AUF DEM RADAR

Journalismus vermessen, NYT vs. WaPo vs. Trump, vom «Brückenbauer» zum Migros-Magazin, Kunst knipsen

Der gläserne Journalist

Heute wissen Redaktionen sehr genau, wie ihre Artikel genutzt werden. Michael Marti, Digitalchef des Zürcher Tages-Anzeigers, erkennt in der Vermessbarkeit von Journalismus und Journalisten ein grosses Potenzial, nicht zuletzt ein kommerzielles. Wer genau weiss, was die Leser mögen, kann sein Angebot zielgenau auf deren Bedürfnisse zuschneiden. Die Erfahrung beim Tages-Anzeiger zeige zudem, schreibt Marti, dass nicht nur Seichtes und Sensationelles gut ankomme, sondern auch Hintergründiges und aufwändig Recherchiertes. Auf einem anderen Blatt steht indes, ob es sich Tamedia auch in Zukunft leisten kann und will, solche Inhalte zu finanzieren.

New York Times vs. Washington Post: Einblick in den Kampf der Titanen

Die Trump-Wahl hat in den USA den Zweikampf der ungleichen Zeitungsgiganten New York Times und Washington Post beflügelt. Hier die familiengeführte Graue Tante, dort das Spielzeug in der Hand des reichsten Manns der Welt. Gegenwärtig ist der Wettbewerb der beiden Blätter primär über die Publizistik getrieben: Wer bringt die nächste Enthüllung aus dem Weissen Haus? Das Magazin Vanity Fair bietet einen tiefen Einblick in die Mechanismen dieses Kampfs der Titanen, der für beide Zeitungen auch ein Kampf ums Überleben in der digitalen Zukunft ist.

Das erfolgreichste Schweizer Kundenmagazin

Als Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler 1941 sein Unternehmen in eine Genossenschaft umwandelte und die Anteilscheine der Schweizer Bevölkerung verschenkte, schuf er kurz darauf die Wochenzeitung «Wir Brückenbauer». Das Blatt sollte die Kommunikation zwischen dem Unternehmen und den Genossenschaftern gewährleisten. Duttweiler, der seit 1935 im Nationalrat politisierte, nutzte den «Brückenbauer» auch für die Verbreitung seiner Meinung. Bereits zum Start 1942 lag die Auflage bei hohen 110’000 Exemplaren. Heute wird das Nachfolgeprodukt, das Migros-Magazin, über zwei Millionen Mal gedruckt pro Woche. Auf dem Blog des Nationalmuseums liefert Hans Schneeberger, seit 2004 Chefredaktor des Migros-Magazins, einen kompakten geschichtlichen Abriss anlässlich des 75. Jahrestags der Gründung vom «Brückenbauer».

Das Kunstwerk im Zeitalter der Smartphone-Omnipräsenz

Im Kunstmuseum Basel dürfen Besucherinnen und Besucher neu die ausgestellten Kunstwerke fotografieren. Ein Verbot lasse sich heute mit vernünftigen Argumenten nicht mehr aufrecht halten. Allerdings wird es weiterhin Werke geben, insbesondere Leihgaben, die nicht abgelichtet werden dürfen. Solange die Bilder im privaten Rahmen im Internet veröffentlich werden, stellen sich auch keine urheberrechtliche Probleme. Die bz Basel beleuchtet die Entwicklung mit einem Blick in weitere Institutionen, sowie einem Interview mit einem Kunstrechtler.

