von Nick Lüthi

Facebook blockt, Google zahlt: Die australische Lektion

Wenn Medienunternehmen mit Google und Facebook zu dealen versuchen, selbst mithilfe des Staates, sitzen sie immer am kürzeren Hebel. Stattdessen sollten sie sich auf ihre eigenen Stärken besinnen.

Im Streit mit der Regierung Australiens wählte Facebook die harte Tour. In den letzten Tagen konnte man auf der Online-Plattform keine Inhalte von australischen Medienunternehmen mehr teilen. Wer einen Artikel des «Sydney Morning Herald» auf seinem Profil posten wollte, sah die Meldung: «Dieser Beitrag kann nicht geteilt werden.» Die Facebook-Seiten australischer Medien erschienen leer.

Mit der drastischen Massnahme reagierte Facebook auf ein Gesetzesvorhaben, das die grossen Plattform-Konzerne zur Kasse bitten will für die Nutzung und Verbreitung von Medieninhalten. Facebook weigerte sich, für Inhalte zu bezahlen, die es nicht selbst übernommen oder angefordert hat. Schliesslich sind es die Nutzerinnen und Nutzer, welche die Links posten. Ausserdem profitierten die Verlage von der Präsenz ihrer Inhalte auf der Plattform in grösserem Masse als Facebook selbst, schrieb das Unternehmen in einer Erklärung. Inzwischen hat sich die Situation entspannt, nachdem die australische Regierung Facebook in einigen Punkten entgegengekommen ist. Der Streit sei beigelegt, heisst es. Die Blockade soll darum aufgehoben werden.

Auch Google drohte in Australien den Betrieb seiner Suchmaschine einzustellen angesichts des gesetzgeberischen Drucks. Schliesslich entschied sich der Konzern aber dafür, die Portokasse zu öffnen. Drei grossen Medienhäusern Australiens hat Google nun Millionenbeträge zugesichert für die Finanzierung ihrer journalistischen Inhalte, darunter auch den australischen Murdoch-Medien von News Corp. Dessen Chef bedankte sich bei der australischen Regierung, die sich «für ihr Land und für den Journalismus stark gemacht» habe. Aber auch Google-Chef Sundar Pichai gebühre Dank für sein «umsichtiges Engagement für den Journalismus».

Auch wenn Australien auf der anderen Seite der Weltkugel liegt, liefern die Vorgänge in «down under» ein global gültiges Lehrstück zum vertrackten Verhältnis zwischen Medienunternehmen und Plattformbetreibern.

Zuerst zu Facebook: Dass als ultima ratio Medieninhalte von der Plattform verbannt würden, hatte der Konzern schon vor Monaten angekündigt. Der Schritt kam also keineswegs überraschend. Wer die Massnahme als Willkür, Zensur oder Missbrauch von Monopolmacht geisselt, verkennt den eigentlichen Charakter des Entscheids: Für Facebook sind die Medienlinks strategisch nicht so wichtig, dass sie dafür Geld zu zahlen bereit wären. Lieber verzichten sie drauf. Oder wie es die Technologie-Kolumnistin Kara Swisher in der «New York Times» schreibt: «Wenn Facebook nicht für News-Links bezahlen will und die Links nicht zum Kerngeschäft gehören, sollten sie das auch nicht tun müssen.»

Mit seinem Vorgehen in Australien unterstreicht Facebook in aller Deutlichkeit, dass es kein verlässlicher Partner ist für journalistische Medien. Wer seine Inhalte auf Facebook stellt, hat keine Kontrolle über deren Verbreitung und ist den Launen der Plattform ausgesetzt. Dazu gehören auch willkürliche Sperrungen, wie ein aktuelles Beispiel der TV-Sendung «Monitor» des WDR zeigt. Facebook blockiert grundlos den Zugang zur aktuellen Ausgabe.

Wer die Kontrolle behalten will, setzt auf die eigene Infrastruktur.

Ironischerweise sorgte Facebook mit seiner Medienblockade dafür, dass die Angebote von australischen Medien vermehrt direkt genutzt wurden. Im App-Store von Apple überholte die App von ABC News, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft, die Anwendungen von Facebook und Instagram (das auch zu Facebook gehört).

Nun zu Google: Auf den ersten Blick sieht die nun getroffene Lösung in Australien nach einer Win-win-win-Situation aus. Die Regierung hat gekriegt, was sie wollte mit dem Gesetz – nämlich, dass eine Plattform wie Google zahlt für die Nutzung redaktioneller Inhalte. Die Verlage wiederum kriegen das Geld, das sie so dringend brauchen. Und Google gewinnt ein positives Image – erst recht neben dem bockigen Facebook.

Doch der Schein trügt. Die Zahlungsbereitschaft von Google ist eine reine Goodwill-Geste. Dass der Suchmaschinenkonzern auch anders kann, zeigte er 2014 in Spanien. Wie in Australien sollte Google auch dort zur Kasse gebeten werden für die Verlinkung von Nachrichtenseiten. Doch anstatt zu zahlen, zog das Unternehmen seiner Nachrichtenplattform Google News kurzerhand den Stecker. Den radikalen Schritt begründete Google damit, dass man doch nicht die Verlage entschädigen könne, wenn man selbst kein Geld umsetze mit Google News.

Wenn Google inzwischen im grossen Stil Medienunternehmen finanziell unterstützt, dann reagiert der Digitalkonzern damit vor allem auf politischen Druck.

In Europa setzte sich die Verlegerlobby mit ihrem Ansinnen durch und brachte die Politik dazu, EU-weit ein sogenanntes Leistungsschutzrecht einzuführen. Plattformen-Unternehmen wie Google müssen demnach bei den Medienunternehmen eine Lizenz einholen, wenn sie deren Inhalte weiterverbreiten möchten. Bis am 7. Juni 2021 müssen die EU-Mitgliedstaaten die entsprechende Richtlinie in nationales Recht giessen.

Ob nach australischem Gesetz oder EU-Recht: Geld von Google ist die falsche Antwort auf das Finanzierungsproblem redaktioneller Medien. Nicht nur schafft es eine gefährliche Abhängigkeit, welche die unabhängige Berichterstattung über einen der grössten Konzerne der Welt beeinflussen kann. Auch ist diese Form der Finanzierung nicht nachhaltig, weil sie allein von den Launen und Interessen Googles abhängt.