von René Worni

Peinliche Folklore

«Chez les Welsch» hiess es bis am letzten Freitag während rund zwei Wochen auf DRS 3. Die angekündigte Entdeckung einer «unbekannten Welt» blieb jedoch aus. Hitparadenmoderator und wenig sensibler Vielschwätzer Nik Thomi und seine Begleiterin Carole blieben angesichts der spannenden Herausforderung erschreckend belanglos. Klischees und Sozialfolklore waren Thomi wie auch Produzent Stephan Lütolf wichtiger als das, was die Romands tatsächlich bewegt.

Wenn die SRG mit den beiden Wochen «Chez les Welsch» dazu beitragen könne, dass sich die Eidgenossen besser kennenlernten, dann erfülle sich damit eine wichtige Aufgabe des Service Public, meinte SRG-Generaldirektor Roger de Weck in der Talksendung «Focus» auf DRS 3 zum vielversprechenden Auftakt von «Chez les Welsch». Zwei Wochen später müsste De Weck zur Einsicht gelangt sein, dass sein Herzensanliegen bei diesem Versuch nicht erfüllt wurde, weil DRS 3 das Thema schlicht nicht ernst genommen hat.

Das Vorhaben war ehrgeizig und der Anspruch kein geringerer, als die «unbekannte Welt» jenseits des Röstigrabens zu «entdecken». Doch die unbekannte Welt entpuppte sich unter den zum Teil linkischen Aktionen von Hitparadenmoderator Thomi und seiner Begleiterin, einer nach Zürich emigrierten Romande, als die sattsam bekannte, die aus den ewig gestrigen Klischees besteht. Ob die Romands bereits um 11 Uhr vormittags zum Apéritif greifen, geriet zu einer zentralen Frage über Mentalitätsunterschiede, zu der sich etwa Michel Bron aus Chenaux, ein «kerniger Winzer» mit «Charakterkopf» äussern musste. Die Strassenumfrage «Sprechen Sie Deutsch?» in Lausannes Altstadt (in Oliver Pocher-Überrumpelungsmanier) gipfelte im Fazit, dass die Romands kein Deutsch und umgekehrt die Deutschschweizer auch kein Französisch können und ergo eine Pattsituation besteht.

Die meisten der Stationen (etwa der Besuch bei den Eltern von Thomis Begleiterin in Palézieux, beim Radiosender Couleur 3, an der Fête de la Cité Lausanne, beim Ostschweizer Daniel Meienberger, alias designierter Gemeindepräsident von Echichens oder die morgendlichen Liveschaltungen des Moderatorenduos aus einem Lausanner Café-Tabac) sind auf der DRS Website nachzulesen oder als Bilderstrecken mit Ton oder teilweise nichts sagenden und peinlichen Bildlegenden nachgestellt. Auch die Gestaltung der Site ist missglückt. Den Romand schlechthin hat der Zeichner nämlich als stoppelbärtigen Säufer dargestellt. Da kommt einem als Radiohörer (und Webuser) eine Realität entgegen, die man mühelos in beliebigen Souvenirläden an gut frequentierten Passagen entlang des Genfersees überprüfen kann. Da helfen De Wecks filigrane Analysen im Interview nicht darüber hinweg; auch nicht die erhellenden Exkurse von Historiker Georg Kreis, dem Leiter des Europainstitutes an der Uni Basel, noch die stellenweise bemerkenswerten Reportagen der Input-Redaktion über das Verhältnis von Romands und Deutschschweizern, die ebenfalls Bestandteil der beiden Wochen über die Westschweizer Terra incognita waren.

Das Westschweizer Fernsehen hat denn auch bereits nach wenigen Tagen die Aktion der Deutschschweizer Kollegen verrissen. Im Verlauf der verschiedenen Begegnungen seien die Sorgen der Romands kaum thematisiert und beispielsweise über das Phänomen des Wirtschaftsbooms sei nicht gesprochen worden. «Die moderne und aktive Romandie hat es immer noch schwer, den Röstigraben zu überwinden», lautet das Fazit der TSR-Journalisten.

Diesen Brückenschlag hat SRG-Generaldirektor de Weck dem öffentlichen Radio und Fernsehen der Schweiz ins Stammbuch geschrieben. «Die Weltsicht der beiden Kulturen ist unglaublich unterschiedlich. Wenn sie sich verstehen, dann nur dank dem Willen zum Zusammenleben und dank gescheiten Institutionen. Das ist einer der grossen Lebensinhalte von mir.» Wenn es de Weck ernst meint mit seinem Anliegen, dann dürfen Projekte in der Art von «Chez les Welsch» in Zukunft nicht mehr im Seichten versanden.

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Leserbeiträge

Chris 08. Juli 2011, 14:04

Fazit: lieber gleich couleur3 einschalten!
Zum Glück habe ich nicht eine Minute davon ertragen müssen.

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