Weitere Beiträge dieser Woche

Korruptes Malta, ARD ohne «Das Erste», Fake-News 2020, Social-Schleichwerbung

Malta: Journalistin ermordet nach Aufdeckung von Korruptionsskandal

Sie löste mit ihren Recherchen den grössten Polit- und Wirtschaftsskandal im Inselstaat Malta aus. Jetzt ist Daphne Caruana Galizia tot. Die Bloggerin und Journalistin wurde gestern Nachmittag mit einer Autobombe ermordet. Im Mai schrieb Tages-Anzeiger-Korrespondent Oliver Meiler ausführlich über diesen «Politthriller, wie er selbst in der skandalerprobten Geschichte ihrer stets zerrissenen Politik noch nicht vorgekommen ist.» Die Korruptionsvorwürfe an Spitzenpolitiker wogen so schwer, dass Maltas Premier – selber ein früherer TV-Journalist – Neuwahlen ausrufen musste. Am Anfang des Skandals standen die Veröffentlichungen von Daphne Caruana Galizia. Ihre Arbeit hat sie nun wohl mit dem Leben bezahlt. Über die Täterschaft ist bisher noch nichts bekannt.

ARD unter Druck: «Das Erste» soll verschwinden, ZDF reicht

In der Debatte um die Zukunft des öffentlichen Rundfunks in Deutschland liegt ein weiterer Vorschlag auf dem Tisch Rainer Robra (CDU), für Medien zuständiger Minister in Sachsen-Anhalt, schlägt die Auflösung von «Das Erste» vor – und damit auch der «Tagesschau». Die ARD solle sich auf ihre regionalen Inhalte konzentrieren. Als nationales Programm reiche das ZDF.

In der Fake-News-Hauptsadt bereitet man sich auf die US-Wahlen 2020 vor

Im letzten US-Präsidentschaftswahlkampf kursierten unzählige Falschmeldungen auf zweifelhaften Onlineportalen, die dank Social Media eine beträchtliche Reichweite fanden. Ein Teil davon stammte aus Mazedonien, von wo aus eine regelrechte Industrie den US-Medienmarkt mit Fake News versorgte. Isa Soares hat für CNN Money das Städtchen Veles besucht, wo die zentralen Figuren sitzen. Aus ihren Aussagen wird klar: In Mazedonien bereitet man sich bereits auf den US-Wahlkampf 2020 vor.

Täuschung ist Programm: Schleichwerbung auf Social Media

Eigentlich würde ein klarer Hinweis reichen. «Der Konsument müsste auf den ersten Blick sehen können, dass es sich hier um Werbung handelt», sagt Thomas Meier von der Schweizerischen Lauterkeitskommission. Aber genau das fehlt in vielen Fällen. Auf Social Media findet sich vermehrt undeklarierte Werbung, Schleichwerbung also. Und die ist illegal. Die Branche setzt auf Selbstregulierung und erarbeitet dazu einen Verhaltenskodex. In Deutschland dagegen werden Schleichwerber schon mal vor Gericht gebracht und gebüsst.

Franzen über Kraus, Social-Media-Maulkorb, «Ultras» als Freiwild, Multitasking für die Untertitel

Jonathan Franzen über die Aktualität von Karl Kraus

Der Schriftsteller Jonathan Franzen teilt die Technologie-Skepsis von Karl Kraus und zieht Parallelen vom damaligen Fortschrittsglauben zur heutigen Zeit: «Das Problem ist heute dasselbe wie vor hundert Jahren: die Schmalspurigkeit der Gehirne, welche die Technologie nutzen. Nur dass die Technologien heute wesentlich mächtiger sind als zu Kraus’ Zeiten.» Als eine Folge davon sieht Franzen auch den Journalismus bedroht. Darum müssten wir «lernen, lebenswichtige gesellschaftliche Dienstleistungen wie den professionellen Journalismus zu unterstützen, statt sie zu zerstören.»

Social-Media-Maulkorb für New-York-Times-Journalisten

In einem internen Memo fordert Dean Baquet, Chefredaktor der New York Times, seine Mitarbeitenden zu grösster Zurückhaltung auf mit politischen Äusserungen auf Social Media. Persönliche Meinungsäusserungen hätten zu unterbleiben, weil dies der Glaubwürdigkeit der Zeitung schaden könnte. David Uberti findet dies ein heikles Vorgehen und kritisiert auf «Splinter», dass damit auch legitime Kritik, etwa an Präsident Trump, unterminiert werde. Ihn als «inkompetent» oder als «Lügner» zu bezeichnen, seien mit Fakten belegbare Aussagen und müssten auch weiterhin möglich sein.

