AUF DEM RADAR

CNN vs. Röstigraben, Jim DeRogatis vs. R.Kelly, «Spiegel» vs. Realität, Fake vs. News

CNN für die ganze Schweiz

Der US-Nachrichtensender ­CNN rechnet sich für seinen Schweiz-Ableger nicht zuletzt deshalb gute Chancen auf dem Markt aus, weil es bisher in der Schweiz keine landesweiten Medien gebe: «Mit CNNMoney Switzerland erreicht ein CEO gleichzeitig die Schweiz und die ganze Welt», erklärt Andrew Morse, der für das Mutterhaus den Start in der Schweiz begleitet. Das Risiko hält der Konzern aus Atlanta insofern klein, als dass er kein Geld in das Schweizer Projekt investiert, sondern nur eine Lizenzvereinbarung mit der Schweizer Firma MediaGo eingeht für die Nutzung der Marke und den Zugang zu den CNN-Inhalten.

Investigativer Musikjournalismus

Der Musikjournalist Jim DeRogatis erzählt im Interview mit «Vox» wie er 17 Jahre lang den Missbrauchsvorwürfen gegen den R&B-Weltstart R.Kelly nachging. Zuletzt enthüllte DeRogatis auf Buzzfeed, dass der Musiker junge Frauen als Sexsklavinnen halte. Auch wenn er sich nicht gewünscht habe, an diesem Thema so lange dran zu bleiben, habe er als Journalist letztlich keine andere Wahl gehabt, wenn er seinen Job ernst nehme.

Die Geister, die wir riefen

Die stellvertretende Chefredaktorin des «Spiegel» erklärt in dieser Hausmitteilung, warum das Nachrichtenmagazin das Buch «Finis Germania» von der Bestenliste entfernt hat: Man wolle einem Werk, das die Chefredaktion als «rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch» eingestuft hat, keine Plattform bieten – zumal der Verkaufserfolg allein daher rühre, dass ein «Spiegel»-Redaktor zuvor das Werk mit einem Kniff bei der Punktevergabe in die Sachbuchliste von NDR und Süddeutscher Zeitung gehievt hatte. Mit er Entfernung erreicht der «Spiegel» allerdings genau das Gegenteil: «Finis Germania» verkauft sich nach Angaben des Verlags blendend – ganz ohne Präsenz auf irgendwelchen Listen.

Fake-News, war da was?

Auch wenn es manche nicht mehr hören mögen: Die Sache mit den Fake News ist nicht ausgestanden nur weil gerade kein grösserer Skandal . Da kommt es gerade zupass, dass das Computermagazin c’t ein umfangreiches Dossier vorlegt und einem kleinen Repetitionskurs gleich noch einmal zentrale Fragen (er)klärt; nichts grundlegend Neues, aber sauber aufbereitet.

Weitere Beiträge

«Watson»: Trump-Push-Statistik, Facebook: mehr Emotionen, Digitalradio: in Norwegen läufts nicht rund, Wikileaks: Julian Assanges letzter Freund

Was wäre «Watson» ohne Trump?

Das Online-Magazin «Watson» hat nachgezählt: Im ersten Amtsjahr von Donald Trump als US-Präsident verschickte die Redaktion 522 Push-Meldungen, die das Wort «Trump» enthielten. Was heisst: Jeden Tag im Durchschnitt eineinhalb Alerts zum Thema. Zwar zeigt man sich bei «Watson» ob der Zahl überrascht, findet den Wert aber nicht zu hoch. Man werde Donald Trump auch in seinem zweiten Amtsjahr eng begleiten, schreiben Martin Lüscher und Lea Senn. «Ob dazu künftig auch so viele Push-Nachrichten nötig sind? Wir werden sehen.»

Newsfeed ohne Medieninhalte: Facebook soll emotionalisiert werden

Welches sind die Folgen für die Nutzerinnen und Nutzer von Facebook, wenn Medieninhalte aus dem Newsfeed zurückgedrängt werden, wie Mark Zuckerberg das angekündigt hat? Im Kern gehe es darum, schreibt Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, die Nutzungszeit zu erhöhen. Und das gehe nur über Emotionen – mit absehbar problematischen Folgen: «Zuckerbergs Plan, Facebook zu emotionalisieren, wirkt deswegen, als würde er einem aufgebrachten Stammtisch einen Beutel Crystal Meth hinstellen und den Erzürnten viel Vergnügen damit wünschen.»

Norwegen doch kein Vorbild bei der Radiodigitalisierung?

