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	<title>So schreibe ich | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Tue, 12 Jan 2021 10:11:56 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Wie wird online gelesen?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/05/26/wie-wird-online-gelesen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dominik Allemann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2020 05:54:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Content]]></category>
		<category><![CDATA[Texten]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie wird online gelesen? 42 Tipps zur besseren Aufbereitung von Inhalten.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wie wird online gelesen? 42 Tipps zur besseren Aufbereitung von Inhalten.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/05/26/wie-wird-online-gelesen/">Wie wird online gelesen?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Ich brauche keine Autorenzeile»: so schreibt Charlotte Walser, SDA</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/12/18/ich-brauche-keine-autorenzeile-so-schreibt-charlotte-walser-sda/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2019/12/18/ich-brauche-keine-autorenzeile-so-schreibt-charlotte-walser-sda/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Dec 2019 17:47:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Agenturmeldungen schreiben sich von selbst, denkt man beim Blick auf den Nachrichtenticker. Charlotte Walser, Bundeshauskorrespondentin der Agentur SDA, beschreibt im Gespräch mit der MEDIENWOCHE ausführlich, wie Journalismus in einer Nachrichtenagentur funktioniert. Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Agenturjournalismus, denn zwischenzeitlich hat sie gekündigt. Wieviele Texte hat Charlotte Walser an diesem Tag geschrieben? «Heute <a href="https://medienwoche.ch/2019/12/18/ich-brauche-keine-autorenzeile-so-schreibt-charlotte-walser-sda/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich:</a> Agenturmeldungen schreiben sich von selbst, denkt man beim Blick auf den Nachrichtenticker. Charlotte Walser, Bundeshauskorrespondentin der Agentur SDA, beschreibt im Gespräch mit der MEDIENWOCHE ausführlich, wie Journalismus in einer Nachrichtenagentur funktioniert. Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Agenturjournalismus, denn zwischenzeitlich hat sie gekündigt.</strong><br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-75334" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Charlotte-Walser-20191219.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Charlotte-Walser-20191219.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Charlotte-Walser-20191219-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Charlotte-Walser-20191219-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Charlotte-Walser-20191219-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Charlotte-Walser-20191219-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Wieviele Texte hat Charlotte Walser an diesem Tag geschrieben? «Heute war eher ein ruhiger Tag, vier oder fünf.» Auf Twitter hat sich kürzlich eine Nationalrätin beschwert, dass keine Journalist*innen bei einer Ratsdebatte präsent sind: «So geht #VierteGewalt nicht.» Charlotte Walser hat auf den Tweet geantwortet: «Das Bundeshausteam von Keystone-SDA hört zu. Wie immer. Ausführliche Meldung folgt nach der Gesamtabstimmung.» Wie immer. Ob 40 Entscheide aus der Bundesratssitzung gekommen sind oder bloss eine weitere Episode einer Mammutvorlage abgehandelt worden ist: Walser hat zugehört, reagiert, eingeordnet. Zehn Jahre lang.</p>
<p>Aber gibt es überhaupt einen Schreibprozess, wenn man so arbeitet? Ist das noch schreiben oder bloss aufschreiben?</p>
<p><em>Geht es zum Beispiel um Rücktritte, ist es wirklich bloss ein Aufschreiben. Wir Agenturjournis sind sehr auf die Information fokussiert. Wir feilen nicht an möglichst kreativen Texteinstiegen, sondern kommen gleich zur Sache. Manchmal fällt das leicht, aber nicht immer, denn der Stoff fällt oft nicht als Information vom Himmel. Du machst es erst zu einer Information. Und ein Einstiegssatz, den man danach im Radio hört wie «Das oder das soll sich ändern», wird uns ja nicht so kommuniziert. Wir müssen herausfinden, was Sache ist, das dann ordnen und auf den Punkt bringen, damit es zur Nachricht wird. Wenn etwas Überraschendes passiert, müssen wir mit einer Eilmeldung den anderen Medien vorausrennen.</em></p>
<p></p>
<p>Kaum je geniesst das Bundeshausteam von Keystone-SDA die Aussicht auf die Alpen, die man in der Wandelhalle hat. Das Team sitzt im Medienzentrum auf der anderen Seite der Bundesgasse, hört den Debatten zu, wertet Botschaften aus und berichtet von Medienkonferenzen. Nie führt es kritische Interviews, nie teilt es aus. Auf Primeurs sind sie nicht aus, denn News-Primeurs sind schlicht ihre Verantwortung. Diese kommen dann als Eilmeldung und nicht als 20&#8217;000-Zeichen-Text daher.</p>
<p><em>Die Herausforderung ist das Übersetzen. Selten sind Informationen eindeutig und noch seltener kommen sie eindeutig daher. Ein Beispiel, das mir in den Sinn kommt: Die Verwaltung kommunizierte «Der Bundesrat will das Steuerstrafrecht revidieren». Unsere Eilmeldung lautete dann, der Bundesrat wolle das Bankgeheimnis im Inland lockern. Bevor du einen solchen Satz in die Welt jagst, musst du gründlich überlegen: Stimmt das wirklich? Dir bleiben nur ein paar Minuten. Du schaust nach, was genau geändert werden soll. Überlegst, was es bedeutet. Das sind Stressmomente. Du rennst voraus und musst schnell interpretieren. Eine halbe Stunde später ist es dann allen klar – aber wir machen eine erste rudimentäre Einordnung. Übrigens hat der Bundesrat das Projekt später wieder gestoppt.</em></p>
<p>Walsers Arbeitsalltag tönt anstrengend. Aber vor einer Krankheit der schreibenden Zunft scheint man als Agenturjournalistin gefeit: vor Schreibblockaden. Wem so wenig Zeit bleibt, der sitzt wohl nie vor einem leeren Word-Dokument, schreibt den Einstieg fünfmal neu oder verheddert sich in zwangsoriginellen Sprachbildern – oder?</p>
<p><em>Wenn es dringend ist, schreibst du den ersten Satz ohne zu zögern. Bei hintergründigen Texten fällt der Einstieg manchmal weniger leicht. Natürlich ist nicht jeder Text gleich aufwendig und anspruchsvoll, aber manchmal geht es darum, dicke Berichte nach Wichtigem zu durchforsten oder tagelange Debatten in einen lesbaren Text zu fassen. Vorhin, kurz vor Dienst-Ende haben wir Meldungen zu Kommissionsentscheiden geschrieben. Zwischen den Sessionen hat man manchmal mehr Zeit, einzuordnen und einzubetten. Natürlich werden die Texte zu Kommissionsentscheiden nicht immer abgedruckt, aber wir selbst können wieder auf die Meldungen zurückgreifen, sobald die Geschäfte im Parlament sind. Gerade, wenn es schnell gehen muss, ist man froh, wenn man die Einordnung bereits einmal gemacht hat.</em></p>
<p>Obwohl Agenturmeldungen allgegenwärtig sind und manche Zeitungen ohne SDA wohl grosse Informationslücken und weisse Flecken hätten, zeigen Walsers Ausführungen, wie wenig man die Arbeit hinter den Meldungen auch als Journalist – als kompetenter Leser – wahrnimmt.</p>
<p><em>Es sollte ja von unten her kürzbar sein. Manche Kunden wollen nur die Randspalte, andere eine halbe Seite füllen oder den Text eins zu eins online stellen. Im Idealfall muss eine Agenturmeldung funktionieren, selbst wenn man nur den Lead und den ersten Abschnitt nimmt. Darum bist du in den Möglichkeiten beschränkt, kannst keinen ausufernden Einstieg machen. Sicher gewöhnst du dir mit der Zeit Standardformulierungen an, was positiv ist, weil du sie abrufen kannst, wenn es schnell gehen muss. Aber auch eine Kehrseite hat, weil solche Formulierungen langweilig werden können. Ich würde behaupten, online merkt es der Durchschnittsleser nicht, wenn sie oder er einen Agenturtext liest. Über eine Medienkonferenz zum Beispiel berichte ich jetzt nicht so anders als ein Zeitungsjourni.</em></p>
<p>Manche Radio- und Fernsehjournalist*innen sagen, Print-Journalist*innen gehe es vor allem um den Namen über dem Artikel. Agenturjournalist*innen fehlt nicht nur die Autorenzeile: Ihre Arbeit ist Grundlage dafür, dass sich die Zeitungsleute mit einer Autorschaft schmücken können. Manchmal sollen Zeitungsjournalist*innen dabei auch die Grenzen der Lauterkeit tangieren: Sie passen den Text leicht an und setzen den eigenen Namen drüber. Es wäre also nachvollziehbar, wenn Walser etwas gegen den Autor*innen-Fetisch im schreibenden Journalismus hätte.</p>
<p><em>Ich brauche keine Autorenzeile. Was mich freut: Wenn ich die eigenen Erklärstückchen oder Einordnungen wiederfinde. Nicht nur in den Zeitungen. Manchmal sagen Parlamentarier etwas, bei dem du denkst: Ich hab das im Fall formuliert. Aber eitel darfst du bei einer Agentur nicht sein. Wir kommen zwar schon mit Namen vor – einfach weil gewisse Zeitungen keine Bundeshauskorris mehr haben: Das Bündner Tagblatt und die Südostschweiz drucken relativ Vieles von uns namentlich. Aber wenn du an der Autorenzeile hängst, bist du in der Agentur schlecht bedient. Manchmal ist das auch gut so, denn immer muss es schnell gehen. Wir schauen Texte nicht tagelang immer wieder an. Manchmal fällt mir auf dem Heimweg, eine Viertelstunde nach dem Senden des Textes, eine viel bessere Formulierung ein. Mist, so hätte ich das schreiben sollen. Aber wir schreiben eben keine «Werke».</em></p>
<p>Und um Werke beneidet Walser niemanden. Denn oft liefert man Just-in-time-Arbeit – vor allem während den Parlamentssessionen.</p>
<p><em>Während der Debatte schreibe ich laufend an meinem Schreibtisch. Es geht nicht darum, die Worte der Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu protokollieren, sondern die Argumente und Entscheide in eine verständliche Form zu bringen. Bei grösseren Vorlagen überlege ich im Voraus, welchen Aspekt ich thematisieren oder in den Vordergrund rücken möchte. Beim CO<sub>2</sub>-Gesetz waren es zum Beispiel die Flugticket-Abgabe und Ölheizungen. Meine Annahme ist, dass Ölheizungen verbreitet sind und deshalb viele Leute betreffen. Die Flugticket-Abgabe ist recht konkret; die Mechanismen zum Benzinpreis sind komplizierter – damit steigst du vielleicht nicht ein. Dann kannst du dir vor den Entscheiden bereits ein einordnendes Erzählstück skizzieren: Was bedeutet es? Bei dicken Gesetzesentwürfen mit vielen Entscheiden sind die Texte in der Erstfassung zu lang. Oft lasse ich am Ende dann Zitate weg, weil die wichtigen Entscheide rein müssen.</em></p>
<p>Die Worte der Politiker*innen fallen also als erstes dem Rotstift zum Opfer, obwohl das Bundeshaus-Team von Keystone-SDA zu dem ganz kleinen Kreis von Medienschaffenden – und Menschen überhaupt – gehört, die sich jedes Politikervotum antun. Am Ende jeder Session schmerzen Walser dann die Ohren wegen den vielen Stunden mit den Kopfhörern. Sessionen bedeuten Stress; ebenso, wenn die Bundesräte an einem Mittwoch besonders entscheidungsfreudig sind. Aber wie es Walser beschreibt, bedeutet dieser Journalismus eben doch mehr als Rein-Raus: Agenturjournalismus aus dem Bundeshaus bedeutet Verantwortung, bedingt detailliertes Verständnis der Materie und verfolgt höhere Ziele als klickgetriebener Journalismus: Es geht darum, das Jetzt verständlich zu machen. Ein Journalismus, bei dem es nicht um den einzelnen Beitrag geht, sondern darum, langfristige Entwicklungen ausdauernd und konsistent zu begleiten.</p>
<p><em>Es ist toll, grosse Vorlagen wie etwa die Energiestrategie in den Griff zu bekommen, bei denen du anfangs nicht drauskommst und dann merkst, wie du sie zunehmend erklären und dich von Juristendeutsch und allzu Technischem entfernen kannst. Irgendwann kannst du damit jonglieren. Aber am Spannendsten ist natürlich das Unerwartete, zum Beispiel beim US-Steuerdeal: Ich hatte immer das Thema «Steuerstreit» bearbeitet. Eines Abends hat mich das Desk um elf Uhr in heller Aufregung angerufen, das Department of Justice habe den Deal online gestellt. Es seien 50 Seiten. «Was soll ich machen?» Ich war beim Bier, bin dann ins Büro und habe eine erste Meldung geschrieben – ohne Details. Dann war Nacht und ich hatte Zeit, in Ruhe alles genau zu lesen, was eher selten der Fall ist. Am frühen Morgen konnte ich eine ausführliche, saubere Meldung über den Deal senden. Vor der Medienkonferenz um 08.30 von Widmer-Schlumpf bin ich kurz heim zum Duschen und fühlte mich super vorbereitet. Manche andere Journis an der Konferenz waren so «Was ist los?» – und ich hatte mich die ganze Nacht lang mit dem Deal befasst.</em></p>
<p>Walser hält die Arbeitsteilung zwischen Agenturjournalismus und anderen Journalist*innen für logisch. Die Aufgabe der Anderen sei es eben nicht, jedes Ereignis zu verfolgen, sondern zu Selektionieren, einen eigenen Zugang zu finden und zuzuspitzen.</p>
<p><em>Die anderen Journalisten bewegen sich in der Wandelhalle, suchen Geschichten. Dann können sie bei uns nachlesen, was passiert ist, ob etwas Überraschendes war. So soll es sein. Manchmal wäre es schon spannend, ein wenig in der Wandelhalle rumzuschlendern, aber wir haben dafür keine Zeit. Im Gegenzug müssen wir nichts Exklusives herausfinden, keinen speziellen Zugang finden. Das ist ein Stress, der uns erspart bleibt.</em></p>
<p>Walser und ihre Kolleg*innen begleiten Vorlagen unabhängig davon, ob sie schlagzeilentauglich sind oder jemals schlagzeilentauglich werden. Sie erzählt mit einer Selbstverständlichkeit über Details des Gesetzgebungsprozesses, die auch manchen Journalist*innen, die regelmässig im Bundeshaus sind, unbekannt sind. Es wirkt, als würde man in dem Job berufsbedingt zum Nerd.</p>
<p><em>Das alte Parlament konnten wir recht gut einschätzen. Mit der Zeit bekommt man Übung. Wenn es wichtig ist und ein knapper Ausgang zu erwarten ist, bereiten wir manchmal eine Ja- und eine Nein-Version vor. Bei uns steht natürlich das Tempo im Vordergrund. Das Ziel bei Parlamentsgeschäften ist, dass der Text unmittelbar nach der Gesamtabstimmung am Ende einer Beratung rausgeht. Wir müssen antizipieren, im Voraus einschätzen, wie es ausgeht. Manchmal täuschen wir uns, und sie entscheiden anders als erwartet. Dann fluchen wir laut – unabhängig davon, was unsere persönliche Meinung zum Thema ist – weil wir alles umschreiben müssen.</em></p>
<p>Selbstverständlich vertreten Agenturjournalist*innen privat Meinungen, Ansichten und Weltbilder. Aber anders als man vielleicht denken könnte, ist Walser auch überzeugt, dass Neutralität im Schreiben ebenfalls nicht möglich ist und alle Journalist*innen Spuren ihrer subjektiven Haltung in die Arbeit verweben. Ob bewusst oder unbewusst. Walser tut das sehr bewusst:</p>
<p><em>Fast zu jedem Geschäft habe ich eine Meinung. Ich beschäftige mich den ganzen Tag mit Politik und habe eine subjektive Sicht auf die Welt. Die kann ich nicht ausschalten. Bei der Arbeit ist aber Lauterkeit wichtig: Dass man beide Seiten zu Wort kommen lässt und jeweils die besten Argumente nimmt, damit es irgendwie fair ist. Aber gleichzeitig ist es der Job jedes Journis, Beschönigungen keinen Raum zu lassen. So vieles wird kaschiert und verschwurbelt: Wenn der NDB kommuniziert, ein «Datenabfluss» habe verhindert werden können, musst du sehen, dass die eigentliche Story ein Datendiebstahl im Nachrichtendienst ist. In der ganzen Fake-News-Debatte stellt sich auch die Frage, ob man alles zitieren und somit verbreiten soll. Es haben alle das Recht auf ihre Meinung und ihre Argumente, aber ich finde nicht, dass ich dazu verpflichtet bin, Sachen zu zitieren, die faktisch nicht stimmen.</em></p>
<p>Manche Kolleg*innen im Medienzentrum sähen keine Verbindung zwischen einer Meldung und der Berufskollegin, die man im Gang grüsst oder auf der Raucherterrasse trifft. Dies habe wohl auch damit zu tun, dass Journalist*innen berufsbedingt besonders fixiert sind auf jene, die viel Aufheben um ihre Arbeit machen – die eigene Arbeit eben beispielsweise als «Werke» anpreisen.</p>
<p><em>Viele Journalistinnen und Journalisten überlegen sich nicht, dass Agenturtexte gut oder schlecht sein können. Sogar manche hier im Medienzentrum des Bundeshauses: Sie sehen uns, kennen uns – aber überlegen sich nicht, dass wir hinter den Meldungen stehen. Manchmal höre ich sie reden: «Da ist noch eine Agenturmeldung reingekommen.» Sie erkennen nicht, dass wir unseren Job gut oder schlecht machen können. Mittlerweile gibt einem manchmal die eigene Firma das Gefühl, dass man nichts wissen oder können muss: Der Agenturticker läuft einfach so.</em></p>
<p>Es ist eine Binsenwahrheit: Rückmeldungen machen Texte besser. Das gilt auch im Agenturjournalismus. Die MEDIENWOCHE konnte der letzten Viertelstunde des Arbeitstags im Bundeshausteam beiwohnen – und dabei miterleben, wie oft eine kurze Meldung zwischen Walser und ihrem Kollegen hin- und hergeht, wie ausgeprägt die Feedbackkultur in diesem kleinen Team ist.</p>
<p><em>Im Team hier – wir sind zu zweit – geben wir uns gegenseitig viel Feedback, lesen Texte gegen. Manchmal auch sehr deutlich: «Entschuldige, aber hier kommt man nicht draus.» Meistens wird das Resultat dadurch besser. Ansonsten haben wir zwischen den Sprachen auch einen guten Austausch. Im Parlament wird es manchmal chaotisch, und da ist man sehr froh um die Kollegin oder den Kollegen, der auf Französisch oder Italienisch das gleiche Thema bearbeitet. Da kann man sich abgleichen, wenn man zum Beispiel nach einer Kaskadenabstimmung unsicher ist, welcher der Anträge nun angenommen wurde.</em></p>
<p>Die freiwilligen und unfreiwilligen Abgänge bei Keystone-SDA ebben nicht ab seit der Fusion der Nachrichtenagentur mit der Fotoagentur Keystone. Zwar existieren Szenarien für das Geschäft in den nächsten Jahren. Aber auf eine nachhaltige Zukunft würde niemand wetten. Das eigentliche Agenturgeschäft soll in einen eigenständigen Unternehmensteil ausgelagert werden, damit es subventionsfähig wird. Verantwortlich für die Misere sind die grossen Verlage der Schweiz. Sie drücken die Preise oder gründen gar eigene Dienste und minimieren die Zusammenarbeit. Die Folge: Anhaltender Personalabbau in der Redaktion. Sparprogramm um Sparprogramm. Man bietet sich den politischen Parteien als Textagentur an, man schafft Stellen, deren Inhaber nach zehn Monaten wieder gehen. Allein die aktuelle Anzahl Mitarbeitenden ist ein Geheimnis: «Unterjährig» gibt Keystone-SDA da keine «konkrete» Antwort.</p>
<p><em>Niemand braucht eine Agentur, damit sie ein Communique abschreibt und die Formel «teilte mit» dazu tippt. Wir müssen wissen, bei welchem Geschäft es sich lohnt, genauer hinzuschauen, nachzufragen, einzuordnen, zu erklären. Je weniger wir das können, desto eher machen wir uns überflüssig. Der Abbau ist ein Teufelskreis.</em></p>
<p>Zwischen dem Interview und dem Erscheinen dieses Porträts hat Charlotte Walser eine Entscheidung getroffen.: Sie tritt eine Stelle beim UNHCR an und hat deshalb gekündigt. Nach zwei Jahrzehnten verlässt Walser die Nachrichtenagentur, die heute Keystone-SDA heisst und – zumindest vorerst – den Journalismus. Damit ist dieses Porträt auch ein Rückblick.</p>
<p><em>Während des Studiums habe ich im damaligen Kurznachrichtendienst der SDA Teilzeit gearbeitet. Aus dem wurde dann der Onlinedienst, den es heute auch nicht mehr gibt, weil wir alle Onlinemeldungen machen. Nach dem Studium habe ich ein Stage bei der SDA gemacht mit Kursen am MAZ. Danach habe ich in der Inlandredaktion gearbeitet und parallel an meiner Doktorarbeit gebastelt. Nur in der Ferien ging es wirklich vorwärts, obwohl ich damals noch auf der SDA-Zentrale war und dann immer blockweise frei hatte. An einem Wochenende bin ich kaum wieder ins Kapitel, an dem ich schrieb, reingekommen. Es gab da einiges an Reibungsverlust zwischen der Arbeit bei der Agentur und der Dissertation, aber ich konnte die Philosophie schon auch nicht einfach so verlassen &#8230;</em></p>
<p>Charlotte Walser kommt aus der analytischen Philosophie. Die Formulierung «Der Bundesrat hat entschieden, dass &#8230;» müsste man in der analytischen Philosophie wohl um zig Fussnoten ergänzen. «Personen – Inwiefern wir sind, wofür wir uns halten» ist der Titel ihrer Doktorarbeit. Darin prüft sie, was eigentlich hinter dem kaum hinterfragten Begriff «Personen» steht. Wen meinen wir, wenn wir «Ich» sagen? Walsers hat an der Universität Begriffe hinterfragt und abgeklopft, hat Sprache als nichts Gegebenes wahrgenommen, sondern dekonstruiert. Wie bringt man es zusammen, wenn man in einem Teil des Lebens fundamentale Begriffe wie «ich» seziert hat und später nüchterne Agenturmeldungen in die Welt haut? Ist der Bezug zu Sprache nicht komplett gegensätzlich?</p>
<p><em>Gerade in der Sprache gibt es Parallelen. Natürlich lese ich auch gerne ausufernde Reportagen, aber das Kondensierte, aufs Wesentliche Reduzierte, hat einen eigenen Reiz. «Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen» – das schrieb Ludwig Wittgenstein zwar nicht über Journalismus, aber mir kommt es zuweilen in den Sinn: Wenn es darum geht, auf den Punkt zu kommen. Wie in der analytischen Philosophie geht es in meinem Journi-Alltag um sprachliche Präzision: Wenn ich es so schreibe, bedeutet es nicht dasselbe, wie wenn ich es anders schreibe. Welche Formulierung ist verständlich und trotzdem korrekt? Was ist die Prämisse dieses Arguments? Klar, ich mache hier keine Sprachphilosophie, aber präzises Schreiben ist entscheidend. Ich sehe da keine allzu grosse Diskrepanz zu philosophischer Beschäftigung &#8230; Okay, nein, es ist schon etwas Anderes, aber man versucht sein Leben ja immer in eine Linie zu bringen. Ob es diese Linie gibt?</em></p>
