von René Zeyer

Datenkrake im Newsroom

Ringier nimmt die Dienste von Palantir in Anspruch: Der umstrittene Datenkonzern liefert für die «Blick»-Gruppe eine Analysesoftware. Für einen besseren Journalismus kann aber auch das schlauste Programm nicht sorgen, für eine schlechte Stimmung im Newsroom hingegen schon.

Der Name verspricht Mysterium und Abenteuer, stammt er doch aus der Märchenwelt von J. R. R. Tolkien: Palantir. Die Tätigkeit von Palantir hört sich bei oberflächlicher Betrachtung aber so spannend an wie der Farbe an der Wand beim Trocknen zuzuschauen: Herstellung von Software für Datenstrukturierung.

Beim zweiten Blick ist Palantir ein typisches Gewächs des Silicon Valley. Alex Karp, ein etwas exzentrischer Hippie-Sohn, ist CEO. Der mit dem Verkauf von Paypal ziemlich reich gewordene Peter Thiel finanzierte die Gründung mit 35 Millionen Dollar. Trump-Anhänger Thiel hatte mit dem bekennenden Linken Karp zusammen Jura studiert, eine jahrelange Freundschaft der Antipoden war die Basis für die Firmengründung.

Denn Thiel, und die US-Regierung, suchten nach den Anschlägen von 9/11 nach einer Software zum Schutz vor Hackern – und vor Terroristen. Auch eine Venture-Capital-Bude beteiligte sich mit zwei Millionen Dollar am Start-up Palantir. Das Geld kam von der CIA.

Das muss ja nicht unbedingt schlecht sein. Genauso wenig wie die Zusammenarbeit von Palantir mit dem Pentagon, der NSA und der CIA. Genau so wenig wie die Tatsache, dass das Programm Palantir Gotham von vielen Polizeidiensten zur Verbrechensbekämpfung benützt wird.

Denn die Fähigkeit von Palantirs Software lässt sich eigentlich überall sinnvoll anwenden. Lange Zeit stand der massenhaften Datensammlung ein banales Problem entgegen: Der dafür nötige Speicherplatz war nicht billig. Nachdem dieses Problem gelöst war, sahen sich Datenkraken wie die NSA oder die CIA mit einem neuen Problem konfrontiert: Sie soffen in Datenseen, in Datenmeeren, ab. Die NSA hört bekanntlich so ziemlich alle Telefongespräche auf der Welt ab.

Wenn also Terrorist A so dumm ist, Terrorist B anzurufen, dass der sich den Sprengstoffgürtel umschnallen und losmarschieren soll, dann bekommt das die NSA mit. Genauer: Diese Information ist ein winziger Tropfen in einem atlantischen Ozean. Diesen Tropfen herauszufiltern, Daten wie Bewegungen, Internet-Nutzung oder die Verwendung von verschlüsselter Kommunikation zu verknüpfen, das leisten die Programme von Palantir.

Aber eigentlich ist Palantir einfach eine weitere Erfolgsstory made in USA. Es wird gemunkelt, dass die Firma Ende 2019 an die Börse gehen könnte, dabei wird ein IPO von 41 Milliarden Dollar erwartet. Wohl verdient, denn Software von Palantir soll beim Aufspüren von Osama bin Laden verwendet worden sein. Das Unternehmen hält sich dazu stets bedeckt und nährt so den Mythos Palantir. Seine Software kam auch zum Einsatz, um eine Datenbank für Immigranten zu strukturieren, im Rahmen eines laufenden Vertrags mit der US-Immigrationsbehörde ICE. Auch Cambridge Analytica soll vom Know-How der Palantir-Mitarbeiter profitiert haben. Die inzwischen aufgelöste Firma hatte bei Facebook völlig legal Daten von 87 Millionen Nutzern abgesaugt und im Dienst von Donald Trumps Wahlkampfteam für die Beeinflussung von US-Wählern benützt.

Dass Palantir nach dem Geschäft mit Geheimdiensten, Behörden, Banken oder Pharmakonzernen nun auch die Medien entdeckt, kommt nicht von ungefähr.

Während Facebook ins Trommelfeuer der Kritik geriet, Mark Zuckerberg sich persönlich entschuldigte, Besserung versprach und in England die Höchststrafe von rund 630’000 Franken aus der Portokasse zahlte, kümmerte sich niemand um die Rolle von Palantir. So nach der Devise: Nach dem Mord mit einer Glock kann man ja auch nicht dem Hersteller der Pistole die Schuld geben. Ausserdem seien die Chinesen ja schon viel weiter im Post-Orwell-Staat, wo jeder Bürger rundum überwacht und für jegliches Fehlverhalten, von Opposition zum Regime ganz zu schweigen, sanktioniert werden kann.

Nun hat Palantir auch eine Software mit dem schönen Namen «Apollo» im Angebot. Die soll darbenden Medien dabei helfen, besser auf die Bedürfnisse ihrer Kunden, also der Leser, einzugehen. Es ist so belustigend wie beschämend, dass Medienkonzerne mit grosser und langer Tradition immer wieder aufs Neue entdecken, dass es keine schlechte Idee wäre, die Bedürfnisse der zahlenden Konsumenten zu bedienen, wenn man seine Kundschaft behalten will.