Norwegen gilt in Fachkreisen als Musterbeispiel für eine gelungene Migration von UKW zu DAB+. Ende 2017 wurde die analoge Radiotechnologie für die landesweit verbreiteten Programme durch Digitalradio ersetzt. Im Lokalen bleibt UKW vorderhand noch erhalten. Inzwischen zeigt sich aber, dass die Migration ganz so reibungslos nicht läuft, wie das die Verantwortlichen gerne darstellen. «Alle Umfragen haben ergeben, dass 50-70% der Norweger gegen die UKW-Abschaltung sind», schreibt Christer Hederström im Fachmagazin Radioszene. Und zwar aufgrund konkreter Hörerfahrungen mit DAB+. «Bei Verlust des DAB+-Signals beim Autofahren gibt es kein automatisches UKW-Backup-Signal wie in anderen Ländern mit dualen Systemen wie Grossbritannien – es bleibt nur Stille.» Die Probleme mit dem Digitalradio führen dazu, dass das Publikum vermehrt Internet-Radio hört. Ausserdem geht Hederström davon aus, dass UKW überleben wird: «UKW wird überleben, weil die Menschen es als einen alten, zuverlässigen Freund ins Herz geschlossen haben.»

Julian Assanges letzter Freund

Aus Furcht vor einer Auslieferung in die USA hält sich Julian Assange, Kopf der Enthüllungsplattform Wikileaks, seit über fünf Jahren in der Botschaft Ecuadors in London auf. Einer seiner wenigen und letzten Freunde, die den Kontakt zur Aussenwelt aufrecht erhalten und ihn regelmässig in London besuchen, ist der langjährige Sprecher des Chaos Computer Clubs Andy Müller-Maghun. Die Washington Post hat den deutschen Informatiker bei einem Besuch in der britischen Hauptstadt begleitet. Dabei geht es auch um die Frage, ob er es war, der Assange die gehackten Daten der US-Demokraten überbrachte, die Wikileaks vor den Präsidentschaftswahlen veröffentlichte um so der Kandidatur Clintons zu schaden. Tatsächlich überreichte Müller-Maguhn im Herbst 2016 Assange einen USB-Stick, betont aber, nie im Besitz des kompromittierenden Materials aus Russland gewesen zu sein.

Werbung weiss alles über dich, die Blender vom Dienst, McCain vs. Trump, Geschäfte in den asozialen Medien

Wenn dich Werbung wie ein Spion auf Schritt und Tritt verfolgt

Was weniger bekannt ist, aber aufgrund der technischen Möglichkeiten eigentlich auf der Hand liegt: Zielgerichtete Online-Werbung kann auch auf eine einzelne Person zugeschnitten werden. Wenn persönliche Identifikatoren wie Telefonnummer oder E-Mail-Adresse bekannt sind, kann man jemanden auf Schritt und Tritt verfolgen und findet so ziemlich viel über Verhalten und Vorlieben der betreffenden Person heraus. Eine aktuelle Untersuchung der Paul Allen School of Computer Science & Engineering an der Universität von Washington zeigt nun, wie einfach es ist, so im Netz zu spionieren einzurichten.

Wenn Werbung nicht als solche erkennt werden soll

Der erste Satz des Artikels sagt eigentlich schon alles und überrascht auch nicht sonderlich: «Trotz entsprechender Warnhinweise erkennen die meisten Mediennutzer Native Advertising nicht, wenn sie es sehen.» Da die Anbieter solcher Werbeformate eine Täuschungabsicht bestreiten und auf die ihrer Meinung nach ausreichende Kennzeichnung als kommerzielle Inhalte hinweisen, ist es umso wichtiger, die These der Täuschung auch empirisch zu belegen. Aktuelle Zahlen stammen von zwei Studien aus den USA. «Die Ergebnisse sind ernüchternd», schreibt dazu Georgia Ertz auf EJO zur ersten Untersuchung. «Insgesamt konnten mehr als zwei Drittel (67,9%) der Probanden den Artikel trotz der Angabe nicht als Native Advertising erkennen». In der anderen Studie ist der Wert der Getäuschten etwas geringer, aber immer noch bedenklich hoch: Fast die Hälfte (49%) der Teilnehmer hielt in diesem Setting Native Ads für unbezahlten Inhalt.

McCain warnt vor der globalen Wirkung von Trumps «Fake News Awards»

Der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain wendet sich via Washington Post an den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Anlass sind die sogenannten «Fake News Awards», mit denen Trump seine «Lieblingsmedien» bedacht hat. McCain gibt zu Bedenken, dass repressive Regimes, welche die Medien gängeln und verbieten, sehr genau zuhören und mit den Worten Trumps gegen die Pressefreiheit vorgehen. Gerade der Begriff der «Fake News» hat hierbei eine unrühmliche Karriere hinter sich – massgeblich von Trump befeuert.