<p>«Bin ich dieselbe Person, die vor zehn Jahren an diesem Schreibtisch sass?», heisst es im Klappentext von Walsers Dissertation. Vor genau zehn Jahren ist die Doktorarbeit als Buch erschienen. Wohl eine gute Ausgangslage, um sich nochmals in einen komplett neuen Beruf einzufinden.</p>
<p><small>Bild: zvg/Bearbeitung: Marco Leisi</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/12/18/ich-brauche-keine-autorenzeile-so-schreibt-charlotte-walser-sda/">«Ich brauche keine Autorenzeile»: so schreibt Charlotte Walser, SDA</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
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		<title>«Wenn die Leute sich fragen, was der Bötschi jetzt wieder fragt, wird es spannend.»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/10/31/wenn-die-leute-sich-fragen-was-der-boetschi-jetzt-wieder-fragt-wird-es-spannend/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 31 Oct 2019 16:24:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Bruno Bötschi führt die «längsten Interviews der Schweiz». Als Fan gedruckter Zeitungen war es für ihn anfänglich nicht einfach bei Bluewin. Seit er für das News-Portal von Swisscom überlange Interviews führt, sieht er die Vorteile des unendlichen Platzes im Internet. So begann das Gespräch mit Bruno Bötschi, das auch als klassisches Interview <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/31/wenn-die-leute-sich-fragen-was-der-boetschi-jetzt-wieder-fragt-wird-es-spannend/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich</a>: Bruno Bötschi führt die «längsten Interviews der Schweiz». Als Fan gedruckter Zeitungen war es für ihn anfänglich nicht einfach bei Bluewin. Seit er für das News-Portal von Swisscom überlange Interviews führt, sieht er die Vorteile des unendlichen Platzes im Internet.</strong><br />
<img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-73840" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Bruno-Boetschi-20191031.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Bruno-Boetschi-20191031.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Bruno-Boetschi-20191031-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Bruno-Boetschi-20191031-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Bruno-Boetschi-20191031-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Bruno-Boetschi-20191031-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
<div class="answer"><h4>Bruno Bötschi:</h4> <p>Diese Anfrage hat mich überrascht</p>
</div><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Warum denn?</p>
</div><div class="answer"><h4>Bruno Bötschi:</h4> <p>Ich schreibe ja keine grossen Reportagen.</p>
</div><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Aber dafür grosse Interviews.</p>
</div><div class="answer"><h4>Bruno Bötschi:</h4> <p>Aber Interviews werden weniger geschätzt. In der Schweiz gibt es für Interviews noch nicht mal eine Auszeichnung.</p>
</div></p>
<p>So begann das Gespräch mit Bruno Bötschi, das auch als klassisches Interview funktionieren würde: Bötschis Sätze sind druckreif. Er achtet darauf, dass er nicht zu ausschweifend spricht. Er kümmert sich darum, dass der Rhythmus stimmt. Mit Bötschi kann man auf Autopilot sprechen.</p>
<p><em>Ich kann keine Repos schreiben. Wenn ich es versuche, will ich immer alles gleichzeitig beschreiben. Bei Interviews treibt mich die Neugierde auf einen Menschen an – und diese will ich den Lesern weitergeben. Das Ziel der «Bötschi fragt»-Interviews ist gute Unterhaltung, während der man jemanden kennenlernt. Natürlich lese ich News, dauernd! Aber darüber zu schreiben, würde mich langweilen. Mich interessieren Chruut und Rüebli – Menschen!</em></p>
<p>Bötschi ist seit 30 Jahren Journalist. Den Nachrichten ist er aber schon lange entkommen. Seit vier Jahren ist er Lifestyle/Reisen-Redaktor von <a href="https://www.bluewin.ch/de/index.html" target="_blank" rel="noopener">Bluewin</a>. Zuvor war er beim Gastromagazin «Salz &amp; Pfeffer», gründete ein Zigarrenmagazin, war dann bis 2015 bei der «Schweizer Familie» vier Jahre als Ressortleiter «Reisen/Konsum». Parallel schrieb er von 2007 bis 2011 eine Klatschkolumne für das «Tagblatt der Stadt Zürich». Anfänglich war er bei der «Schweizer Familie» im Ressort «Reportagen/Menschen». Erstere muss er heute, anscheinend zum Glück, keine mehr schreiben.</p>
<p>Bei Bluewin kann sich Bötschi den Menschen widmen, «Persönlichkeiten», wie er sagt: <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/dani-levy-meine-frau-und-ich-verstehen-uns-nicht-richtig-124342.html" target="_blank" rel="noopener">Dani Levy</a>, <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/stefanie-heinzmann-die-schlechteste-seite-der-schweizer-ist-dass--294868.html" target="_blank" rel="noopener">Stefanie Heinzmann</a>, <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/bernhard-russi-das-war-immer-mein-problem-289958.html" target="_blank" rel="noopener">Bernhard Russi</a> oder <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/hazel-brugger-die-brust-ist-ja-ohne-nippel-nur-ein-fleischsack-fuer-youtube-56565.html" target="_blank" rel="noopener">Hazel Brugger</a>. Es sind Politikerinnen, Schauspieler, Satirikerinnen, Unternehmer. Bevor er sie trifft, erstellt er einen Fragenkatalog, der als Drehbuch für das ganze Gespräch standhalten muss. Bötschi nennt diese Interviews ein «Frage-Antwort-Spiel». Er stellt möglichst viele Fragen und hofft auf schnelle und spontane Antworten seines Gegenübers.</p>
<p></p>
<p><em>Für die Vorbereitung brauche ich mindestens einen Tag. Ich lese dreissig Jahre alte Interviews, schaue Filme, sichte alles. Meistens interviewe ich Leute, die bereits in der Öffentlichkeit stehen. Fast immer baue ich erst einen groben Rahmen aus allgemeinen Fragen und verwebe die biografisch fundierten dann in dieses Gerüst. Immer am Mittwoch habe ich Home Office. Dann starte ich am Morgen vor dem leeren Blatt. Ich bin dann echt hochkonzentriert und sauge mich fest – in den Unterlagen und dem Leben meines nächsten Gegenübers. Die Anzahl zähle ich nicht, es werden meist zwischen 80 und 120 Fragen. Habe ich vier Seiten Fragen, beginne ich rumzuschaufeln. Dann lese ich sie mit einem Tag Abstand ein weiteres Mal und hinterfrage Frage für Frage: Funktioniert der Übergang? Stimmt der Weg? Einen Weg hat es natürlich schon, aber dazu gehören auch Brüche. Wenn sich die Leute fragen, was der Bötschi jetzt wieder will, wird es spannend.</em></p>
<p>Dass man unser Gespräch abtippen, verdichten und als Interview bringen könnte, ist nicht mein, sondern sein Verdienst. Ich habe bloss Themen notiert, keine ausgeschriebenen Fragen. Bötschi hat als Befragter das Gespräch geführt, ohne aber die Rollen umzudrehen.</p>
<p><em>Wenn jemand zu lange redet, rede ich rein. Das muss ich auch, damit die Leute verstehen können, dass «Bötschi fragt» ein schnelles Format ist. Aber ich habe auch schon unterbrochen und in dem Moment gemerkt, dass es ein Fehler war. Moment verpasst.</em></p>
<p>Seit diesem Sommer interviewt Bötschi auch Leute vor der Fernsehkamera, für Teleclub Zoom. 1000 Fragen stellte er <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/frank-baumann-sex-am-morgen-hat-etwas-nachgelassen-251135.html" target="_blank" rel="noopener">Frank Baumann</a>; 1000 Fragen stellte er <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/marco-rima-zu-dick-ist-man-erst-wenn-google-earth-anruft-306033.html" target="_blank" rel="noopener">Marco Rima</a>. Bötschi arbeitete als junger Mensch auf eine Karriere als Leichtathletik-Spitzensportler hin. Es scheint, als treibt ihn die Jagd nach Rekorden auch bei Interviews an. Es waren die «längsten Interviews, die in der Schweiz jemals geführt worden sind». Bald 80 normal-überlange «Bötschi fragt»-Interviews hat er auch schon geführt. Obwohl er meist Promis befragt, hält der ehemalige Klatschkolumnist von Journalistengetratsche und Branchenapéros nichts.</p>
<p><em>In meinem Umfeld habe ich sonst von der Kindergärtnerin bis zum Bankdirektor alles – Chruut und Rüebli! Aber zu Journalisten habe ich ausserhalb der Redaktion wenig Kontakt. Die, die auf Social Media mit mir befreundet sind, kenne ich nicht persönlich. Spiegeln lasse ich mich meist lieber von Leuten mit einem anderen Beruf.</em></p>
<p>Der verstorbene Interviewer André Müller, dessen <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/aus-dem-kassettenarchiv-eines-radikalen-interviewers-andre.3682.de.html?dram:article_id=407812" target="_blank" rel="noopener">nervöses Kichern</a> vom Deutschlandfunk aufbewahrt ist, tastete das Gegenüber nach seinen Widersprüchen ab. Peer Teuwsen vermag es, das unterhaltsamste Interview mit einer Altertumswissenschaftlerin zu führen. Moritz von Uslar scheint, sowohl im Fragestil wie in der Auswahl seiner Gesprächspartner*innen, noch immer seine Jugendjahre in der deutschen Pop-Literatur zu verarbeiten. Für den Rekordjäger Bötschi sind die beiden letzteren der Masstab.</p>
<p><em>Peer Teuwsen ist unglaublich gut vorbereitet und kommt immer von ganz verschiedenen Seiten. Auch Moritz von Uslar finde ich toll. «Bötschi fragt» hat ja einen ähnlichen Aufbau wie dessen Interviews. Von Uslar verfolge ich auch schon seit 15 Jahren. Bei dem hat es auch mal gekracht, als Frank Castorf alles zurückgezogen hat. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn es bei mir Streit gäbe. Es wäre ja auch mal lustig, aber ich glaub, ich bin zu nett. Obwohl man aus manchen meiner Interviews eine Anspannung rauslesen kann.</em></p>
<p>«Wow. Viel phrasenhafter kann ein Mensch über Politik nicht reden. Gössi antwortet wie auf Knopfdruck. Liegt es an den Fragen?», schreibt Bötschi als Zwischenkommentar im Interview <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/petra-goessi-ueberheblichkeit-ist-mir-fern-89711.html" target="_blank" rel="noopener">mit Petra Gössi</a>. Aber der nette Herr Bötschi hat das nicht ausgesprochen. Man kann nachfühlen, wie der Interviewer zur Aussage kommt, aber trotzdem liest sich das Interview mit der FDP-Präsidentin passabel. Bötschi, der bei seiner Kandidatur für den Zürcher Gemeinderat mit einem <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/auffallen-um-jeden-preis/story/10704396?fbclid=IwAR0QwfGUyc29ciw-Bf-5EusUkWvPuxdL-olGVtFrf0wBX6DaXOLeU05nAK4" target="_blank" rel="noopener">ironischen Video</a> aufgefallen ist, hat hohe Ansprüche an Originalität.</p>
<p><em>In letzter Zeit habe ich mehr Männer interviewt, aber insgesamt ist die Zahl ausgeglichen. Interviews mit Frauen fallen mir ein wenig schwerer, ich bin scheuer. Ohnehin bin ich ein scheuer Mensch. Ein Interview machen kann ich noch, aber eine Weile empfand ich es als Hürde, zum Coiffeur zu gehen, weil der so viele blödsinnige Fragen stellt.</em></p>
<p>Das Interview als Chance, um – in einem professionellen Rahmen – jemandem zu begegnen, obwohl das vielleicht der eigenen Persönlichkeit zuwiderläuft. Der Coiffeur ist ihm dabei wichtige Referenzfigur: Bötschi erwähnt ihn immer wieder. Etwa als er gesteht, dass er, der Redaktor beim Online-Pionier-Medium Bluewin, selbst Zeitungen und Magazine eigentlich nur gedruckt liest.</p>
<p><em>Die «Gala» las ich früher auch nur beim Coiffeur, aber mittlerweile gar nicht mehr. Ich habe Abos von «Zeit», «Edito», «Schweizer Journalist», «Reportagen», «Crime», «Tages-Anzeiger», «WOZ», seit 20 Jahren den «Spiegel». Die «Republik» habe ich auch abonniert, aber ich lese sie zu wenig. Ich bin nämlich ein totaler Zeitungs- und Magazinmensch. Der Wechsel in den Online-Journalismus war zu Beginn grauenvoll für mich. Aber «Bötschi fragt» passt ins Internet: Man darf auch mal länger werden.</em></p>
<p>Seine Interviews enthalten regelmässig Fragen, die an Willkürlichkeit nicht zu überbieten sind und deshalb wohl jeden interviewerfahrenen Promi überrumpeln. Das Überrumpeln bereitet ihm Freude; im Gegenzug presst Bötschi nicht immer weiter, wenn er eine spannende Antwort entlockt hat. Der Regisseur und Schauspieler <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/dani-levy-meine-frau-und-ich-verstehen-uns-nicht-richtig-124342.html" target="_blank" rel="noopener">Dani Levy erzählte Bötschi von seinem LSD-Trip</a>. Der Interviewer geht nicht darauf ein, sondern stellt als nächstes eine Frage zur Filmbranche, als wäre nichts gewesen. Dafür fragte Bötschi fünf Mal nach Levys Frühstücks- und Morgenritualen.</p>
<p><em>Die Frage «Wann wachen Sie auf, wenn Sie keinen Wecker stellen?» wäre bei jedem spannend. Mit dieser Frage kann man testen, ob die interviewte Person wirklich aus dem Moment erzählt. Manche Fragen bringe ich immer wieder, zum Beispiel Entweder-oder-Fragen. Manchmal hake ich bewusst nicht nach, auch bei einsilbigen Antworten. Mit einem «Inglorious Bastards»-Schauspieler bin ich auch schon zweieinhalb Stunden in der Beiz sitzen geblieben für ein Interview. Das ist eine Chance, um ein Grundvertrauen herzustellen: Ich frage vielleicht Blödsinn, aber plane mit ihnen keinen Blödsinn. Zum Autorisieren schicke ich die Interviews immer nach dem Redigieren. Meine Ansage ist klar: Es gilt das gesprochene Wort, aber sie dürfen gegenlesen. Besonders von denen, die regelmässig mit der Presse zu tun haben, kann man erwarten, dass sie einen Moment innehalten, bevor sie etwas sagen, das sie eigentlich nicht wollten. Könnte man erwarten. </em></p>
<p>Ira Glass, Macher des stilbildenden Podcasts «This American Life», sagte einmal, dass er während den besten Interviews Liebe für die Interviewten empfinde. Es passiere selten, aber diese Interviews <a href="https://www.maximumfun.org/turnaround/ira-glass" target="_blank" rel="noopener">seien das Nonplusultra</a>. Kennt der nette Herr Bötschi solche Gefühle?</p>
<p><em>Verliebtsein ist ein pathologischer Zustand. Wenn ich jemanden in Liebe interviewen würde, wäre ich blind. Das kommt nicht gut raus. Für ein Interview braucht man ein Interesse an den Interviewten, ob negativ oder positiv. Bei mir ist es häufiger positiv, aber meine Freunde werden die Interviewten ja trotzdem nicht. Wenn ich ihnen wiedermal begegne, ist es mir oft peinlich. Dann weiss ich noch nicht mal, ob ich sie grüssen will oder nicht. Ich muss eine Stimmung hinbekommen, das ist das Ziel. Es muss nicht mal eine positive Stimmung sein, es gibt auch sehr angespannte Situationen, die befördern, dass mir die interviewte Person möglichst viel – möglichst alles – erzählt.</em></p>
<p>Die ganze prägende und gestalterische Arbeit findet vor und während dem Gespräch statt. Das eigentliche Schreiben ist bloss Fleissarbeit.</p>
<p><em>Ich schreibe alles ab – und dann ist der Text fertig, zumindest im Idealfall. Von Hazel Brugger sind ihre 99 Antworten auf meine 99 Fragen komplett so erschienen. Andere sprechen weniger druckreif, schwadronieren ein bisschen. Da geschieht dann schon mehr Arbeit hinterher. Wenn du kein Konzept hast, hast du keine Chance, dass das funktioniert. Ist man vorbereitet, kann man ein Interview wirklich dirigieren, aber anders als ein Dirigent beginnt man damit schon vor dem Konzert.</em></p>
<p>Dirigent Bötschi spürt den Flow also, während er seinen Fragenkatalog erstellt – nicht wenn er gegen eine Deadline anschreibt. Aber natürlich muss, wer Interviews führt, wie es Bötschi tut, mental in der Situation präsent sein. Oft fürchtet er, dass die Zeit für sein Programm zu knapp ist.</p>
<p><em>«Wir kennen uns doch!», begrüsste mich Dani Levy. Ich verneinte. Dann haben wir uns gesetzt. Schon bei der zweiten Frage war mir klar, dass der unendlich reden wird. Manche «Bötschi fragt»-Interviews dauern 21 Minuten, andere 90 Minuten. Das Interview mit Stephanie Heinzmann dauerte wirklich nur 21 Minuten. Sind es weniger als 25 Minuten, bin ich extrem schnell im Abtippen. Dauern sie länger als eine Stunde, geht das Abtippen ewig. Am liebsten ist mir eine gute halbe Stunde, so bleibt ein gewisses Tempo gewährleistet. Levy redete und redete und ich war besorgt: Was mache ich, wenn die Sekretärin reinkommt und sagt «Fertig!»? Es hat dann perfekt gereicht: Mit der letzten Frage ist die Tür aufgegangen.</em></p>
<p>Meistens enden seine Artikel mit den Reaktionen auf Bötschis Hinweis, dass das Interview zu Ende ist. Manchmal sind diese Interview-Enden so gut, dass Bötschi sie zum Titel macht. Etwa bei Gülsha Adjili, die sagt <a href="https://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/guelsha-adilji-es-war-schoen-ich-hoere-mich-gern-reden-214250.html" target="_blank" rel="noopener">«Es war schön. Ich höre mich gern reden.»</a> Sind die Leute wirklich alle so selbstironisch?</p>
<p><em>Wenn die Antworten auf die letzte Frage nicht so auf den Punkt kommen, streiche ich sie. Manchmal funktioniert es, es ist nicht gezielt. Bei Gülsha war es genau der Satz. Ich muss den Schluss nicht zwingend haben. Ein Politiker im Bahnhofsrestaurant ist einmal direkt mit dem letzten Satz aufgestanden und gegangen. Selten spricht man noch lange, wenn es vorbei ist. Mit Hazel Brugger haben wir dann noch ein paar Minuten überbrückt, bis die abgemachte halbe Stunde voll war. Das war aber ein Gag und wurde Teil des Interviews.</em></p>
<p>Im Gespräch ist Bötschi immer wieder sprunghaft genug, dass der Fluss weiter angeregt wird, aber nie zu sprunghaft. Man kann ewig mit ihm sprechen, ohne Gründe für Stirnrunzeln. Bötschi unterhält, man unterhält sich gerne mit Bötschi. Es ist ein Pingpong-Spiel, bei dem das Gegenüber auch mal ein Auge zudrückt, wenn man den Aufschlag versäbelt.</p>
<p>Dass er, der nach eigener Aussage Smalltalk hasst, bei all dieser scheinbaren Leichtfertigkeit ein sehr ernsthafter Mensch ist, zeigt sich bei zwei Themen: 1. Wenn er mit Verachtung Rechtsextreme erwähnt (was er von sich aus mehrmals tut). 2. Wenn er – bei aller Distanzierung von der Journalistenszene – über Arbeitsbedingungen in der Branche spricht.</p>
<p><em>«Geht es auch in 25 Minuten?» begrüsste mich vor ein paar Jahren mal eine Presseverantwortliche. Zuvor haben wir uns mühselig auf 35 Minuten geeinigt. Da wäre ich fast davongelaufen, aber es war eine Fotografin dabei – eine Freelancerin. Wenn ich gegangen wäre, hätte sie ihren Auftrag verloren. Sonst hätte ich gesagt: «Es geht auch in 0 Minuten, einen schönen Tag. Adieu.»</em></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/31/wenn-die-leute-sich-fragen-was-der-boetschi-jetzt-wieder-fragt-wird-es-spannend/">«Wenn die Leute sich fragen, was der Bötschi jetzt wieder fragt, wird es spannend.»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Das persönliche Schreiben findet stark in meinem Kopf statt.»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/07/11/das-persoenliche-schreiben-findet-stark-in-meinem-kopf-statt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jul 2019 15:16:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich:  Sie schreibt über Literatur und auch über sich selbst. Anne-Sophie Scholl, bis vor Kurzem Kulturredaktorin der CH-Media-Zeitungen, fiel in den letzten Monaten vor allem mit zwei Texten auf: In umfassenden Essays dokumentierte sie den Sexismus in Beruf und Alltag. Mit der MEDIENWOCHE sprach sie darüber, weshalb sie das anhand ihrer Biografie tut <a href="https://medienwoche.ch/2019/07/11/das-persoenliche-schreiben-findet-stark-in-meinem-kopf-statt/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/07/11/das-persoenliche-schreiben-findet-stark-in-meinem-kopf-statt/">«Das persönliche Schreiben findet stark in meinem Kopf statt.»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich:</a>  Sie schreibt über Literatur und auch über sich selbst. Anne-Sophie Scholl, bis vor Kurzem Kulturredaktorin der CH-Media-Zeitungen, fiel in den letzten Monaten vor allem mit zwei Texten auf: In umfassenden Essays dokumentierte sie den Sexismus in Beruf und Alltag. Mit der MEDIENWOCHE sprach sie darüber, weshalb sie das anhand ihrer Biografie tut und wie dieses biografische Schreiben von der Literatur geprägt ist.</strong><br />
<img decoding="async" class="size-full wp-image-71057 alignnone" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/07/MW-Anne-Sophie-Scholl_20190711.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/07/MW-Anne-Sophie-Scholl_20190711.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/07/MW-Anne-Sophie-Scholl_20190711-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/07/MW-Anne-Sophie-Scholl_20190711-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/07/MW-Anne-Sophie-Scholl_20190711-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/07/MW-Anne-Sophie-Scholl_20190711-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Noch ist das versprochene Gewitter nicht gekommen, noch drückt die Sonne. Nur die Aussicht auf die Lorrainebrücke erinnert im Café Fleuri dran, dass man sich im Zentrum von Bern befindet und nicht in einer tropischen Aussteiger-Exklave. Ideale Bedingungen, der Welt zu entrücken. Aber die Literaturjournalistin Anne-Sophie Scholl ist nicht für Weltferne bekannt, sondern für klare Positionsnahme gegenüber Literaturbetrieb, Medien und Gesellschaft. Und vor allem gegenüber den Männern, die diese Sphären dominieren.</p>
<p>Wenn Scholl über diese Themen schreibt, macht sie das manchmal aus der Ich-Perspektive und schöpft aus ihrer Biografie. Dass sie so persönlich schreibt, ist auch vom Feld beeinflusst, das sie journalistisch bearbeitet: Literatur.</p>
