von Ronnie Grob

Bloggerinnen@Annabelle

Näher am Thema dranbleiben und schreiben können, so viel man will: Ein Blog bietet Freiheiten, die es im Redaktionsalltag nicht gibt. Das wissen und geniessen auch Helene Aecherli und Martina Monti. Die beiden «Annabelle»-Redaktorinnen bloggen für das Frauenmagazin, Monti über den Alltag in einem Tierheim, Aecherli über die alltäglichen Sorgen mit dem lieben Sex. Was sie antreibt, was sie umtreibt. Ein Besuch bei den beiden Bloggerinnen.

Ich treffe die beiden «Annabelle»-Bloggerinnen im Tamedia-Gebäude an der Werdstrasse, wir setzen uns an den Küchentisch in der Redaktion. Als sie im April (Aecherli) respektive vor zwei Jahren (Monti) mit dem Bloggen anfingen, war das für beide Neuland. Und auch wenn sie bis heute andere Blogs kaum wahrnehmen und, verständlich, nur wenig Lust auf Diskussionen haben, was denn nun ein Blog ist und was nicht, entdecken sie nach und nach den Charme des Bloggens. «Es ist ein unglaubliches schnelles und direktes Medium», sagt Helene Aecherli.

Der offizielle Aufwand beträgt rund ein Fünftel der Arbeitszeit, doch sie mussten beide merken, dass engagiertes Bloggen weit mehr Zeit beansprucht. Aecherli: «Ich habe herausgefunden, dass ich für Blogeinträge gleich lange brauche wie für meine Artikel sonst.» Nachteile haben die Blogs auch: «Man wird wird schnell mal auf das Expertentum reduziert. Die Leute wenden sich wegen Tier- und Datingproblemen an uns.» Die aktuellen Werbepartner der Blogs sind übrigens durchaus passend. Zum einen ein Online-Shop für Tierfutter, zum anderen eine Casual-Dating-Website. Wer hungrig geworden ist, kann mehr haben.

Ein Blick auf die beiden Blogs:

Tierisch@Pfötli

Die stellvertretende Chefredaktorin Martina Monti berichtet über den Alltag im Tierheim Pfötli in der Gemeinde Winkel beim Zürcher Flughafen, wo sie seit vielen Jahren einen Tag in der Woche als Betreuerin arbeitet. Seit sie bloggt, geht sie anders ins Tierheim: «Es ist so etwas zwischen Lust und Verpflichtung. Ich sehe in Ereignissen plötzlich ein Thema.»

Es schlägt sich nieder in wöchentlich mehreren, manchmal sehr ausführlichen Beiträgen. Sie schreibt über frische Minimalstzwergkaninchen, was passiert, wenn die Waschmaschine ausfällt und wie sie zum Übernamen «Würstli-Frau» kam. Besonders dramatisch bzw. unterhaltsam ist dieser Transport einer verletzten Meise:

Wird Vögeln eigentlich vom Autofahren schlecht? Atmete der hier überhaupt noch? Ich hielt den Karton ans Ohr. Nichts zu hören – ausser einem Kratzen von Krallen und Federn, die über Pappe schrappen: ich hatte die Schachtel voll schräg ans Ohr gehalten und meinen Patienten ans andere Ende der Box gekegelt.

Ein guter Einstieg in das Blog ist der mit Bildern und Videos begleitete Tag der offenen Tür des Heims Ende Juni.

Sex & Sensibility

«Bist Du jetzt die neue Martha?» werde sie öfters mal gefragt. Nein, natürlich nicht. Aber sie hat manchmal den Eindruck, dass Männer, die wissen, dass und was sie bloggt, sich ihr anders nähern. Es kommen auch einfach Leute auf sie zu und erzählen ihr ihre Liebesgeschichten. Das sei aber mehr ein Sich-Ausschütten, weniger die Lust auf den Ruhm, im Blog vorzukommen. Die Leute hätten, was Dating betrifft, ein grosses Mitteilungsbedürfnis.

In den Beiträgen geht es um die vielfältige Welt der persönlichen Empfindung: Zum Beispiel um 5 Situationen, in denen der Funke übersprang. Um die Anziehungskraft von Männern mit Kuscheltieren. Oder sie erzählt, wie sie es schaffte, dass ein Mann Angst vor ihr kriegte (mit Messerwerfen).

Das kommentieren nicht nur Catherine und debi, sondern auch Uwe, gugi, janosch und Letten-Bär. Männer als Leser eines Blogs auf dem Portal einer Frauenzeitschrift? «Wir haben, auch bei der Zeitschrift, recht viele männliche Leser», sagt Helene Aecherli. Ärger machen die aber keinen: «Bisher gab es wenige problematische Kommentare, es war alles recht höflich.»

Fazit

Neben dem Reiseblog von Stefanie Rigutto sind die beiden vorgestellten Blogs die lesenswertesten im Annabelle-Blogangebot.

Weshalb die Annabelle-Blogstrategie funktionieren könnte?

  • weil sie offenbar langfristig ausgerichtet ist
  • weil den Autorinnen die volle Verantwortung überlassen wird
  • weil es den Autorinnen erlaubt ist, sich um ein Thema zu kümmern, das sie begeistert
  • weil die Autorinnen dabei sich selbst bleiben dürfen

Andere Redaktionen dürfen sich durchaus vom Gezeigten inspirieren lassen.

Für einen dauerhaften Erfolg braucht es wohl noch ein paar Leser mehr. Dazu müsste man aber weniger abgeschottet vor sich hin schreiben, sondern auch mal auf andere Blogs verlinken, überhaupt mit anderen aus diesem Internet kommunizieren, sei es per Kommentar in anderen Blogs oder in Sozialen Netzwerken. Es sollte etwas nachdenklich stimmen, dass mich, täglicher Konsument von Schweizer Blogs, ausgerechnet eine Pressemitteilung! auf die neuen Blogs aufmerksam machte. Ein neues, gutes Blog, das sich ordentlich vernetzt, braucht sowas nicht.

Das Gespräch fand am 6. Juni 2011 in Zürich statt.

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