Ruhe in Unruhe, Rebell.tv

Stefan M. Seydel zieht seine Rebell.tv-Hose aus (Bild: mit Dank an kobi.ch)
Ronnie Grob, 18. Februar 2011, 09:38

Das 2010 zu Ende gegangene, nicht leicht fassbare Blogprojekt Rebell.tv von Stefan M. Seydel wurde von den Journalisten stets gründlich missverstanden. Ein Erklärungsversuch.

Seit Silvester 2010 ist «/sms ;-)», wie Stefan M. Seydel seine E-Mails unterschreibt, ohne Blog. Rebell.tv ist gelöscht und verloren, 16.000 Blogeinträge weg. Die Serverkosten von über 800 Franken im Monat waren nicht mehr tragbar. Die 3000 Videos und 500 Podcasts sind noch vorhanden, aber offline. Und auch bei den sozialen Medien ist er nicht mehr dabei. Unzählige Konten im Web und ihre Inhalte hat er während einer «Social Media Suicide» genannten Aktion im Zürcher Cabaret Voltaire gelöscht. Noch immer stösst Seydel auf noch nicht gelöschte Konten bei sozialen Medien, nur den Twitter-Nutzernamen @sms2sms hat er behalten. Facebook meldete sich vier Tage nach der offiziellen Löschung; seine Daten seien alle wieder da, falls er den Ausstieg inzwischen bereue.

Viele haben nie verstanden, was Seydel mit der Unterstützung von Tina Piazzi (Geschäftsleitung, Konzeptionierung, Publikationen) und Kartonagenhersteller Daniel Model (Finanzierung) die letzten Jahre machte. Den Satz «Du willst zum Fernsehen» habe er oft gehört. Andere waren überzeugt, er wolle sie mit einer dadaistischen Show zum Narren halten. Seine Antwort war stets: «Wir arbeiten am Sozialen.»

Derzeit twittert er jeden Morgen um 10 Uhr den Satz «DIESER ORT IST SICHER» – an sieben Tagen in der Woche. Denn: «Die Welt bei Twitter ist so beschaffen, dass mein Wirken nicht dauernd missverstanden wird.» Er ist der festen Überzeugung, dass es im Internet Formen geben muss, die ausserhalb der klassischen Publikationsformate liegen: Auch Skizzen, Entwürfe und Träume sollen ihren Raum haben. Nicht jeder Gedanke, den er im Netz abgelegt habe, sei im gleichen Stadium. Die Warnung «achtung: dieser zettelkasten ist KEIN subtraktionsblog» war hinter jedem Blogeintrag zu lesen: eine vorsorgliche Mitteilung, dass der Eintrag nicht anstrebe, verdichtetes Material zu beinhalten, wie es im Journalismus üblich ist.

Es falle offenbar nicht leicht, sich vorzustellen, dass es noch gänzlich andere Gründe für ein «offen zugängliches» Ablegen von Informationen geben kann. Seydel sieht das Web nicht als Distributions-, sondern als Kommunikationsapparat, ganz nach der Radiotheorie von Bertolt Brecht. Er ruft, als ich ihm sage, dass er doch aber publiziere, sobald er etwas online stelle: «Ich bin nicht am publizieren, ich bin am ablegen!»

Und doch publiziert er auch auf Papier. Auf Band 1 von «Die Form der Unruhe», einem fast zwei Kilo schweren Sofatisch-Wälzer, der zu einem guten Drittel aus Videostills besteht, folgte die handliche und leicht lesbare Theorieschrift von Band 2. Die Idee zu Band 3, der in Form einer Festplatte erscheinen sollte, ist inzwischen beerdigt.

Journalismus ist Seydel wichtig; er sieht sich loyal verbunden mit jenen, die seiner Meinung nach «guten Journalismus» machen. Die NZZ liest er seit vielen Jahren schön altmodisch auf Papier. Erkenntnistheoretisch hält er Journalismus allerdings für ein «absolutes Entwicklungsgebiet»: «Die Medienhäuser zeigen zuwenig, dass sie 200 Jahre nach etablierter Aufklärung am Publizieren sind.» Copy-Paste-Journalismus, hohle Echokammern, Fan- und Hordenjournalismus, wie er trotz den ständig zu hörenden Qualitätsbeschwörungen häufig vorkomme, brauche niemand – «jeder gute Journalist würde das ablehnen». Dass das Inhaltsverwaltungssystem des Tamedia-Newsnetz den Namen «Content Dictator» trägt, sei sehr bezeichnend. «Die haben einen ungeheuren Druck, ihre Produkte in Container abzufüllen.» Dass sich «diese sprach- und anders sensiblen Journalisten» x Stunden am Tag von einem «Dictator» versklaven lassen und keinen wirksamen Aufstand proben, findet er bemerkenswert.