<p><em>Beim autobiografischen Schreiben behält man immer die Kontrolle darüber, was man schreibt. Sofern man auf das fokussiert, was gesellschaftlich relevant ist, sind das argumentativ starke Texte. Dass ich aus meinem Leben schreibe, ist von meiner Arbeit beeinflusst. In der Literatur gibt es eine autobiografische Wende: Heute erscheinen viele autobiografische oder autofiktionale Texte. Ich bin beeindruckt, wie mit literarischen Mitteln Lebenswelten dargestellt und hinterfragt werden. Die grossartigen französischen Autoren Annie Ernaux und Edouard Louis geben in ihren Büchern sozial konstruierte Lebensrealitäten wieder und dekonstruieren sie. So stellen sie mit Sprache Selbstverständlichkeiten her und unterlaufen sie – weil sie eben gar keine sind oder sein sollten. Sie geben soziale Verhältnisse wieder, stellen sie als normal dar und bewirken, dass man beim Lesen erkennt: Diese vermeintlich gegebenen Lebensrealitäten sind politisch bedingt. In «Erinnerungen eines Mädchens» schreibt Ernaux über Erfahrungen, bei denen man im ersten Moment denkt, sie gehören nicht an die Öffentlichkeit. Aber wenn man kurz überlegt, erkennt man: So privat ist das nicht.</em></p>
<p>Vielleicht ist dieses autobiografische Schreiben eine Gegenbewegung zur Globalisierung. Das Leben aller wird zunehmend von Konzernen geprägt, wo du kein Gegenüber hast, dass du ansprechen kannst. Hast du ein Anliegen, gerätst du sofort in unpersönliche Prozesse. Einige Autoren haben das mir gegenüber auch so vertreten: das Verwundbarmachen. Sie wollen die Realität im Konkreten und die Verletzbarkeit zeigen als Gegenbewegung zum hohen Abstraktionsgrad, der viele Leute überfordert.</p>
<p>Die umfangreichsten und grundsätzlichsten Texte, in denen Scholl aus ihren Erfahrungen schöpft, sind: <a href="https://www.aargauerzeitung.ch/kommentare-aaz/es-ist-zu-frueh-fuer-die-opferrolle-des-mannes-134153315" target="_blank" rel="noopener">«Es ist zu früh für die Opferrolle des Mannes»</a> zum internationalen Tag der Frau und <a href="https://www.aargauerzeitung.ch/kommentare-aaz/aus-dem-leben-einer-frau-ein-persoenlicher-kommentar-zum-frauenstreik-134587233" target="_blank" rel="noopener">«Aus dem Leben einer Frau»</a>, fünf Tage vor dem Frauenstreik. «Aus dem Leben einer Frau» ist wohl Scholls letzter Text in den Zeitungen von CH Media. Weil sie darin ihre lebenslangen Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Belästigung im Beruf und Privatleben thematisiert, erscheint es konsequent, dass sie auch den jüngsten Einschnitt in ihre Biografie thematisiert: die Kündigung von CH Media.</p>
<p></p>
<p><em>Ursprünglich war es ein einziger, kurzer Text, aber mir sind mehr und mehr Beispiele eingefallen, die mir gar nicht mehr bewusst waren. Dann war ich im Engadin in den Ferien, bin viel gelaufen und dabei hat es im Kopf gearbeitet. Daheim habe ich den Text dann runtergeschrieben, eben auf die 30 000 Zeichen, die ein Magazin bestellt hatte. Sie fanden den Text zunächst gut, lehnten ihn in letzter Instanz aber ab. Ein Abdruck bei den AZ Medien war in dieser Überlänge nicht möglich. Also habe ich bestimmte Aspekte als in sich geschlossenen Kommentaren ausgegliedert. So sind diese beiden Texte entstanden, die letztlich in dieser Form gut funktionieren. Ich habe noch Material für weitere persönliche Texte.</em></p>
<p>Zum Glück ist das Fleuri ein Selbstbedienungs-Café. Keine Bedienung, die dem jüngeren Mann die Rechnung übergibt, weil sie es für eine Verständlichkeit hält, dass der Mann zahlt. Sonst könnte sich der szenische Einstieg von «Es ist zu früh für die Opferrolle des Mannes», Scholls Text zum internationalen Tag der Frau, wiederholen. Scholl beschreibt, wie unangenehm sie es jeweils empfindet, wenn sie ihre Interviewpartner im Café einladen will und die Rechnung immer dem Interviewten gereicht wird, wenn es ein Mann ist. Selbst wenn dieser deutlich jünger ist. Nach dieser Szene folgt ein harter Bruch: «Das ist bezeichnend für das Grundraster einer ganzen Reihe von Erlebnissen, die mein Leben geprägt haben – Begrapschungen als Jugendliche, Konfrontationen mit Exhibitionisten, Stalking, sexuelle Übergriffe à la #MeToo in der Ausbildungszeit und Vergeltungsmassnahmen, ab etwa dreissig dann Rückstufungen vermehrt ohne sexuelle Aspekte: Das kenne ich von mir und von Freundinnen.»</p>
<p><em>Mit der gerafften Passage wollte ich klarmachen, mit welchem Hintergrund ich danach beschreibe, was im Medien- und Literaturbetrieb heute passiert. Medien publizieren viel über die Arbeitsbedingungen anderswo, aber blenden sich selber aus &#8211; gerade bei Gender-Themen. Es ist eine so männerdominierte Branche. In der Literaturkritik ist es bekannt, dass Männer, die die wenigen Kritikerstellen innehaben, fast nur männliche Autoren besprechen. Das wirkt sich dann auf alle Ebenen aus – bis zu den Übersetzungslizenzen.</em></p>
<p>Weiss man von der Entstehungsgeschichte der beiden Texte, ist es umso spannender, sie nebeneinander zu betrachten. Den ersten Text prägt die nonchalante Nüchternheit, mit der Scholl von einer Café-Szenen zu Übergriffen findet. Im zweiten Text steigt sie mit einer Studie im Auftrag von «Amnesty International» ein: «Jede fünfte Frau hat schon «sexuelle Handlungen gegen den eigenen Willen» erlebt, jede zehnte Frau «Geschlechtsverkehr ohne Einverständnis».»</p>
<p><em>Das schafft einen Kontrast. Vielleicht hatte ich das Gefühl, im so persönlichen Text wollte ich erst eine allgemeine Dimension zeigen. Der Essay ist deshalb so persönlich, weil ich glaube, man muss aufzeigen, was im Alltag genau passiert. Ich hab mir vor dem Schreiben gesagt: Was will man ein weiteres Mal über den Gender-Pay-Gap schreiben? Theoretisch wissen das ja alle. Es gibt Übergriffe &#8211; Straftaten, wenn sie denn angezeigt und nachgewiesen werden &#8211; fast hartnäckiger sind die feinen ungleichen Massstäbe. Immer noch ist es oft so, dass es nicht gehört wird, wenn du als Frau in einer Sitzung etwas sagst. Sagt der Mann nebendran dasselbe, jubeln alle. Als Frau darfst du nicht sagen, das mache ich gut, und schon gar nicht, das mache ich besser als ein Mann. Das gilt schnell als masslose Selbstüberschätzung. Kaum jemand behauptet heute, Gleichstellung sei nicht gerechtfertigt, aber es gibt Nuancen diese subtilen Unterschiede im Alltag, die viele Männer nicht wahrnehmen oder wahrnehmen wollen. Deshalb wollte ich aus meiner subjektiven Erfahrung erzählen, was bei mir passiert, im kleinen. Möglichst viele Frauen sollten das tun. Es ist nicht ohne Risiko, aber jetzt ist der Moment, in dem sich die Frauen nicht mehr disziplinieren lassen sollten. Mit «Frauen brauchen nicht weiterzulesen», beende ich den ersten Absatz. Eine Leserin schrieb mir, wie wahr dieser Satz sei.</em></p>
<p>Ab der Stelle, an der Frauen nicht mehr weiterlesen müssen, führt Scholl aus, wie sich die patriarchalen Machtstrukturen in ihre Biografie eingeschrieben haben. Sie berichtet von einem dutzend Begegnungen mit Exhibitionisten, ihrem ersten «#MeToo-Moment in der engen Auslegung des Hashtags» &#8211; einem Übergriff durch einen Vorgesetzten, rechnet aber auch mit einem Ex-Partner und Ex-Chefs ab, die sie die feinen Unterschiede zwischen den Geschlechtern haben spüren lassen.</p>
<p>«Aus dem Leben einer Frau» wäre niederschmetternd – würde Scholl einem nicht immer wieder mit prägnanten Pointen überrumpeln, etwa: «Ich weiss, es ist eine Krankheit, aber sie scheint auf dem Y-Chromosom verortet.» über Exhibitionismus. Und aus diesen Pointen dringt, was sie an einer Stelle auch explizit macht: Es geht ihr nicht ums Jammern, es geht um Selbstermächtigung.</p>
<p>Mit dem wohl jüngsten Einschnitt in Scholls Berufsbiografie, der Kündigung, endet der Kommentar. «Ich sage nicht, sie habe sexistische Gründe. Rationalisierung und Geopolitik im Rahmen des Joint Ventures von CH Media, wurden angeführt. Aber: Ein reines Männergremium hat den Entscheid gefällt. Und er passt zu dem bekannten Muster: Die Frau bleibt stehen und schaut zu, wie der Mann an ihr vorbeizieht. Beim Mann zählt das mögliche Potenzial, bei der Frau der Leistungsausweis. Und oft nicht einmal dieser.» Sehr direkt. Scholl spricht mit der Öffentlichkeit, mit der Leserschaft und ihren (ehemaligen) Mitarbeitenden.</p>
<p>Dadurch, dass Scholl <a href="https://twitter.com/scholl_ass/status/1131939394246631424" target="_blank" rel="noopener">die eigene Entlassung</a> mitthematisiert, zeigt sie: Sensibilisierung bedeutet in jeder Situation aufmerksam zu sein, zu spüren, welche Faktoren bei einer Entscheidung wirken könnten. Bis zur überraschenden Entlassung hatte sich Scholl an ihrem Arbeitsplatz wohlgefühlt.</p>
<p><em>In all meinen Redaktionsstellen bin ich immer sehr frei gewesen und konnte weitgehend selbstständig entscheiden. Einer meiner Vorgesetzten vertrat die Auffassung, alle seine Journalisten seien Künstler &#8211; Persönlichkeiten, meinungsstark, mit Charakter und ihren Eigenheiten. Dass du kein gleichgeschalteter Bürogummi bist. Das finde ich eine sehr schöne Haltung als Chefredaktor, die aber dem zunehmenden Konzernjournalismus entgegensteht. In meinem Verständnis von Tagesjournalismus ist es für eine Zeitung wichtig, dass ihre Redaktorinnen und Redaktoren ein Profil und eine Stimme haben. Das bedingt wiederum für mich, dass ich mich mit dem Medium identifizieren kann. Im letzten Jahr bei den AZ Medien war das so.  Ich habe meine Arbeit geliebt, deshalb habe ich häufiger Kommentare geschrieben und habe &#8211; glaube ich &#8211; mir eine persönliche Stimme erschrieben.</em></p>
<p>Scholl hatte einst – unter anderem in Frankreich und Kuba – Kunst studiert, bevor sie sich im Germanistikstudium an der Universität Bern in die Linguistik vertiefte. Später arbeitete sie unter anderem für das Freilichtmuseum Ballenberg, war Presseverantwortliche beim Zürcher Rotpunkt-Verlag, stieg 2009 bei der «Berner Zeitung» in den Journalismus ein – direkt im Kulturressort. Bald hatte sie einen klaren Literaturfokus. «Berner Zeitung», «Sonntagszeitung», «Schweiz am Wochenende»: Immer arbeitete Scholl für Zeitungen, die sich an ein breites Publikum richten. Diese haben eine Vermittlungsfunktion, die ihr entscheidend erscheint – und die sie gefährdet sieht:</p>
<p><em>Storytelling-Tools, bei denen Klicks vorgeben, worüber man schreibt, wären für die Kulturberichterstattung verheerend und zahlen sich nicht aus. Diejenigen, die den Kulturteil lesen, lesen ihn genauer und wer Bücher liest, liest eher Print, aber das wird von den Messtools ohnehin nicht erfasst. Die Zeitungen sollten Institutionen sein, die eine informierte Orientierung vermitteln sollen. Was ist, wenn die Medien diese Vermittlungsfunktion abgeben, weil sie nicht mehr rentiert? Dann nimmst du dem breiten Publikum die Möglichkeit, auf etwas aufmerksam gemacht zu werden, was im besten Fall ihren Horizont erweitert. Literatur wird gefördert; die Gesellschaft anerkennt, dass sie wichtig ist, aber wenn die Medien nicht reagieren, findet vieles nur noch in Nischen statt. Jetzt gibt es die Infrastruktur, um die Leute zu erreichen – noch! Wenn man diese wegbrechen lässt, wie erfahren die Leute dann noch, was für Literatur es gibt? Aber schon heute kann man vieles potenziell Spannendes aus Zeit- und Platzgründen nicht mehr machen und diese Themen finden nur noch in Nischenmedien statt.</em></p>
<p>Breite ja – Monopole nein. Die Medienkonzentration beschädigt den Diskurs, den Kern von Scholls Journalismusverständnis. Beschleunigt konnte man die Konzentration im letzten Jahr erleben, als sich die AZ Medien und die NZZ Regionalmedien zum Joint Venture CH Media formierten. Scholl spricht im Medienwoche-Gespräch konsequent von den AZ Medien.</p>
<p><em>Ich fand es schön bei einem Publikumsmedium wie den AZ Medien, ein breites Spektrum von Leuten zu erreichen. Andererseits ist es eine grosse Verantwortung das halbe Land abzudecken. Die Aufgabe der Medien ist es, Diskussion und Dialog anzuregen und ich möchte etwas auslösen. Die aktuelle Zusammenlegung der Redaktionen betrachte ich diesbezüglich kritisch. Wenn man das halbe Land abdeckt, kann man keine Diskussion auslösen. Dann hat man einfach eine erdrückende Macht. Das ist dann auch eine erdrückende Verantwortung.</em></p>
<p>Mittlerweile hat sich Scholl in einer Bürogemeinschaft eingemietet – will sie jetzt als freie Journalistin weiterarbeiten?</p>
<p><em>In einer Redaktion hat man mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Man hat den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, erhält leichter Information zugeschickt, ist näher und kontinuierlicher an seinem Dossier dran. Ich gebe mir ein Jahr Zeit, noch einmal Zugang in eine Redaktion zu finden. Im Herbst übernehme ich erstmal einen Lehrauftrag für Literaturkritik. Der Atelierplatz ist wichtig, um rauszukommen: als Ort, der als Arbeitsort definiert ist und wo ich andere Leute treffe. Ich bin sonst schon genug zu Hause, wenn ich Bücher lese. Literaturjournalismus ist eine etwas autistische Angelegenheit, hat mir letztens wer gesagt: Das viele Lesen ist sehr zeitintensiv. Und meist liest man Romane bevor sie veröffentlicht sind, weshalb man sich mit niemandem über die Bücher austauschen kann.</em></p>
<p>Die beiden feministischen Texte sind die längsten, aber nicht die einzigen persönlichen Kommentare, die Scholl in der «Schweiz am Wochenende» untergebracht hat. Kurze Texte, in denen sie Anekdoten oder Beobachtungen schildert, wurden im vergangenen Jahr zu einem ihrer Markenzeichen: über ihren ersten Gast als Skitourenleiterin, der sie nicht ernst genommen hat, über einen Buchverlag, der zu seinem Rohrkrepierer steht oder über ihren Ärger, dass sich Leser*innen wegen dem Abdruck eines Fotos vom toten Robert Walser im Schnee empörten. Diese kurzen Texte sind in einer Umgebung entstanden, die stressiger ist als jede Redaktion: in der Bahn zwischen Aarau und Bern zur Feierabendzeit.</p>
<p><em>Die Kurzkommentare habe ich im Zug geschrieben. Ich hatte einen Gedanken im Kopf. Sobald ich den Anfang habe, läuft es gut. Ich arbeite nicht gerne auf Vorrat, sondern schreibe mittlerweile am liebsten zu Ende, wenn ich schon die Aufmachung kenne. Dann arbeite ich direkt im Layout, wo ich das Zusammenspiel von Text und Bild sehe. So kann ich einem Artikel am besten eine finale Form geben. Aber das ist wahrscheinlich Gewohnheitssache. </em></p>
<p>Der Entstehungsprozess von persönlichen Texten sei gegenläufig zum Schreiben im journalistischen Alltag. Statt dass man in der Recherche sammelt und daraus seine Haltung destilliert, trägt man das Material, aus dem man schöpft, immer und überall mit sich rum.</p>
<p><em>Das persönliche Schreiben findet stark in meinem Kopf statt. Bei einem Porträt ist es ein viel stärkeres Suchen. Ich sammle das Material – ihre Bücher, was über sie geschrieben worden ist – und das Schreiben selbst ist dann ein langsamer, ein vorwärtstastender Prozess. Ich erschreibe mir meine Meinung.</em></p>
<p>Der Literaturjournalismus würde geselliger werden, ginge es nur noch darum, von Veranstaltungen zu berichten und Autor*innen zu interviewen. Aber es ist entscheidend, dass Literaturjournalist*innen lesen – und auch kritisch lesen.</p>
<p><em>Es gibt die Tendenz hin zu Porträts und Interviews, weg von textkritischen Rezensionen einzelner Bücher und der Auseinandersetzung mit dem Literaturbetrieb und -kritik. Aber auch die Auseinandersetzung mit dem Literaturbetrieb ist wichtig. Institutionen und Machtansprüchen muss man kritisch begegnen, das ist einfach eine journalistische Haltung. Selbst wenn Machtpositionen berechtigt sind, muss man genau hinschauen und nachfragen. Bei Buchbesprechungen geht es um Einordnung und Vermittlung von Zugängen, das ist der moderne Ansatz der Literaturkritik. Aber Sich aufzuschwingen und ein Buch runterzumachen, an dem jemand alleine vier, fünf Jahre gearbeitet hat, wäre so ein bisschen die Art von &#8230; Reich-Ranicki.</em></p>
<p>Kritische Auseinandersetzung, aber mit dem Ziel einzuordnen und nicht zu zerstören – eine sehr vernünftige Haltung, für jemanden dessen einstiger Vorgesetzter, die Position vertreten hat, alle Journalist*innen seien Künstler*innen. Aber trotzdem, mal ganz ehrlich, Kulturjournalist*innen pflegen oft eine schönere Sprache als ihr*e Kolleg*innen in anderen Ressorts, nicht?</p>
<p><em>Es ist sicher erwünscht, im Kultur-Ressort farbiger und bewusster zu schreiben. Oft suche ich danach, etwas noch ansprechender auszudrücken. Aber man hat auch häufiger die Möglichkeit, das zu tun. Es gibt zwar Newstexte, in denen es primär um Informationsvermittlung geht, aber diese sind im Kulturressort selten. News sind der falsche Ort für Sprachspielereien. Sätze wie «Ich weiss, es ist eine Krankheit, aber sie scheint auf dem Y-Chromosom verortet.» haben in einem Newstext nichts verloren, da bleibt dir einzig der Sprachrhythmus.</em></p>
<p>Sprachrhythmus konnte Scholl aber auch im Kulturteil perfektionieren. Da wird in 20 Wörtern ein romantisiertes Bild von Kuba gezeichnet und bevor man es sich bewusst wird, liest man die Schilderung sexueller Belästigungen. Sie spricht die Lesenden direkt an, aber erst nach einem Drittel des Textes, es ist keine anbiederndes Schaffen von Vertrautheit, sondern die Klärung der Perspektive – und die Perspektive der Autorin nimmt keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Männer, die die «Flecken auf ihrer Lebensgeschichte» verantworten. Es ist Selbstermächtigung – im Beruf, im Privatleben, im Früher, im Jetzt, im Denken, in der Gesellschaft. So grundsätzlich, so umfassend, mit so klarem Anspruch, wie es fünf Tage später an der grössten schweizweiten Demonstration in der Landesgeschichte spürbar war.</p>
<p><em>Vor dem Frauenstreik war die Energie überwältigend. Klar, man weiss nie, ob das eigene Blickfeld verstellt ist. Aber dass ich praktisch keine negativen Rückmeldungen erhielt, hat mich dann doch erstaunt. Der Frauenstreik selbst war wirklich ein Generalstreik. Jetzt bleibt die Frage, wie es weitergeht. Da kommt den Medien eine wichtige Funktion zu &#8211; gerade auch dabei, die eigene Branche zu reflektieren.</em></p>
<p>Bild: Sandra Ardizzone, Bearbeitung: Marco Leisi</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/07/11/das-persoenliche-schreiben-findet-stark-in-meinem-kopf-statt/">«Das persönliche Schreiben findet stark in meinem Kopf statt.»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Ich habe schon immer gern den Gottesdienst gestört»: so schreibt Lucien Scherrer, NZZ</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/06/25/ich-habe-schon-immer-gern-den-gottesdienst-gestoert/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jun 2019 11:57:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Wer seine Artikel nicht mag, sieht ihn als Rechtsausleger und Linkenfresser. Ist Lucien Scherrer ein prototypischer Vertreter einer ideologisierten NZZ? So einfach ist es nicht. Wir haben mit dem Inlandredaktor und früheren Weltwoche-Journalisten über seine Reportage aus der «Schweizer Sozialhilfe-Hauptstadt» Biel gesprochen. Ist das ein Scherz? Lucien Scherrer, der in der NZZ <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/25/ich-habe-schon-immer-gern-den-gottesdienst-gestoert/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich:</a> Wer seine Artikel nicht mag, sieht ihn als Rechtsausleger und Linkenfresser. Ist Lucien Scherrer ein prototypischer Vertreter einer ideologisierten NZZ? So einfach ist es nicht. Wir haben mit dem Inlandredaktor und früheren Weltwoche-Journalisten über seine Reportage aus der «Schweizer Sozialhilfe-Hauptstadt» Biel gesprochen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-70443" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-so-schreibe-ich-Lucien-Scherrer_20190625.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-so-schreibe-ich-Lucien-Scherrer_20190625.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-so-schreibe-ich-Lucien-Scherrer_20190625-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-so-schreibe-ich-Lucien-Scherrer_20190625-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-so-schreibe-ich-Lucien-Scherrer_20190625-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/06/MW-so-schreibe-ich-Lucien-Scherrer_20190625-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Ist das ein Scherz? <a href="https://www.nzz.ch/impressum/lucien-scherrer-ld.1086097" target="_blank" rel="noopener">Lucien Scherrer</a>, der in der NZZ fast jedes Jahr gegen den Zürcher 1. Mai anschreibt, schlägt für das Treffen mit der MEDIENWOCHE ausgerechnet das Volkshaus in Zürich vor. Er meint es ernst. Und äusserlich fällt Scherrer hier auch nicht auf: Verwuschelte Haare, erdfarbener Pulli mit V-Ausschnitt. Scherrer sieht selbst aus wie ein Vertreter des linksliberalen Milieus.</p>
<p><em>Ein Artikel, auf den ich stolz bin, ist jener über die Anspruchsmentalität in der Stadt Zürich. Darauf bin ich auch an Kindergeburtstagen schon angesprochen worden. «Gell, du hast beim Schreiben an mich gedacht?», hat mich die Kollegin gefragt, «Neoliberale Kackscheisse war das.» Klar, habe ich auch Freunde, die mögen, was ich mache. Viele kennen mich aber noch aus der Zeit, als ich noch staatsgläubiger und linksliberallalla gewesen bin. Es gab mal die Spekulation, dass die NZZ einen Rechtskurs einschlägt – wegen mir! Ich finde es ein bisschen herzig, wie viel Macht man mir von aussen zuschreibt. Kürzlich habe ich in der Social Media-Diskussion zu einem Artikel über die Ständeratswahlen in Zürich gelesen «Oder greift Lucien Scherrer, der Mann, der von der Weltwoche kam, noch ein?» Das hat doch was verschwörungstheoretisches. Manche meinen, ich sei bei der NZZ als rechter Schläfer postiert und kann zum Chefredaktor laufen und Änderungen fordern. Das ist absurd.</em></p>