Dass Palantir nach dem Geschäft mit Geheimdiensten, Behörden, Banken oder Pharmakonzernen nun auch die Medien entdeckt, kommt nicht von ungefähr. Firmengründer Alex Karp sitzt seit einem Jahr bei Axel Springer im Aufsichtsrat. Von Springer zur Ringier ist es dann nur noch ein kurzer Weg, betreiben doch die beiden Unternehmen grosse Teile ihres Geschäfts gemeinsam.

Auch die Frage: «Wieso haben die das und wir nicht?» trieb Journalisten regelmässig zu Höchstleistungen an.

In den guten alten Zeiten des Journalismus wurde eine Titelstory geboren, wenn der Chefredaktor sagte: «Alle reden von der Hitze, wir auch.» Oder wenn der Redaktor sagte, dass gestern beim Feierabendbier alle über den hohen Benzinpreis geschimpft hätten. Auch die Frage: «Wieso haben die das und wir nicht?» trieb Journalisten regelmässig zu Höchstleistungen an. Noch ohne die Hilfe von «Apollo» und Künstlicher Intelligenz hätte aber auch einfach menschliche Intelligenz genügt, um zu erkennen, dass der «Blick» immer wieder gegen die Ansichten seiner Leserschaft anschrieb, besonders dann, wenn das Boulevardblatt wieder mal einen Linkskurs fuhr.

Da sich die Medien immer lautstark von Schraubenherstellern unterscheiden wollen und als vierte Gewalt, Kontrollinstanz und Aufdecker von Skandalen eine Sonderstellung beanspruchen, erhebt sich natürlich die Frage: Wie soll ein Artikel über Verhandlungen im Ständerat zu einer Neuregelung der Zuständigkeiten bei der AHV gegen die Story «Beatrice Egli: zum ersten Mal ganz nackt» anstinken? Oder gegen den Sommerloch-Dauerbrenner: «So leiden Dackel unter der Hitze»?

Natürlich wird da tapfer behauptet, dass die Performance eines Artikels nicht das einzige und auch nicht das wichtigste Kriterium für die Beurteilung seiner Relevanz sei. Wenn das aber nicht so sein sollte, wozu dann die ganze Mühe? Ach, damit wie immer «noch besser» darüber geredet werden kann, was den Leser wirklich interessiert? «Wir werden mit der analytischen Unterstützung von Apollo weniger nicht relevante und nicht performante Inhalte produzieren, und dafür mehr Geschichten mit hoher Qualität, die eine grosse Reichweite erzielen», verrät Katia Murmann, Chefredaktorin Digital «Blick» Gruppe, dem Branchenmagazin persoenlich.com.

Wahrscheinlich dürfte sich die messbare Wirkung der Palantir-Software darauf beschränken, dass die US-Nachrichtendienste noch einfacher an Daten aus der Schweiz herankommen.

Das ist sicherlich bitter nötig, um den Niedergang der zahlenden Leserschaft und der zahlenden Werbekundschaft aufzuhalten. Allerdings ist es nicht erfindlich, wie eine noch so ausgeklügelte Software eine höhere Qualität von «Blick»-Storys bewirken soll, auch wenn das ebenfalls bitter nötig wäre. Wahrscheinlich dürfte sich die messbare Wirkung der Palantir-Software darauf beschränken, dass die US-Nachrichtendienste noch einfacher an Daten aus der Schweiz herankommen. Wenn sie das überhaupt interessiert. Und Palantir kann sich über einen finanziellen Zustupf aus dem Hause Ringier freuen.

Ein nicht unwichtiges Kriterium für den Erfolg einer neuen Software ist auch, wie der einzelne Mitarbeiter das Programm annimmt. Ist er begeistert, zumindest beeindruckt, hilft ihm «Apollo» tatsächlich, relevantere, bessere Artikel zu schreiben? Vielleicht. Der sowieso schon von Sparmassnahmen und Existenzangst gebeutelte Redaktor interessiert indes etwas ganz anderes: Ob die Performance seiner Artikel einen Einfluss auf sein Gehalt haben könnte. Besonderen Argwohn erweckt dabei Peter Wälty, der beim «Blick» für die Einführung von «Apollo» verantwortlich ist. Noch im Dienste von Tamedia wollte Wälty mal probeweise den Journalisten die Wurst vor die Nase hängen in Form von Klickzahlen, die für den Journalisten des Newsdesks über einen Bonus bei hoher Performance entscheiden.

Das wurde dann nach grossem Aufruhr stillschweigend beerdigt. Aber seit letztem Jahr steht Wälty im Sold von Ringier. Und auch für ihn gilt natürlich, was für alle anderen gilt: Performance wäre nicht schlecht, vor allem messbare. Sonst wäre ja sein üppiges Gehalt als Leiter Digital der «Blick»-Gruppe rausgeschmissenes Geld. Ungefähr so sinnvoll wie ein Artikel im Sommerloch über Reparaturarbeiten an Schneefräsen. Also sei die Prognose gewagt: «Apollo» wird nur mässige Auswirkung auf die Performance und nicht messbare Auswirkungen auf die Qualität von «Blick»-Artikeln haben. Aber deutlich messbare auf die Stimmung der Redaktoren – und ihr Gehalt.

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