Seydel redet in Ich-Sätzen: «Ich wollte keinen Blogverlag gründen. Ich habe meine Fragen. Ich habe immer an meinen Fragen rumgemacht, mich hat das Forschen an diesen Fragen beschäftigt. Ich habe nie gemeint, dass jemand kommt und sagt: Ich möchte meine Werbung nach Deinen Texten haben. Ich wollte auch nie eine Person schaffen aus mir, damit ich mit mir Werbung verkaufen könnte.» Wer diese Reihe liest, könnte annehmen, dass da ein Egozentriker spricht, der andere nicht zum Zug kommen lässt. Das Gegenteil ist der Fall: Kaum ein Journalist hat aus Interesse an Thema und Mensch so unermüdlich Gespräche angebahnt und sie so enthusiastisch geführt. Er hat wohl mehr Menschen zum Reden gebracht als manche Redaktion. Neben den vielen Diskussionen mit eher unbekannten Gesprächspartnern in Erinnerung bleibt zum Beispiel die Begegnung mit Tito Tettamanti beim Verkauf der Jean-Frey-Gruppe. Mit seiner Art, Fragen zu stellen, kriegte er mehr aus dem Financier raus als andere Journalisten.

Zu Beginn war es kein Problem, Leute vor die Kamera zu bringen («das erscheint nur im Internet? Na dann sieht es ja eh niemand»). Doch gegen Schluss waren viele skeptisch. Es mehrten sich auch die Anfragen von ehemaligen Gesprächspartnern, die nicht länger ertragen konnten, ihr Gespräch im Web, auf Rebell.tv, zu sehen. Zweifel kamen auf, ob es angemessen ist, sich so spontan im Internet zu zeigen. Schadet es vielleicht der Karriere, so unbefangen in ein Mikrofon zu reden?

Ein WOZ-Artikel im Januar 2010 führte dazu, dass Seydel und Piazzi von nicht wenigen Lesern dieser Zeitung inzwischen distanziert behandelt werden. Autor Wolfgang Steiger stellte «seltsame Verbindungen» zu Investor Daniel Model fest: Rebell.tv sei das «Staatsfernsehen» des von Model ausgerufenen Gedankenstaats «Avalon», der drei Mitglieder und eine eigene Währung umfasst; und sich erlaubt, Gedanken zum Sozialstaat zu machen. Steiger folgerte, Seydel gehöre den «neuen Rechten» an. Tatsächlich agierte Rebell.tv stets autonom. Die durchaus umfangreiche Finanzierung von Millionär Model erfolgte ohne jede Koppelung an redaktionelle Inhalte.

Ausgerechnet ein «dipl. Sozialarbeiter FH», denn das ist Seydel, soll eine Art Propagandaminister der neuen Rechten sein? Nein. Mit Rebell.tv versuchte Seydel, die eigenen Fragen zum brandaktuellen Medienwandel gemeinsam mit anderen zu beantworten. Seine unbefangene Herangehensweise führte in tausenden Gesprächen an allen möglichen Anlässen dazu, dass sonst von hart nachfragenden Journalisten in die Defensive gedrängte Personen plötzlich gesprächig wurde, drauflos plauderten und ganz andere Seiten zeigten als die der Öffentlichkeit bekannten. Wer sich mit seinem Werk beschäftigt, das Quellen stets unangetastet lässt, den Umgang damit aber ständig neu erfindet, muss Geduld und Interesse mitbringen. Schnelle, kurze, eindeutige Antworten, wie sie Journalisten lieben, sind da nicht zu haben.

Nicht jeder, der Texte und Videos ins Netz stellt, ist ein Journalist oder möchte einer sein. Oder wie «/sms ;-)» es aufschreibt: «lesen/schreiben, fotografieren, filmen, podcasten etc. etc. ist KEINE spezialität von journalistenden. lesen/schreiben ist eine traditionellst ‘wissenschaftliche’ (aufklärung, moderne) tätigkeit. das die technik der dokumentation (abbilden, abzeichnen, ausmessen, festhalten etc. etc.) ebenfalls.»

Ronnie Grob
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Leserbeiträge


  1. Bobby California, 18. Februar 2011, 10:08

    «Rebell.tv von Stefan M. Seydel wurde von den Journalisten stets gründlich missverstanden»: Einmal mehr ist die Rollenverteilung bei Ronnie Grob klar: hier die ahnungslosen Journalisten – dort die Blogger, die zu raffiniert sind, als dass sie von den tumben Journalisten verstanden werden könnten. Wer Stefan Seydels Wirken verfolgt hat, kommt jedoch zum Schluss, dass dieser Mann alles tat, um nicht verstanden zu werden. Ich versuchte ein paar Mal, seine Texte zu lesen, aber ich konnte in Seydels Textproduktion kein Bemühen erkennen, seine Gedanken so zu formulieren, dass sie bei den Lesern ankommen. Fazit: Das Unternehmen Rebell Teevau war vor allem für seinen Urheber interessant, Aussenstehende profitierten von seinem Privatspass eher wenig. Seine Journalismuskritik war stets von ätzendem Neid geprägt, was sich unter anderem in penetrant wiederholten Formulierungen wie «huch!professioneller schurnalismus» zeigte.