<p>Lucien Scherrer spricht gerne über Politik und springt dabei zwischen der Faszination des Historikers und seiner Meinung. Der Historiker Scherrer kann etwa über die strukturelle Schönheit trotzkistischer Analysen dozieren – aber macht dabei klar, dass er das Gedankengut letztlich ablehnt. Sich mit seiner Meinung auch auf Social Media einzumischen, würde ihn reizen, aber einen Twitter- oder Facebook-Account hat er nie gehabt. Ausgleich ist ihm wichtig.</p>
<p><em>Gerade war ich mit der Familie fünf Wochen unbezahlt auf den Philippinen und in Hong Kong. Aus der Distanz siehst du, wie hysterisch der ganze Medienbetrieb ist. Da komm ich auch auf Gedanken, was anderes zu machen. Aber wenn du hier bist, bist du einfach wieder drin. Von diesen Debatten brauche ich aber ein bisschen Detox, darum bin ich selbst auch nicht auf Social Media. Ich arbeite schon lange 80 Prozent und will währenddem ich Zeit mit meiner Familie verbringe nicht darüber nachdenken, was für eine hysterische Diskussion gerade läuft.</em></p>
<p>Das sagt der Journalist, der auch schon <a href="https://www.nzz.ch/meinung/populismus-fuer-papi-ld.1323029" target="_blank" rel="noopener">pointiert gegen einen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub geschrieben</a> hat. Seine Kommentare in der NZZ polarisieren.</p>
<p><em>In der Weltwoche bist du eh gelabelt, aber bei der NZZ könnte man auch weniger auffallen. Ich lande deshalb in der Rolle des Bösen, weil man häufig mich fragt, wenn es darum geht, Kommentare zu schreiben. Wischiwaschi-Kommentare mag ich halt nicht ich und gebe gern hier und dort eins aufs Bein. Aber ich will heute nicht mehr unnötig provozieren – vielleicht eine Alterserscheinung.</em></p>
<p>Diese Alterserscheinung spürt man bisher nicht – aber spannender als seine Meinungstexte sind ohnehin seine Reportagen und Porträts. Neben dem analytischen Blick und der klaren politischen Haltung spürt man in diesen Artikeln menschliche Wärme. Unabhängig davon, wen er trifft: <a href="https://www.nzz.ch/zuerich/der-rote-beni-und-die-terroristen-1.18515964?reduced=true" target="_blank" rel="noopener">den pensionierten Anwalt Bernard Rambert</a> oder den zwischenzeitlich verstorbenen <a href="https://www.nzz.ch/zuerich/vischers-game-1.18639454?reduced=true" target="_blank" rel="noopener">Grünen Dani Vischer</a>.</p>
<p></p>
<p><em>Meine Freundin, die politisch anders tickt, findet oft, ich sei viel zu lieb zu den Porträtierten und Interviewten. Ich will halt niemanden für das verurteilen, was er politisch denkt. Vielleicht hat er ja seine Gründe dafür. Letztens waren wir bei Jean Ziegler, dem höre ich gerne zu, weil es interessant ist, was er denkt. Er hat schon einen Punkt. Nämlich, dass es ein Skandal ist, wie viel Elend auf der Welt noch existiert. Aber meiner Meinung nach würde das, was er will, das Elend verstärken. Ich porträtiere viele Linke – zu denen bin ich aber nicht übermässig böse. Bei der NZZ ist es so, dass ich von Linken oft das Feedback bekomme, sie können mit meinem Text über sie gut leben. Von Bürgerlichen höre ich hinterher eher sowas wie «Oh, das und das ist aber schon sehr negativ. Gerade von ihnen hätte ich etwas anderes erwartet.» Reportagen würde ich gerne wieder mehr machen. Ich mag es, bis mir die Füsse wehtun durch eine Stadt zu gehen und dann jemanden spontan anzurufen. Häufig haben die Angerufenen gleich Zeit – sogar Regierungsräte. «Venga, venga», meinte ein – mittlerweile ehemaliger &#8211; Regierungsrat im Tessin am Telefon. Bei meiner Ankunft war er noch auf dem Klo. «Wie gefällt Ihnen dann das Tessin?», hat er durch die halboffene Tür gefragt. </em></p>
<p>Ähnliche Momente habe er auch erlebt, als er im April für einen <a href="https://www.nzz.ch/schweiz/fuersorge-stadt-biel-mehr-als-jeder-zehnte-lebt-von-sozialhilfe-ld.1480750" target="_blank" rel="noopener">«Streifzug durch die Schweizer Sozialhilfe-Hauptstadt»</a> in Biel unterwegs war, eine Reportage im Vorfeld der Berner Abstimmung über massive Kürzungen der Sozialhilfe. In knapp 17 000-Zeichen zeichnet Scherrer die Debatte vor der Abstimmung nach, rafft die Lebensgeschichten von zwei Sozialhilfeempfängern, bringt Beat Feurer ebenso ein, wie den Sozialamtschef, dessen Kritiker. Aber das alles ahnt man noch nicht, wenn man anfängt zu lesen. Der Titel tönt plump, der Einstieg lässt Stereotypen vermuten: Renitente Sozialhilfeempfänger*innen machen überforderten Beamten das Leben schwer. Das Spiel mit der Lesererwartung war Absicht, sagt Scherrer.</p>
<p><em>Am Einstieg habe ich lange herumgedoktert. Mein erster Entwurf schilderte den Sozialhilfeempfänger Pasquale Lista beim Bierdosen entsorgen. Auch über einen Einstieg mit SVP-Sozialdirektor Beat Feurer, der eine bekannte Figur ist, habe ich nachgedacht. Schliesslich habe ich einen Einstieg mit dem Typen am Schalter geschrieben. Bei einem von drei Besuchen in Biel habe ich spontan beim Sozialhilfeamt angerufen – «Ja, kommen Sie um drei.» Dort habe ich diese Szene miterlebt und gedacht, vielleicht ist es spannender, wenn ich das an den Anfang stelle. Viele lesen diesen Einstieg und denken: Jetzt folgt ein Klischeetext über faule und freche Sozialhilfebezüger, was der Artikel nicht sein soll. Der Einstieg sollte etwas irreführen.</em></p>
<p>Scherrers Text über die Sozialhilfe in Biel überrascht nicht nur an dieser Stelle. Er spielt auch innerhalb von einzelnen Sätzen mit der Lesererwartung; die Sympathiesteuerung wirkt streckenweise wie eine Geisterfahrt. Erst am Ende des Textes ist man sich sicher, dass der Fahrer seine Stunts und Manöver kontrolliert und bewusst ausgeführt hat. Exemplarisch zeigt das diese Passage: «Mitten in diesem ausserordentlich gehässigen Konflikt, in dem Kirchen Jesus zitieren und Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) wie der Leibhaftige verdammt wird, stehen die Sozialhilfebezüger, die von alldem oft noch gar nichts mitbekommen haben – auch weil in Biel 58 Prozent der Sozialhilfeklienten Ausländer ohne Stimmrecht sind.» Mit einer fetzigen Metapher nimmt Scherrer den SVP-Regierungsrat in Schutz, aber der Hinweis auf das nicht vorhandene Stimmrecht der Ausländer*innen differenziert nicht nur das fehlende Wissen über die Abstimmungsvorlage, sondern bietet auch einen Perspektivenwechsel an.</p>
<p>Scherrers Sprachbilder knallen in alle Richtungen. Der Text tritt mal gegen links, mal gegen rechts, mal gegen oben – und im Einstieg auch gegen unten. Dem Negativklischee eines Sozialhilfebezügers, das der unbekannte Renitente im szenischen Einstieg vermittelt, stellt Scherrer aber die Lebensgeschichten und das Engagement der Sozialhilfeempfänger entgegen, die bei einem Bieler Sozialunternehmen beschäftigt sind. Denen, die namentlich genannt werden, begegnet er mit Empathie.</p>
<p><em>Die Betroffenen schreiben seit Jahren Bewerbungen, sind bemüht, aber finden einfach keinen Job. Sie sind die letzten, die diese Situation begrüssen. Wir definieren uns sehr stark über unsere Arbeit und das Stigma, dem Sozialhilfebezüger ausgesetzt sind, finde ich unnötig.</em></p>
<p>Nach dem Einstieg geht es weiter mit drei Betroffenen, die in einem Sozialunternehmen tätig sind. Mit wie wenig Geld müssen sie als Sozialhilfeempfänger auskommen? Wie sind sie in diese Situation gekommen? Was hätte eine Annahme der Sparvorlage für sie bedeutet? Als Skurrilität für zwischendurch bringt Scherrer die Anekdote, wie einer von ihnen im Rahmen seiner Tätigkeit für das Sozialunternehmen bei einer Hausräumung 25&#8217;000 Bierdosen aus einer Wohnung tragen musste. Dann tritt Aldo Martinelli auf, der Leiter der Firma für Arbeitsintegration. Dieser kritisiert die Behörden und erzählt schaurige Geschichten. Auch diesen Abschnitt wählt Scherrer nicht als Abzweigung für eine einseitige Story. Die Relativierung folgt sofort: «Martinelli ist vielleicht nicht ganz objektiv, denn er liegt mit der Verwaltung seit 2013 im Clinch.»</p>
<p>Ganz ohne Klischeestempel kommt die Reportage aber nicht aus: Das Bild der Stadt Biel als «Sozialhilfe-Hauptstadt der Schweiz» wird zementiert. Das Klischee ist zumindest weitgehend vom statistischen Amt verbürgt – obwohl es in der Romandie <a href="https://www.atlas.bfs.admin.ch/maps/13/de/13997_112_7281_7263/22499.html" target="_blank" rel="noopener">eine andere Stadt gäbe</a>, in der der Anteil von Sozialhilfeempfänger*innen noch höher ist.</p>
<p>Immerhin gibt der Text den Ursachen für die hohe Sozialhilfequote in Biel Raum: Unternehmen, die weggezogen oder untergegangen sind. Scherrer erwähnt General Motors. Ist es ein diskreter Hinweis auf die einstige Autoindustrie in Biel, dass der Journalist jedes Auto im Text mit der Marke nennt?</p>
<p>Nein. Es ist ein Hinweis darauf, dass Scherrer bis heute so schreibt, wie es ihm sein Mentor bei der Zürichsee-Zeitung 2005 geraten hatte: Er soll einfach schreiben, wie er es für richtig hält. Automarken nennt Scherrer, weil er ein Autofreak ist. Schon als kleines Kind habe er nur jene Bilderbücher gemocht, in denen die Autos mit Marke genannt sind. Zum Treffen mit der MEDIENWOCHE ist er aber mit dem Fahrrad gekommen und eine Radtour auf den Üetliberg helfe auch immer, wenn er beim Schreiben nicht weiterkommt:</p>
<p><em>Eigentlich schreibe ich am liebsten daheim. Da bin ich auch viel effizienter. Ich steh auf, bringe die Kinder in die Krippe, setze mich hin, trinke meinen Kaffee und schreibe einfach. Wenn es mal nicht läuft, dehnt man im Büro Pausengespräche mit Kollegen aus. Ich habe den Freitag als Jokertag, wenn ich unter der Woche unproduktiv bin, kann ich am Freitag einfach schreiben und den Arbeitstag später kompensieren. Manchmal fahre ich mit dem Velo auf den Üetliberg, wenn ich nicht weiter weiss. Dann fällt mir vielleicht ein guter Satz ein. Oder ich geh wandern, um den Kopf durchzulüften. Am Sonntag stelle ich mir dann die Frage: Wie mache ich das jetzt morgen? Dann weiss ich, wo ich weitermachen kann.</em></p>
<p>Texte wie die Biel-Reportage entstehen nicht an einem einzigen Nachmittag. Drei Mal sei er in Biel gewesen; zwischen dem ersten Besuch und dem Erscheinen des Artikels lag etwa ein Monat.</p>
<p><em>Den Text über Biel finde ich ok, aber ich habe das Gefühl, es wäre noch mehr drin gewesen. Herausfordernd waren die extrem vielen Aspekte: Die Wiedergabe der Diskussion vor der Abstimmung bremst den Erzählfluss. Die Geschichte der Sozialhilfeempfänger sollte nicht zu kurz kommen. Dann der Bieler Sozialdirektor Beat Feurer – ich hätte auch bloss ein Porträt über ihn schreiben können. Weiter hast du seinen Sozialamtschef, der gegen ihn ist und – wie ich fand – gute Argumente gegen Feurer und den bürgerlichen Sparvorschlag vertritt. Es war schwierig, das zusammenzupacken.</em></p>
<p>Der Textaufbau sei für Scherrer ohnehin das schwierigste beim Schreiben: Was kommt wann? Was muss man alles auch noch früher preisgeben, wenn man eine Szene nach vorne schiebt? Scherrer schreibt erst die Einzelteile, bevor er den Text montiert:</p>
<p><em>Ich notiere immer nur von Hand, so komprimiert man schon vor Ort stärker als mit Tonaufnahmen. Wenn ich die Notizen dann abtippe, komprimiere ich nochmals. Dann schreibe ich einzeln auf: Alles über Feurer, was der gesagt hat, was für Möbel in seinem Büro stehen. Dann die Lebensgeschichten der Sozialhilfeempfänger, was die gesagt haben, ihre Zitate. Sobald all diese Teile für sich niedergeschrieben waren, ging es ums Verdichten, Kürzen und Montieren. Das hat sicher länger gedauert, als das Schreiben der Teile. Es bleibt immer die Frage: Was bringst du zuerst? Und wenn du dieses sagst, musst du auch jenes sagen. Dabei möchte ich etwas vielleicht gar nicht so früh sagen. Mir ist auch der Schluss extrem wichtig. Manchmal bastle ich länger am Schluss als am Einstieg, obwohl man ja weiss, dass der erste Satz aus Leserperspektive entscheidend ist. </em></p>
<p>Die Biel-Reportage mündet in einen Der-Mensch-denkt-und-Gott-lenkt-Schluss: «Für Pasquale Lista und Hunderte andere bleibt das [eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt] derzeit ein Traum. Sie werden weiter Bäume schneiden, Velos flicken, Bierdosen entsorgen und Bewerbungen schreiben, während es andere wohl immer als Zumutung empfinden werden, wenn das Sozialamt auf Mietverträgen und anderem Papierkram besteht – ganz egal, was der Politik noch einfallen mag.» Der Schluss ist für sich nicht bemerkenswert, bemerkenswert ist, dass er am Ende eines Textes steht, der mit dieser Szene einsetzt: «Der junge Mann mit der getönten Sonnenbrille auf der Stirn wirkt gereizt. ‹Ich habe jetzt keine Nerven für das›, lässt er den älteren Beamten hinter dem Schalter wissen. Der entgegnet ruhig: ‹Ich auch nicht› – und fordert den Mann erneut auf, alle für die Sozialhilfe relevanten Papiere vorzuweisen.» Der Artikel, der anfangs wie eine Geisterfahrt gewirkt hat, vermittelt vor allem eines: Komplexität. In der Sozialhilfe gibt es keine einfachen Antworten.</p>
<p><em>Wir haben in der Schweiz 270‘000 Leute in der Sozialhilfe. Wenn du die Flüchtlinge, die vom Bund unterstützt werden, dazurechnest, leben fast so viele von Sozialhilfe wie die Stadt Zürich Einwohner hat. Das ist eine beunruhigende Vorstellung und darum interessiert mich das Thema: Was passiert in einer Stadt wie Biel? Was gibt es für Erklärungen, was haben Akteure für Lösungen parat? Die Lösung kann nicht sein, dass man wegschaut und die Ausgaben steigen, wie es die Linken machen. Man kann aber genauso wenig allen 30 Prozent streichen und denken, die gehen dann schon arbeiten.</em></p>
<p>Scherrer, 1978 in Männedorf geboren und in Stäfa aufgewachsen, hat in Bern Geschichte und Medienwissenschaften studiert. Er habe die Matura gemacht, weil er sich für keine Lehre entscheiden konnte. Danach hat er auch «relativ ziellos» studiert.</p>
<p><em>Meine Eltern waren immer sehr grosszügig. Als Student habe ich während den Ferien schon auch gearbeitet, aber erst gegen Ende des Studiums habe ich richtig angefangen zu studieren. Davor hatte ich manchmal bis vier Uhr gepennt und bin dann mal zum Zeitung lesen an die Uni. So wie man sich einen faulen Studenten vorstellt.</em></p>
<p>Ein Dissertationsprojekt zu 1968 brachte ihn dem Themenkomplex näher, den er als Journalist bis heute kundig und unerbittlich bearbeitet: linke Splittergruppen und 68er-Parteien. Einer anderen Uni-Arbeit ist zu verdanken, dass Scherrer erste Redaktionsluft schnuppern konnte: Per Losverfahren wurde ihm für eine medienwissenschaftliche Arbeit ausgerechnet der Kanton Zürich zugewiesen. Und sein Dozent wies ihn dann auf die Regionalzeitung hin, die er kaum kannte, obwohl sie seine Eltern neben Weltwoche und Tages-Anzeiger abonniert hatten: die Zürichsee-Zeitung. Er selber sei damals Tagi-Fan gewesen.</p>
<p><em>Sechs Jahre lang habe ich bei der Zürichsee-Zeitung gearbeitet, nachdem mich Zeitungspatron Ulrich Gut bei meiner Uni-Recherche gefragt hatte, ob ich nicht an einem Praktikum interessiert sei. Bei der Zürichsee-Zeitung mussten wir an manchen Tagen zu viert vier Seiten füllen: ich, 28, die Kollegin, 28 und zwei noch jüngere Volontäre. Das war eine sehr gute Erfahrung. Den Gottesdienst habe ich schon immer gern gestört. An der Goldküste ist Fluglärm zum Beispiel so ein Thema: Da betonen immer alle, wie schlimm der sei und jammern, dass ihre Häuser deshalb Wert verlieren. Also habe ich einfach mal geschrieben, dass das Fluglärm-Thema ein aufgebauschtes Wohlstandsproblem ist. Das war mein erster Shitstorm; da war ich noch Volontär. Aber sonst habe ich mich politisch nicht so weit aus dem Fenster gelehnt. Es war eher so: Die sagt das und der sagt das. Das interessiert mich heute nicht mehr so. Ab und an mach ich das noch; es hat auch etwas Entspannendes. Mittlerweile finde ich aber Geschichten unbefriedigend, bei denen man nach dem Lesen nicht weiss: Was ist jetzt?</em></p>
<p>Nach den Jahren bei der Zürichsee-Zeitung arbeitete Scherrer zwei Jahre für die Weltwoche, bevor er zur NZZ gewechselt ist. Dort startete er im Zürich-Ressort; mittlerweile gehört er zur Inlandredaktion.</p>
<p><em>Bei der Zürichsee-Zeitung habe ich gelernt, beim Schreiben nicht zu langweilen. Bei der Weltwoche galt das schon bei der Themenwahl: Nicht langweilen, es braucht eine klare Aussage. Das wird bei der Weltwoche auf die Spitze getrieben. Du darfst nicht flunkern. Ich kenn keinen, der krasser gegenliest als Roger Köppel. Bei der Weltwoche hängen am Dienstagabend alle Seiten an der Wand im Grossraumbüro. Dann kommt irgendwann Köppel rein und liest, während alle noch ruhiger werden, als sie ohnehin schon sind. Manchmal hat er die Texte völlig auseinandergenommen und man musste sie komplett neu aufbauen. Bei der Zürichsee-Zeitung oder jetzt auch bei der NZZ wird eher wenig redigiert: Hier ein Komma, da ein Komma. Es ist Teil der NZZ-Tradition, dass der Stil eines Autors respektiert wird. Tendenziell sind wir bei der NZZ aber zu lieb zu einander. Bei der Weltwoche war es das Gegenteil, da kam Köppel teilweise auch mit Geschmäcklerischem. Manchmal brachte mich das bis zur Blockade. Ich hatte das Gefühl, jeder Satz, den ich schreibe, ist falsch.</em></p>
<p>Als Journalisten, die er bei der Konkurrenz schätzt, nennt Scherrer etwa Daniel Ryser von der Republik, Jean-Martin Büttner vom Tages-Anzeiger oder Alex Baur, seinen ehemaligen Redaktionskollegen bei der Weltwoche. In der Schulzeit habe er am Abend vor einem Aufsatz jeweils Tucholsky gelesen. Den findet er absolut genial. Ein grosses Spektrum, aber was auffällt: Es sind alles Männer.</p>
<p><em>Denen, die ich porträtiere, schicke ich meistens den ganzen Text. Du musst einfach klarmachen, dass sie das Recht am eigenen Wort haben, aber die Wertungen meine sind. Die Porträtierten können argumentieren, weshalb sie falsch sind. Zum Teil überlege ich dann wirklich nochmals, ob es fair ist, wie ich etwas formuliere. So habe ich eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht.</em></p>
<p>Die MEDIENWOCHE hat bei diesem Text dasselbe gemacht. Lucien Scherrer hat nur einige Details präzisiert.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/06/25/ich-habe-schon-immer-gern-den-gottesdienst-gestoert/">«Ich habe schon immer gern den Gottesdienst gestört»: so schreibt Lucien Scherrer, NZZ</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>«Ich fühl mich dann wie ein laufendes Aufnahmegerät.»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/01/17/ich-fuehl-mich-dann-wie-ein-laufendes-aufnahmegeraet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Jan 2019 12:38:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=65304</guid>

					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Der Feuilletonist und Reporter Caspar Shaller sprach mit der MEDIENWOCHE über sein Schreiben anhand seiner WOZ-Reportage aus den USA und einem «Friday»-Magazine-Porträt über Megan Fox. «Ich sehe mich in diesem Text», sagt Caspar Shaller, als er ihm sechs Jahre nach Erscheinen zur Lektüre vorgelegt wird. Es handelt sich um ein Porträt der <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/17/ich-fuehl-mich-dann-wie-ein-laufendes-aufnahmegeraet/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/17/ich-fuehl-mich-dann-wie-ein-laufendes-aufnahmegeraet/">«Ich fühl mich dann wie ein laufendes Aufnahmegerät.»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich:</a> Der Feuilletonist und Reporter Caspar Shaller sprach mit der MEDIENWOCHE über sein Schreiben anhand seiner WOZ-Reportage aus den USA und einem «Friday»-Magazine-Porträt über Megan Fox.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Pascal-Schaller_20190117c.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="alignnone size-full wp-image-65305" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Pascal-Schaller_20190117c.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Pascal-Schaller_20190117c-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Pascal-Schaller_20190117c-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Pascal-Schaller_20190117c-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-Pascal-Schaller_20190117c-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«Ich sehe mich in diesem Text», sagt <a href="https://twitter.com/casparshaller?lang=de" rel="noopener" target="_blank">Caspar Shaller</a>, als er ihm sechs Jahre nach Erscheinen zur Lektüre vorgelegt wird. Es handelt sich um ein <a href="https://web.archive.org/web/20120509232815/https://www.20min.ch/friday/fashion/story/Die-Schoene-ist-ein-Biest-10948072" rel="noopener" target="_blank">Porträt der Schauspielerin Megan Fox</a>, das Shaller als Praktikant für das «Friday»-Magazine von «20 Minuten» geschrieben hatte.</p>
<p><em>Diesen Textaufbau mit den Brüchen mache ich oft. Jedenfalls hatte ich eine gute Zeit als Praktikant beim «Friday». Es ist das, was es sein will. Modemagazine existieren nun einmal. Beim «Friday» wird oft versucht, eine gesellschaftspolitische Perspektive einzuarbeiten. Dasselbe macht auch das Annabelle und deshalb ist es so ein tolles Magazin: Weil sich eine subtile gesellschaftspolitische Perspektive durchzieht. Vorgeblich disparate Dinge zu verknüpfen, ist etwas sehr schweizerisches.</em></p>
<p>Die ersten fünf Minuten Gespräch mit Caspar Shaller sind vorbei und das ist nur die eine originelle Einschätzung, die er On-the-Record gesagt hat. Shaller denkt laut, Shaller wechselt Ebenen, verknüpft bisher Unverknüpftes, schätzt ein, erzählt private Anekdoten – etwa von einer Kollegin die das Klatschmagazin InTouch und Lenins Tagebücher als Reiselektüre mit dabei hatte, als sie ihn in Berlin besuchte. Seit seiner Zeit als «Friday»-Praktikant hat sich Shallers Fokus und Leben drei Mal umgedreht. Er ging als Praktikant zum <a href="https://www.zeit.de/autoren/S/Caspar_Shaller/index" rel="noopener" target="_blank">Feuilleton der «Zeit»</a> und wurde dort später Redaktor. Nun studiert der 29-Jährige Critical Curatorial Cybernetics Studies (Kunst- und Politiktheorie) an der <a href="https://www.hesge.ch/head/" rel="noopener" target="_blank">Kunsthochschule HEAD in Genf</a> und schreibt frei für die «Zeit», Süddeutsche Zeitung, Das Magazin und die WOZ, für letztere unter anderem Reportagen aus den USA.</p>
