von Axel Simon

Gestern Glas, heute Holz

Der Zürcher Medienkonzern Tamedia setzt mit seinem Neubau erneut auf Architektur mit Aussenwirkung. Die Inszenierung im öffentlichen Raum war schon immer Teil des Mediengeschäfts. Was Medienarchitektur mit der Architektur als Medium zu tun hat.

Architektur der Superlative an der Zürcher Werdstrasse: Dort wächst der «bisher grösste Holzskelettbau in der Schweiz» (schweizerbauer.ch), geplant «von einem der visionärsten Architekten der Welt» (Tages-Anzeiger). Shigeru Ban baut für Tamedia den neuen Hauptsitz. Die Bauherrin fand den japanischen Architekten nicht über einen Wettbewerb. Stattdessen hatte Mit-Besitzer und Verwaltungsratspräsident Pietro Supino eine Vision.

Ban wurde berühmt durch aussergewöhnliche Konstruktionen: Aus Kartonröhren formte er Erdbeben-Notunterkünfte und Expo-Hallen; mit Holz deckte er Golfclubhäuser und Museen. Für Tamedia fräsen Holzbauexperten aus Gossau 3600 Fichten computergesteuert zu Stützen und Trägern, in Zürich setzen Bauarbeiter diesen Riesenbaukasten zusammen – eine Konstruktion, die schon auf der Baustelle beeindruckt und bald hinter Glas.

Intern rede man vom «Holzhaus», sagt Christoph Zimmer, der Kommunikationschef von Tamedia, der gleichzeitig für das Projekt verantwortlich ist; in Abgrenzung zum «Glashaus», das sich der Konzern vor 11 Jahren ans andere Ende des Blockes bauen liess. Glas, so äusserte sich damals die Bauherrin Tamedia und der Architekt Walter Wäschle, sei fortschrittlich und transparent, sei offen und ökologisch. Heute, beim «Holzhaus», schwingt Ähnliches mit. Im 2000-Watt-Zeitalter steht Holz für Nachhaltigkeit und damit für Zukunft. Und das «Holzhaus» wird auch ein Glashaus, wird transparent wirken – sofern nicht die Storen vor der Sonne schützen oder sich der Himmel auf dem Glas spiegelt.

Architektur ist medial relevant. Architektur transportiert Werte. Wer, wenn nicht ein Medienkonzern, weiss das? Spätestens seit 1922 als die Chicago-Tribune mit einem Wettbewerb den Architekten ihres neuen Firmensitzes gesucht hatte. 183 Büros aus aller Welt schickten damals Entwürfe nach Chicago, darunter die europäische Avantgarde, wie Adolf Loos oder der Bauhausdirektor Walter Gropius.

Das boomende Revolverblatt, das sich selbst als «Greatest Newspaper of the World» sah, wollte Schlagzeilen, koste es was es wolle, wollte das höchste Gebäude der Welt. Da das die Bauvorschriften nicht zuliessen, suchte man schliesslich «the most beautiful building in the world». Das konnten weder Gropius noch Loos bieten. Oder ihr Kollege Ludwig Hilberseimer, dessen Doppelturm dem «Sunrise Tower» in Zürich-Oerlikon glich, den Max Dudler aber erst im Jahre 2005 gebaut hat. Stattdessen wählte die Jury eine Kreuzung aus Hochhaus und gotischer Kathedrale, die bei den zeitgenössischen Kritikern durchfiel: Kitsch statt Funktion! Doch auch Aufmerksamkeit ist ein Zweck, und den erfüllt der «Tribune Tower» bis heute: Als auffälliges Gebäude gibt er seinem Besitzer einen Auftritt. Und Chicago ein Wahrzeichen.

In der Schweiz sucht man lange nach einem gebauten Wahrzeichen aus der Medienwelt. Die «Newsrooms» haben nach aussen kein Gesicht und die Gebäude der öffentlichen Medien sind in der Regel das, was man «Zweckbauten» nennt, von Leutschenbach bis Genf. Eine der raren Perlen ist das Hexagon des Tessiner Radiostudios, das die Architekten Alberto Camenzind, Augusto Jäggli und Rino Tami Ende der Fünfzigerjahre in Lugano bauten. Mit einem Musiksaal, der an Zeiten erinnert, als sich Radiosender noch ihre eigenen Orchester leisteten. Heute will man sich nicht einmal mehr die grossartige Architektur leisten: Trotz Protesten will die SRG den unter Denkmalschutz stehenden Bau verkaufen.

Doch zu sagen, die öffentlichen Medien seien für architektonische Werte blind, wäre falsch. Erst vor sechs Jahren baute die SRG in Chur für 26 Mio. Franken eine neue, nicht weniger grosse Perle, die «Chasa RTR». Neben Räumen der Stadtverwaltung beherbergt sie das Radio e Televisiun Rumantscha auf selbstbewussten sechs Geschossen direkt gegenüber dem Eingang zum Grossratssaal. Die städtische Fassade aus behauenem Beton weicht etwas von der Strasse zurück, will den Blick auf die Altstadt nicht stehlen. Der Vorplatz vor dem Eingang läuft ins Haus; das wiederum deckt schützend den Vorplatz und gewährt über grosse Schaufenster Einblick in rot-weiss leuchtende Radiostudios und Lautsprecher übertragen das Programm auf das Trottoir.

Die Churer feierten das Haus, das übrigens aus einem Architekturwettbewerb hervorging, als «Leuchtturm der rätoromanischen Kultur». Doch der blendet nicht und geizt mit Superlativen, anders als die Tamedia-Häuser. Statt Inhalte, wie «ökologisch» oder «offen», zur Schau zu stellen, hält sich die Chasa RTR kultiviert zurück. Der private Medienkonzern baut sich in Zürich ein lautes, werbewirksames Wahrzeichen, die SRG stellen ihr Churer Haus in den Dienst der städtischen Öffentlichkeit. Insofern erzählen beide Bauten von ihrem Inhalt.

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Leserbeiträge

Alicia 12. Juni 2012, 12:07

Veröffentlichte Hochparterre 2006 nicht eine bezahlte (und gelungene ) Sonderbeilage zum Medienhaus Chesa RTR in Chur? Vielleicht sollten das unsere Chefs auch tun, es scheint sich positiv auf die Berichterstattung auszuwirken.

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Ronnie Grob 12. Juni 2012, 12:26

Nicht zu vergessen das goldene Hochhaus, das Axel Springer direkt an die DDR-Grenze baute: http://de.wikipedia.org/wiki/Axel-Springer-Hochhaus

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Axel Simon 12. Juni 2012, 15:30

Alicia, gut aufgepasst! Allein der Schluss ist falsch. Damit Hochparterre ein Sonderheft macht, braucht es gute Architektur (und Geld). Das Tamedia-Haus würden wir aber schon noch nehmen, denk ich…

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