    «Die durchaus umfangreiche Finanzierung von Millionär Model erfolgte ohne jede Koppelung an redaktionelle Inhalte»: Darf man in einem Medienmagazin so naiv argumentieren? image description

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    • Nick Lüthi, 18. Februar 2011, 11:36

      Einmal mehr ist die Rollenverteilung bei Bobby California klar: hier sein Intimfeind Ronnie Grob, dort der ehrenhafte Journalist Bobby C. (oder was bist du eigentlich hinter deinem albernen Pseudonym?). Die Einleitung hättest du dir sparen können, denn nun wertet sie den Rest des sonst spanenden und substanziellen Kommentars ab.
      Den Seitenhieb am Schluss verstehe ich nicht: Das ist doch einfach die Feststellung, dass Model bezahlt hat, ohne formell Einfluss auf den redaktionellen Kurs zu nehmen. Seydel hatte Carte blanche und hat davon auch ausgiebig Gebrauch gemacht. Dass er seinen Mäzen nicht anpisst, liegt ja auch auf der Hand. image description

      Antworten...

      • Bobby California, 18. Februar 2011, 15:33

        Richtigstellung: 1. Mein Pseudonym ist nicht albern, sondern von einem Songtitel des genialen Curt Boettcher entlehnt. 2. Ronnie Grob ist nicht mein Intimfeind. Ich kenne ihn nicht mal. Ich setze mich nur kritisch mit seinem Schaffen auseinander. 3. Ich bin Journalist. Und mich stört es nun mal, wenn man, ohne Beweise für die Unterstellung zu liefern, einer ganzen Berufsgruppe pauschal unterstellt, ein Projekt, das gar nicht auf Verständlichkeit angelegt war, «stets gründlich missverstanden» zu haben. 4 «Den Seitenhieb am Schluss verstehe ich nicht»: Es ist doch bekannt, dass man die Hand nicht beisst, die einen so grosszügig füttert. Rebell Teevau war selbstverständlich vööööllig unabhängig von Daniel Model. Es war absoluuuuuuter Zufall, dass über diesen Kanal nie etwas Kritisches über den Unternehmer Model zu lesen war. Es war auch Zufall, dass auf Rebell Teevau nie etwas Kritisches zu lesen war über Hummler, die Monatshefte und den Rest des neoliberalen Ostschweizer Universums. Stattdessen hat Seydel seinen Mäzen stets auf Biegen und Brechen gegen die fundierte Kritik der WoZ und anderer Medien verteidigt. 5. «Dass er seinen Mäzen nicht anpisst, liegt auf der Hand»: Du sagst es. Wobei es noch viele Abstufungen gibt zwischen «anpissen» und Hofberichterstattung. image description

        Antworten...


  2. Mic Meier, 18. Februar 2011, 14:39

    Das muss ich jetzt einfach loswerden: «Die durchaus umfangreiche Finanzierung von Millionär Blocher erfolgte ohne jede Koppelung an redaktionelle Inhalte.» image description

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  3. laura, 18. Februar 2011, 15:00

    Auch ich habe immer wieder versucht diesen Seydel zu verstehen. Hat aber nie geklappt, sorry. Irgendwie wirr. Und auch in diesem Artiekl über ihn wieder das gleiche. Ich raffs einfach wirklich nicht. Was machte der? Und was soll dasmit dem Tweet? Undist Verwirrung stiften ein Konzept? Mir sagt das nichts. Gestört hats mich aber auch nie. image description

    Antworten...


  4. stefan m. seydel/sms ;-), 18. Februar 2011, 18:02

    vielen dank, ronnie.

    so lässt sich nun am eigenen beispiel ein benchmarking der aktuellen mediendienstleistenden im deutschsprachigen quartier der kleinstadt schweiz herstellen:

    17.12.2010, kleinreport.ch
    "Ich möchte den Medienmachern beim Denken zusehen"
    Kleinreport im Gespräch mit Philipp Meier über rebell.tv
    http://www.kleinreport.ch/news/ich-moechte-den-medienmachern-beim-denken-zusehen-63025.html

    25.11.2010, persoenlich.com
    "Man schickt Geld zu Tamedia und hinten raus kommt Information"
    Corinne Bauer
    http://persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=92081

    (mehr ist mehr: http://rebell.tv/index.php?id=9)

    und: was wäre eigentlich, wenn das rebell.tv des sozialarbeiters (übrigens master, nicht fh ;-) gar kein journalistisches projekt gewesen wäre?
    - unsere eigene definitionsversuche finden sich in band 2 - die praxis - von "Die Form der Unruhe": http://dfdu.org

    und: warum fragt eigentlich niemand hanspeter spörri/sri, ob er in seiner arbeit für rebell.tv durch unseren investor gegängelt worden sei?
    - alle seine texte finden sich in band 1 - das statement - von "Die Form der Unruhe": http://dfdu.org

    und: wenn wir "hofberichterstattung" gemacht hätten für andere projekte unseres investors: woran könnte das erkannt werden? ich meine: zählbar, zeigbar, inhaltlich?
    - thematisch-inhaltliche zusammenfassung unserer arbeiten finden sich weiterhin unter: http://magazin.rebell.tv/ image description

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