<p><em>Mich interessiert wie Leute denken. Das kann man, aber muss man nicht Kulturjournalismus nennen. Kultur im Sinn von: das, was unsere Gesellschaft prägt. News sind extrem wichtig, aber ich interessiere mich im Schreiben und Lesen für Texte, die Newsbrocken in Zusammenhang setzen, für die longue durée. Googeln kann jeder, aber Journalismus gibt es ja, damit Leute die ganzen Informationen sieben. Das ist noch nicht mal eine Gatekeeperfunktion im klassischen Sinn. Es gibt einfach zu viel Information.</em></p>
<p>Shaller lässt gegenüber der MEDIENWOCHE bei keinem Thema die Metaebene weg. Wenn er auf Reportage sei, funktioniere er anders:</p>
<p><em>Wenn ich in der Küche stehe, währenddem der linke Aktivist im Vorwahlkampf der Demokraten seine Pizza isst, verhält sich der anders, privater. Und ich bleibe aber in meinem Reportage-Modus. Ich fühl mich dann wie ein laufendes Aufnahmegerät.</em></p>
<p>Vier politische Reportagen für die WOZ, zusammengenommen über 50&#8217;000 Zeichen, recherchierte Shaller vergangenes Frühjahr in einem einzigen US-Aufenthalt.</p>
<p><em>Hinterher war ich wirklich erschöpft. Nach 13 Tagen, in denen ich funktioniert habe wie eine Maschine. Die Art, wie ich auf Leute zugehe und wie ich beobachte ist als Reporter komplett anders als im Alltag. In meinem Kopf entstehen dann druckreife Sätze wie aus dem Nichts. Das passiert mir nicht, wenn ich bei uns in die Migros gehe. Meinen eigenen Alltag kann ich paradoxerweise nicht so betrachten.</em></p>
<p>Die Artikel aus dem Viererbündel handeln von neuen linken (Online-)Medien wie dem Jacobin-Magazin, der linken demokratischen Hoffnung Alexandria Ocasio-Cortez, dem Leben als Sans-Papiers in Trumps Amerika – und dem Vorwahlkampf der Demokraten in Pennsylvania. </p>
<p><em>Mein Vater ist Amerikaner. Ich lese viel über die USA und mir ist aufgefallen, dass es einen Gap gibt zwischen der Berichterstattung deutschsprachiger und US-Medien über US-Probleme. Vieles, was in den USA passiert, kommt bei uns gar nicht vor. Die deutschsprachige Berichterstattung ist oft oberflächlich oder die Korrespondenten haben spezifische Vorstellungen davon, welche gesellschaftlichen Konflikte es gibt und welche nicht.<br />
In den USA gibt es neu eine antikapitalistische Linke. In Europa haben wir halt seit je eine antikapitalistische Linke – aber in der USA ist es ein epochaler Generationenwandel. Die neue Linke in den USA wird sich auch auf Europa auswirken. Für mich ist das eine Story.</em></p>
<p><a href="https://www.woz.ch/-8db3" rel="noopener" target="_blank">«Von links aufgerollt»</a>, die Reportage über den Vorwahlkampf in Pennsylvania, erzählt davon, wie Unabhängige und Demokrat*innen am linken Parteiflügel auch um vermeintlich unwichtige Positionen kämpfen. Damit bezwecken sie, das demokratische Parteiestablishment auszutauschen und die Partei zumindest soweit nach links zu rücken, dass sie in etwa auf der Linie einer sozialdemokratischen Partei in Europa politisiert. Shallers Text steigt mit Situationskomik ein: Einem Aktivisten im Haustürwahlkampf wird die Türe zugeknallt und er trägt in seine Liste ein, dass an der entsprechenden Adresse niemand zuhause war. Darauf folgt der zweite Absatz mit verortenden Informationen, im dritten ist der Aktivist dann nicht mehr komisches Element, sondern erklärt die Zusammenhänge zwischen seinem individuellen Engagement und dem langfristigen Projekt.</p>
<p><em>Es ist ja immer mikro und makro zugleich. Die Mikro-Aktionen beeinflussen den Makro-Frame. Ich denke stilistisch oft darüber nach, wie man die beiden Ebenen zusammenbringen kann. Der Schlüsselsatz dieser Reportage ist, dass die Demokraten unter Obama 1000 Posten verloren haben. Ich wollte verstehen, was los ist in einem so grossen, politisch zentralisierten Land. Was passiert an Orten, die weder sehr reich noch sehr arm sind. </em></p>
<p>Also verlässt Shaller den Aktivisten in Philadelphia und reist in den ländlichen Westen Pennsylvanias. In einer Kleinstadt, in der Trump die Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, zoomt Shaller alleine auf die innerdemokratische Ausmarchung zwischen der gemässigten und der linkeren Kandidatin. Das Team der gemässigten Kandidatin will nicht mit Shaller sprechen, stattdessen schildert Shaller, wie sich die Aktivist*innen um die linke Kandidatin in einem Privathaus versammeln, Wähler*innen anrufen, gemeinschaftlich Pizza essen. Shaller dringt dabei weit in das politische Denken einzelner ein, lässt diese zeigen, dass sie sich in linker Theorie auskennen und sie differenziert betrachten. Immer wieder schert der Text dabei auch aus, liefert Hintergrund über die Opioidkrise und der Schliessung von Supermärkten in Quartieren mit sozial benachteiligter Bevölkerung. Als Absprung für solche Nebenstränge nutzt Shaller Fernsehszenen; Zitate seiner Protagonist*innen; die Titel der Bücher, die sie lesen; Autofahrten, zu denen sie ihn mitnehmen.</p>
<p><em>Meine Texte sind oft zu dicht. Ich recherchiere immer viel zu viel. Auch hier habe ich viel reingestopft. Über das mit der Food Desert könnte man beispielsweise einen eigenen Artikel schreiben: Die Demokraten gehen diese Probleme nicht mehr an. Die Probleme der Bevölkerung sind so konkret und niemand kümmert sich darum. Bei mir kommt das extrem kondensiert schnell vor.</em></p>
<p>Schnell vielleicht &#8211; aber trotzdem verortend und verortet. Shaller gibt die Szene wieder, vermittelt aber auch, weshalb sie für seine Geschichte relevant ist: Die Demokrat*innen fühlen sich der Stimmen von Schwarzen, Latinos und Armen sicher, deshalb politisieren sie gar nicht mehr im Hinblick auf deren konkrete Bedürfnisse. Shallers Reportage liest sich wie eine gut strukturierte Variante seines Gesprächs mit der Medienwoche: Unglaublich viele Ebenen werden beleuchtet. In den Absätzen, die den Protagonist*innen gewidmet sind, geht es um sie und ihre Kämpfe. Andere Absätze lesen sich wie eine geraffte Chronik des strukturellen Versagens der Demokraten. Aber «Von links aufgerollt» könnte man auch als exemplarisches Essay über die politischen Folgen eines Zwei-Parteiensystems mit Mehrheitswahlrecht lesen. Shaller verknüpft so viele Makrobetrachtungen und bleibt dabei detailverliebt auf der Mikroebene</p>
<p><em>Die Urfassung dieses Textes war 40&#8217;000 Zeichen lang. Ich könnte nicht nur recherchieren, bis ich tot umfalle, sondern auch immer viel zu viel schreiben. Bereits unterwegs transkribiere ich meine Notizen, die manchmal fünf Mal so lang wie der Text sind. Ich notiere immer Sätze und Satzfragmente, nie bloss Stichworte. Meist transkribiere ich auch die Interviews komplett. Selbst wenn ich mir vornehme, die Aufnahmen bloss durchzuhören, schreibe ich fast alles auf. Dann steh ich vor einem riesigen Haufen Material. Killing your darlings ist schwierig. Am Ende steh ich einfach vor einem Riesenberg abgetriebener Babys. Ich schreibe in Schüben, aber mein Schreibprozess ist recht geordnet. Erst mache ich eine Struktur als Gerüst. Aus irgendeinem Grund mag ich die Aufteilung in fünf Teile. Danach sortiere ich die Informationen und feile an der Dramaturgie.</em></p>
<p>Manche Journalist*innen geraten in eine mittlere Sinnkrise – ob gekünstelt oder nicht – wenn man sie fragt, wie lange sie an etwas gearbeitet haben. Shaller konfrontiert sich und hat ein System entwickelt, um die Übersicht über seine Arbeitsmenge zu bewahren:</p>
<p><em>Zuhause habe ich eine Tabelle, in die ich eintrage, wie lange ich woran gearbeitet habe. Es ist eine Art Krücke, damit ich ab und zu darüber nachdenke, wie viel Zeit ich eigentlich verschwende. Gerade habe ich für die SZ einen Roman über eine Influencerin rezensiert. Dafür habe ich von Tiqqun «Preliminary Material for a theory of the young-girl» nochmals gelesen. Am Ende hab ichs gar nicht gebraucht. So absurd, mein Verhalten ist mega unwirtschaftlich. </em></p>
<p>Shaller denkt unentwegt; das Gespräch mit der Medienwoche dauert zweieinhalb Stunden. Es gibt keine Gewissheiten, an denen nicht gerüttelt wird und alle noch so abseitigen Themen klopft er auf ihre Meta-Ebenen ab. Dabei hält er dasselbe Energielevel wie anfangs über Megan Fox und die gesellschaftskritische Dimension von Schweizer Lifestyle-Magazinen. Shallers Reflexion stoppt auch nicht vor den Gewohnheitsnormen der Branche. Das Medienwoche-Gespräch fand vor den Relotius-Enthüllungen statt, aber Shallers Kritik nimmt die jetzt dringliche Stildiskussion vorweg:</p>
<p><em>Es gibt Redaktionen, die diesen sauberen Henri-Nannen-Schule-Stil wollen. Den kann ich mittlerweile auch liefern, aber es ist schade, was dabei verloren geht. Die Form beeinflusst den Inhalt: Der Stil ebnet Widersprüche und Eigenheiten von Erlebtem ein. Die Leserführung und das System ist dann immer gleich. Aber die Welt funktioniert halt nicht immer gleich. </em></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/17/ich-fuehl-mich-dann-wie-ein-laufendes-aufnahmegeraet/">«Ich fühl mich dann wie ein laufendes Aufnahmegerät.»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«In meinem Kopf seh&#8216; ich dann die klischierten Kinder»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/01/08/in-meinem-kopf-seh-ich-dann-die-klischierten-kinder/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Jan 2019 15:12:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Meret Michel lebt in Beirut und berichtet als freischaffende Reporterin aus dem Nahen Osten. Mit der Medienwoche sprach sie über ihr Schreiben am Beispiel einer positiven Geschichte über Trümmer und Bücher in Mossul. Viele Reporter*innen setzen auf Mitleid. Natürlich versuchen sie das mehr oder minder subtil zu tun. Es ist naheliegend: Mitleid <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/08/in-meinem-kopf-seh-ich-dann-die-klischierten-kinder/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich:</a> Meret Michel lebt in Beirut und berichtet als freischaffende Reporterin aus dem Nahen Osten. Mit der Medienwoche sprach sie über ihr Schreiben am Beispiel einer positiven Geschichte über Trümmer und Bücher in Mossul.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-So-schreibe-ich_Meret_Michel_20190108.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="alignnone size-full wp-image-64971" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-So-schreibe-ich_Meret_Michel_20190108.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-So-schreibe-ich_Meret_Michel_20190108-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-So-schreibe-ich_Meret_Michel_20190108-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-So-schreibe-ich_Meret_Michel_20190108-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/01/MW-So-schreibe-ich_Meret_Michel_20190108-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Viele Reporter*innen setzen auf Mitleid. Natürlich versuchen sie das mehr oder minder subtil zu tun. Es ist naheliegend: Mitleid generiert Leser*inneninteresse. Die Protagonist*innen, die Einzelschicksale, verkommen dabei aber oft zu Abziehbildern ihrer Situation. Sie werden kontextbefreit zu Mitleidsauslösern verkürzt. In den Texten der Reporterin Meret Michel passiert das nicht.</p>
<p><em>Man geht ins Flüchtlingslager und schreibt den Einstieg über schreiende und lachende Kinder. In meinem Kopf seh ich dann die klischierten Kinder. Aber man will sich doch in seine Protagonisten hineinversetzen. Was macht die Leute individuell? Ein Kind schreit. Das ist, was ein Kind macht. So wirkt es für die Lesenden nicht fassbarer. Ich versuche mich hineinzuversetzen und nachvollziehbar zu machen – ohne Floskeln. Wenn es dein Nachbarkind wäre, hättest du ein anderes Einfühlungsvermögen für Betroffene. Diese Barriere will ich einreissen und dadurch ist es für mich auch berechtigt, Einzelfälle zu erzählen.</em></p>
<p>Meret Michel ist nach vier Praktika und der «Zeitenspiegel»-Reportageschule nach Beirut gezogen. Seither arbeitet sie von dort als freischaffende Reporterin. Sie ist nur selten in der Schweiz &#8211; vergangenes Jahr etwa bei der Verleihung des <a href="https://www.real21.ch/medienpreise-2018" rel="noopener" target="_blank">real21-Förderpreises</a>, den sie für eine Geschichte über Schlepper an der türkischen Mittelmeerküste gewonnen hat. Vor sechs Jahren schrieb Michel noch Artikel mit Titeln wie «Enten fielen Marder zum Opfer», heute erwähnt sie die Risikosituationen an der türkischen Grenze in Nebensätzen. Es wirkt, als hätte sie ihren Umgang damit gefunden. Andere Mühen des Berufseinstiegs tönen aber bekannt. Sogar ihr WG-Zimmer im hochpreisigen Beirut ist etwa gleich teuer wie eines in Bern oder Zürich.</p>
<p><em>Die Arbeit als Selbständige war in Beirut anfangs schwer. Du sitzt nicht in einer Redaktion, kannst dich nicht beim Kaffee mit deinen Kollegen austauschen. Du bist halt irgendwo alleine. Für meine zweite Geschichte bin ich ohne Absprache mit einer Zeitung nach Lesbos gereist und habe zu psychischen Problemen von Flüchtenden recherchiert. Learning by doing und step by step. Ich musste mich an den Rhythmus gewöhnen und mich überwinden, Zeitungen anzuschreiben, in deren Redaktion ich noch niemanden kannte.</em></p>
<p>Natürlich hat ihr neuer Lebensmittelpunkt Beirut ihre Perspektive aber nachhaltig verändert. Welchen Wissenstand sie von deutschsprachigen Leser*innen erwarten kann, muss sie sich immer wieder vergegenwärtigen.</p>
<p><em>Der Blick auf die Region, in der du arbeitest, verändert sich, wenn du dort lebst. Du bist so tief in den Themen drin, dass es manchmal schwierig ist, zu erkennen, was man von Schweizer Lesern erwarten kann. Bevor ich das erste Mal ins irakische Mossul bin, habe ich meinen besten Freund gefragt, was er von der Stadt weiss. «Das ist, glaub ich, in Syrien», war seine Antwort. Danach wusste ich: Dort muss ich ansetzen. Ich muss mir oft wieder bewusst machen, dass nicht die ganze Welt denselben Wissensstand wie ich hat, nachdem ich mich intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt habe.</em></p>
<p>Michels Anspruch, Empathie zu erreichen statt Mitleid zu erregen, führt dazu, dass sie an Orten, die medial oft nur als Krisenherde vorkommen, Geschichten sieht, in denen schreiende Kinder keine Rolle spielen. Ihre Reportage «Wir fangen wieder bei null an» <a href="https://www.zeit.de/2018/35/mossul-islamischer-staat-bibiothek-literatur-irak" rel="noopener" target="_blank">in der ZEIT</a> (später erschien eine Version mit dem Titel <a href="https://www.aargauerzeitung.ch/ausland/verbranntes-wissen-wie-der-is-die-reiche-kultur-von-mossul-zerstoerte-133703167" rel="noopener" target="_blank">«Verbranntes Wissen»</a> in den CH Media-Regionalmedien) erzählt von der Zerstörung der Zentralbibliothek von Mossul durch den IS. Der Bibliotheksdirektor sei nach der Machtübernahme des IS bloss noch einmal zurück, um seinen Ausweis zu holen. Dann ist er geflohen. Zwar ist auch das eine Geschichte über Krieg, Flucht und einem Leben zwischen Trümmern. Was vom Text hinterher aber bleibt, ist das Bild eines bibliophilen Bibliotheksdirektors, dem es lieber gewesen wäre, der IS hätte sein Haus anstelle des Büchertempels angezündet. Er macht weiter, mit lokaler und internationaler Unterstützung. Es ist eine Geschichte über Büchereuphorie. Im Irak.</p>
<p><em>Beim Irak denken viele an gar nichts anderes als Terror und Krieg. Aber dass die mesopotamische Kultur auch der Irak ist und dass sie den Irak bis heute prägt, kommt nie in den Fokus. Die Terroristen berufen sich auf Vergangenheit, aber eigentlich haben sie alles versucht, um die Geschichte dieses Landes zu zerstören. Darum ist diese Geschichte wichtig. Wenn ich mit Leuten in Mossul spreche, spüre ich, wie stolz sie auf ihre Stadt sind und deren kulturelles Erbe sind.</em></p>
<p>Der Text steigt bei einem Mann ein, der in einem Café Kafka liest. Der Mann, der Kafka liest: Er kommt später nicht mehr vor. Michel beschreibt eine Zufallsszene, die genau deshalb viel erzählt, weil sie wieder Alltag ist. An anderen Reportagen habe sie über Wochen hinweg immer wieder geschrieben – bei dieser war das anders.</p>
<p><em>Meistens ist das Schreiben eine Tortur. Deshalb war diese Geschichte auch so atypisch, weil ich sie wirklich in einem Nachmittag geschrieben habe.  Ich habe die Nacherzählung des Bibliothekdirektors von dem Tag, an dem der IS die Stadt übernahm, bereits aufgeschrieben. Das ist nicht der Einstieg – hab ich da schon gewusst. Am nächsten Tag hab ich mich daran erinnert, wie wir in einem der Cafés gesessen sind und sich da einer so darüber gefreut hatte, dass der Fotograf und ich aus Europa sind. Er hatte Kafkas »Die Verwandlung» vor sich auf dem Tisch. </em></p>
<p>Michels Text nutzt dann Kafkas «Die Verwandlung» als Metapher. Wie Gregor Samsa haben sich nach der Machtübernahme des IS wohl viele gefühlt. Eine Metapher, die ganz nach Michels Anspruch, den Irak nah ans kollektive Bewusstsein ihrer deutschsprachigen Leser*innen holt. «Die Verwandlung» ist Standard-Schullektüre. Viele ihrer Leser*innen mussten den Literaturklassiker einst ertragen. Die Barriere ist eingerissen. Die Metapher verschwindet nach dem Einstieg. Michels Text zwängt seinen Protagonist*innen keine Metapher auf und spitzt dort zu, wo die Zuspitzungen transparent die ihrigen sind: «Für die ganzen letzten 15 Jahre galt hier: Wer Kafka liest, riskiert sein Leben.» Sie lässt die Protagonist*innen Protagonist*innen sein, schildert sie, als würde sie ein Porträt schreiben und verzweckt sie so nicht zu Baumaterial, das ihr Narrativ polstert. </p>
<p><em>Dieser Einstieg hat gepasst und der zweite und dritte Absatz haben daran angeschlossen. Dann war es plötzlich ganz einfach.</em></p>
<p>Dass sich diese Reportage so leicht geschrieben hat, sei ein Einzelfall. Michel schreibt nicht auf Punkt. Sie weiss auch gar nicht, ob sie je diesen Anspruch an sich stellen würde. Denn der Anspruch an ihre Geschichten ist inhaltlich – auch wenn das den Schreibprozess manchmal schwierig gestaltet.</p>
<p><em>Wenn ich den Text wieder lese, bin ich fast überrascht, dass ich ihn nicht schlechter finde als manche, mit denen ich gekämpft habe. Es ist manchmal wohl Glückssache, wie leicht das Schreiben fällt. Aber wenn du viele Widersprüchlichkeiten zusammenbringen willst, dauert es länger. An der Schlepper-Geschichte habe ich über drei Wochen hinweg immer wieder geschrieben. Ich wollte erzählen, wie der Typ Schlepper geworden ist. Das ist eine Geschichte des Scheiterns &#8211; aber ich wollte ihn auch nicht so darstellen, als hätte er keine Wahl gehabt. Denn es gibt viele andere, die würden niemals als Schlepper arbeiten, egal was passiert. Diesen Gratgang gab es beim Bibliotheksthema nicht, weil es einfach eine positive Geschichte ist. Ich hatte keine Angst, dass ich die Geschichte falsch erzähle, oder dass sie falsch aufgenommen werden könnte.</em></p>
<p>Nur 30&#8217;000 der ursprünglich einer Million Bücher haben die Herrschaft des IS überstanden. Es ist natürlich keine rein positive Geschichte. Michel schildert die Trümmer. Sie tut das aber innerhalb einer Geschichte, die von einer positiven Dynamik erzählt. Von Kulturcafés in Mossul, Bücherspenden, Wiederaufbau und einer Buch-Aktivistin, die erst unter dem IS zu lesen begonnen und durch die Lektüre über den Islam erkannt habe, dass die Propaganda des IS nichts mit der Religion zu tun hat. Eine solche Geschichte sieht man nicht, wenn man überall wo Kinder schreien, nur noch schreiende Kinder wahrnimmt. Eine solche Geschichte muss ein*e Reporter*in überhaupt erkennen können.</p>
<p>Das Gespräch mit Meret Michel fand kurz nach Weihnachten statt. </p>
<p><em>Ich bin genau so jemand, der im Ausland arbeitet, Interviews auf Englisch und Arabisch führt und häufig Einzelfallgeschichten erzählt. Ich nehme ohnehin immer alle Gespräche auf und das werde ich umso konsequenter tun. Die schwierigere Frage ist der Umgang mit dem Fetisch für perfekten Geschichten. Gibt es ein Problem des Reportage-Stil? </em></p>