Nur ein kleiner Betriebsunfall auf dem Influencer-Karussell

Loagan Paul, ein 22-jähriger Selbstdarsteller mit ausreichend grosser Gefolgschaft in den sogenannten Sozialen Medien, dass er davon leben kann, hat sich gerade ins temporäre Abseits katapultiert. Weil er auf Youtube, einem seiner bevorzugten Kanäle, 15 Millionen Menschen haben ihn abonniert, einen erhängten Selbstmörder zeigte, beendeten oder sistierten zahlreiche Partner ihre Geschäftsbeziehungen mit dem jungen Mann, der zur internationelen Top-Liga der sogenannten Influencer zählt. Es war dies nicht der einzige respektlose und rüpelhafte Akt des Youtube-Stars. Aber diesmal war die Empörung so laut, dass seine Partner nicht mehr anders konnten als sein Verhalten zu sanktionieren. «Aber die Maschinerie, die Trottel wie Logan Paul hervorbringt, wird weiter funktionieren», folgert Tilman Baumgärtel in der taz. Die Gier nach Klicks dreht auch hier da Niveau kräftig nach unten: «So ist eine Dynamik der gegenseitigen Unterbietung entstanden, die irgendwann damit ­endet, dass man die Leiche eines japanischen Selbstmörders filmt.»

Öffentlich-rechtlicher Entzug, Google sieht sich als Freund der Medien, 20 Jahre Affäre Lewinsky, Chinas Medien setzen auf Künstliche Intelligenz

Experiment: Neun Tage ohne BBC bekehrte die grössten Kritiker

Vermutlich verhält es sich auch in der Schweiz so, dass ganz viele Menschen, die das Gefühl haben, die Angebote der SRG gar nie zu nutzen und darum auch nicht dafür zahlen wollen, erst merkten, wie oft sie eigentlich Schweizer Radio und TV nutzen, wenn man es ihnen wegnähme. Genau das hat die britische BBC vor zwei Jahren mit 70 Haushalten im ganzen Land gemacht. Und siehe da: Nach neun Tagen ohne BBC bekannte ein Grossteil der Zwangsabstinenten, wie wichtig ihnen die öffentlich-rechtlichen Programme eigentlich sind. Und vor allem: Dass die Privaten keine gleichwertige Alternative bieten.

Google und Facebook spielen Good Cop und Bad Cop mit den Medien

Während Facebook in den letzten Tagen den Zorn vieler Medien auf sich gezogen hatte mit seiner Ankündigung, Medieninhalte aus dem Newsfeed zu verbannen, macht derweil Google einen auf gut Freund. Am Deutschen Medienkongress sagte Philipp Justus, Chef von Google Deutschland: «Wir sind nicht der Feind, wir sind der Freund der Medien.» Aus der Perspektive des Giganten mag dies zutreffen. Ein realistischeres Bild aus der Sicht der Medien, ist ein Sowohl-als-auch: Google ist Freund und Feind in einem, oder neudeutsch: ein Frenemy. Wobei mit Blick auf die Entwicklung der Werbeeinnahmen dann doch eher das Feindbild dominieren dürfte.

Er brachte vor zwanzig Jahren die Affäre Lewinsky ins Rollen

Als sich das Nachrichtenmagazin «Newsweek» im Januar 1998 entschieden hatte, nicht über das sexuelle Verhältnis zu berichten, das der damalige US-Präsident Bill Clinton mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky pflegte, schlug die Stunde von Matt Drudge, ein damals 31-jähriger Blogger. Auf seiner Website «Drudge Report» berichtet er am 17. Januar 1998 – **World Exclusive** – über den präsidialen Fehltritt. Die Seite, auf der Drudge anfänglich Klatsch und Tratsch aus Showbiz und Politik verbreitet hatte, entwickelte sich später unter dem Mentoring von Andrew Breitbart zu einer konservativen Plattform. Heute ist sie klar pro Trump. Der «Drudge Report» zählt gemäss Alexa-Statistik zu den reichweitenstärksten Webseiten im Netz.