Fussballjournalismus: Angriff auf die «Ultras»

Der gemeine «Ultra» ist ein glühender Anhänger einer Sportmannschaft. Mit glühenden Fackeln hingegen hantieren nur die wenigsten dieser eingefleischten Fans. Und dennoch dominieren Bilder von Fackelmeeren in den Kurven die Berichterstattung über «Ultras». Am Beispiel Hannover zeigen Daniel Bouhs und Andrej Reisin im Medienmagazin «Zapp», wie eine Verquickung von Medien und Polizei ein «Ultra»-feindliches Klima anheizen können, das mit der Stimmung im Stadion oft nichts mehr zu tun hat.

So kommen Untertitel in Echtzeit auf den TV-Bildschirm

Im Rahmen der Publikumswoche bei Schweizer Radio und Fernsehen SRF gab es auch einen Einblick in eine der wohl anspruchsvollsten Tätigkeiten in der TV-Produktion: die Simultan-Untertitelung. Die Dolmetscherin spricht in Echtzeit die Aussagen der Protagonisten in Hochsprache nach, da die Spracherkennungssoftware keinen Dialekt versteht. Was sie sagt, erscheint dann mit nur geringer Verzögerung zum Gesagten als Untertitel auf dem Bildschirm. Die porträtierte Übersetzerin nennt denn auch als Grundvoraussetzung für ihren Job eine «gewisse Veranlagung zum Multitasking».

SRF vs. No Billag, besserer Lokaljournalismus, der falsche Attentäter, Blindtexthumor

So wappnet sich das Schweizer Fernsehen gegen «No Billag»

Die Situation ist delikat: Obwohl das Schweizer Fernsehen SRF von einer Abschaffung der Gebühren bei einer allfälligen Annahme der «No Billag»-Initiative direkt betroffen wäre, kann es keine direkte Kampagne gegen das Vorhaben führen, weil die Verpflichtung zur journalistischen Unabhängigkeit dies verbietet. Was tun also? SRF versucht mit Transparenz und Dialog dem zahlenden Publikum zu vermitteln, wofür der Sender steht und was die Zuschauer verlieren würden, wenn das aktuelle Programm nicht mehr finanziert werden könnte. Aline Wanner bietet in der «Zeit» einen Einblick in das vielfältige Transparenzbemühen des Schweizer Fernsehens.

Gegen Mittelmass im Lokaljournalismus

«An zu vielen Orten in Deutschland ist das, was in der Zeitung steht, irgendetwas mit Wörtern, aber kein Journalismus.» Das gilt auch und besonders für den Lokaljournalismus, weiss Benjamin Piel. Der Chefredaktor der Elbe-Jeetzel-Zeitung setzt sich mit einem fulminanten Plädoyer in der «Zeit» für einen besseren Lokaljournalismus ein. Er weiss auch, woran das Genre krankt: Es sind die Termine, von denen sich die lokale Berichterstattung zu stark leiten lässt: «Redaktionen, die von Termin zu Termin hetzen, hetzen von einer Mittelmäßigkeit in die nächste. Denn es bleibt kein Platz für eine intensive Recherche, für eine ausgefeilte Dramaturgie, für eine Formulierung mit doppeltem Boden oder einen Kommentar, der sich gewaschen hat.»