<p>Selbstverständlich hat sich die MEDIENWOCHE mit ihr lange über Claas Relotius, das strukturelle Problem dahinter und die Storygeilheit von Teilen der Branche unterhalten. Mit Michels Arbeit hat aber all das nichts zu tun. Ihre Reportage über das bibliophile Mossul zeigt beispielhaft, wie man mit schreiberischem Können eine Story baut, die den Leser*innen transparent zeigt, wo die Erinnerungen von jemandem nacherzählt werden und was die Reporterin selber erlebt hat. Der Text endet mit einem Zitat des Bibliotheksdirektors. Manchmal wirke es auf ihn so, als wäre der IS und die Zerstörung der Bibliothek bloss ein böser Traum gewesen. Kein expliziter Rückgriff auf den Kafka vom Anfang, sondern ein subtiler Wink an die Leser*innen: «Es war kein Traum», heisst es in «Die Verwandlung». Vielleicht überlesen manche, womöglich überlesen sogar viele, Michels feinen Storybogen. Wie wunderbar, dass derart Subtiles nicht wegredigiert wird. </p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/08/in-meinem-kopf-seh-ich-dann-die-klischierten-kinder/">«In meinem Kopf seh‘ ich dann die klischierten Kinder»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Vor dem ersten Gegenlesen krepiere ich fast»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/07/19/vor-dem-ersten-gegenlesen-krepiere-ich-fast/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2018/07/19/vor-dem-ersten-gegenlesen-krepiere-ich-fast/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 18 Jul 2018 22:04:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Rafaela Roth hat den Sprung vom Nachwuchstalent zur gestandenen Schreiberin geschafft. Als Reporterin des «Tages-Anzeigers» fällt sie vor allem durch thematische Breite und stilistische Versiertheit auf. Wie sie das macht? Mit der MEDIENWOCHE hat sie über ihren Artikel «Liberté, Egalité, SVP» gesprochen, eine Geschichte der Gleichstellungsgegnerschaft der SVP. Es ist so verlogen. <a href="https://medienwoche.ch/2018/07/19/vor-dem-ersten-gegenlesen-krepiere-ich-fast/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich:</a> Rafaela Roth hat den Sprung vom Nachwuchstalent zur gestandenen Schreiberin geschafft. Als Reporterin des «Tages-Anzeigers» fällt sie vor allem durch thematische Breite und stilistische Versiertheit auf. Wie sie das macht? Mit der MEDIENWOCHE hat sie über ihren Artikel «Liberté, Egalité, SVP» gesprochen, eine Geschichte der Gleichstellungsgegnerschaft der SVP.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/07/MW-so-schreibe-ich_Raphaela-Roth_20180717.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="alignnone size-full wp-image-59521" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/07/MW-so-schreibe-ich_Raphaela-Roth_20180717.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/07/MW-so-schreibe-ich_Raphaela-Roth_20180717-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/07/MW-so-schreibe-ich_Raphaela-Roth_20180717-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/07/MW-so-schreibe-ich_Raphaela-Roth_20180717-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/07/MW-so-schreibe-ich_Raphaela-Roth_20180717-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
<em>Es ist so verlogen.</em> Pause, Pause, Pause.<em> Fuck!</em> Pause, Pause, Pause. <em>Woohoo! Der Schluss ist so geil.</em> <a href="http://rafaelaroth.ch/" rel="noopener" target="_blank">Rafaela Roth</a> liest ihren <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/liberte-egalite-svp/story/12701977" rel="noopener" target="_blank">Text «Liberté, Égalité, SVP»</a> beim Treffen mit der MEDIENWOCHE noch einmal. Ihre Juchzregungen und Wortfetzen während dieser Lektüre sind wunderbar. Selten erfreut sich eine Journalistin so offen an der eigenen Arbeit – jedenfalls nicht, wenn sie oder er nicht unbeobachtet ist. </p>
<p><em>Nicht bei jedem Artikel reagiere ich so, falls ich ihn nochmals vorgesetzt bekomme. Das passiert wahrscheinlich bei fünf Prozent der Texte. Vielleicht zehn, sagen wir zehn. Wenn ich diesen Text jetzt lese, bin ich trotzdem nicht mit allem zufrieden: Beim Schreiben habe ich eine Textmelodie im Kopf. An einer Stelle sitzt nun der Rhythmus nicht. Da hätte ich einen Gedankenstrich machen müssen, damit die Lesenden wissen, was sie danach erwartet. Es geht dabei eigentlich ums Tempo. Mir ist Tempo immer sehr wichtig.</em></p>
<p>«Liberté, Égalité, SVP» &#8211; Roths Titel beschleunigt bereits auf 180, bevor allfällige Interpunktionsdetails abschrecken könnten. Krasser kann man zwischen den Stilebenen nicht springen. Die Ideale der französischen Revolution in einen Kontext setzen mit der SVP: Das ist Punk. Inhaltlich, aber auch im Klang. Das P in SVP kann man noch so unnatürlich lang ziehen, den sauberen Gleichklang mit dem Fraternité bekommt man nicht hin. Stallmist landet auf der Trikolore.</p>
<p><em>Um den Titel habe ich gekämpft. Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass er «SVP» mit «Fraternité» gleichsetzt. Das Argument kann man absolut gelten lassen. Ich glaube aber nicht, dass die Lesenden den Titel so wahrnehmen. Er ist catchy! Man liest und denkt «Whaat?!» Das «SVP» wirkt wie ein Keil in der bekannten Losung. Man will den Text sofort lesen.</em></p>
<p>Auf den Keil folgt ein Gewaltmarsch durch den politischen Kampf gegen die Geschlechtergleichstellung. Der Artikel jagt die Leser/innen durch die jüngere Geschichte der Schweiz. Auch diese Verdichtung sorgt für Tempo und dass der Text trotz dieser Faktendichte funktioniert, zeigt Roths Fähigkeiten in der Leser/innenführung. In 8000 Zeichen zeichnet sie 30 Jahre Engagement der SVP gegen die Gleichstellung nach, zoomt mal nach Zürich, Bern oder natürlich in den Aargau. Der Aargau war Roths Ausgangspunkt: Dort schliesst die Fachstellung für Gleichstellung. Wie konnte es dazu kommen? Das wollte die Reporterin herausfinden. </p>
<p><em>Erst in der Recherche wurde mir klar, dass das überall passiert. Der Plan war eine Reportage, aber irgendwann lagen so viele relevante Infos vor mir, dass der Reportageteil kleiner wurde. Eigentlich hatte ich ja bloss gesammelt und dann alles verdichtet aufgezeigt.</em></p>
<p>Roths Text ist auch ein Blocher-Text. Noch ein Blocher-Text.</p>
<p><em>Blocher ist als Figur gesetzt. Wir bekommen ihn nicht so schnell weg. Er ist der Vater der SVP, er zieht die Fäden. Ich war darauf vorbereitet, dass mir beim ersten Gegenlesen jemand sagt: «Nicht schon wieder der Blocher». Der Satz ist tatsächlich gekommen. Und ich hab dann einfach gesagt: «Lies es bis zum Ende!»Der Schluss legitimiert den Blocher-Rahmen.</em></p>
<p>Den Schluss muss man zitieren: «Es ist Weltfrauentag. Und ein paar Tage davor gab die SVP bekannt, dass Magdalena Martullo an die Parteispitze nachrutscht. Sie hatte Glück, dass die Gleichstellung nicht nach dem Tempo ihres Vaters verlief. Die Mehrheitsaktionärin der Ems-Chemie Holding dürfte heute wahrscheinlich immer noch keine Verträge unterschreiben.» Der Text beginnt mit Christoph Blochers Kampf gegen das neue Eherecht 1985, springt ins heute zur Abschaffung der Fachstelle für Gleichstellung im Aargau, führt die Leser/innen über die Nacherzählung einer Onlinerecherche zur UNO-Einschätzung der Gleichstellung in der Schweiz, zoomt nach 3500 Zeichen in einen Demo-Reportage &#8211; 500 Teilnehmende, Zitate aus Reden. Dieser Reportage-Teil dauert vier Sätze. Dann sind wir wieder im historischen Hintergrund. Der mündet im seltenen Fall, dass die Wiederholung der Begriffe «Interpellation» und «Motion» zum stilistischen Lichtmoment werden: Der Stakkato der Angriffe gegen die Gleichstellung im Kanton Bern wirkt auf die Leserin wie ein Wasserfall. Danach folgt die Meinung von Expertinnen und Experten, #metoo wird auch kurz touchiert, noch ein Reportage-Block und dann der Schluss bei Martullo. Der Artikel ist komplette Überforderung, eine fundierte, engagierte, lesenswerte Überforderung.</p>
<p><em>Das ist ja eigentlich die Philosophie des Schreibens: Fragezeichen auslösen, Fragen beantworten, Fragezeichen auslösen, Fragen beantworten. So liest man den Text auch zu Ende. Natürlich habe ich den Lesenden nicht alle Fragen und Antworten aufgebürdet. Ich würde sagen, etwa 45 Prozent meines Materials ist rausgeflogen. 55 Prozent ist da. Diese Reduktionsarbeit ist Marter für mich. Das Lied der Kabarettistinnen Knuth und Tucek wollte ich eigentlich zwei Mal bringen, aber das Darling musste ich killen. Weil ich kürzen musste. Aber das Darling ist auch nach meiner Gegenlese-Methode rausgeflogen. Wenn mir jemand etwas killen will, gebe ich es noch einer zweiten Gegenleserin. Wenn sie dasselbe sagt, kill ich es. Aber nur dann. Diesen Artikel haben sicher drei Leute gelesen. Damaturgisch wurde nicht viel verändert, aber beim Tages-Anzeiger – vor allem bei der Seite 3 – redigieren wir schon streng. Bei diesem Artikel habe ich um vieles gekämpft. Ich liebe es, wenn meine Gegenleser Fehler sehen, wo ich schon blinde Flecken habe. Wenn ich aber entschieden anderer Meinung bin, kämpfe ich darum.</em> </p>
<p>Roth beschreibt das erste Gegenlesen trotzdem als das schlimmste. Ist ein Artikel durch die redaktionellen Prozesse durchgekommen, erlebt sie freudige Erwartung. Davor ist es aber unangenehm: Die Arbeit ist eigentlich fertig und jemand bewertet das Getane. Jemand vom Fach, zudem noch.</p>
<p><em>Vor dem ersten Gegenleser krepier ich fast. Es kann mir nicht schnell genug gehen, ich warte und weiss nicht, wie ich mich in der Zwischenzeit beschäftigen soll. Kommt das Telefon endlich, atme ich nochmals ein und dann kommt die Konfrontation. So ist es bei Texten, die mir wichtig sind. Es ist ja auch was Intimes: Man hat gemacht, was man konnte unter den Umständen, unter denen man halt arbeitet und dann kommt der Richter.</em></p>
<p>Die Deadline helfe der Reporterin bei ihrer Arbeit aber auch. </p>
<p><em>Einfach loslassen! Man muss ja loslassen.</em></p>
<p>In ihrem Job hat Rafaela Roth die besten und schlechtesten Voraussetzungen als Journalistin: Sie ist beim Tages-Anzeiger sowohl Teil der Zürich-Redaktion, als auch des Seite 3-Teams, wo Texte wie «Liberté, Egalité, SVP» möglich sind. Roth hat eine grosse Verbreitung und arbeitet bei einem Medium, das noch immer für eine gewisse Qualität steht. Durch die redaktionellen Verpflichtungen ist sie in der Hybrid-Position aber auch eingespannt: schnelle Newsbeiträge und klar getakteter Agendajournalismus strukturieren dann ihren Alltag. Man müsse sich die Zeit und den Raum für solche Arbeit wegstehlen.</p>
<p><em>An diesem Text habe ich eine bündige Woche gearbeitet und dazwischen vielleicht noch ein, zwei Spalten geschrieben. Damit meine Kolleginnen und Kollegen merken, dass ich auch noch da bin. Wirklich geschrieben hab ich ein bisschen weniger als einen Arbeitstag.</em> </p>
<p>Wie verschafft man sich im Gewusel einer Redaktion einen ganzen Tag Ruhe, um konzentriert zu schreiben?</p>
<p><em>Artikel wie diesen kann ich unmöglich auf der Redaktion schreiben. Da passiert zu viel. Für sowas brauche ich absolute Ruhe, einen leeren Tisch und im Idealfall ein Fenster mit schöner Aussicht. Mein tollstes Schreiberlebnis hatte ich im Maggiatal, in einem umgebauten Bauernhaus. Das war die Geschichte von Luana, <a href="https://www.watson.ch/schweiz/international/682613704-luana-wie-sie-ihren-vergewaltiger-heiraten-und-in-die-schweiz-holen-musste" rel="noopener" target="_blank">die ihren Vergewaltiger heiraten musste</a>. Eigentlich war es ein Wochenende vom Team hinter dem Stolze Open Air. Ich hab die dann ein bisschen hängen lassen, wenig getrunken und mich frühmorgens dort in die Bibliothek gesetzt. Ein Fenster zum Tal, frische Luft, das Geplätscher eines Bachs nebenan und es ist einfach so wuuuusch&#8230;aus meinen Fingern geflossen. In einem Rutsch hab ich die Geschichte geschrieben. Und Texte, die in einem Rutsch entstehen, sind die besten.</em> </p>
<p>Die Geschichte von Luana hat Rafaela Roth für «Watson» geschrieben; sie erhielt dafür <a href="https://www.persoenlich.com/medien/rafaela-roth-holt-sich-den-ersten-online-preis" rel="noopener" target="_blank">ihren ersten von zwei Preisen</a> in ihrer «Watson»-Zeit. Bei «Watson» war Roth als Praktikantin Teil des Launch-Teams. Als sie nach über vier Jahren zum Tages-Anzeiger gewechselt ist, war sie Chefin des Reporter/innen-Teams. Die Arbeit bei «Watson» hat Roth geprägt. </p>
<p><em>Bei «Watson» habe ich von hinderlichem Perfektionismus losgelassen. Da habe ich gelernt, dass es auch ums Raushauen geht. Dass man der eigenen Arbeit manchmal vertrauen darf und nicht nochmals zwei Stunden länger brüten muss. Im Studium trainiert man sich eine wissenschaftliche Sprache mit möglichst vielen Schachtelsätzen an, Doppelungen sind erwünscht, möglichst präzise Begriffe. Perfektionistische Tendenzen werden noch verstärkt. Im Journalismus ist das dann alles verboten. «Liberté, égalité, SVP» vermittelt auch sehr viel Hintergrund, aber mit Tempo. Das wissenschaftliche Schreiben hat null Tempo.</em></p>
<p>Der letzte «Watson»-Artikel von Rafaela Roth hat das Wort «Masturbation» im Titel. </p>
<p><em>Manchmal vermisse ich die ranzige Stilfreiheit von «Watson». Es passiert mir, dass ich mir sage «Ui, nei, das kannst du im Tagi nicht bringen». Worte wie Crowdfunding muss ich den Tagi-Leser/innen erklären. Bei «Watson» konnte ich für ein Publikum in meinem Alter schreiben – und die Älteren haben es trotzdem gerne gelesen. Bei «Watson» war auch die Interaktion mit den Leserinnen direkter: Kommentarspalten, Shares, Diskussionen auf Social Media. Das habe ich viel mehr miterleben können. Jetzt bekomme ich Leser/innenbriefe, aber bis die bei mir sind, vergehen zwei Tage.</em></p>
<p>Sind es wirklich nur lahme Leserbrief-Schreiber/innen, die die Stimmung beim Tages-Anzeiger drücken? Der jüngste Kommentator im <a href="https://www.kununu.com/ch/tamedia1/kommentare" rel="noopener" target="_blank">Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu</a> titelt «Toxische Unternehmenskultur». Tamedias unternehmerische Entscheide gegen den Journalismus wirken sich doch sicherlich auch auf die Stimmung bei der Arbeit aus.</p>
<p><em>Ja klar. Die letzten Wochen waren nicht einfach. Es fällt angesichts der aktuellen Entwicklungen schwer, ständig auszublenden und sich auf die eigenen Geschichten zu konzentrieren. Wenn ich mir etwas wünschen könnte für diese Zeit der Umwälzung in der Medienbranche, wäre es, dass wir uns Biotope erhalten können, in denen journalistische Visionen noch gedeihen. Das würde auch bedingen, dass wir wieder mehr über Geschichten als über die Krise reden.</em> </p>
<p>«Liberté, egalité, SVP» beschreibt den Kampf der SVP gegen die Geschlechtergleichstellung. Die Medienbranche ist aber selbst eine Machobranche: Der Frauenanteil in den Schweizer Redaktionen beträgt nur 30 Prozent. Seit einem knappen Jahr hat der Tages-Anzeiger zwar eine Chefredaktorin, aber ansonsten steht es zappenduster um Frauen in Führungspositionen. In den Kaderpositionen der neuen Tamedia-Mantelredaktion sitzen fast nur Männer. Nur das Ressort «Gesellschaft» und der Bereich «Infografik» werden von Frauen geleitet.Wie behauptet man sich als Frau in diesem Branchenumfeld?</p>
<p><em>Wir müssen uns den Raum nehmen, das Wort ergreifen, dürfen uns nicht in softe Themen abdrängen lassen und müssen uns gut mit den Frauen verschwestern, die da sind. Am Ende muss man einfach gute Arbeit liefern wie alle anderen. Ich finde es eine Schande, dass die Redaktionen es nicht schaffen, genug Frauen anzustellen und angestellt behalten. Dumm für sie, denn gemischte Teams arbeiten besser.</em></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/07/19/vor-dem-ersten-gegenlesen-krepiere-ich-fast/">«Vor dem ersten Gegenlesen krepiere ich fast»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>«Im Moment bin ich praktisch immer im Tunnel»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/06/07/im-moment-bin-ich-praktisch-immer-im-tunnel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 Jun 2018 13:22:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Carlos Hanimann war zehn Jahre lang WOZ-Reporter, widmete sich dort zuerst dem Sport, später auch den erschütternden Themen. Seit knapp einem Jahr ist er Teil der Gründungsredaktion der «Republik». Für die Serie «So schreibe ich» spricht Hanimann mit der MEDIENWOCHE über den Artikel «Mit GPS in die Grauzone», seine Arbeit im «Tunnel» <a href="https://medienwoche.ch/2018/06/07/im-moment-bin-ich-praktisch-immer-im-tunnel/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich:</a> Carlos Hanimann war zehn Jahre lang WOZ-Reporter, widmete sich dort zuerst dem Sport, später auch den erschütternden Themen. Seit knapp einem Jahr ist er Teil der Gründungsredaktion der «Republik». Für die Serie «So schreibe ich» spricht Hanimann mit der MEDIENWOCHE über den Artikel <a href="https://www.republik.ch/2018/03/09/sozialinspektion" rel="noopener" target="_blank">«Mit GPS in die Grauzone»</a>, seine Arbeit im «Tunnel» und im Team.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/06/MW-So-schreibe-ich-Carlos-Hanimann_20180607.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="alignnone size-full wp-image-58145" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/06/MW-So-schreibe-ich-Carlos-Hanimann_20180607.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/06/MW-So-schreibe-ich-Carlos-Hanimann_20180607-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/06/MW-So-schreibe-ich-Carlos-Hanimann_20180607-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/06/MW-So-schreibe-ich-Carlos-Hanimann_20180607-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/06/MW-So-schreibe-ich-Carlos-Hanimann_20180607-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Mit Carlos Hanimann über das eigene Schreiben zu sprechen, ist schwer, seit er seine Stelle in der Gründungsredaktion des Online-Magazins «Republik» angetreten hat. Da sitzt er in einer Redaktion aus preisgekrönten Reporter*innen, die praktisch nie – wie man es Edelfedern unterstellt – fürs Ego schreiben. 10 von 15 seiner «Republik»-Artikel, die bis Anfang Juni erschienen sind, hat er zusammen mit bis zu vier Kolleg*innen verfasst. Ausserdem spricht Hanimann immer lieber über die aktuelle Geschichte, die in ihm brennt. Als es nach etwas Vorgeplänkel mit einem Gesprächstermin klappt, muss er erst wieder mental ins Thema zurückfinden. Die Reportage «Mit GPS in die Grauzone», die er zusammen mit Redaktionskollege Elia Blülle schrieb, zeichnet die Diskussion über die Überwachung von Versicherten in den vergangenen 15 Jahren nach. Ein passender Alternativtitel wäre «How the fuck did we get here?» </p>
<p><em>Schon als ich bei der WOZ an einer Geschichte <a href="https://www.woz.ch/-7efdI" rel="noopener" target="_blank">über Sozialdetektive</a> gearbeitet hatte, bekam ich das Gefühl, dass die Wahrnehmung für das Thema nicht breit genug ist. Ich habe den Eindruck, dass die Überwachung von Versicherten in den letzten zehn Jahren kaum hinterfragt worden ist. Irgendwie galt der Konsens: Das ist Betrug und Betrug geht gar nicht. Wer ist schon für Betrug? Dabei geht es nicht um ein Dafür oder Dagegen, sondern um die Fragen: Was ist Betrug? Wie ahndet man Betrug? Das wichtigste an «Mit GPS in die Grauzone» ist für mich darum auch die historische Herleitung der Positionen und Ereignisse, die uns als Gesellschaft an den Punkt gebracht haben, dass wir heute ernsthaft erwägen, Versicherte mit GPS und Drohnen zu überwachen.</em></p>
<p>Das Thema stand im März auch auf der Berichterstattungsagenda. Kurz vor «Mit GPS in die Grauzone» erschien eine Analyse der Aussichten der Vorlage im Parlament in der WOZ; kurz danach eine kurze Betroffenenperspektive im Sonntagsblick. Die Verknüpfung von allem Relevanten in tragbarer Länge bot aber einzig der Artikel von Carlos Hanimann und Elia Blülle in der «Republik». </p>
<p><em>Die szenischen Passagen von Elia Blülle verknüpfen die Debatte mit der Realität. Was bedeutet es für jemanden, der zu Unrecht überwacht wird? Die ehemals überwachte Sozialhilfeempfängerin sagt, das sei schlimmer als ihre Erfahrungen in der DDR, in der sie selbst gelebt hatte. Ob das so ist oder nicht, sei dahingestellt. Dass das eine Betroffene so empfindet, löst etwas aus. Elia und ich wollten aber keine reine Betroffenengeschichte erzählen. Die Sozialdetektive selbst sehen diese Tätigkeit als Erfolgsgeschichte, das muss man auch transportieren. Die Lesenden müssen dann selber wissen, was sie damit anfangen.</em></p>
<p>Die Reportagenelemente in «Mit GPS in der Grauzone» stammen von Elia Blülle. Hanimann konnte keine Impressionen verarbeiten, was ihn reut – ihm aber auch zusätzlichen Antrieb gab, die zeitgeschichtliche Analyse möglichst bekömmlich zu schreiben. Tatsächlich wirkt der Text beim ersten, dem natürlichsten, Lesen wie aus einem Guss. Die Republiktypischen Phrasen sind knapp eingesetzt, so dass man sich mit dem Pathos als Sprungbrett in die Zeitgeschichte liest. Die Verortung von 15 Jahre alten Blocher-Reden liest sich so unmittelbar, dass man meint, Blocher sässe mit der Betroffenen und dem Reporter am Küchentisch.</p>
<p><em>In den letzten Jahren habe ich immer weniger klassische Reportagen geschrieben. Ich finds noch immer was vom geilsten. Wenn du unterwegs bist, bist du aufmerksam. Im Büro, am Telefon und am Computer, fehlen mir die Eindrücke. Eindrücke sind subjektiv – aber auch in der Schilderung der Vergangenheit wählt man Fakten subjektiv und trifft eine Wertung. Die Vergangenheit zu rekapitulieren, ist per se trocken. Darum versuche ich das spannend zu gestalten. Bürokratische Begriffe umschreiben, damit keine Leser*innen deswegen aussteigen, aber trotzdem der Komplexität einer Thematik gerecht werden.</em></p>
<p>Der Autor scheut sich nicht davor, klare Kante zu geben – sowohl politisch, als auch mit Blockbuster-Sprachbildern: «Christoph Blochers Rede 2003 vergiftete den Brunnen für immer» Oder: «Ein BMW 320d loderte vier Jahre später durch die Schweizer Presse.» Aber das sind einzelne Guarana-Shots für Leser*innen, die danach sauber aufgegliedert vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zur taktischen Positionierung der SP in der vorberatenden Kommission im Zürcher Gemeinderat geführt werden.</p>
<p><em>Wenn schon mein Name dasteht, soll ein Text auch so daherkommen, wie ich denke. Wenn man sich in seiner Schreibe an vorgestellten Lesenden orientiert, landet man an einem schiefen Ort. Ich bin, wer ich bin und kann nicht schreiben wie einer, der vom Zürichberg kommt und zehn Jahre an der HSG studiert hat. Schreiben ist etwas sehr Intimes. Ich kann nur von mir und allenfalls der Redaktion ausgehen: Kommt das irgendwie an? Ist die Tonalität gut? Will ich das lesen? Ich muss diese Verantwortung selber tragen.</em></p>
