von Antonio Fumagalli

Scharlatanerie auf Hochglanz

Unser «Kioskforscher» hat mit Esoterik nichts am Hut und eine Frau ist er auch nicht. Beste Voraussetzungen für einen unvoreingenommenen Blick auf «Herzstück» – ein Magazin, das «Inspirationen für Leib und Seele» verspricht. So viel vorneweg: Die Lektüre war ein Kampf.

Mit dieser Mischung aus «Hoffentlich-sieht-mich-jetzt-grad-nicht-mein-Chef» und «Hihi-was-es-nicht-alles-gibt» stehe ich am Bahnhofskiosk und durchstöbere die Auslage, die mit «Leben» beschriftet ist. Eines dieser Magazine herauszupicken, ist gar nicht so einfach, denn sie ähneln sich alle – ob sie jetzt «Zukunftsblick», «Engel-Magazin» oder «Happinez» heissen. Ich entscheide mich für «Herzstück». Schliesslich verspricht die Frontgeschichte mit dem Titel «Das Leben ist schön» Heiterkeit.

A propos Gesülze: Das zieht sich durchs ganze Heft. Die Sprache bleibt blumig, Adjektive sind das beliebteste Stilmittel und auch an Methaphern mangelt es nicht.

Trotz all der Bedenken nehme ich mir vor, dem Magazin eine echte Chance zu geben. Aber «Herzstück» macht es einem wirklich nicht leicht. Das beginnt schon beim Editorial: In schwülstigen Worten erklärt uns Chefredakteurin Anne Hofmann das nebenanstehende Foto einer Sonnenblume. Das tönt dann so: «Als kleines Geschenk präsentiert uns die Blüte auf dem Bild links ein Herz in ihrer Mitte. Wie eine Liebeserklärung an uns alle!» Grrr. Da erschlägt sie ihre eigentlich durchaus bedenkenswerte Message – nämlich mit einer positiven Einstellung durchs Leben zu gehen – mit der Extra-Portion Gesülze gleich selbst.

A propos Gesülze: Das zieht sich durchs ganze Heft. Die Sprache bleibt blumig, Adjektive sind das beliebteste Stilmittel und auch an Methaphern mangelt es nicht. Nach einem textlichen Highlight sucht man vergeblich. Rein sprachlich gesprochen gibts immerhin auch kein Lowlight.

Dieses gibts dafür inhaltlich, und zwar gleich in Mehrzahl. Mein Favorit: Der Artikel über die «Kraft der liegenden Acht», der uns zum «Eintauchen in die magische Welt des kraftvollen Symbols» einlädt. In allem Ernst wird den Lesern geraten, Wasser mit der «Energie einer Achterschleife» aufzuladen. Dazu soll man einen Löffel oder Stab nehmen und die Acht aufs Wasser «zeichnen». Oder: Vor einer Prüfung solle man die liegende Zahl auf einen Zettel schreiben und in der Hosentasche mitführen. Noch absurder: Die «mystische Acht» diene auch zur Heilung von Verletzungen, in dem man sie mit einem Stift auf die entsprechende Körperstelle male. «Das ist besonders hilfreich bei Schmerzen, Brüchen, Spannungen, Zerrungen», heisst es. Ernsthaft? Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Praktisch jeder Artikel endet mit den Worten «Zum Weiterlesen» und dem Buchtipp zum entsprechenden Thema.

Auch sehr hilfreich ist das «Jammer-Seminar», das Redaktorin Charlott in einem Selbstversuch besucht. Vor versammelter Teilnehmerschar jammert sie darüber, dass ihr Lieblings-Fruchtsaft seit ein paar Tagen nicht mehr im Supermarkt ihres Vertrauens verkauft wird. Dazu läuft Musik aus einer indischen Shruti-Box. Abgesehen davon, dass Jammern in der Regel kaum zur Lösung von (Schein-)Problemen beiträgt, fragt man sich zwangsläufig, worin genau der Mehrwert für die geneigte Leserschaft liegt. Ahja, klar! Bei der Infobox! Dort steht nämlich, dass das Buch «Jammern mit Happy End» von Ute Lauterbach für nur gerade 12.95 Euro zu haben ist und dass Barbara Krippendorf ihr nächstes Jammer-Seminar am 19. November im Naturheilgut Karow bei Rostock halten wird. Noch Fragen?

Die Beispiele sind kein Zufall – im Gegenteil. Praktisch jeder Artikel endet mit den Worten «Zum Weiterlesen» und dem Buchtipp zum entsprechenden Thema. Den Ratgeber «Engel in meinem Haar» erachtet die Redaktion gar als so lesenswert, dass einem eine ausführliche Leseprobe mitgeliefert wird. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt? Natürlich nicht. Denn abgesehen von den dutzenden Buchtipps liefert das Heft alle paar Seiten Vorschläge für Einkäufe aller Art – inklusive Marke, Preisangaben und Verkaufskanal.

