von Ronnie Grob

Wieder gelesen: «Netzgeflüster»

Am Mittwoch, 16. März, twitterte @danielweber57: «@ThomNagy Feedback: Prima Twitterkurs, danke!». Der Chefredaktor von NZZ Folio war also in einem von NZZ Labs organisierten Kurs, wie man richtig twittert. So ein Twitterkurs kann niemandem schaden. Allerdings hat gerade Daniel Weber viel Erfahrung damit, das Web selbst zu entdecken. Im Februar 1997 startete nämlich seine Internet-Kolumne «Netzgeflüster» in der NZZ. Die ersten 61 Folgen davon wurden 1999 im NZZ Verlag als Taschenbuch verlegt. Wie war es denn, das Web, vor 14 Jahren? Werfen wir einen Blick ins Buch:

Dass der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac das Internet mal als «eine der grössten Gefahren für die Menschheit» bezeichnete (und damit vornehmlich die französische Sprache meinte), weiss heute nicht mal mehr Google. Das Web vergisst schnell, auch wenn uns einige Politiker das Gegenteil beibringen möchten. So dämmern die in den Kolumnen erwähnten Domains wcwwrestling.com, witbeer.com, oder france98.com von ihren Inhalten verlassen vor sich hin. Auch eigene Permalinks wie http://www.nzz.ch/marktdaten werden inzwischen kommentarlos auf die Hauptseite zurückgeleitet. Es geht aber auch standhafte Websites, wie die auf Seite 117 besprochenen Yesterday’s Tractors. Auch fbi.gov, lufthansa.com, ebay.com und andere sind nach wie vor unverändert zugänglich.

Ein Blick ins Register: Begriffe wie Blog, Facebook, Google, Twitter oder YouTube sucht man vergebens. Dafür sind eingetragen: Alta Vista, Compuserve, Excite, Infoseek, Klammeraffe, Lycos, Usenet und Yahooligans!. Die Themen «Homepages» und «Private Webseiten» handelt das Buch auf gerade zwei mal zweieinhalb Seiten ab. Video ist kein Thema und nicht wie heute eine Selbstverständlichkeit. Doch viele Themen haben sich überhaupt nicht verändert, das zeigen schon die Untertitel der Kolumnen: «Auch im Internet sollen Copyright-Gesetze durchgesetzt werden», «Warum sollte das Internet keuscher sein als die wirkliche Welt?», «Chatten kann man auch, wenn man nichts zu sagen hat», «Zunehmend bekommen TV-Sendungen eigene Internet-Ableger».

Das Buch wirkt nicht so antiquiert, wie man aufgrund seines Alters vermuten könnte. Das lädt zu zwei Schlussfolgerungen ein: Entweder hat es Daniel Weber hingekriegt, den damaligen Zeitgeist zeitlos einzufangen. Oder die Webwelt hat sich gar nicht so dramatisch verändert. Tatsächlich ist die Struktur die Gleiche geblieben. Es ist nur alles viel schneller, unkomplizierter, günstiger und vernetzter geworden.

Einige Zitate aus dem Buch machen den Zeitabstand dann aber doch deutlich.

Seite 102:

Der Taucher der New Yorker Börse bescherte Anbietern von Börseninformationen im Internet Rekordzahlen. Am Tag danach, am 28. Oktober 1997, wurden bei NZZ-Online 57000 Seiten abgerufen, und das Interesse liess während der ganzen Woche nicht nach.

Seite 132:

Die Haltung der Online-Medien, vor allem der Entscheid, die Deadline der Druckausgabe für die Internet-Berichterstattung zu ignorieren, gilt vielen als Indiz dafür, dass der Nachrichtenjournalismus in eine neue Dimension vorstösst.

Seite 174:

Mit einem Marktwert von 1 beziehungsweise 1,5 Milliarden Dollar liegen Lycos und Excite deutlich hinter dem Branchenleader Yahoo (5,4 Milliarden) zurück, der die Portal-Strategie bereits zielstrebig umsetzte, bevor der Begriff die Runde machte. Yahoo hatte im vergangenen März 30 Millionen Besucher; 12 Millionen haben sich für Spezialangebote registrieren lassen, die von der Yahoo Visa Card über Yahoo Mail bis zu personalisierten Börsenkursen reichten.

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