<p>Die Arbeit von Hanimann und Blülle zeichnet aus, dass sie auf Sprachschmuck verzichtet, wo er unangebracht ist: Die anstehenden politischen Debatten und ihre möglichen Folgen werden kahl aufgegliedert und die Kritikpunkte des Rechtsprofessors werden als Liste aufgeführt. Die Special Effects dahin, wo sie gehören. So werden einordnende Informationen nicht von lodernden BMWs überlagert. Die «Republik» ist mit dem Anspruch angetreten, demokratierelevanten Journalismus zu bieten. Das heisst, die Qualität von Artikeln bemisst sich daran, –welchen Beitrag sie zum demokratischen Diskurs leisten.</p>
<p><em>Natürlich wollten wir eine Debatte auslösen. Persönlich begrüsse ich auch das Referendum, ob es gewonnen wird oder nicht: Referenden sind Debatteninstrumente. Die Schweizer*innen können sich nun fragen, mit welchen Mitteln Versicherungsbetrug verfolgt werden soll. Ich finds komisch, wenn man sagt: Das muss man jetzt durchwinken, zack zack zack! Elia und ich haben einen Grundstein gelegt, dann hat der Tagi mit der <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/der-coup-der-versicherer/story/21970535" rel="noopener" target="_blank">sehr guten Lobbygeschichte</a> übernommen – und dann hat die Debatte Dynamik angenommen. Es wird ja – auch von der Republik – viel über die Wirkung von Journalismus gesprochen. Vielleicht geht es gar nicht um den Scoop auf der Titelseite, sondern darum, Themen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Seite 3 des Tagi macht das zur Zeit sehr gut. Manchmal nehmen sie zwei Themen, die offen daliegen und verbinden sie miteinander. Sie bieten nichts neues, aber einen gescheiten Blick auf das Bekannte.</em></p>
<p>Nach zehn Jahren WOZ gehört Hanimann jetzt zum Gründungsteam der «Republik». Die neue Arbeitsumgebung bedeutet eine zusätzliche Umstellung, weil die «Republik» mit dem Anspruch angetreten ist, Arbeitsweisen neu zu definieren oder gar neu zu erfinden. Wie eingangs beschrieben entstehen viele Republik-Artikel in Teams von zwei bis fünf Leuten. Die Namen in der Autor*innenzeile prägen nicht immer die Sprache, in der ein Text daherkommt. </p>
<p><em>Elia Blülle brachte das Thema ein. Ich hatte ja bereits eine Erfahrungsbasis und so hat sich diese Kooperation ergeben. Eigentlich sehe ich mich nicht als grossen Kooperationsschreiber. Ich glaube, es hat viel mit den unterschiedlichen Hintergründen bei uns in der Redaktion zu tun, dass wir so viele Artikel in Kooperationen schreiben. Es entsteht viel neues, wenn man unterschiedliche Quellen, Erfahrungsschätze und Methoden zusammenwirft.</em></p>
<p>Die Debatte um die Überwachung von Versicherten hat seit März eine Virulenz gewonnen, die sie wohl bis zur Abstimmung über das Thema nicht mehr verliert. Hanimann befasst sich mittlerweile mit anderen Storys. Wie ist das, wenn man intensiv recherchiert und ebenso intensiv an Sprache und Montage arbeitet?</p>
<p><em>Im Tunnel ist es vor allem dunkel und mühsam. Man weiss nicht, wann man wieder Licht sieht. Die Recherchephase ist noch sehr offen und man knüpft in alle Richtungen an. Wenn du an gewissen Sachen dran bleibst, gibt es immer Momente, an denen sie reif werden. Du hegst ein Thema, pflegst es und irgendwann ist der Apfel reif und du kannst ihn pflücken. Der Tunnel entsteht erst beim Schreiben – oder kurz davor. Dann startet ein zweiter Prozess, in dem man sich fragt: Was hab ich alles? Auf was konzentriere ich mich? Wie verpacke ich das in eine gute Erzählung? Meistens bin ich an zwei Sachen parallel dran, manchmal drei. Mehr geht aber nicht.</em></p>
<p>Auch an den Tunnelrhythmus bei der Republik muss sich Hanimann noch gewöhnen.</p>
<p><em>Ich bin nach zehn Jahren WOZ auf den Wochentakt geeicht: Längere Phasen und zwischendurch konnte man sich locker etwas von der Seele schreiben. Im Moment bin ich praktisch immer im Tunnel für eine längere Geschichte. Das ist ein wahnsinniger Luxus, aber auch eine Belastung, weil der eine Tunnel direkt in den anderen übergeht.</em></p>
<p>Ein beliebtes Erklärungsmuster für die epische Länge gewisser Republik-Artikel ist die Print-Vergangenheit der meisten, die in den Redaktionsräumen an der Zürcher Langstrasse aufeinandertreffen. Auch Hanimann gehört zu den Print-Sozialisierten, obwohl er sich mit Teilen der WOZ-Redaktion bereits 2010 auf dem Blog <a href="https://web.archive.org/web/20110614231350/http://nationofswine.ch/" rel="noopener" target="_blank">Nation of Swine</a> im Internet austoben konnte. Die meisten getippten Texte des Buchautors und Reporters erschienen bis vor kurzem tatsächlich noch gedruckt.</p>
<p><em>Es gibt eine Korrelation zwischen der Länge der Recherche und der Länge des Textes, aber die ist nicht eins zu eins. Ich habe oft erlebt, dass aus einer Recherchezeit von drei Wochen nur 8000 Zeichen hervorgehen. Die Reduktion gehört zum journalistischen Handwerk. Wenn du 100% recherchierst und nur 30% schreibst, sind diese 30% dichter und härter. Die klare Zeichenbegrenzung im Print hilft enorm, auch wenn sie während der Arbeit manchmal mühsam ist. 20&#8217;000 Zeichen sind eine vernünftige Grösse, in der man ausführlich erzählen kann. Wenn eine Geschichte länger als 30&#8217;000 Zeichen ist, muss sie extrem gut erzählt sein, damit sie wirklich noch gelesen wird. Ich versuche streng zu mir zu sein, aber als Medium tendieren wir wohl eher dazu, das Internet vollzuschreiben.</em></p>
<p>Nur weil die Resultate online erscheinen, muss man nicht auf die analoge Arbeitsweise mit Stift und Papier verzichten.</p>
<p><em>Immer! Ich schreibe fast immer eine sehr genaue Storyline von Hand. Sehr vereinfacht: Intro – Wo geht es weiter? Zwischenteil I, II und III &#8211; und Schluss. Dann schreib ich. Manchmal geht es leichter von der Hand. Bei den grösseren Sachen, bei denen eine Fülle an Material da ist, find ich&#8217;s schwieriger. Bei den wirklich grossen Sachen drucke ich alles aus und lege es nebeneinander. Seltener – wenn ich Zeit habe – schneide ich die Geschichten auch aus und gruppiere sie neu. Das geht in Richtung Cut Up-Methode: Ich finds gut, wenn du zehn A4-Blätter vor dir hast und umstellen kannst.</em></p>
<p>Mindestens so berüchtigt wie die Länge der Artikel sind <a href="https://www.republik.ch/crew" rel="noopener" target="_blank">die Mitarbeiter*innenporträts der «Republik»-Redaktion</a>. Manchen halten sie für selbstgerecht; andere lieben den Erzählstil für die vermittelte (Berufs-)Leidenschaft. Aber aus der <a href="https://www.republik.ch/~chanimann" rel="noopener" target="_blank">«Republik»-Biografie</a> von Carlos Hanimann geht nicht hervor, wie er überhaupt zum Rechercheur geworden ist. Zu schön erzählt sich die Story vom Sportjournalisten, der plötzlich Wirtschaftskriminelle jagt. Wo hat Hanimann das Recherchieren überhaupt gelernt?</p>
<p><em>Der verstorbene Jürg Frischknecht war wichtig für mich. Er brachte mir einiges an Old-School-Recherchemethoden bei: Öffentliche Papiere zusammentragen und mit Leuten sprechen. Wenn ich Personenrecherche mache, schau ich die Social Media-Profile schon an, aber recht viel liegt in den eigentlich verfügbaren Dingen, für die man rausgehen muss. Du kannst Strafbefehle einsehen, kannst aufs Handelsregisteramt und siehst die Namen von Dutzenden Ex-Mitarbeitenden. Das sind Quellen, die andere gar nicht konsultieren. «Ex ist immer gut», das ist so eine einfache Regel von Jürg Frischknecht: Ex-Mitarbeiter, Ex-Partner, Ex-Alles – die sagen am ehesten was Interessantes. Ich seh mich aber nicht als Recherche-Crack, sondern will einfach möglichst viel rausfinden und das gescheit erzählen. Das tönt sehr banal, aber um ein Thema überhaupt anders betrachten zu können, muss man tiefer im Thema drin sein als die anderen.</em></p>
<p>Es sind die Themen, die Hanimann antreiben. Wie das Thema, das zum Gesprächstermin in ihm brannte. Das ist Journalismus, ob im Tages- oder Monatsrhythmus: Es muss einfach immer weitergehen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/06/07/im-moment-bin-ich-praktisch-immer-im-tunnel/">«Im Moment bin ich praktisch immer im Tunnel»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>«Manchmal höre ich zum Schreiben stundenlang dasselbe Lied»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/01/08/manchmal-hoere-ich-zum-schreiben-stundenlang-dasselbe-lied/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jan 2018 09:42:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Die Journalistin Sarah Jäggi («Zeit» Schweiz) über ihren strukturierten Zugang zum Schreiben und der persönlichen Begegnung als Schlüssel für gelungene Porträts anhand ihres Artikels «Narziss und Goldzahn» über das Filmemacherpaar Lisa Brühlmann und Dominik Locher in den Schweiz-Seiten der «Zeit». Ein Porträt kann eine Organisation, ein Projekt oder eine Person vorstellen. In <a href="https://medienwoche.ch/2018/01/08/manchmal-hoere-ich-zum-schreiben-stundenlang-dasselbe-lied/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich</a>: Die Journalistin Sarah Jäggi («Zeit» Schweiz) über ihren strukturierten Zugang zum Schreiben und der persönlichen Begegnung als Schlüssel für gelungene Porträts anhand ihres Artikels <a href="http://www.zeit.de/2017/51/lisa-bruehlmann-dominik-locher-regisseure-film-schweiz/komplettansicht" rel="noopener" target="_blank">«Narziss und Goldzahn»</a> über das Filmemacherpaar Lisa Brühlmann und Dominik Locher in den Schweiz-Seiten der «Zeit».</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Sarah-Jaeggi-So-schreibe-ich_20180104.jpg" alt="" width="1024" height="686" class="alignnone size-full wp-image-51625" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Sarah-Jaeggi-So-schreibe-ich_20180104.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Sarah-Jaeggi-So-schreibe-ich_20180104-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Sarah-Jaeggi-So-schreibe-ich_20180104-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Sarah-Jaeggi-So-schreibe-ich_20180104-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><br />
Ein Porträt kann eine Organisation, ein Projekt oder eine Person vorstellen. In «Narziss und Goldzahn» stellt «Zeit»-Redaktorin Sarah Jäggi ein Filmemacher-Paar vor, ihre beiden neue Filme und ihre medial vermittelte wie persönlich erfahrbare Selbstinszenierung. Der Text schafft es die beiden nochmals gemeinsam und individuell abzutasten, nachdem bereits Interviews, Porträts und Kritiken in Tages-Anzeiger, NZZ, WOZ und Watson erschienen sind. Wie schreibt man ein Porträt, wenn eine breite Berichterstattung das Bild der Porträtierten und ihrer Arbeit bereits dominiert?</p>
<p><em>Leute, die im Umgang mit Öffentlichkeit geübt sind, fallen beim Reden oft in fixe Erzählungen über sich selber. Manchmal so, dass man sich beim Zuhören in einem bereits gelesenen Text wähnt. Ein gutes Porträt ist für mich eines, in dem an solchen Selbst-Erzählungen gerüttelt wird, Brüche und Widersprüche offenbar werden.</em></p>
<p>Darum sei es gar nicht entscheidend, wie viel bereits über eine Person, oder hier eben: ein Paar, publiziert worden ist. Womöglich ist das bereits Erschienene sogar ein Vorteil – zumindest, wenn man sich wie Jäggi durch alle verfügbaren Medien arbeitet, wozu heute auch Äusserungen in Social Media zählen–. Sich wiederholende Floskeln kann man bei der Begegnung mit den Porträtierten registrieren und läuft nicht Gefahr, zu lange ein Thema abzutasten, das uninteressant ist, da eingerostete Selbsterzählung.</p>
<p><em>Ich lese alles, rede mit Leuten. Danach versuche ich mich mit einem unbedarften Blick auf die Begegnung einzulassen. In der Hoffnung, dass ich etwas Neues, etwas Anderes sehe oder erlebe. Beim Porträt ist die Wahrnehmung der Schreibenden der Schlüssel. Wenn mit der Begegnung die Recherche abgeschlossen ist, braucht es für mich wieder einen Distanzierungsschritt. Ich arbeite dann an was Anderem weiter und lasse es nochmals brüten.</em></p>
<blockquote><p>«Es geht mir darum, das Denken vom Schreiben zu trennen. Einmal geht es um die Frage, welche Geschichte ich erzähle – dann um das wie.» </p></blockquote>
<p>Dieses Vertrauen auf die Begegnung, also auf eine subjektive Momentaufnahme, geht bei Jäggis Arbeitsansatz einher mit einer klaren Strukturierung ihrer Arbeitsschritte. Auch jenen vor dem Laptop.</p>
<p><em>Es geht mir darum, das Denken vom Schreiben zu trennen. Einmal geht es um die Frage, welche Geschichte ich erzähle – dann um das wie. Beim Schreiben braucht es eine andere Energie, einen anderen Blick auf das Material, da geht es nicht mehr ums grosse Ganze sondern um Wörter, Sätze. Und um gute Übergänge. Darum entlastet es mich, wenn ich weiss, in welchem Absatz ich was schreibe.</em></p>
<p>Jäggis knapp 8500 Zeichen langer Text enthält natürlich auch Kurzzusammenfassungen beider Filme und jeweils einen biografischen Abriss. Diese Pflichtelemente sind nicht starr hintereinander gereiht, sondern so verteilt, dass erst nach mehrmaligem Lesen auffällt, wie fokussiert sie ihre Vermittlungsaufgabe erfüllen und wie klar sie sich vom restlichen Artikel abgrenzen lassen.</p>
<blockquote><p>«Ich bin froh, wenn ich das Schreiben im engeren Sinn am Stück machen kann. Manchmal höre ich dabei stundenlang dasselbe Lied, um richtig einzutauchen. Fast immer im Büro.»</p></blockquote>
<p><em>Die Position von Pflichtstücken – etwa die Kurzzusammenfassung ihrer Filme – ergibt sich nicht aus dem Schreiben. Bei längeren Texten erstelle ich Storylines. Die kann man sich wie ein Filmdrehbuch vorstellen. Bei diesem Porträt habe ich mir die Textstruktur in einem Mindmap zurechtgelegt. Das Schreiben ist der letzte Schritt. Dann weiss ich schon, wofür ich 500 und wofür ich 1000 Zeichen benötige. Ich schreibe – mittlerweile – genau auf Länge. Ich bin froh, wenn ich das Schreiben im engeren Sinn am Stück machen kann. Manchmal höre ich dabei stundenlang dasselbe Lied, um richtig einzutauchen. Fast immer im Büro.</em></p>
<p>Viele «Zeit»-Artikel legen in einem Kästchen offen, welche Leitfrage hinter der Recherche stand. Fragen als Ansatz, die dank Format, Länge und Gestus der deutschen Wochenzeitung auch immer an Essays denken lassen. Bei «Narziss und Goldzahn» fehlt ein solcher Hinweis, trotzdem liess sich Jäggi von einer Frage leiten.</p>
<p><em>Während ich mich mit allem fülle, was über die Porträtierten existiert, finde ich meine Leitfrage. Bei dem Artikel steht sie auch im Lead: Wie viel vom einen steckt im Werk des anderen? Bei Lisa Brühlmann und Dominik Locher hat sich die Frage geradezu aufgedrängt, denn in ihren beiden Filmen geht es um Beziehungs- und Übergangsthemen. Pubertät auf der einen, Vaterschaft auf der anderen Seite und was das mit Beziehungen macht. Was ist eine Frau? Was ein Mann? Die beiden Künstler inszenieren sich ja auch als Paar – auf Social Media und in Interviews.</em></p>
<p>Die Leseerfahrung wird von dieser Frage geprägt. Jäggi spielt mit den Ebenen, überträgt auch stilistisch, wie Privates, die Selbstdarstellung des Privaten, das Filme machen und die Filme bei Brühlmann und Locher zum Kontinuum verfliessen. Etwa wenn Brühlmann eine Nebenrolle als Kassiererin in Lochers Film spielt und Jäggi nach der Schilderung davon durch einen Vergleich die Filmszene mit der erlebten Begegnung verbindet: «Nun sitzt sie im weichen Sofa des Café Mandarin in Zürich, die Verkäuferinnen-Locken aus Goliath sind ausgekämmt (&#8230;)» Diese Kniffe sorgen dafür, dass man die inhaltlichen Sprünge nicht als Sprünge liest. </p>
<p><em>Das Porträt lässt bewusst Leben, Filme und das Filmemachen miteinander verfliessen. Das Spiel mit den Rollen, das auch in unsere Begegnung reingewirkt hat, wollte ich transparent machen. Mir war aber von Anfang an klar, dass ich beide für sich würdigen und keinesfalls in einem Paar aufgehen lassen möchte. </em></p>
<p>Die Filme von Brühlmann und Locher erzählen von Schweizer Mittelland-Existenzen. Auch das Porträt von Jäggi schwenkt durch die Landesteile und setzt auf Lokalkolorit. Sogar eine Einschätzung von Lochers Dialekt fand in den Text. Vorkenntnisse über erwähnte Orte – etwa Dulliken zwischen Aarau und Olten – werden keine gefordert, wenn man sie aber kennt, entstehen beim Lesen zusätzliche Bilder.</p>
<blockquote><p>«Es gehört zum Konzept der drei Schweiz-Seiten der ‹Zeit›, dass wir uns auf allen Ebenen an diesem Land abarbeiten, in dem wir leben.»</p></blockquote>
<p><em>Ich habe bei der Arbeit an einem solchen Text keinen kulturjournalistischen Zugang, so wie ich auch keinen sportjournalistischen Zugang habe, wenn ich über eine Sportkletterin schreibe. Ich bin keine Filmjournalistin, die Beurteilung des Films nimmt wenig Raum ein. Es gehört zum Konzept der drei Schweiz-Seiten der «Zeit», dass wir uns auf allen Ebenen an diesem Land abarbeiten, in dem wir leben. Auch in einem solchen Porträt. Deshalb interessieren uns die Leute mindestens so sehr wie ihr Werk.</em></p>
<p>Jäggi stammt aus einem Dorf am Jurasüdfuss, was sie auch einmal für die Schweiz-Seiten der «Zeit» <a href="http://www.zeit.de/2014/17/schweiz-haerkingen-dorf-kindheit" rel="noopener" target="_blank">reflektiert hat</a>. 6,5 Jahre war sie Redaktorin der az Limmattaler Zeitung. Jäggis Werdegang wirkt in ihre Arbeit als Redakteurin der Schweiz-Seiten der «Zeit», weil sie auf die Facetten der Schweiz ausserhalb der grossen Städten sensibilisiert ist. Wie ihre Arbeit gelesen und eingeschätzt wird, habe sich aber verändert:.</p>
<p><em>Dass man manchmal eine Woche oder einen Monat an einem Artikel arbeiten kann, ist ein Privileg. Vieles mache ich noch genau gleich wie vor Jahren, als ich im Lokaljournalismus war. Es wird einfach anders betrachtet, weil es anderswo erscheint. </em></p>
<p>In den letzten drei Absätzen zoomt die Journalistin in «Narziss und Goldzahn» vom nahen Porträt raus in eine kritische Einordnung der Traumpaar-Selbstinszenierung. Bemerkenswert ist, dass sich der Artikel sogar selbst kommentiert: «Sie wollen auch darüber entscheiden, welches Bild von ihnen in der Zeitung erscheint. Setzen ihre PR-Agentin darauf an. Vergebens.» Nach dem Lesen dieses Satzes verändert sich die Wirkung des grossen Fotos, das in der Mitte der Seite prangt. </p>
<p><em>Diese Abschnitte hab ich bewusst an den Schluss genommen, eine Art Schlusspointe, die der Erzählung über die beiden ein neue entgegensetzt. Ich wusste, dass ich mich damit unbeliebt mache. Das gehört zum Beruf. Solche Urteile bringe ich aber nur, wenn ich nebst meiner Wahrnehmung weitere stützende Belege habe. In diesem Fall war das eine andere Berichterstattung. Das Zitat im zweitletzten Abschnitt findet sich fast wörtlich <a href="https://www.woz.ch/1748/durch-den-monat-mit-bruehlmann-und-locher-teil-5/wer-von-ihnen-beiden-ist-warhol" rel="noopener" target="_blank">in einem WOZ-Interview</a>. In unserem Gespräch hat Dominik Locher das Thema von sich aus angesprochen. </em></p>
<p>Wie viel Macho steckt in dem aufgeklärten Mann mit Goldzahn, der das Macho-Thema in seinem Film aufnimmt und trotzdem damit kokettiert? Jäggis letzter Absatz besteht aus zwei kritischen Fragen. Die zweite würdigt in ihrer kritischen Stossrichtung gegenüber Locher persönlich gleichzeitig das Leitthema von Lochers Werk: «Oder blitzt da etwas auf, was Locher in seinem Film Goliath zeigen will: das „«letzte, verzweifelte Aufbäumen des Patriarchats, wo Männer, wenn Frauen Kinder kriegen, nicht nur die Lust am Beschützen entdecken, sondern auch jene am Besitzen?» Das Verfliessen der Ebenen wird hier nochmals durchgespielt. Jäggi entlässt die Lesenden so mit einer Frage, die es ohne stilistische und inhaltliche Verzahnung von Film, Realität und (Selbst-)Inszenierung nicht gäbe.</p>
<p>Foto: Lea Hepp</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/01/08/manchmal-hoere-ich-zum-schreiben-stundenlang-dasselbe-lied/">«Manchmal höre ich zum Schreiben stundenlang dasselbe Lied»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Was kürzer als 35’000 Zeichen ist, finde ich heute schwierig»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/12/11/was-kuerzer-als-35000-zeichen-ist-finde-ich-heute-schwierig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Dec 2017 11:50:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Urs Mannhart über seine Reportage «Von Männern und Wölfen», erschienen in «Reportagen» Nr. 37. Aus den Beobachtungen und Notizen von zwei dreiwöchigen Kirgistan-Reisen ist auch eine Kurzgeschichte entstanden, die Mannhart beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorgelesen hat. Über die Arbeitsweise eines Grenzgängers zwischen Literatur und Journalismus. «Ich bin mit Schreibabsicht nach Kirgistan gefahren, <a href="https://medienwoche.ch/2017/12/11/was-kuerzer-als-35000-zeichen-ist-finde-ich-heute-schwierig/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich</a>: Urs Mannhart über seine Reportage <a href="https://reportagen.com/user/register?destination=content/von-m-nnern-und-w-lfen" rel="noopener" target="_blank">«Von Männern und Wölfen»</a>, erschienen in «Reportagen» Nr. 37. Aus den Beobachtungen und Notizen von zwei dreiwöchigen Kirgistan-Reisen ist auch eine <a href="http://files2.orf.at/vietnam2/files/bachmannpreis/201720/ein_bier_im_banja_2017_05_12_522296.pdf" rel="noopener" target="_blank">Kurzgeschichte</a> entstanden, die Mannhart beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorgelesen hat. Über die Arbeitsweise eines Grenzgängers zwischen Literatur und Journalismus.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/12/MW-So-schreibe-ich_Urs-Mannhart_20171211.jpg" alt="" width="1024" height="686" class="alignnone size-full wp-image-50816" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/12/MW-So-schreibe-ich_Urs-Mannhart_20171211.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/12/MW-So-schreibe-ich_Urs-Mannhart_20171211-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/12/MW-So-schreibe-ich_Urs-Mannhart_20171211-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/12/MW-So-schreibe-ich_Urs-Mannhart_20171211-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><br />