Damit doch noch etwas Positives gesagt sei: Optisch vermag «Herzstück» ziemlich zu überzeugen. Die Hochglanz-Bilder sind zwar ebenso überzuckert wie die Texte, aber sie sind attraktiv inszeniert und modern gelayoutet. Und: Die Rezepte am Heftende sind ein Leserinnen-Service, der für mehr Wohlbefinden sorgen dürfte als zum Beispiel die «Einsteigertipps für die Kommunikation mit Engeln». Die weibliche Form ist übrigens bewusst gewählt, denn das Heft richtet sich klar an Frauen. Das erkennt man an den Formulierungen oder auch daran, dass auf den 138 Seiten neben dutzenden Frauen nur gerade drei Männer abgebildet sind.

Wer sich dafür nicht zu schade ist, darf sich für stolze 9.20 Franken gerne einlullen lassen. Für alle anderen gilt: Hände weg von dieser Scharlatanerie.

Nach der zähen Lektüre von «Herzstück» bleibt nur ein mögliches Fazit: Das Magazin kommt zwar in einem redaktionellen Mäntelchen daher, ist aber von A bis Z ein Werbeprospekt für esoterische Bücher, Gegenstände und Reisen. Man darf getrost davon ausgehen, dass sich die Publikation auch über Beiträge der nicht-deklarierten «Inserenten» finanziert – und damit auch noch den letzten Rest Glaubwürdigkeit verspielt. Wer sich dafür nicht zu schade ist, darf sich für stolze 9.20 Franken gerne einlullen lassen. Für alle anderen gilt: Hände weg von dieser Scharlatanerie.
 
Das Notenblatt
 
Sprache: 2
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Leserbeiträge

Dani Forler 28. August 2017, 04:59

Ich finde jede chan mache was er wott, will jede staht dätzue was er macht.

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Claudia Hutter 28. August 2017, 10:32

Sehr geehrter Herr Fumagalli

Ihr Beitrag lullt mich einerseits ein, andererseits inspiriert er mich. Es ist immer eine Frage des Standpunktes – bei jeder Form von Informationsfluss. Angesichts dessen, dass in diesem Land (D) vor doch noch nicht allzu langer Zeit der schiere Wahnsinn (Nationalsozialismus) wütete, ist solch ein Printprodukt aus Deutschland (ohne es gelesen zu haben) wohl auch Ausdruck eines Grundbedürfnisses der Menschen von heute. Und Frauen sind ja auch welche… 😉 – also Menschen. Und sie sind sogar Leserinnen, manchmal auch Schreiberinnen und Konsumentinnen. Und manchmal sind sie sogar Leserinnen der Aargauer Zeitung. Solche Printerzeugnisse sind Ausdruck davon, dass Menschen sich nach good news sehnen – oder einfach nach innerem und äusserem Frieden, nach Glück und Gesundheit. Der Esoterik, Gegenteil von Exoterik – also sinngemäss „dem inneren Bereich zugehörend“ –  ist dieses Magazin thematisch gewiss zuzuordnen. Lassen Sie die Menschen diesen „inneren Bereich“ erforschen! Und tun sie dies bitte, ohne diese Menschen (vor allem die Frauen, die dafür offener sind) dafür als Deppen hinzustellen. Wege, um das Innenleben / Seelenleben zu erforschen gibt es viele. Das wünsche ich auch Ihnen – auf dem einen oder andern Weg.

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Antonio Fumagalli 29. August 2017, 11:10

Sehr geehrte Frau Hutter

Besten Dank für Ihre Rückmeldung. Ich versuche, die ausgewählten Magazine jeweils nach journalistischen Standards zu analysieren – in dieser Hinsicht fällt „Herzstück“ durch. Hinzu kommt, dass die Leserschaft für meine Begriffe irregeführt wird, wenn sie mit irgendwelchen Hokuspokus-Methoden Krankheiten o.ä. heilen soll. Im Sinne einer Blattkritik darf man dafür auch mal deutliche Worte verwenden. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich nicht mit jeder Publikation, die ich für diese Kolumne lesen werde, so hart ins Gericht gehen werde.

Freundliche Grüsse
Antonio Fumagalli

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Orry 30. August 2017, 01:16

Sehr geehrte Frau Hutter,

ein Grundbedürfnis mag es ja sein, aber bei dem Heft ist es wie bei tausend anderen Esotrik-Publikationen: Es werden Scheinlösungen angeboten. Sie haben finanzielle Probleme? Wünschen Sie sich doch einfach Geld vom Universum! Sie sind krank? Malen Sie sich Zahlen auf den Körper – oder noch perfider: Wenn Sie krank sind, sind Sie selbst dran Schuld, weil Sie sich die Krankheit unterbewusst gewünscht haben und müssen den dahinter stehenden Konflikt lösen.

Das alles hat nichts mit der Erforschung des „inneren Bereichs“ zu tun, das ist schlicht und ergreifend Scharlatanerie und Geldmacherei, und das noch dazu auf Kosten von Verzweifelten oder Kranken. Und sowas ist widerwärtig und abstoßend. Herr Fumagalli hat mit seiner Kritik ganz recht, und auch mit den deutlichen Worten, die er verwendet hat.

MfG Orry

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