von Eva Hirschi

«Die New York Times versetzte der Meinungsäusserungsfreiheit einen herben Schlag»

Die New York Times hat entschieden, keine politischen Karikaturen mehr zu veröffentlichen. Damit verliert auch Patrick Chappatte, einer der bekanntesten Schweizer Pressezeichner, eine prominente Plattform. Im Interview mit der MEDIENWOCHE prangert er das fehlende Rückgrat der Redaktionen an.

MEDIENWOCHE:

Patrick Chappatte, waren Sie überrascht vom Entscheid der New York Times, keine politischen Karikaturen mehr zu publizieren?

Patrick Chappatte:

So halb. Vor einem Monat gab es einen grossen «Shitstorm» nach einer Karikatur eines portugiesischen Pressezeichners, die Benjamin Netanjahu als Blindenhund mit Davidstern am Halsband zeigt, der den blinden Donald Trump mit Kippa führt. Die New York Times hat sich daraufhin sehr schnell entschuldigt und das Bild sowie die Zusammenarbeit mit der externen Agentur, von der das Bild stammte, beendet – obwohl die Zeitung ja selber entschieden hatte, diese Karikatur zu drucken. Auch wenn ich diese Zeichnung gar nicht erst publiziert hätte, habe ich gespürt, dass diese Situation problematisch werden könnte und so habe ich versucht, das Gespräch mit dem entsprechenden Redaktionsleiter zu suchen. Leider erfolglos. Das Schweigen der Redaktionsleitung konnte ich nicht richtig einordnen, aber ich war eigentlich davon ausgegangen, dass der grosse Sturm bereits an uns vorbeigezogen war. Dem war leider nicht so.

MEDIENWOCHE:

Offiziell begründet die New York Times ihren Entscheid aber nicht als Konsequenz der erwähnten Karikatur, sondern sagt, dass dies schon länger diskutiert wurde.

Patrick Chappatte:

Ja, aber dann frage ich mich, warum ich im April, nur eine Woche vor der erwähnten Publikation der unglücklichen Zeichnung, eine Glückwunsch-Nachricht des Verlegers erhalten habe, als ich in New York mit dem 3. Preis des «Overseas Press Club Award» ausgezeichnet wurde – eben gerade für meine Karikaturen in der New York Times. Zudem wurden meine Zeichnungen seit letztem Jahr auch für die spanische und chinesische Ausgaben der New York Times übersetzt, es machte also den Anschein, als würde die New York Times an Pressezeichnungen glauben und sie ausbauen wollen.

MEDIENWOCHE:

Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Einstellung aller politischen Karikaturen erfahren haben?

Patrick Chappatte:

Ich wurde per E-Mail über diese Entscheidung informiert. Eine Woche lang habe ich darüber nachgedacht. Dann habe ich beschlossen, meine Meinung in einer Art Manifest zu publizieren. Dieser Text ist zu meiner grossen Überraschung auf ein riesiges Echo gestossen und wurde von Medien weltweit aufgenommen. Inzwischen gebe ich fast pausenlos Interviews. Der Entscheid der New York Times scheint ganz unterschiedliche Menschen zu bewegen und ist sehr symbolisch, natürlich auch vor dem Hintergrund des Attentats auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015. Die Gesellschaft verliert etwas, was ihr wichtig ist. Ausserdem scheint es, als würden die sozialen Medien den Redaktionen diktieren, was sie tun sollten.

MEDIENWOCHE:

In Ihrem Manifest haben Sie unter anderem auch Twitter angeprangert und gesagt, es handle sich um einen Ort der Furore und nicht der Debatte.

Patrick Chappatte:

Ich kritisiere nicht Twitter an sich, aber die Tatsache, dass Medien es nicht schaffen, damit umzugehen. Angesichts heftiger Kritik wirken viele Medien wie paralysiert, der Umgang mit sozialen Netzwerken ist sehr unreif. Es ist nicht das erste Mal, dass grosse Medienhäuser zurückweichen, sobald ihre Inhalte auf Kritik stossen. Dies betrifft natürlich insbesondere Pressezeichnungen – sie sind vereinfacht, übertrieben, ein einfacher Vorwand für Angriffe. Die Sozialen Medien haben inzwischen eine viel grössere Macht als die traditionellen Medien. Diese haben Angst, ihre Leserschaft zu verlieren, sie wollen sich sofort entschuldigen, weil sie das Gefühl haben, Opfern gegenüber zu stehen. Doch damit werden Stimmen zum Schweigen gebracht, man getraut sich nicht mehr, zu schockieren.

