von Miriam Suter

«Nicht nur eine Tat, auch die Berichterstattung kann traumatisch wirken»

«Viele haben den Journalistenkodex noch nie gelesen»: Nach dem Terroranschlag in Christchurch stellt sich für die Schweizer Medien einmal mehr die Frage, wie man ethisch korrekt über ein solches Attentat berichtet. Für die Kommunikationswissenschaftlerin Sarah Genner ist klar: Journalist*innen müssen sich mehr mit berufsethischen Standards auseinandersetzen.

Am 15. März 2019 stürmte ein Rechtsterrorist eine Moschee in Christchurch, Neuseeland, tötete mit einer Schusswaffe 50 Menschen und verletzte weitere 50 schwer. Der Täter berief sich auf den norwegischen Massenmörder Anders Breivik und auf eine Reihe islamophober Theorien. Seine Tat übertrug er per Live-Stream via Facebook.

Die Berichterstattung folgte Mustern, die sich seit 9/11 bei jedem Terror-Attentat wiederholen: Viele Medien verbreiteten ungefiltert Propaganda, die reichweitenstärksten Online-Portale richteten schnell den scheinbar obligatorischen Live-Ticker ein und der «Tages-Anzeiger» verlinkte, zumindest für kurze Zeit, gar das hasserfüllte «Manifest» des Täters. Wie sich Medien so zu Gehilfen des Terrors machten, beschrieben Elia Blülle und Oliver Fuchs für die «Republik» detailliert.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Sarah Genner beschäftigt sich seit Jahren mit Medienpsychologie. Sie unterrichtet an verschiedenen Schweizer Hochschulen zum Thema. Beim Telefoninterview zeigt Genner Verständnis für den Kosten- und Klickdruck in der Medienbranche, kritisiert jedoch manch eine Redaktionskultur in Bezug auf medienethische Standards.

MEDIENWOCHE:

Wie hast du die Berichterstattung nach dem Terroranschlag in Christchurch wahrgenommen?

Sarah Genner:

Ich habe bewusst wenig darüber gelesen. Das war teilweise auch persönliche Psychohygiene. Gleichzeitig ist es aber genau das Feld, in dem eine kritische Auseinandersetzung mit den Medien und Social Media wichtig ist. Gewisse Dinge wiederholen sich immer und teilweise sind die Medienwirkungen fast stärker als die realen Auswirkungen.

MEDIENWOCHE:

Inwiefern?

Sarah Genner:

Bei der Verbreitung von Inhalten wie dem Live-Stream beim Christchurch-Anschlag fehlt bei Social-Media-Plattformen der redaktionelle Filter. Aber auch wenn Medien reflektiert darüber berichten, ist das nicht immer besser. Aus der Forschung weiss man, dass die mediale Berichterstattung je nach dem sogar traumatischer wirken kann, als wenn man sich direkt in der Nähe einer solchen Tat befunden hätte. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Stress-Symptomen und wie lange man sich der Berichterstattung über einen Anschlag oder eine ähnliche Katastrophe ausgesetzt hat. Insofern sollte man gerade in Katastrophensituationen zwar informiert bleiben, aber die Mediennutzung bewusst limitieren.

«Medien spielen Attentätern in die Hände, wenn sie deren Manifest verbreiten.»

MEDIENWOCHE:

Für Diskussionen sorgt auch immer wieder, ob und wie viel Aufmerksamkeit man dem Täter oder der Täterin gibt. Im Fall von Christchurch auch, ob man Teile des Manifests veröffentlicht und thematisiert, wie es in der Schweiz blick.ch, nau.ch oder 20min.ch getan haben. Warum spielen die Medien dem Täter in die Hand?

Sarah Genner:

Gerade bei nau.ch arbeiten wohl viele junge Journalistinnen oder Praktikanten, die noch zu wenig wissen bezüglich Ethik. Da sind wohl Naivität und Unwissen darüber, was das bedeuten kann, die Gründe. Medien spielen Attentätern in die Hände, wenn sie deren Manifest verbreiten. Damit provozieren allenfalls sogar Nachahmertaten.

MEDIENWOCHE:

Aber auch der Tages-Anzeiger hat das Manifest des Christchurch-Attentäters verlinkt. Dort arbeiten keine Anfängerinnen.

Sarah Genner:

Da hört man dann oft die Ausrede, dass die Inhalte ja bereits im Netz verfügbar sind und es keine Rolle mehr spiele, wenn man sie auf der eigenen Seite zugänglich macht. Im Stil von: Finden sie es nicht bei uns, finden sie es anderswo. Beim Tages-Anzeiger wars aber so, dass sie sehr schnell kritisiert wurden auf Twitter. Die Redaktion hat den Link auf das Manifest des Täters dann zum Glück heruntergenommen und sich entschuldigt. Aber wie viele andere Qualitätsmedien erlag sie zuerst der Verlockung zu «sagen, was ist». Das ist eine Grundsatzfrage, die sich eine Redaktion stellen muss: Wie detailliert wollen wir die Realität abbilden und wie stark soll man sie nach medienethischen Standards filtern? Das ist nicht immer einfach, gerade in Situationen, in denen Katastrophen geschehen und Journalisten schnell reagieren müssen.

MEDIENWOCHE:

Sollte man also gar nicht über ein solches Manifest berichten?

