von Stephanie Rebonati

Inspektion inkognito

3+ hat wieder getan, was es am besten kann: Mit «Undercover Boss» hat der Schweizer Privatsender ein weiteres internationales Doku-Soap-Format erfolgreich eingeschweizert. Der Plot ist simpel: Ein CEO wird im eigenen Unternehmen als Praktikant eingeschleust. Das Resultat: Leicht überdosierte Emotionen und zu clean produziert; es dürfte dreckiger sein.

Peter Michel ist 59, CEO von Best Western Swiss Hotels, Vater von zwei Kindern, verwitwet und verlobt. Geschäftlich ist er im schwarzen Anzug und mit randloser Brille unterwegs. Privat geht er gerne inlineskaten und im Wald spazieren. Bodenständig, Berner Dialekt, «bi de Lüt» – das sehen die Schweizer gerne. Der Verdacht lässt den Zuschauer nicht los, dass die Sendung von der Liebenswürdigkeit dieses CEO lebt.

In der Doku-Soap «Undercover Boss» kriegt Peter Michel eine neue Identität, um sich im eigenen Unternehmen als Jobsuchender einzuschleusen. Der 59-Jährige wird zum Praktikanten Beat Suter mit grauem Bart, schwarzer Brille und Kapuzenjacke. Während einer Arbeitswoche absolviert er Schnuppertage in verschiedenen Best Western Swiss Hotels. Der CEO alias Praktikant macht Betten, putzt WCs, wischt Laub und brätelt 150 Piccata Milanese.

Überall gibt er sich Mühe, überall kommt er gut an – und niemand erkennt ihn. Ausser der Hoteldirektor im Airporthotel Grenchen wird aufmerksam, als ihm der Servicepraktikant mit «dieser markanten Stimme» den Kaffee serviert. Beat Suter flüchtet in die Küche, der misstrauische Hoteldirektor folgt ihm. Auch der Zuschauer wird misstrauisch: Getürkt! Scripted Reality!

Sowieso schwingt dieses Gefühl mit, dass das Ganze eine abgekartete Sache ist. Die Protagonisten wurden sorgfältig ausgewählt. Das hübsche Zimmermädchen leidet an Epilepsie, die Portugiesin in der Wäscherei vermisst die Heimat, der rockige Haustechniker träumt von einer Familie und die Serviceangestellte hat ein grosses Herz für Tiere. Und alle lieben sie ihren Job.

«Undercover Boss» könnte dreckiger sein. Anstatt Kamerateam, versteckte Kameras. Anstatt Musterangestellte, asoziale Mitarbeiter. Warten wir die zweite Folge am kommenden Dienstagabend ab. Dann geht Martin Lehmann, CEO von mobilezone ag, inkognito an die Basis seines Unternehmens.

Der 2006 gegründete Privatsender 3+ hat schon mehrfach ein geschicktes Händchen bewiesen bei der Einschweizerung internationaler Doku-Soap-Formate. Anders als bei deutschen und angelsächsischen Franchisen, gelingt es 3+ immer wieder, die Protagonisten und deren Geschichten nicht ins Lächerliche zu ziehen, sondern authentisch darzustellen: Sei es in «Bauer, ledig, sucht», «Bumann der Restauranttester» oder auch «Mama, ich bin schwanger». «Undercover Boss» könnte sich auch in diese Reihe stellen.

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Leserbeiträge

Vladimir Sibirien 02. Mai 2012, 16:13

Undercover Boss ist keine Doku-Soap sondern einzig und allein eine Publireportage!

Es wird grundsätzlich nur ein hervorragend funktionierendes Unternehmen gezeigt, mit glücklichen Mitarbeitern, die sich bis zum letzten Hemd einsetzen. Sie haben im Artikel richtig bemerkt, dass Fehlbesetzungen grundsätzlich nicht anzutreffen sind. Das stinkt bis zum Himmel.

Ideal wäre Undercover Boss in einem Call Center, bei Müller Brot oder einem russischen Atom-U-Boot-Verschrotter.

Der peinliche Part kommt immer am Ende. Die Mitarbeiter werden mit kleinlichen Geschenken abgespiesen, da wäre es ehrlicher, ein Dankeschön von Herzen auszusprechen als eine Erwartungshaltung für die Bescherung des Lebens aufzubauen. Der Büchergutschein schlägt dann jeweils etwas auf den Magen.

Die Sendung ist völlig realitätsfremd. Kommen die Mitarbeiter zurück zur Arbeit, müssen sie wohlmöglich erstmal den Arbeitsrückstand durch unbezahlte Überstunden kompensieren… aber wenigstens einmal im Leben Mercedes S-Klasse gefahren!

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