von Katherine M. Engelke

Vertrauen in die Medien: Was wird da eigentlich gemessen?

Das Lamento ist hinlänglich bekannt: Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen in die Medien. Doch stimmt das? Nicht so pauschal und absolut. Denn es kommt darauf an, wen und wie man fragt. Aktuelle Kritik und Fragen zur Vertrauensforschung.

Geht es um das Vertrauen und Misstrauen in die Medien, sind schnell Studien zur Hand. Ältere und neuere Forschungsergebnisse liefern regelmässig Stoff für Diskussionen: Oft zitiert wurde etwa eine Umfrage des NDR-Medienmagazins ZAPP im Jahr 2014 oder auch die aktuelle Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen. In der Berichterstattung erscheinen die Ergebnisse dann oft dramatischer – was die Forschung wiederum kritisiert und relativiert. Die in vielen Medien verbreitete «These eines dramatischen, fast schon historischen Vertrauensverlusts gegenüber den Medien», die häufig auf der ZAPP-Umfrage vom 2014 fusste, sei so nicht haltbar, sagten 2016 Reinemann und Fawzi. Dabei kamen sie unter anderem zu dem Ergebnis, dass die These insofern relativiert werden muss, als das Medienvertrauen in Deutschland im Verlauf der Zeit relativ stabil ist, wie Langzeitdaten zeigen.

Die Kommunikationswissenschaft hat auch einen gesellschaftlichen Auftrag: Den Medienwandel nicht nur zu beobachten, sondern ihre Analysen auch in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Dieser Artikel ist Teil einer Serie zu aktueller kommunikationswissenschaftlicher Forschung.

Doch nicht nur die Medienberichterstattung zur Frage nach dem Vertrauen in Medien birgt Diskussionspotenzial. Die Wissenschaft betrachtet auch die Vertrauensforschung selbst immer wieder kritisch. Dabei stehen vor allem zwei Aspekte im Fokus: In welche konkreten Objekte hat das Publikum Vertrauen oder Misstrauen? Und wie kann die Perspektive des Publikums besser einbezogen werden?

Der erste Aspekt befasst sich im Kern damit, was genau das Publikum darunter versteht, wenn es nach seinem Vertrauen oder Misstrauen in «die Medien» gefragt wird. Die Forschung unterscheidet zwischen einem generalisierten Vertrauen in die Medien als Ganzes, meist verstanden als die traditionellen Medien wie Radio, TV und Presse, (Prochazka & Schweiger, 2019) auf der einen Seite sowie einem spezifischen Vertrauen in konkrete mediale Objekte auf verschiedenen Ebenen auf der anderen Seite: Bei solchen medialen Objekten handelt es sich etwa um Beiträge, Berichterstattungsthemen, Journalistinnen und Journalisten, Sendungen, Medienorganisationen oder Mediengattungen.

Das Publikumsvertrauen fällt geringer aus, wenn unspezifisch nach Vertrauen in «die Medien» gefragt wird.

Die Frage danach, wem oder was die Nutzer genau vertrauen oder misstrauen, ist keineswegs trivial. Die unterschiedlichen «Objekte des Vertrauens» erfordern nämlich nicht nur unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Messung (Engelke, Hase, & Wintterlin, 2019), sie geniessen auch unterschiedlich grosses Vertrauen (Blöbaum, 2018; Jackob et al., 2019). So zeigt etwa eine amerikanische Studie (Daniller et al., 2017), dass das Publikumsvertrauen geringer ausfällt, wenn unspezifisch nach Vertrauen in «die Medien» gefragt wird, als wenn nach den selbst genutzten Medien gefragt wird. Die Unterschiede zeigen, wie wichtig es ist, Ergebnisse über Vertrauen und Misstrauen differenziert zu betrachten und einen Vergleich kritisch zu reflektieren.

Der zweite Aspekt greift eine Forderung auf, die schon länger innerhalb der Journalismusforschung gestellt (Loosen & Dohle, 2014) und der unter anderem aufgrund der Digitalisierung auch immer mehr nachgekommen wird (Costera Meijer & Kormelink, 2019): die Perspektive des Publikums einzubeziehen. Hier gibt es zwei Bereiche, deren Untersuchung besonders wichtig ist.

Bestätigt die Berichterstattung der Medien die eigenen Voreinstellungen, wird sie eher als vertrauenswürdig wahrgenommen.

Zum einen haben bisherige Studien innerhalb der Vertrauensforschung demonstriert, dass Merkmale des Publikums – und nicht nur Merkmale des untersuchten medialen Objekts – einen Einfluss auf die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit des Objekts haben. Es gilt daher, diese Merkmale zu berücksichtigen. So veranschaulicht eine experimentelle Untersuchung (Maurer et al., 2018) die Wichtigkeit von Voreinstellungen des Publikums. Konkret bereitete das Forschungsteam zwei manipulierte und somit falsche Beiträge zum Klimawandel vor: Ein dramatisierender Beitrag übertrieb die Folgen des Klimawandels und ein verharmlosender Beitrag untertrieb die Folgen des Klimawandels. Das Forschungsteam konnte im Zuge des Experiments zeigen, dass Probanden mit einem hohen Problembewusstsein für den Klimawandel (hierbei handelt es sich entsprechend um die in diesem Fall relevante Voreinstellung) den dramatisierenden Beitrag für vertrauenswürdiger halten, während die Probanden mit einem eher geringen Problembewusstsein den verharmlosenden Beitrag für vertrauenswürdiger halten. Bestätigt die Berichterstattung also die eigenen Voreinstellungen, wird sie eher als vertrauenswürdig wahrgenommen.

