von Jodok Kobelt

Potenzial noch nicht erkannt

Zum ersten Mal wurden gestern Abend in Bern die mit je 20’000 Franken dotierten Preise für Lokaljournalismus der Stiftung Reinhardt von Graffenried vergeben. Der Medienpreis ist die Weiterführung des früheren BZ-Journalistenpreises. In der neu geschaffenen Kategorie Online hat sich die Jury entschieden, keine der eingereichten Arbeiten auszuzeichnen. Jurypräsident Jodok Kobelt erklärt weshalb. Mit seinem Beitrag führen wir die Debatte weiter zum Zustand des Lokaljournalismus im Netz, die wir gestern an dieser Stelle begonnen haben.


Der Entschluss des Verwaltungsrates der Fondation Reinhardt – von Graffenried auch den Online-Journalisten im Bereich Lokaljournalismus einen eigenen Preis auszurichten ist mutig und verdient Respekt. Mit dem Entscheid haben die Verantwortlichen erkannt, dass die Arbeit mit den digitalen und multimedialen Möglichkeiten des Internets neue Formen der Berichterstattung, der Informationsvermittlung und der Diskussion mit den Leserinnen und Lesern ermöglicht. Sie haben auch erkannt, dass die Vermittlung von Wissen und Meinungsbildung nicht mehr ausschliesslich in der Hand der Journalisten liegt. Der Informationsaustausch im Internet bietet den Leserinnen, Verlegern und Journalisten die einmalige Chance, Geschichten auf neue Art zu erzählen, oder mit einem Einwand, einer Ergänzung reagieren zu können. Kein anderes Medium ist so kommunikativ.

Die Erwartung, die Hoffnung auf überraschende, multimediale und interaktive journalistische Arbeiten wurde von der Realität vorerst ausgebremst. Die Eingaben zum Online-Preis im Lokaljournalismus zeigen ein anderes Bild und führten die Jury schlussendlich dazu, keine Nomination auszusprechen. Wir beschäftigten uns nicht nur mit einer sehr geringen Anzahl von Eingaben, die keine wirkliche Auswahl zuliess, sondern stellten uns auch weiter reichende Fragen: Wo bleibt der kreative Umgang mit dem neuen Medium? Welche Rolle spielt das geografisch Lokale in einem global zugänglichen Medium? Ist es noch zu früh für einen eigenen Online-Medienpreis für Lokaljournalismus?

Die letzte Frage kann klar mit «Nein» beantwortet werden. Die diesjährige Nichtvergabe des Preises soll vielmehr eine zusätzliche Aufforderung an alle Journalistinnen, Verleger, aber auch Leserinnen und Web-Surfer sein, sich aktiver mit den vielseitigen Ausdrucksformen des noch jungen journalistischen Umfelds zu beschäftigen. Das Web bietet Möglichkeiten, die von den Machern und Usern erst zögerlich genutzt werden. Wir sind überzeugt, dass der nächste Jahrgang zeigen wird, wie kreativ, spannend und selbstsicher die Macher geworden sind.

Der Autor hat diesen Beitrag für das Persoenlich-Sonderheft zum Medienpreis verfasst. Medienwoche-Redaktor Nick Lüthi ist Mitglied der Online-Jury des Medienpreises und trägt den Entscheid zur Nichtvergabe mit.

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