China auf dem Weg zur KI-Weltmacht

Avancierte Medientechnologie kommt in China nicht nur zum Einsatz, wenn es darum geht, missliebige Meinungen zu unterdrücken. Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz und deren Einsatz im redaktionellen Umfeld, steht China weit vorn. Eine führende Rolle spielt dabei die staatliche Agentur Xinhua. Mit der sogenannten «Media Brain»-Plattform will sie den gesamten Nachrichtenzyklus revolutionieren. Eine kleine Kostprobe, was chinesischer «Roboterjournalismus» bereits zu leisten imstande ist, zeigt das Programm Dreamwriter. Das Ergebnis lässt sich sehen – sogar nach einer Google-Übersetzung ins Englische. Die Medien sind nur einer von zahlreichen Anwendungsbereichen für Künstliche Intelligenz. Bis 2030 will China weltweit führend sein auf diesem Gebiet.

Die lange Vorgeschichte zu «No Billag», The Geneva Global Insider, Russland ohne Journalismus, Alternative Fakten

Der Murks mit der Medienpolitik

Wer wissen will, woher der betrübliche Zustand der heimischen Medienlandschaft rührt, liest mit Gewinn den kurzen historischen Abriss zu den letzten vierzig Jahren Medienpolitik und -entwicklung in der Schweiz von Urs Meier im Journal 21. Kundig und faktenreich zeichnet Meier den Gang einer «gut eidgenössischen Pflästerlipolitik» nach, die den Umgang mit den Medien seit je her kennzeichnet. Chancen für einen grossen Schritt nach vorn liess man links liegen. Etwa dann, als ums Jahr 2000 den Privaten der Spielraum hätte zugestanden werden können für eine freie Entfaltung auf dem Markt, bei einer gleichzeitigen kommerziellen Zurückbindung der SRG. «Das Vorbild hierzu gab es längst: das britische Modell mit BBC und Privaten», schreibt Meier. Aber: «Wie bekannt, kam es anders.» Es folgte ein Murks nach dem andern. Ein überfrachtetes Radio- und Fernsehgesetz, eine unsoziale Haushaltabgabe und jetzt «No Billag». Meiers Bilanz: «Die Medien sind wahrhaftig zu wichtig, um politisch auf diesem Niveau traktiert zu werden.»

Ein Lokalmedium mit internationalem Fokus

Seit der Konzentration der Westschweizer Tamedia-Zeitungen in Lausanne verfügt Genf über keine eigene Tageszeitung mehr. Eine publizistische Bereicherung für die Rhône-Stadt soll das Online-Magazin The Geneva Global Insider bringen. Der langjährige SRG-Journalist Philippe Mottaz entwickelt mit der Unterstützung der Zeitung «Le Temps» (Ringier Axel Springer) ein Format, um einem internationalen und schweizerischen Publikum das Genf der internationalen Organisationen näher zu bringen und kritisch zu begleiten. Das soll mit den Mitteln eines unabhängigen Journalismus geschehen, der den Fokus stärker auf die Lösungen legt als auf die Probleme. Wichtig sei dabei auch der konstante Austausch mit dem Publikum. Weitere Angaben wie ein Zeitplan und das Finanzierungsmodell hat Mottaz noch nicht bekanntgegeben.

Wie in Russland Journalismus überflüssig gemacht wird

«Das Ziel des Kreml besteht darin, den Beruf des Journalisten überflüssig zu machen», sagt der russische Journalist und Geheimdienstexperte Andrej Soldatow im Interview mit Steffen Dobbert von der «Zeit». Von der Auflösung des Journalismus sei man in Russland gar nicht mehr weit entfernt. Ein System von Einschüchterung und Zensur vermittle dem einzelnen Journalisten, dass er eh nichts bewegen könne, etwa durch kritische Recherche. Die Folgen sind absehbar: «Wenn Journalismus nichts mehr verändert, weshalb dann überhaupt noch kritischen Journalismus betreiben? Das fragen viele Kollegen sich. Dann lieber aufgeben, denken sie. Dass sie so denken, ist ein Ziel der Regierung.»

Wieder ein Trump-Terminus als Unwort des Jahres

Der Entscheid, «Alternative Fakten» zum deutschen Unwort des Jahres zu küren, erfolgte nicht zuletzt mit Blick ins englischsprachige Ausland. Die Jury habe sich mit der Wahl in eine internationale Riege eingereiht, sagt Jurymitglied und Linguist Anatol Stefanowitsch. So hat die American Dialect Society im vergangenen Jahr die englische Entsprechung «alternative facts» zum «Euphemismus des Jahres» gewählt. In Australien wurde der Terminus zum «Schlimmsten Wort des Jahres» bestimmt. Dass in den letzten Jahren vermehrt Begriffe gekürt wurden, die den Wahrheitsbegriff strapazieren, habe damit zu tun, dass es «international ein sehr ähnliches Gefühl gibt: dass uns die Wirklichkeit irgendwie entgleitet», so Stefanowitsch.