Zweierlei Ellen: Terrorist ist nicht gleich Terrorist

Vor einer Woche entging der Flughafen von Asheville in North Carolina (USA) einem blutigen Anschlag. Ein Attentäter deponierte im Eingangsbereich eine Tasche mit einem aus Ammoniumnitrat und Schweröl zusammengebastelten Sprengsatz, der eine verheerende Wirkung entfaltet hätte, wenn er nicht rechtzeitig entdeckt und entschärft worden wäre. Das berichtet die Lokalzeitung Citizen Times. Schlagzeilen in den nationalen Medien gab es keine, grosse Zeitungen, wie etwa die Washington Post, berichteten mit einer Agenturmeldung über den Vorfall. Und auch im Netz warf der Vorfall keine Wellen. Kein Tweet von Trump, keine Terroraufregung. Warum wohl? Weil es sich beim festgenommenen, mutmasslichen Bombenleger um einen weissen US-Bürger handelt und nicht um einen bärtigen Moslem.

Die lustigsten Wetterprognosen

«Sonnig, laues Wasser, guter Wein»: Wer sich gestern in der Frankfurter Allgemeinen für das Reisewetter in Europa interessierte, fand eine etwas eigenwillige Umsetzung der Prognosen. Die Redaktion hatte offenbar vergessen, den Blindtext durch die aktuellen Angaben zu ersetzen. Doch der Blindtext besteht nicht nur aus dem obligaten «Lorem ipsum», sondern aus mehr oder weniger witzigen Jux-Prognosen, wie etwa: «Skandinavien: Regen. Und viele Mücken» oder «Italien, Malta: Meist sonnig, nur über dem Vatikan Wolken, mal weisse, mal schwarze».

So tickt die NZZ, gekaufter Einfluss, Whatsapp ist Trumpf, Geld fürs Bloggen

Die NZZ auf Abwegen?

In der Wochenzeitung WOZ analsysiert Kaspar Surber die aktuelle Befindlichkeit der NZZ. Unter Chefredaktor Eric Gujer verlassen auffällig viele, teils namhafte und langjährige, Autorinnen und Autoren des Blatt. Die meisten Abgänge und Kündigungen sind eine mehr oder weniger direkte Folge der politischen Kursänderung unter der neuen publizistischen Leitung; Surber sieht eine «ideologische Verengung», im Inland liest er eine repetitive Berichterstattung – «meist gemäss dem FDP-Parteiprogramm». Diese Entwicklung bestätigt im Artikel u.a. der frühere stellvertretende Chefredaktor der NZZ. René Zeller ist darum zur Weltwoche gewechselt, wo er heute grössere journalistische Freiheiten geniesse als bei der NZZ.

Die falschen Freunde der neuen Medienstars

Die sogenannten Influencer, meist jüngere Leute mit einer grossen Gefolgschaft auf Social Media, stehen schon länger in der Kritik. Zum einen wegen Schleichwerbung, zum anderen wegen gekaufter Follower. Hier hat das Data-Team von SRF genauer hingeschaut und die insgesamt rund sieben Millionen Fans und Freunde von 115 Influencern aus der Schweiz analysiert. Das Ergebnis: Fast jeder dritte Follower ist fake.

So nutzt man in Deutschland das Internet

Der Blogger Dennis Horn hat sich durch die aktuelle Ausgabe der ARD/ZDF-Onlinestudie gelesen. Seit 20 Jahren bietet diese Untersuchung einen Zustandsbeschrieb der Internetnutzung in Deutschland. Die wichtigsten Erkenntnisse was die Online-Mediennnutzung angeht: Streaming boomt, sowohl bei Video als auch Audio. Podcasts dagegen sind weiter ein Nischenphänomen, wie auch Twitter. Die beliebteste Social-Media-Plattform ist in Deutschland WhatsApp.

Paywall für alle

Die Bloggingplattform Medium.com erlaubt es ab sofort jedem Nutzer, seine Inhalte hinter eine Paywall zu stellen. Solche Artikel sind nur noch für Nutzer zugänglich, die fünf Dollar im Monat bezahlen. Der Blog-Autor erhält davon einen Anteil entsprechend der Nutzung seiner Beiträge.