MEDIENWOCHE:

Warum nicht?

Patrick Chappatte:

Früher waren die Menschen durch Dinge, die in den Zeitungen gedruckt wurden, zwar auch schockiert, doch am nächsten Tag hatte sich der Zorn oder Unmut oft bereits etwas gelegt. Heute greift ein wütender Mensch sofort zum Smartphone und schreibt einen hasserfüllten Kommentar. Deshalb hört man nur noch die empörtesten Stimmen, sie definieren den Diskurs, und die Masse folgt. Da fällt so manchen Medien die Decke auf den Kopf, und sie vergessen, dass nicht Twitter ihre Leserschaft ist, und auch nicht ihr Chefredaktor.

MEDIENWOCHE:

Wie sollten die Medien in so einem Fall reagieren?

Patrick Chappatte:

Standhalten, sich wehren, zurückschlagen. Sie sollten nicht Angst vor dem Mob haben, sondern sich auf ihre Kernaufgaben besinnen. Sprich: nachdenken, analysieren, in Beziehung setzen, Zusammenhänge aufzeigen. Dies gilt ganz allgemein: Welche Artikel werden nämlich auf den Websites der Medien hervorgehoben? Die meistgelesenen, oder die mit den meisten Likes. Das ist das Facebook-Prinzip. Dieser Wert kann doch nicht der einzige Wert im Journalismus sein!

MEDIENWOCHE:

Was bedeutet dieser Entscheid der New York Times für Sie persönlich?

Patrick Chappatte:

Es ist das Ende einer rund zwanzigjährigen Zusammenarbeit, was ich sehr schade finde. Für mich ist es beruflich zum Glück nicht so schlimm, da ich immer noch bei der «NZZ am Sonntag» und bei «Le Temps» als Pressezeichner angestellt bin, und regelmässig auch für das deutsche Magazin «Spiegel» sowie die französische Satirezeitschrift «Le Canard Enchaîné» zeichne. Ausserdem halte ich oft Konferenzen und produziere thematische Comics. Projekte habe ich somit genug. Aber für die Branche und für die Meinungsäusserungsfreiheit allgemein ist es ein herber Schlag.

MEDIENWOCHE:

Weshalb?

Patrick Chappatte:

Mit den Pressezeichnungen verstummt eine der Stimmen der Meinungsäusserungsfreiheit. Eine Pressezeichnung ist die direkteste, ehrlichste und kritischste Stimme. Dass die New York Times nun wegen einer einzelnen Zeichnung ein ganzes Genre aus der Zeitung verbannt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Sie hat doch auch schon Artikel publiziert, für die sie sich später geschämt und deren Publikation sie bereut hat. Zum Beispiel hat die New York Times die These, dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gibt, während langer Zeit in ihrer Berichterstattung bestätigt. Und was ist passiert, als sich dies als Fehler herausgestellt hat? Hat man deswegen die gesamte Auslandberichterstattung verbannt? Natürlich nicht.

MEDIENWOCHE:

Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven, wird es in zwanzig Jahren den Beruf Pressezeichner und Pressezeichnerin überhaupt noch geben?

Patrick Chappatte:

Kommt drauf an: Wird es in zwanzig Jahren noch Zeitungen geben? Das hängt wohl damit zusammen. Ich hoffe es sehr! Es müssen ja nicht unbedingt gedruckte Zeitungen sein, auch wenn ich bis jetzt mit den Tablet-Versionen noch nicht zufrieden bin, aber das wird sich hoffentlich noch ändern. Humor wird der Mensch immer nötig haben, ob in Form von Pressezeichnungen oder auf andere Art und Weise. Ich bleibe auf jeden Fall optimistisch, insbesondere auch nach diesem grossen Echo auf den Entscheid der New York Times.

Bild: Eddy Mottaz/Patrick Chappatte (Montage: Marco Leisi)

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