von Nick Lüthi

Sargnägel für den «Super-Teletext»

Seit sieben Jahren dümpelt der designierte Teletext-Nachfolger ohne signifikante Nutzung vor sich hin. Ein Entscheid des Schweizer Fernsehens SRF schmälert die Aussicht auf baldigen Erfolg weiter.

Was auf dem kleinen Bildschirm funktioniert, verfängt auch auf dem grossen Screen: Apps dienen in der digitalen Medienwelt als zentrale Anlaufstellen für alle möglichen Anwendungen. Während Smartphones seit jeher die Benutzerführung über Apps organisieren, sind die klickbaren Kacheln inzwischen auch in der Fernsehwelt angekommen.

Wer Plattformen wie Swisscom TV oder UPC TV nutzt, kennt die bunten Quadrate mit den Markenlogos, die nach dem Aufstarten den Bildschirm zieren. Noch bevor man sich mit der Fernbedienung in die Programmstruktur der einzelnen Sender hineinbegibt, locken bereits unzählige Angebote: Netflix, Youtube oder DAZN kann man über den Startscreen auswählen. Aber auch Fernsehsender wie ARD, ZDF oder Arte ermöglichen den Zugang zu ihren Mediatheken via App.

Wurde früher durch die Programme gezappt, so browst man heute durch Streams und Mediatheken.

Wer sich nicht am linearen Programmraster orientiert (und das sind immer mehr), sondern nach persönlichem Zeitbudget und individuellen Vorlieben seine TV-Nutzung organisiert, findet über die Apps einen praktischen Zugang zu einem breiten und vielfältigen Videoangebot. Wurde früher von Programm zu Programm gezappt, so browst man heute durch Streams und Mediatheken.

Ohne Apps kam bisher das Schweizer Radio und Fernsehen SRF aus. Das soll sich nun ändern. Kürzlich hat der Sportchef von SRF intern darüber informiert, dass SRF Sport bis zur Fussball-WM 2022 eine App für die gängigen TV-Plattformen und Smart-TV-Geräte anbieten wolle. Möglicherweise schon in diesem Jahr wird die SRG ihre neue Spielfilm- und Serienplattform «Play Suisse» auch über eine App für den grossen Bildschirm zugänglich machen. Man sei diesbezüglich mit den Weiterverbreitern im Gespräch, bestätigt die SRG.

Anders als HbbTV springen einen die Apps direkt ins Auge wenn man seinen TV hochfährt.

Mit den TV-Apps schaffen die SRG und das Schweizer Fernsehen eine Alternative zum bisher wenig genutzten HbbTV, das über ähnliche Funktionalitäten verfügt. Auch damit kann man die Mediathek seines Senders anwählen. Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zu den Apps: Die HbbTV-Funktionen sind immer an einen Fernsehkanal gekoppelt. Sie lassen sich erst dann über eine rote Taste auf der Fernbedienung aufrufen, wenn man Sender X oder Y schaut. Die Apps dagegen springen einem direkt ins Auge auf den Startbildschirmen von Smart-TV-Geräten und TV-Plattformen.

Von dieser prominenten Platzierung will nun auch SRF profitieren. «Dort müssen wir präsent sein. Nicht erst wenn du auf den roten Knopf drückst bei HbbTV, sondern wir wollen direkt vorne mit dabei sein», sagte SRF-Direktorin Nathalie Wappler anlässlich der Präsentation einer neuen Unternehmensstrategie zur geplanten Sport-App. «Deshalb setzen wir auf eine Big-Screen-App und an der Stelle nicht auf die Weiterentwicklung von HbbTV.»

«Selbstverständlich bleibt HbbTV für die SRG wichtig.»
Andrea Wenger, Sprecherin Schweizer Radio und Fernsehen

Die Aussagen Wapplers seien nicht als generelle Absage an HbbTV zu verstehen, erklärt SRF-Sprecherin Andrea Wenger auf Anfrage: «Selbstverständlich bleibt HbbTV für die SRG wichtig.» Und SRG-Sprecher Edi Estermann ergänzt: «Es sind unterschiedliche Angebote möglich und es werden unterschiedliche Zielgruppen adressiert.» Welche das genau sind, lässt Estermann aber offen.

Als das Schweizer Fernsehen Ende 2013 den neuen Dienst einführte, galt HbbTV als Nachfolger für den in die Jahre gekommenen Teletext. Von Anfang an bot HbbTV neben aktuellen Nachrichten auch den Zugang zu Video-on-Demand und später auch zu Live-Streams, etwa von Sportveranstaltungen, für die es keine Übertragungskapazitäten auf den drei Kanälen des Schweizer Fernsehens gab. HbbTV weckte auch kommerzielle Interessen. Der Vermarkter Admeira sieht darin die «Werbung der Zukunft» dank der Möglichkeit zu interaktiven TV-Werbekampagnen, bei der das Publikum mit einem Werbespot interagieren kann. Wie oft das getan wird, darüber schweigt Admeira – und auch die SRG will keine Zahlen zur Nutzung von HbbTV nennen.

Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn der gute alte Pixel-Teletext seinen designierten Multimedia-Nachfolger überleben würde.

Es ist aber kein Geheimnis, dass auch zehn Jahre nach Erfindung der Technologie und sieben Jahre nach Einführung beim Schweizer Fernsehen kaum jemand davon Kenntnis genommen hat. Indirekt bestätigt das auch die SRG selbst. So wurde etwa die beschlossene Einstellung des zweiten italienischsprachigen TV-Programms RSI LA 2 und dessen Verlagerung auf HbbTV zeitlich nach hinten verschoben, weil das Tessiner Fernsehen sonst unter Ausschluss der Öffentlichkeit senden würde.

Der Entscheid des Schweizer Fernsehens SRF, fortan auch auf TV-Apps zu setzen und nicht mehr länger nur auf HbbTV, könnte den Anfang vom Ende des bisher erfolglosen «Super-Teletext» einläuten. Eine Technologie, die niemand nutzt, ist sinnlos. Und als Ironie der Geschichte würde der gute alte Pixel-Teletext seinen designierten Multimedia-Nachfolger überleben.

Leserbeiträge

Stephan 28. Februar 2021, 10:48

Kein Wunder wird HBBTV nur selten genutzt, wird während der Sendung bitte darauf hingewiesen.

Beispiel Sportübertragungen: „Den ersten Lauf können Sie mir der SRF App oder bei uns im Internet weiterschauen. “

Nie wird auf HBBTV verwiesen, obwohl dort die Zuschauer*innen auf dem Sender bleiben würden. Gross ist das Risiko, dass beim Griff zum Handy oder aufstarten des Computers zum weiterschauen ein anderes Angebot die Aufmerksamkeit gewinnt und somit das SRF Universum verlässt.