Sarah Genner:

Es ist nachvollziehbar und nicht verwerflich, dass Redaktionen nach einer solchen Tat auch über das obskure Manifest berichten. Aber dafür müssen sie es nicht eins zu eins weiterverbreiten und sie sollten es unbedingt einordnen, etwa sagen, dass es wirr ist. Ein Beispiel zur Illustration: In der Zürcher Zentralbibliothek kann man «Mein Kampf» ausleihen. Man muss aber vorher angeben, warum man es ausleihen will, da gibt es gewisse Richtlinien. Die Bibliothek stellt das Buch also zur Verfügung, verbreitet den Inhalt aber nicht aktiv weiter – es gibt bewusst eine Hürde. Eine Redaktion muss sich im Klaren darüber sein, dass die Gefahr der Nachahmer sehr viel grösser ist, wenn man das nicht tut. Nach dem Anschlag in Christchurch etwa gab es effektiv mehr Menschen, die Moscheen angegriffen haben, weil es ein klar islamfeindlicher Anschlag war. Es gäbe also durchaus Möglichkeiten, wie man ein solches Manifest einordnen könnte.

MEDIENWOCHE:

Man könnte sich dabei auch am Kodex des Presserats orientieren.

Sarah Genner:

Es gibt viele, die den Journalistenkodex nie gelesen haben. Um als Journalistin arbeiten zu können, muss man ja keine Prüfung ablegen wie etwa ein Taxifahrer. Dabei wäre es wirklich wichtig, dass sich Medienschaffende mit dem Thema Ethik auseinandersetzen. Als der IS begann, Videos von Exekutionen zu verbreiten und die Terroranschläge zunahmen, hat man sich zum Beispiel beim «Tages-Anzeiger» darauf geeinigt, dass Medien weder Bilder noch Namen der Täter*innen veröffentlichen, um sie nicht zu glorifizieren. Dieser Vorsatz hat sich aber nur ein paar Monate gehalten, danach zeigte die Zeitung wieder Bilder und nannte Namen.

MEDIENWOCHE:

Ist das nur bei der Terror-Berichterstattung so oder gibt es andere Beispiele?

Sarah Genner:

Etwa die Suizidberichterstattung. Da gibt es ganz klare Wegweisungen für Redaktionen, wie sie darüber berichten sollten. Aber selbst diese Regeln werden von Profis nicht immer respektiert, beziehungsweise ist das Wissen darüber gar nicht vorhanden. Dass auf Social Media auch Laien publizieren können, unterläuft die Berufsstandards zusätzlich. Und dann gibt es schlicht skrupellose Medien, die einfach möglichst grosse Reichweite erzielen wollen, da sie rein werbefinanziert sind. Dieses Geschäftsmodell läuft den berufsethischen Standards diametral entgegen.

MEDIENWOCHE:

Lässt sich da überhaupt noch etwas zum Besseren bewegen?

Sarah Genner:

Am Ende ist es eine Frage der Redaktionskultur. Fragen der Ethik müssen regelmässig thematisiert werden. Aber ich weiss, das ist ein hehrer Wunsch. Die Realitäten, die momentan im Journalismus herrschen, sind verdammt hart. Ich verstehe alle, die die Seite wechseln und in die Kommunikation gehen, weil es einfach nicht lustig ist. Finanzieller Druck, wahnsinnig hohe Anforderungen, dass man sich da nicht auch noch Zeit nehmen mag, medienethische Fragen regelmässig zu diskutieren, verstehe ich sogar. Aber dennoch: solche Diskussionen müssen sein – und zwar auf jeder Redaktion.

MEDIENWOCHE:

Was macht es mit Jugendlichen, wenn sie ein Tätervideo sehen?

Sarah Genner:

Die Erwartung an medienpsychologische Forschung ist, dass man messen kann, wie der direkte Einfluss auf jüngere Menschen ist, wenn sie Horror oder Gewaltdarstellungen im Netz sehen. Leider kann man das aber nicht direkt messen, das ist von ganz vielen Faktoren abhängig: In welcher Situation befindet sich jemand emotional? Hatten die Betroffenen selber traumatische Erlebnisse? Hat man jemanden als Vertrauensperson, der einem erklärt, was gerade geschieht und es kontextualisiert? Dies beeinflusst die Wirkung massgeblich, insofern ist das kaum messbar. Empfehlenswert ist sicherlich, dass Bezugspersonen diese Themen ansprechen und wirklich mit den Jugendlichen diskutieren und es mit ihnen einordnen. Lehrpersonen und Eltern sollten Tabuthemen wie Gewalt oder Sexualität bewusst und altersgerecht thematisieren. Wenn man sie ausklammert und Jugendliche später damit in Berührung kommen, dann haut sie das viel mehr um, weil sie noch kein ethisch-moralisches Gerüst in sich tragen, an dem sie sich im Kontakt mit problematischen Medieninhalten festhalten können. Ein solches Gerüst, emotional nahestehende Vertrauenspersonen und eine bewusste Mediennutzung sind der beste Schutz vor schädlichen Medienwirkungen.

Dr. Sarah Genner ist Medienwissenschaftlerin und Dozentin an verschiedenen Schweizer Hochschulen. Ihre Kernthemen sind Medienpsychologie und die Auswirkungen der Digitalisierung.

Bild: Peter Holzwarth/Montage: Marco Leisi

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