Zum anderen sind aktuell insbesondere auch qualitative Methoden gefragt: Mit ihnen lässt sich nämlich die Publikumsperspektive tiefer durchdringen und herausfinden, was Vertrauen und Misstrauen aus Sicht der Rezipierenden genau bedeutet. Bisherige Studien dieser Art (Badura, 2016; Heyamoto & Milbourn, 2018; Newman & Fletcher, 2017; Wenzel et al., 2019) haben gezeigt, wie unterschiedlich und teils auch diffus das Publikumsverständnis ist: nicht nur von Vertrauen und Misstrauen, sondern auch von Risiken der Nachrichtenrezeption und der Funktionsweise des Journalismus selbst. Basierend auf diesen Erkenntnissen leiten die Autorinnen und Autoren der Studien eine Vielzahl verschiedener Empfehlungen für die journalistische Praxis ab, um Vertrauen (wieder)herzustellen. Darunter finden sich wiederholt Empfehlungen zu mehr Transparenz über journalistische Prozesse, intensivierten Beteiligungs- und Austauschmöglichkeiten für das Publikum und einer besseren Abgrenzung journalistischer Inhalte von anderen Informationen, gerade im Internet.

Messungen des Vertrauens in die Medien werden häufig falsch interpretiert und widerspiegeln eigentlich etwas anderes, nämlich den Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Es besteht also weiterhin viel Diskussionsbedarf innerhalb der Wissenschaft. Das war jüngst auch auf einer Fachtagung zum Thema in Münster zu spüren (siehe Box unten). Keynote-Speaker Michael Meyen (LMU München) richtete seine Hauptkritik darauf, dass die Messungen des Vertrauens in die Medien häufig falsch interpretiert würden und eigentlich etwas anderes widerspiegelten, nämlich den Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse und implizit den Zustand bzw. die Zufriedenheit mit der Demokratie. Wenn die Menschen von Vertrauen in die Medien sprächen, so Meyen, meinten sie Vertrauen in das gesellschaftliche System.

So zeigen die aktuellen Diskussionen, dass eine intensivere Erforschung von Fragen des Vertrauens und Misstrauens in Medien wichtig ist. Nur: Mehr Forschung allein wird dem gesellschaftlichen Interesse am Thema nicht gerecht. Die Forschung muss einhergehen mit einer intensiveren Reflexion und Einordnung der Vorgehensweise und der Ergebnisse, auch vor dem Hintergrund grösserer gesellschaftlicher Entwicklungen und Kontexte. Erst dann kann ein umfassendes und differenziertes Bild von Vertrauen und Misstrauen in die Medien entstehen – und in die öffentliche Diskussion einfliessen.

Konferenz: Probleme und Potenziale innerhalb der Vertrauensforschung
Zuletzt befasste sich die deutschsprachige Kommunikationswissenschaft Anfang Mai intensiv mit Fragen des Vertrauens in Medien. Anlass bot eine Pre-Conference am 09. Mai im Vorfeld der DGPuK Jahrestagung 2019 am Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster. Diese organisierte das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte interdisziplinäre Graduiertenkolleg «Vertrauen und Kommunikation in einer digitalisierten Welt». Das Kolleg rief zu Beiträgen zum Thema «Kommunikationswissenschaftliche Vertrauensforschung in einer digitalisierten Welt – Positionen und Perspektiven» auf. Ziel der Veranstaltung war es, nicht nur aktuelle empirische Befunde, sondern auch theoretische, konzeptionelle und methodische Probleme und Potenziale innerhalb der Vertrauensforschung offenzulegen. Dadurch wollten die Organisatoren gemeinsam mit den Tagungsteilnehmenden Perspektiven für die Forschung kritisch diskutieren. Nach der Einführung durch Bernd Blöbaum, Sprecher des DFG-geförderten Graduiertenkollegs «Vertrauen und Kommunikation in einer digitalisierten Welt» und Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster, stellte eine Keynote von Michael Meyen (LMU München) zum Thema «Vom Vertrauen in das Vertrauen. Eine Kritik der Forschung zur Glaubwürdigkeit der Medien» den Auftakt der Pre-Conference dar. Das Tagungsprogramm umfasste anschliessend drei Panels zu den Themen «Vertrauen in Medien und Journalismus», «Vertrauen analysieren und messen» sowie «Vertrauen und Digitalisierung aus NutzerInnenperspektive». Darin wurde ausführlich über Ergebnisse, Ideen und Ansätze für die Zukunft diskutiert. Zum Tagungsbericht des Graduiertenkollegs.

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