegerverbands, des Bakom und von weiteren Berufsverbänden. Die Kommunikationsbranche schaltet kaum noch Inserate in Zeitungen, aber ausgebildet werden müssen deren Protagonist*innen ja weiterhin. Das Geschäftsmodell der Medienschule ist also nicht derart krass infrage gestellt wie jenes der klassischen Medien. Doch das MAZ verlöre seine Existenzberechtigung, wenn Redaktionen keine Volontär*innen mehr entsenden würden. Schon lange beschäftigt sich das MAZ damit, wie man als Institution mit den veränderten Ansprüchen an Journalist*innen und dem Spardruck umgeht. «Eine Krise würde vorbeigehen», sagt etwa die ehemalige MAZ-Direktorin Sylvia Egli von Matt im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. Egli von Matt war von 1992 bis 2014 in verschiedenen leitenden Funktionen am MAZ tätig. Sie beobachtet heute eine tiefgreifende Transformation: eine Transformation von Finanzierungsmodellen, Inhalten und Organisationsformen. Früh habe das MAZ Kurse und Ausbildungsgänge für Online-Journalist*innen geschaffen. Aber nach einem ersten Schub sei die Nachfrage mit der Dotcom-Blase wieder eingebrochen. Egli von Matt beschreibt, wie sich das MAZ «mit seinem Baukastensystem» auf der Angebotsebene immer wieder verändert hat – und wie die «vielfach lustvollen und immer intensiven Auseinandersetzungen mit dem Beruf» auch die Dozierenden geprägt haben.

Das Spannungsfeld aus Flexibilität und Pragmatismus einerseits, Leidenschaft und Haltung andererseits gehören zum MAZ.

In den Aufnahmegesprächen sei es schon damals darum gegangen, jene zu finden, die wirklich Journalismus machen wollen – und nicht einfach «irgendwas mit Medien». Hört man Egli von Matt zu, bekommt man das Gefühl, dass das MAZ den Wandel übersteht. Das Baukastensystem scheint diesem Berufsstand und dieser Branche gerecht zu werden. Das Spannungsfeld aus Flexibilität und Pragmatismus einerseits, Leidenschaft und Haltung andererseits gehörten zum MAZ.

Im leeren Schwimmbad. Fliesenwände, eine ausrangierte Wasserrutsche als Leuchtkörper. Es wird gegessen; es wird getrunken. In manchen Rauchrunden werden die Vorzüge der CVP erläutert; zwischen Risotto-Bissen bringt ein aus dem Iran Geflüchteter die Frustration über das Dasein als (ex-)Journalist in einem anderen Sprachraum zum Ausdruck.

Frauen stehen nur während musikalischen Auftritten am Mikrofon. Die einzige Festrede hält MAZ-Stiftungsratspräsident Res Strehle. Der Publizist und frühere Tages-Anzeiger-Chefredaktor spart nicht an Pointen und Anekdoten, aber zwischen zahlreichem Geistreichem, wird er beschwörend: «Möge der Staat, das Gemeinwesen, merken, was es am Journalismus hat!» Und wiegelt gleich wieder ab: «Ich möchte nicht in die Rolle des Präsidenten des Bauernverbandes kommen und in eigener Sache Geld verlangen. Darum sag ich nur ganz kurz: Der Staat müsste im präkompetitiven Bereich mitfinanzieren. Das betrifft die Ausbildung, die Agenturen und er müsste auch die Hauszustellung mitfinanzieren.» Das Zitat von Matthias Claudius, einem der ersten deutschsprachigen Journalisten, mit dem Strehle endet, macht seine Rede endgültig zur Predigt: «Hilf und gib gerne, wenn du hast! Und wenn du nicht hast, so halte den Krug kalten Wassers in der Hand!»

«Journalismus ist ein öffentliches Gut. Warum soll ausgerechnet etwas so Fundamentales wie Journalismus nicht gefördert werden?»
Diego Yanez

Die pathetische Beschwörung, mit der Strehle eigentlich nur wiederholt, was derzeit der Verlegerverband in der Medienpolitik fordert, zeigt deutlich, wie stark das MAZ mit den Schweizer Medien verzahnt ist.Aber während den Verlegern das Geschäftsmodell mit dem Zusammenbruch des Inseratemarkts abhandenkam, gedeihen die Ausbildungsangebote für die PR- und Kommunikationsbranche des MAZ weiter. Es bleibt trotzdem zu hoffen, dass der Journalismus nicht irgendwann nur noch als nostalgisches Anhängsel übrigbleibt.

«Journalismus ist ein öffentliches Gut. Warum soll ausgerechnet etwas so Fundamentales wie Journalismus nicht gefördert werden?» sagt Yanez am Nachmittag entschieden. Nach einer Pause fügt er an: «Der einzige Aspekt des neuen Mediengesetzes, den keine Partei und kein Verband ablehnt, ist die Ausbildung. Öffentliche Gelder für die Ausbildung von Journalisten werden nicht hinterfragt.»

Zu den mangels Anmeldungen gestrichenen MAZ-Angeboten gehört der eintägige Kurs «Medienpolitik – Grundlagen». Was den Studierenden vorenthalten wird, war am MAZ-Geburtstag allgegenwärtig: Man kann momentan nicht über Medien sprechen, ohne über Medienpolitik zu sprechen. Jetzt kommt es drauf an, welche Medienpolitik sich durchsetzt.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.