von Antonio Fumagalli

Wie unser Kioskforscher in der Sportabteilung zu «Socrates» fand

Aus der Türkei kommt das neue Sporthintergrundmagazin «Socrates», benannt nach dem gleichwohl genialen wie politischen und stilbildenden Fussballer. Das weckt hohe Erwartungen – zu hohe, wie ein Blick in das stylisch aufgemachte Heft zeigt. «Socrates» ist nur äusserlich so attraktiv wie sein brasilianischer Namensgeber.

«Das denkende Sport-Magazin»

Wer sein Sportmagazin «Socrates» nennt, geht ein Risiko ein. Socrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira war nicht nur einer der begnadetsten Fussballer seiner Generation, er war auch ein sozial und politisch überaus engagierter Zeitgenosse. Und natürlich stand bei der Magazins-Namensgebung auch der griechische Philosoph Pate. Das verpflichtet. Leider kann «Socrates», das sich selbst nicht unbescheiden «Das denkende Sportmagazin» nennt, diese Erwartung nicht erfüllen: Der Verleger beginnt sein Editorial zwar mit einem Zitat einer berühmten Autorin und philosophiert ansatzweise über die Bedeutung von Glück – dem Titelthema – im Sport, bald schon flacht das Niveau aber ab. Auch sprachlich gibt es keine Höhenflüge.

Interviews, Interviews, Interviews

Drei von vier Geschichten, die auf dem Cover angerissen werden, sind Interviews. Zu viel, zumal diese schwerfällig zu lesen sind. Dass Sportler nur selten geistreiche Antworten geben, ist hinlänglich bekannt. Wenn aber die erste Frage eines Gesprächs lautet: «Sind Sie in der Formel 1 schon angekommen?», dann ist Hopfen und Malz schon von Beginn an verloren. Immerhin – das sieht man sonst selten – würdigen andere Sportler die interviewte Person manchmal noch aus eigener Perspektive.

Wer ist denn das?

Auch wenn man sich für Sport interessiert, sind einem viele der porträtierten und interviewten Personen unbekannt. Oder haben Sie schon mal von Patrick Femerling oder Tatyana Mc Fadden gehört? Das muss per se nichts Schlechtes heissen und über einzelne Persönlichkeiten wie den legendären Tour-de-France-Reporter Gianni Mura erfährt man Kurliges (weil er mit Überzeugung fortschrittsfeindlich ist), das bleibt jedoch die Ausnahme. Gerade bei wenig bekannten Sportlern wären Angaben zu Biografien besonders wichtig und nützlich, doch die fehlen komplett.

Zu viele Promis

Ohnehin: Das ganze Magazin ist zu stark auf Personen fokussiert. Was sich auf der Front anbahnt, setzt sich hinten fort. Da wird der Sänger einer Hardcore-Band über Fussball befragt, da darf Eder, der portugiesische Siegestorschütze der Euro 2016, von seinen letzten, schwierigen Monaten erzählen. Viel lieber hätte man aber (mehr) hintergründige Sport-Geschichten gelesen – oder aber Erklärungen für den Laien. Wie ist es möglich, dass ein Trainer eine zuvor erfolglose Mannschaft übernimmt und fortan nur noch gewinnt? Wie hat sich die Taktik im modernen Fussball verändert? Warum interessieren sich fast nur noch autoritäre Staaten für die Austragung von sportlichen Grossanlässen? Löbliche Ausnahme: Der überaus lesenswerte, allerdings wiederum personenbezogene Text über Bekir Refet, den ersten türkischen Fussballer in Deutschland.

Politisch aktiver Verleger

Apropos: Das Magazin stammt aus der Türkei, dessen deutscher Ableger «Democracia Verlag» heisst. Wer jetzt «ausgerechnet!» schreit, tut dem Erdogan-kritischen Verleger, der die Gezi-Park-Proteste mitinitiiert hatte, allerdings unrecht. Den Türkei-Hintergrund merkt man dem Heft abgesehen vom Autorenpool nur bedingt an, die meisten Texte haben einen Bezug zu Deutschland. Wer sich für Schweizer Sport(ler) interessiert, kommt zu kurz. Nur Federer – wer sonst? – wird am Rande erwähnt.

Noch ein weiter Weg aufs Podest

«Socrates» spielt in der gleichen Liga wie «11 Freunde» oder «No Sports» – oder versucht es zumindest. Im Kampf um den Meistertitel der Sport-Hintergrundmagazine kann es aber (noch) nicht mithalten. Warum? Siehe oben.

Das Layout überzeugt

Das Beste zuletzt: Optisch spielt «Socrates» schon in der Champions League. Die Aufmachung ist stylisch, die Farbwahl modern und besonders die schattierten, gezeichnet wirkenden Sportler-Porträts sind grandios. Wenn sich nur der Inhalt des Magazins auf Augenhöhe mit der Grafik bewegen würde.

«Socrates» erscheint einmal pro Monat und ist in der Schweiz an grösseren Kiosken erhältlich. Zum Preis von 9.20 Franken.

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