<em>«Ich bin mit Schreibabsicht nach Kirgistan gefahren, allerdings ohne vorher zu recherchieren: Eine Landkarte und Zugtickets von Moskau nach Bischkek für meine Übersetzerin und mich, das war alles. Für mich ist es nicht hilfreich davor, sieben andere Reportagen zu lesen. Denn dann erhellt jemand mit einer Taschenlampe ein paar bestimmte Ecken, die mich ablenken. Lieber gehe ich ganz ins Dunkle.»</em></p>
<p>Urs Mannhart ist Schriftsteller, Reporter und absolviert momentan eine Lehre auf einem Biobauernhof zwischen Bern und Solothurn. </p>
<p><em>«Meine zweite Reise nach Kirgistan kostete mich dann den gesamten Jahresurlaub im ersten Lehrjahr. Als ich im November 2016 zurückkehrte, hatte ich ein paar Ideen für die Grundstruktur der Reportage. In den Weihnachtsferien wollte ich mich an die Reportage setzen, aber dann erreichte mich die Anfrage vom Bachmann-Preis aus Klagenfurt. Das weckte mein Interesse, den Text erst einmal in eine andere Richtung zu treiben und die Hirne meiner Protagonisten zu öffnen – was in einer Reportage ja kaum möglich ist. So entstand der literarische Text.»</em></p>
<p>Die Kurzgeschichte «Ein Bier im Banja» kam bei der Jury in Klagenfurt nicht nur gut an. Die Vorwürfe: Wladimir Putin würde dieser Text gefallen, er entstamme einem Realismus des 19. Jahrhunderts und sei im besten Fall ironisch. Eine Jurorin kritisierte differenzierter mit den Worten: «Er beschreibt eben nur, das ist die Provokation.» In der Reportage «Von Männern und Wölfen» werden die Geschlechterverhältnisse noch stärker betont als in Mannharts Kurzgeschichte. Eine Reaktion auf die Rückmeldungen am Bachmann-Preis?</p>
<p><em>«Da sich die Darstellung der Geschlechterverhältnisse aus meinem Erleben speist, war ich etwas überrascht, dass dieses Thema von der Bachmann-Jury so stark gewichtet worden ist. Die Reportage habe ich nach Klagenfurt geschrieben, aber die Passagen, die die Geschlechterverhältnisse deutlich machen, besonders die Arbeitsverteilung im Haushalt, waren schon vorher geplant.»</em></p>
<p>Die Reportage endet mit dem Zielsatz: «Wenn er seine Dose geleert hat, wird er gewiss einverstanden sein, ihr heute noch sein Telefon zu leihen. Einen toleranten Ehemann zu haben, ist ein grosses Glück.» Damit zeigt sie die patriarchalen Verhältnisse in Kirgistan und erlaubt es den Lesenden sich zu positionieren. Mannhart hat sich also Mitte Juli 2017 an diese Reportage gesetzt – mehr als ein halbes Jahr nach seiner zweiten Reise.</p>
<p><em>«Wenn ich von einer Reise zurückkehre, habe ich meist Angst, zu wenig Material zu haben. Dann tippe ich als erster Arbeitsschritt alle Notizen ab. Am Ende sind es vielleicht 90&#8217;000 Zeichen, und ich denke: Ok, wahrscheinlich doch genug. Im Verhältnis zu meiner Gesamtaufenthaltsdauer erscheint mir das trotzdem wenig. Meine Notizen bestehen aus vollständigen Sätzen, aber sie sind von einer ersten Fassung gleich weit entfernt wie vom Stichwort.»</em></p>
<p>In «Von Männern und Wölfen» werden auch Auseinandersetzungen mit Wölfen szenisch wiedergegeben. An diesen Stellen erinnert die Reportage an einen Abenteuerroman im Stil von Karl May aus dem 19. Jahrhundert.</p>
<p><em>«Wenn ich denke, dass jemand wie mein Protagonist Asamat glücklicher ist, liegt das sicher auch daran, dass ich Westeuropäer bin. Klar, diesen Blick bekommt man nicht weg, das hat das Schreiben schwierig gemacht. Trotzdem empfand ich es von Beginn weg als Aufgabe, die Einflüsse dieser Perspektive gering zu halten. Wenn in der Schweiz jemand mit einem Feldstecher einen Wolf sieht, ist es anderntags in der Zeitung zu lesen. In Kirgistan packt man dieses Raubtier an den Ohren! Diese riesige kulturelle Distanz fasziniert mich. Und ich wollte sie textlich überwinden.»</em></p>
<p>In der letzten Zeile der ersten von fünfzehn Seiten steht das einzige «ich» im Text. «&#8230;und so, wie sie es erzählt, bin ich sehr gewillt, ihr zu glauben.» Dieses «Ich» prägt die restliche Lektüre, weil es eben das einzige bleibt. Lesende wissen, dass jemand spricht, der von mündlichen Erzählungen abhängig ist und eben – anders als in Mannharts literarischem Text – nicht in die Hirne seiner Protagonisten schauen kann.</p>
<p><em>«Die Erzählinstanz soll die Perspektive spiegeln – es geht ja darum, dass hier eine Mutter glaubt, ihr Sohn habe aufgrund der Tatsache, dass ihr Vater im Krieg mit dem Blut einer deutschen Pflegerin versorgt worden ist, leicht westeuropäische Gesichtszüge. Eine schwierige Passage, denn ich will mich ja nicht lustig machen über diese Mutter. Deswegen schien mir hier ein Ich nötig. Ich weiss nicht, vielleicht wirkt es von da an während des ganzen restlichen Textes. Wäre aber auch in Ordnung. In solchen Momenten zeigt sich gewiss auch der Unterschied zu anderen journalistischen Texten: Weil der Blick auf die Welt, wie ihn diese Mutter an den Tag legt, nicht in unsere aufgeklärte Welt passt, hätte diese Aussage in einem anderen Text vielleicht gar keinen stimmigen Platz gefunden. Dabei erzählt sie viel über das dortige Denken.»</em></p>
<p>Das Ich stand da nicht von Anfang an, sondern wurde von Mannhart in der Überarbeitung ergänzt. Mannhart schätzt, wie konzentriert bei «Reportagen» redigiert wird. Im finalen Text ist diese eine «Ich» nun entscheidend für ihn. Angetrieben durch die Rückfragen und Inputs der Redaktion fügte er unter anderem der perspektivischen Kniff mit dem «Ich» ein.</p>
<p><em>«Meine Zusammenarbeit mit «Reportagen» dauert ja schon eine Weile an, darum weiss ich, dass sie froh sind um eine Fassung, bei der noch einige Dinge formbar sind. Innerhalb der einzelnen Abschnitte war die redigierende Redaktorin prägend, aber was die Grundstruktur anging, nicht. Mit dem Titel habe ich auch nichts zu tun. Bis heute wüsste ich nicht, wie ich diesen Text betiteln würde.»</em></p>
<p>«Von Männern und Wölfen» berichtet auch von einer Erzählkultur. Das Ich markiert das, der episodische Aufbau bildet das ab: Man liest und überliest dann fast, dass man von einer Familienanekdote in die Makrogeografie gelangt, von einer kurzen Biografie in eine detaillierte Erklärung über die medizinische Anwendung von Wolfsleber, vom Kampf mit einem Wolf in die zweiseitige Beschreibung einer Partie Kok-Boru, ein Spiel bei dem Männer auf Pferden vor einem Publikum aus Männern versuchen, eine tote Ziege mit einem Arm zu ergreifen.</p>
<p><em>«Wenn man in der Jurte zusammensitzt und Stutenmilch trinkt, geht es meist vom Hundertsten ins Tausendste. Wenn der eine ein Thema anschneidet, kommt dem anderen noch was in den Sinn. Dann lässt der sich unterbrechen, denn der Unterbrecher durfte noch nicht so viel erzählen. Eine halbe Stunde später kommt es dann wieder zum Vorherigen zurück. Diese Stimmung wollte ich zumindest implizit abbilden.»</em></p>
<p>Nach dem zweiseitigen Cliffhanger springt die Reportage wieder zum szenischen Höhepunkt des Textes: zu Kalmirsas Kampf mit einem Wolf. Auch diese entstand als Destillat von zahlreichen, sich gegenseitig präzisierenden Erzählstimmen. Die journalistische Sauberkeit bleibt gewahrt dank dem einführenden Satz: «Auch eher aussereuropäisch ist die Geschichte Kalmirsas, die in Suusamyr Aufsehen erregt, und die Geschichte geht so:» </p>
<p><em>«Wir sind zwei Mal drei Stunden gefahren, um mit Kalmirsa zu sprechen. Beide Male war er entgegen seinem Versprechen nicht zuhause. Beim zweiten Anlauf war immerhin seine Frau da, mit ihr die halbe Verwandtschaft und zwei Nachbarn. Ich stellte eine einzige Frage: «Wie war das damals, als dein Ehemann vom Wolf gebissen wurde?» Danach konnte ich den ganzen Abend lang zuhören und notieren. Die vielen Leute, die die Erzählung der Frau mit Einwürfen und Widerreden garnierten, hatten ein vitales Interesse daran, die Wahrheit zu erzählen. Wenn es auch bloss ihre eigene Wahrheit war, hatte ich so doch immerhin eine minimale Garantie, dass sich diese Geschichte ungefähr so abgespielt haben musste! Weil die erzählten Details dicht waren, hatte ich keine Mühe, anschaulich zu beschreiben. Oft ist es ja überraschend schwierig, von Dingen zu schreiben, die man selbst erlebt hat. Bei Szenen, die ihre Basis in meinem Erleben haben, bin ich manchmal, auch wenn es um Grundsätzliches geht, ziemlich blind.»</em></p>
<p>In den redaktionellen Leitlinien von «Reportagen» steht: «Wir lieben die literarische Reportage, solange die Autorinnen und Autoren kein reines «l’art pour l’art» betreiben, sondern ihre Könnerschaft in den Dienst des recherchierten Stoffs stellen.» Aber was soll das denn sein, eine «literarische Reportage»?</p>
<p><em>«Bei einer literarischen Reportage steht für mich das Erzählen klar im Vordergrund – deshalb darf das Thema abseitiger sein als in herkömmlichen journalistischen Texten. Als Schriftsteller glaube ich: Wenn etwas schön erzählt ist, findet es Anklang bei der Leserschaft.»</em></p>
<p>Der Fokus auf den Stil ändert nichts an der Verpflichtung gegenüber dem journalistischen Ethos. So steht es in den Leitlinien von «Reportagen». Mannharts Bezug zu seiner Arbeit ist aber insofern anders als jener von angestellten Journalisten, weil er in seinem Schreiben keine Deadlines kennt. Er findet bereits die Frage sehr spekulativ, ob mit Deadline ein anderer Text entstanden wäre, weil er sich nicht vorstellen kann, dass eine Redaktion jemanden mit einem Schreibauftrag nach Kirgistan schickt.</p>
<p><em>«Ich habe mit den meisten Texten im Tagesjournalismus das Problem, dass sie ihre Genetik verschleiern. Mir gefällt der Raum, der es erlaubt, die Entstehungsgeschichte eines Textes fühlbar zu machen.»</em></p>
<p>Im Unterschied zur Kurzgeschichte ist in der Reportage der Bezug zur Realität transparent und bindend. In «Von Männern und Wölfen» wird klar, was Mannhart erlebt hat und was er nur gehört hat. Mannhart arbeitet in der Reportage journalistisch – auch wenn manche Passagen nicht von einer Realität sondern einer Erzählkultur berichten. </p>
<p>Schon als Mannhart während seiner Studienzeit für den «Bund» arbeitete, ging er am liebsten an «irgendeine Hundsverlochete», bei der es ums Beschreiben von Atmosphäre ging. Seine Interesse am Abseitigen beruht auf Überzeugung: </p>
<p><em>«Meist erzählt ein Gespräch mit dem Abwart mehr als die ausgewogen verteilten O-Töne der drei wichtigsten Entscheider über eine Mehrzweckhalle. Mich interessiert eine Flughöhe, die im Tagesjournalismus nur selten möglich ist. Vielleicht hätte ich schon damals, als ich im Tagesjournalismus gearbeitet habe, den Mut haben müssen, nach mehr Platz zu fragen. Den Mut zu sagen, dass ich nicht nur Bericht erstatten, sondern darlegen möchte, wie ich vorgegangen bin, Atmosphäre vermitteln. Inzwischen hätte ich sicher auch mit dem Umfang Mühe: Alles, was kürzer als 35’000 Zeichen ist, finde ich heute schwierig.»</em></p>
<p>Bild: Aurélie Zaugg, Bearbeitung: Marco Leisi</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/12/11/was-kuerzer-als-35000-zeichen-ist-finde-ich-heute-schwierig/">«Was kürzer als 35’000 Zeichen ist, finde ich heute schwierig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Habe ich ein Thema gefunden, male ich Mindmaps»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/10/12/habe-ich-ein-thema-male-ich-mindmaps/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin von Wyl]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Oct 2017 09:45:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[So schreibe ich]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=48433</guid>

					<description><![CDATA[<p>So schreibe ich: Nina Kunz über ihre Kolumne «Die Blue Whale Challenge» in der Rubrik «Lexikon der Gegenwart» im «Magazin» vom 9. September 2017. Die grösste Herausforderung sei es hier gewesen, «den Grat zwischen Voyeurismus und Aufklärung zu finden». Nina Kunz schreibt eine Kolumne über die «Blue Whale Challenge», ein Internetspiel, das Teenager zum Selbstmord <a href="https://medienwoche.ch/2017/10/12/habe-ich-ein-thema-male-ich-mindmaps/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://medienwoche.ch/tag/so-schreibe-ich/">So schreibe ich</a>: Nina Kunz über ihre Kolumne «Die Blue Whale Challenge» in der Rubrik «Lexikon der Gegenwart» im «Magazin» vom 9. September 2017. Die grösste Herausforderung sei es hier gewesen, «den Grat zwischen Voyeurismus und Aufklärung zu finden». </strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/10/MW-SSI-Nina-Kunz_20171011.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="alignnone size-full wp-image-48435" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/10/MW-SSI-Nina-Kunz_20171011.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/10/MW-SSI-Nina-Kunz_20171011-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/10/MW-SSI-Nina-Kunz_20171011-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/10/MW-SSI-Nina-Kunz_20171011-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/10/MW-SSI-Nina-Kunz_20171011-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Nina Kunz schreibt eine <a href="https://pastebin.com/xgYKuNDU" target="_blank">Kolumne über die «Blue Whale Challenge»</a>, ein Internetspiel, das Teenager zum Selbstmord motiviert. Es handelt sich um ein Generationenthema in einer Generationenkolumne. Doch im Zentrum dieses Eintrags im «Lexikon der Gegenwart» geht es um Suizid. Voyeurismus gehören da ebenso zur Lesemotivation wie gesellschaftliche Ängste. Damit musste Kunz umgehen und trotz der verlockenden Abzweigungen zu billiger Aufmerksamkeit, auf beschränktem Platz auf inhaltliche Auseinandersetzung fokussieren. Kunz begegnete dem Thema ohne zu moralisieren oder zynisch zu werden. Ihr Text hält die Gratwanderung aus.</p>
<p><em>«Das Konzept des «Lexikons der Gegenwart» habe ich einer Gruppe Gymnasiastinnen erläutert und meine Themen durch sie gegengecheckt, denn natürlich bin ich nicht mehr 16. Ich bin 24 &#8211; genau in der Mitte zwischen 18 und 30. Deshalb kann ich meinen Themen reflektiert begegnen, aber trotzdem üben sie immense Wirkung auf mich aus. Ich verbringe sehr viel Zeit auf Instagram.»</em></p>
<p>Die anderen Kolumnen von Nina Kunz tragen Titel wie «Kim Kardashians Gesäss», «YOLO» oder «Digital Detox». Nomen ist bei ihr omen: Jede Kolumne verhandelt jeweils ein Gegenwartsphänomen. Die «Blue Whale Challenge» ist bisher das einzige, das – Kunz Kolumne bleibt da genauso ambivalent wie Wikipedia – potenziell hunderte Tote zur Folge hatte.</p>
<blockquote><p>Die Texte von Nina Kunz erklären der «Magazin»-Leserschaft nicht nur, was gerade in den Lebenswelten, die Instagram zum Zentrum ihres Sonnensystems haben, geschieht, sondern enden in Grundsatzfragen.</p></blockquote>
<p><em>«Ich bin zwischen Joan Didion- und Susan Sontag-Büchern aufgewachsen. Es war immer klar: Frauen schreiben. Und Frauen schreiben nicht nur über die leichten Themen, für die sich Carrie Bradshaw aus Sex &#038; the City interessiert. Eine der Gymnasiastinnen hatte mir den Hinweis auf die «Blue Whale Challenge» per Whatsapp geschickt. Ich rief sofort in der Redaktion an, um einen neuen Text anstelle des bereits für diese Woche geplanten anzukündigen.»</em></p>
<p>Kunz&#8216; Texte erklären der «Magazin»-Leserschaft nicht nur, was gerade in den Lebenswelten, die Instagram zum Zentrum ihres Sonnensystems haben, geschieht, sondern enden in Grundsatzfragen. Ihre Texte sind meta, was das Vorhaben über die «Blue Whale Challenge» zu schreiben, noch heikler gestaltet.</p>
<p><em>«Selbst wenn die «Blue Whale Challenge» nur ein Märchen ist, finde ich sie extrem aufwühlend. Deshalb war es eine Herausforderung, den Grat zwischen Voyeurismus und Aufklärung zu finden. Mir ist es wichtig, das Thema zu verorten, aber es mit der Kolumne nicht noch aufzubauschen.»</em></p>
<blockquote><p>«Das Kolumnenschreiben ist ein Spiel mit dem Erwartbaren.»</p></blockquote>
<p>Das Layout gibt dem «Lexikon der Gegenwart» den Fokus auf der Doppelseite, denn der Reihentitel im pinken Balken ist das einzige farbige Element. Die Texte von Daniel Binswanger und dem Geschichtsprofessor Oliver Zimmer kämpfen ohne Farb-Doping um Aufmerksamkeit. Beim ersten Lesen der «Blue Whale Challenge» denkt man während den ersten zwei Absätzen, es handle sich um ein absurdes, aber im Kern harmloses Jugendphänomen. Formulierungen wie «das kränkste Spiel, das im Internet je gespielt wurde&#8230;» tragen neben dem farbigem Balken eher zur empfundenen Harmlosigkeit bei. Bis zum letzten Satz des zweiten Absatzes, ein Zitat aus den Anweisungen, die Teilnehmer*innen der «Blue Whale Challenge» erhalten: «Töte dich selbst!»</p>
<p><em>«Das Kolumnenschreiben ist ein Spiel mit dem Erwartbaren. Statt dass man wie im Tagesjournalismus gewisse Werkzeuge, zum Beispiel den szenischen Einstieg, wählt, darf man in einer Kolumne sperrig sein, Fragen offen lassen oder eine ambivalente Position einnehmen.»</em></p>
<blockquote><p>Für jede Kolumne erstelle ich einen kleinen, physischen Ordner. Darin sind die Artikel, mit denen ich mich eingelesen habe, meine Ideen und handschriftlichen Skizzen.</p></blockquote>
<p>Danach folgt ein Faktenstakkato: Über 100 Tote werden mit der «Blue Whale Challenge» bereits in Verbindung gebracht, Regierungen seien alarmiert und die BBC habe den Urheber des Selbstmord-Spiels ausgemacht. Wer beim Lesen bis dahin geglaubt hat, hier schreibe jemand locker und assoziativ vor sich her, wird eines Besseren belehrt. Satz für Satz ist getaktet. Das «Jö» und das «Yeah» genauso wie die Bezugnahme auf den Philosophen Byung-Chul Han.</p>
<p><em>«Habe ich ein Thema, male ich Mindmaps. Für jede Kolumne erstelle ich einen kleinen, physischen Ordner. Darin sind die Artikel, mit denen ich mich eingelesen habe, meine Ideen und handschriftlichen Skizzen. Lege ich dann alles sauber aus, ist mein Tisch voll. Bei dieser Sichtung sortiere ich aus und finde für mich raus, welchen Argumentationsweg ich gehe. Dann schreibe ich vielleicht einen Einstieg und geh nochmals zurück zu meiner Materialauslage. Die Arbeit ist ein Dialog mit mir selbst.»</em></p>
<p>Kunz steigt mit realen Blauwalen ein: «Manche Blauwale sind suizidal.» Eine verwirrende Botschaft und Kunz erster Satz. Bebildert und erklärt, wird er im zweiten, kaum längeren Satz. Der dritte gibt dem Text schon wieder eine andere Wendung. Kunz setzt oft neu an – beim ersten Lesen fällt das kaum auf.</p>
<p><em>«Der Mut zum Bruch zwischen zwei Absätzen fehlte mir lange. Im Tagesjournalismus hat der selten Platz. Manchmal habe ich während dem Tippen das Gefühl, da klaffe ein Abgrund zwischen zwei Absätzen, aber lese ich den Text dann nochmals mit Abstand, wirkt es stimmig.»</em></p>
<blockquote><p>«Erst durch die Arbeit am ‹Lexikon der Gegenwart› realisiere ich, dass ich nirgends – auch nicht an der Uni – gelernt habe, wirklich gute Argumente zu bilden.»</p></blockquote>
<p>Kunz Kolumne über die «Blue Whale Challenge» funktioniert dank der Furchtlosigkeit gegenüber Brüchen, aber die Brüche sind sauber, es sind Sollbruchstellen. Für unnötige Brüche fehlt auch der Platz. In nur 2287 Zeichen setzt der Text vier Mal neu an, atmet an für eine weitere verdichtete Argumentationskette.</p>
<p><em>«Erst durch die Arbeit am ‹Lexikon der Gegenwart› realisiere ich, dass ich nirgends – auch nicht an der Uni – gelernt habe, wirklich gute Argumente zu bilden. Ich investiere viel Zeit ins Bilden von Argumenten. Es sind so wenig Zeichen! Ich hab ein Phänomen wie die «Blue Whale Challenge» und es ploppen so viele Argumente und Erzählwege auf, aber ich muss mich für genau einen Weg entscheiden. Wir haben eine Woche Zeit, um eine Ausgabe des ‹Magazins› zu produzieren. Darum muss ich jeden einzelnen Satz gegenüber meinem Redaktor Mikael Krogerus verteidigen können. Jeder Satz, der ins Magazin kommt, wird umgedreht. Die Dimension Zeit macht journalistische Texte besser.»</em></p>
<p>In der Autorenzeile von Kunz steht, sie sei Historikerin und Journalistin. In dieser Reihenfolge.</p>
<p><em>«Der Philosoph Byung-Chul Han, der in der Kolumne zur «Blue Whale Challenge» vorkommt, unterscheidet zwischen Information und Wissen. Wissen entzieht sich dem Konsum, Information könne man konsumieren. Ich fühle mich als Hybridmensch zwischen Wissenschaft und Journalismus. Im «Lexikon der Gegenwart» versuche ich Themen, die auf den ersten Blick konsumierbar oder prollig erscheinen, so zu verhandeln, dass sie relevant werden. Mich interessiert es, alle Denkebenen in den prolligsten Themen freizulegen. Ich versuche von einem einzelnen Phänomen zu «What does it all mean?» wegzuzoomen.»</em></p>
<p>Die «Blue Whale Challenge» ist eine harte Kolumne. Sie hebt sich thematisch von anderen Texten im «Lexikon der Gegenwart» ab. Sie entfaltet beim Lesen, auch deshalb, Wirkung. Aber sie gefällt sich nicht in ihrer Härte! Das ist entscheidend. Denn wenn die harten Themen Konzept in einer Generationenkolumne wären, wäre das Konzept zynisch. Wenn sich die harten Themen ins Konzept einfügen, wäre es aber genauso zynisch, sie zu umschiffen. Der nächste Beitrag im «Lexikon der Gegenwart» war mindestens so relevant. Er handelte von der Sensibilität und Empathie von Kunz&#8216; Generation.</p>
<p>Bild: zVg/Nina Kunz</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/10/12/habe-ich-ein-thema-male-ich-mindmaps/">«Habe ich ein Thema gefunden, male ich Mindmaps»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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